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Di 09.04.
Taste of Cement
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Von Ziad Kalthoum, Deutschland Libanon 2017, 85 Min, Filmbeginn 19:30 Uhr
Filmreihe: „überLeben”
Sprache: Original mit dt. UT
Kurzfilm: Megatrick, von Anne Isensee, Deutschland 2017, 2 Min.

TASTE OF CEMENT – Der Geschmack von Zement betont eindeutig eher den Aspekt der Betrachtung, der Kontemplation. Die Kamera von Talal Khoury findet spektakuläre Bilder von Wolkenkratzern in Beirut. Kräne ragen in einen prächtigen Abendhimmel. Halbfertige Geschosse ragen ins Nichts. Der majestätische Gestus, die erhaben wirkenden Bilder erzählen von einer Geschichte, die hinter dem hier und heute liegt. Diese Geschichte kristallisiert sich erst allmählich heraus. Sie gehört den Stimmen aus dem Off. Sie gehört syrischen Bauarbeitern in Beirut.

Die Trennung von Bild und Stimme gehört zu den klassischen Mitteln des essayistischen Films, also eines „nachdenklichen“ dokumentarischen Kinos. Sie erzeugt einen bestimmten Effekt: Es ist, als würde man sich nachträglich über die Bilder beugen und sich von ihnen zu Gedanken und Erinnerungen anregen lassen. In Ziad Kalthoums Film bekommt diese Nachträglichkeit eine zweifache Dimension: denn die Bauarbeiter, deren Stimmen zu hören sind, teilen ihre Erfahrung mit einer Generation vor ihnen, mit der Generation ihrer Väter, die ebenfalls in Beirut gearbeitet haben. In beiden Fällen ging es darum, einen Krieg zu vermeiden oder dessen Folgen zu beseitigen.

1990 endete im Libanon ein Bürgerkrieg, 2011 begann in Syrien ein anderer. Die beiden Länder sind benachbart, die Erfahrungen sind vergleichbar. In beiden Fällen war die Konfliktlage unübersichtlich und Großmächte verfolgten ihre eigenen Interessen. In einem herkömmlichen Dokumentarfilm würde man diese Parallelen von Zeitzeugen bestätigen lassen. Man würde vielleicht einen älteren Mann finden, der 1990 in Beirut gearbeitet hat, und würde seine Erzählung mit der eines heutigen „Arbeiters im Exil“ konfrontieren.

Ziad Kalthoum wählt einen anderen Weg. Er sucht nach einem Erinnerungsbild, in dem er diese beiden Zeitdimensionen und diese beiden Erfahrungen von Krieg verbindet. Er findet es in einer Tapete, die einmal in einer Küche in Syrien eine Wand bedeckt hatte. Auf dieser Tapete war das Meer zu sehen, das in Syrien für die meisten Menschen nicht zum Alltag gehört, während es in Beirut allgegenwärtig ist. Ein Vater hatte diese Tapete aus Beirut nach Syrien gebracht. Für den Sohn wirkt es im Rückblick, als würden ihn die Erinnerungen daran überschwimmen – auch hier kommt der Geschmack von Zement ins Spiel, denn für den Sohn wurde der Geruch seines Vaters unvergesslich. Von diesem intimen Moment aus einer Kindheit vor (und nach) einem Krieg bewahrt Ziad Kalthoum die Essenz auf: eine Gedächtnisspur, die von einer Stimme weitergegeben wird.

Während die Bilder der exponierten Bauarbeiter auf den Rohbauten hoch über der Stadt an heroische Filme und Bilder erinnern (zum Beispiel an die Art und Weise, wie Arbeiter nach der Russischen Revolution gefilmt wurden, aber auch an das berühmte Foto von den Arbeitern auf dem noch im Bau befindlichen Empire State Building), verweisen die Erzählungen der Stimme auf einen anderen Typus Film: auf die intime Autobiographie, auf die diskrete Erzählung von den allerpersönlichsten Sachen. Vor allem das französische Kino hat in dieser Hinsicht wichtige Vorbilder geschaffen, zum Beispiel in den Filmessays von Chris Marker oder in den Selbsterzählungen von Agnès Varda. In diese Formen der Betrachtung und der melancholischen Erinnerung drängen sich allerdings auch andere Aufnahmen: Dann schaltet Ziad Kalthoum plötzlich um auf Unmittelbarkeit, dann ist sein Film plötzlich in syrischen Ruinenstädten, dann gräbt er (mit den Weißhelmen aus Aleppo, die durch Youtube berühmt wurden) hektisch nach Überlebenden im Schutt eines ehemaligen Hauses.

Der Film ist in diesem Moment beinahe „live“, auch mit Bildern, die auf Mobiltelefone geschickt werden, und die im Fernsehen zu sehen sind. Insgesamt aber geht Ziad Kalthoum auf Distanz, weil er weiß, dass Krieg und Zerstörung und Friede und Wiederaufbau nur Kapitel in einer langen Geschichte sind. Sein Film (gewidmet allen „workers in exile“) sucht nach einer Form, diese Unsicherheit zuzulassen. Er findet diese Form in der Spannung zwischen Bild und Ton, zwischen Gedächtnisbild und Erzählerstimme, zwischen Himmel und Erde. Der Zement soll eine Brücke bauen, schmeckt aber nach der Zerstörung, die in den Gebäuden schläft, bis sie von der Geschichte geweckt wird.