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Di 28.06.
Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist.
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Von Sabine Herpich, D 2020, 106 Min, Filmbeginn 19:30 Uhr
Filmreihe: „Die Schönen Künste”

Ein ruhiger Film über die Entstehung von Kunstwerken der sogenannten Outsider-Art. Ein Film, der seine volle Wirkung erst allmählich entfaltet. Sabine Herpichs Dokumentarfilm über die Berliner Kunstwerkstatt Mosaik, einem Atelier für Menschen mit Behinderung, sickert beim Betrachten ganz langsam ein. Auf den ersten Blick scheinen weder die gezeigte Kunst noch Herpichs filmische Herangehensweise beachtlich.

„Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst“, wusste schon Johann Nestroy. Und vermutlich hat jeder bei einem Museumsbesuch schon einmal in dieselbe Richtung gedacht. „Das könnte ich auch“, sagt sich’s dann lapidar. Bei der Rezeption von Sabine Herpichs Film könnte man auf ähnliche Gedanken kommen. Die eingangs gezeigten Bilder sehen auf den ersten Blick wie Kinderzeichnungen aus, bevor sich sukzessive offenbart, was hinter ihnen steckt.

Schon das Thema dieses Films ist spannend. Seine Dramaturgie macht ihn zu einem intensiven Erlebnis. Alle Zusammenhänge ergeben sich beim Zusehen. Unerwartete Ansichten und Einsichten in eine Welt, die vielen bislang verborgen war.

Der Film nimmt eine ganze Gruppe und deren Arbeitsumfeld in den Blick. Die Kamera fungiert als stiller Beobachter. Sie lässt den Porträtierten Luft zum Atmen. Sie nimmt sich Zeit für lange Einstellungen. Ihre Ruhe erzeugt eine meditative Qualität.
Nach und nach schälen sich Routinen und Kontinuitäten heraus. Herpich kehrt zu sechs Protagonist:innen zurück, zwei Künstlerinnen, zwei Künstlern und zwei Betreuerinnen, eine davon die Leiterin der Kunstwerkstatt.

Die Prominentesten darunter sind Adolf Beutler und Suzy van Zehlendorf, die beide bereits mehrfach ausgestellt haben und deren Werke gute Preise erzielen. Denn auch darauf kommt es an. Wie andere Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist auch diese darauf angewiesen, ihre Produkte zu verkaufen. Wunsch und Anspruch ist es, die geschaffene Kunst in den schwer zugänglichen gängigen und elitären Kunstbetrieb zu bekommen. Dafür bedarf es Assistenz, die oft schon damit beginnt, Ablenkungen zu vermeiden und mit sanftem Nachdruck den Fokus zu schärfen.

Beobachtet man die Künstler*innen bei der Arbeit, kann man sehen, mit welcher Beharrlichkeit sie um den angestrebten Ausdruck ringen. Es zeigt sich dabei etwas Wesenhaftes über die Aufgabe von Kunst: der Welt Gestalt zu geben, sie zu verstehen zu suchen und ihr etwas hinzuzufügen, in dem sich diese Erkenntnis materialisiert.
Während Beutlers Bilder akribisch ausgearbeitete, abstrakte Wunderwerke sind, nimmt van Zehlendorf die Kunstgeschichte und deren hochheilige Stätten ganz konkret auf die Schippe. Ihr aktuelles Werk beschäftigt sich mit dem Berliner Bode-Museum. Van Zehlendorf hasst das Gebäude so abgrundtief, dass sie es als „Skulpturen-Gefängnis“ im Miniaturformat nachbaut. Ihre bekanntesten Bilder zeigen Hähne, die sich anstelle der Menschen in berühmte Gemälde schleichen. Van Zehlendorf redet nicht nur, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sie malt auch so. 
 

Der Abend wird in Kooperation mit der Initiative Allenstein aus dem Haus der Volksarbeit e.V. durchgeführt.

(Bilder © Sabine Herpich, Peripher Filmverleih GmbH)