Aktuelles

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Bild: Die Filmemacherin Sabrina Dittus im Gespräch mit den Moderatoren Wolf Lindner (l.) und Andrej Bockelmann.  

Nach den ersten israelischen Angriffen auf Gaza 2008/ 9 schreibt eine Gruppe von Teenagern in Gaza ihre Erfahrungen und Erlebnisse während des Krieges nieder. Das Ergebnis: ein Theaterstück „Die Gaza Monologe“. In ihrem Dokumentarfilm „Wir sind hier: Vorhang auf für Gaza“ von 2016 begleitet die Filmemacherin Sabrina Dittus sieben der jungen Schauspieler/ Innen. Sie zeigt sie während der Proben und beobachtet ihre Hoffnungen und Befürchtungen. Am 30. Oktober 2018 ist sie zum Gespräch über den gezeigten Film ins naxos-Kino gekommen. 

Der Film sei ein Auftragsfilm der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewesen. Zwei Jahre vor Drehbeginn habe sie sich für einen anderen Film im Pressebüro der israelischen Regierung akkreditieren lassen. So sind sie auch dieses Mal vorgegangen und haben zu ihrem Erstaunen wieder eine Akkreditierung erhalten. „Mit dem Presseausweis konnten wir problemlos in den Gazastreifen einreisen und hatten auch beim Dreh keine Probleme“, sagte die Professorin an der Universität der Künste in Berlin. Israel sei großzügig gegenüber ausländischen Filmemachern, auch gegenüber kritischen Filmen, ergänzte Co-Moderator Andrej Bockelmann. 

Dabei stehen die Menschen in Gaza unter doppeltem Druck: auf der einen Seite Israel, auf der anderen die Hamas. So zeige der Film, was es bedeutet, als junger Mensch unter der Besatzung in Gaza zu leben. Neben Theater und Kunst sprechen die Protagonisten auch über Sehnsüchte, Freundschaft und Liebe. 

Andererseits suchen sie nach Gründen für ihre Isolation. Eines der zu lösenden Probleme der Jugendlichen sei die politische Spaltung zwischen Hamas und Fatah und der damit verbundene gesellschaftliche und politische Druck. Die Protagonisten seien zwar junge Menschen um die 20 Jahre, die Theater spielen wollen, seien aber gleichzeitig politisch. Jedoch politischen Klartext zu sprechen, ist gefährlich. Deshalb herrscht Vorsicht bei öffentlichen Äußerungen. Bockelmann wies in diesem Zusammenhang auf die „scheinbare Besonnenheit aller Beteiligten“ hin. Es sei illusorisch, dies zu glauben, da es unter der Oberfläche stark brodele. 

Enttäuschungen und geplatzte Träume blieben da nicht aus. Folglich sei die Bevölkerung in Gaza derart traumatisiert, dass eine allgemeine Genesung noch Jahrzehnte dauern könne: „Kein Wunder bei drei Kriegen in sechs Jahren“, sagte Dittus. Moderator Wolf Lindner bezeichnete die Traumatisierung der Menschen als „unsichtbares Gefängnis“. Hinzu käme laut Dittus eine „starke Verbreitung von Psychopharmaka, die Gerüchten zufolge durch die Hamas in den Streifen gebracht werden und viel Gewalt in den Familien, vor allem gegen Frauen und Kinder“. Daraus folgende Suizide oder gar Suizid-Statistiken seien ihr jedoch nicht bekannt. Sie schätzte diese jedoch als „relativ gering ein aus religiösen Gründen“. Erschwerend hinzu käme der permanente Versuch, die Bevölkerung durch massive Propaganda zu spalten, um den dort lebenden Menschen das Leben schwer zu machen, so Bockelmann. 

Die Theaterversion wurde ein internationaler Erfolg. 2016 konnten die Schauspieler aus Gaza erstmals in das Westjordanland ausreisen, um das Stück bei einem Theaterfestival in Ramallah aufzuführen. Immerhin, ein schwacher Trost.

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018

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Foto: Gerd Becker, Gina Aquila, Gabi Schmitt und Bernadett Tuza- Ritter

Es sollte nur ein 5-minütiger Kurzfilm werden, den die ungarische Filmemacherin Bernadett Tuza-Ritter - damals als Studentin einer Filmhochschule - drehen wollte. Doch als sie in der Familie war und schnell die Haussklaverei wahrnahm, mit der Marisch (so wird sie im Film genannt) bei offenen Türen gefangen gehalten wurde, konnte und wollte sie nicht einfach wegsehen und gehen. Schließlich war sie mehr als ein Jahr allein mit ihrer Kamera immer wieder dort und dokumentierte das Geschehen. Damit ihr dies überhaupt möglich war, musste sie der Matriarchin des Hauses - Eta - Geld geben und das Versprechen, weder sie noch die anderen Familienangehörigen mit ihren Gesichtern zu filmen.

Was führte dazu, dass die jetzt 53-jährige Marisch in diese Situation geriet? Es waren Familienproblem und Verzweiflung ohne Arbeit und Unterkunft.  Hinzu kamen bald danach Schulden für Micro-Kredite, die sie - nachdem sie in dem Haushalt gefangen war - abschließen musste. Diese Mittel gingen an die Hausherrin, doch noch jetzt muss Marisch diese Schulden abstottern. Diese Notlage wurde in diesem Haushalt über 10 Jahre ausgenutzt, in denen Marisch nur gegen Essen und Zigaretten im Haushalt schuften musste und sogar zusätzlich noch in einer Fabrik arbeitete; sie bekam kein Geld und ihr Lohn wurde ihr abgenommen. Eine Hilfe durch die Polizei, die die Filmemacherin gerne gehabt hätte, scheiterte an den Vorschriften. Die Haussklaverei wäre bei diesem Haus „mit offenen Türen“ schwer zu beweisen gewesen und Marisa hätte eine Anzeige machen müssen Eine noch ungewissere Zukunft, wenn sie dann aus dem Haus geworfen würde, bedrohte sie. Frau Tuza-Ritter setzte daher alles daran, dass sich Marisch irgendwann entschließend würde, aus eigenem Willen die Flucht zu wagen. Dabei unterstützte sie die Filmemacherin, wie sie nur konnte.

Sie handelt damit, wie der Filmkritiker Daniel Kothenschulte in seiner Rezension des Filmes in der Frankfurter Rundschau (FR 11.10.18) schreibt, im Sinne eines Interventionellem Filmverständnisses.

Gibt es vergleichbare Ausbeutungsverhältnisses auch in Deutschland, fragt Moderator Gerd Becker die Vertreterinnen der Frankfurter Beratungsstelle von FIM (Frauenrecht ist Menschenrecht) Gabi Schmitt und Gina Aquila. Nicht in dieser Form, aber vor allem in vielen Fällen in der Form von Zwangsprostitution, war die Antwort. Auch gibt es z.B. Frauen in Au Pair Stellen, die nach dem Ende der vereinbarten Zeit weiter in Familien mit unglaublichem Arbeitsdruck und -Umfang ausgebeutet werden. Die Beratungsstelle hat zwar die Möglichkeit, Betroffene zu unterstützen, letztlich liegt das Risiko der Folgen einer Anzeige bei diesen alleine.

Akgün Akdogan vom Filmverleih PARTISAN aus Berlin, der die Filmemacherin begleitet, weist darauf hin, dass es weitere Arten von Arbeitssklaverei gibt, wie bei Bauarbeitern, in Schlachthöfen, in der Gastronomie usw. Allen gemein ist, dass die Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen aus Drittländern an die Arbeitsverhältnisse gebunden sind. Ein Widerstand gegen die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse ist nur über eine namentliche Anzeige bei der Polizei möglich. Die hat aber den Verlust der Beschäftigung und der Aufenthaltsgenehmigung zur Folge. Oft sind die Menschen noch verschuldet, weil sie Schleppern/ Vermittlern Geld zahlen müssen. Viele versuchen daher, die Verhältnisse zu akzeptieren, auch um wenigstens ihren Familien im Heimatland Geld überweisen zu können.

Es wird weiter berichtet, dass es Schätzungen gibt, wonach in Deutschland 140.00 Menschen in diesen Zwangsverhältnissen leben. Dagegen wurde, so berichtet Frau Schmitt, laut BKA Statistik gerade in einem Jahr 11 Verfahren dazu eingeleitet.

Die Filmemacherin erläutert, dass Marisch nach ihrer Befreiung wieder einen guten Kontakt zu ihrer eigenen großen Familie gefunden hat. Sie war bei der Weltpremiere des Filmes in Amsterdam dabei. Frau Tuza-Ritter hat einen Spendenfond geschaffen, mit dem Marisch bei der Suche nach einer Wohnung und in ihrer Lebensgestaltung unterstützt wird.

Wahrscheinlich hat die mit einen großen Presseecho begleitete Aufführung ihres Filmes in Budapest einen großen Beitrag dazu geleistet, dass in U-Bahnhöfen Plakate von staatlichen Behörden gegen solche Zwangsverhältnisse aufgehängt wrden und dort auch auf eine telefonische Beratung für Betroffenen hingewiesen wurde. Frau Tuza-Ritter hat sich entschieden, auch den Schnitt ihres Filmes selbst zu machen. In einer anfänglichen Zusammenarbeit mit einem Cutter zeigte sich, dass ihre eigenen Vorstellungen zur Fertigstellung des Filmes von ihr selbst am besten zu realisieren sind, auch wenn dies ein weiterer zusätzlicher Aufwand war.

Der Moderator bedankt sich am Ende des Filmgespräches bei der Filmemacherin für die von ihr gegebenen Einblicke über die Entstehung ihres außergewöhnlichen Filmes, bei den Gesprächsgästen von FIM und bei den Vertreterinnen von Terre des Femmes, die mit einem Infotisch vertreten waren.

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2018

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Auf dem Foto: Barbara Köster, Prof: Marin Trenk und Julian Hötzel 

Das Filmgespräch eröffnet die Moderatorin Barbara Köster mit der Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Reisendem und einem Touristen? – Sie gab dann selbst Hinweise dazu: Reisende möchten die andere Kultur und Gesellschaft erleben und nehmen (im Alltag, beim Essen..) von dem was da ist. Der Tourist dagegen erwartet Dienstleistungen, die ihm seinen Aufenthalt so gestalten lassen, wie er es gewohnt ist, oder in seiner Urlaubszeit sich wünscht (oft auch auf dem Hintergrund, dass er hier einen Komfort bekommt, den er sich im Heimatland schwerlich leisten könnte.

Gerade beim Essen und Trinken wird das deutlich und nicht zuletzt weist der Titel des Films gerade darauf hin.Prof. Marin Trenk, der Ethnologie an der Goethe Universität lehrt, kann das sehr gut im Detail darstellen, da er sich speziell mit Tourismus und den Essensgewohnheiten in verschiedenen Ländern beschäftigt (siehe sein Buch: Döner Hawaii: Unser globalisiertes Essen, 2015). Die laotische Küche zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass (fast) alles auf den Tisch kommt, davon viele Tiere in rohen und verschiedenen Zubereitungsarten, die Mitteleuropäer kaum essen werden. Dies ist im Film auch an verschiedenen Stellen zu sehen. Während Banana Pancakes als „World Food“ von den Backpackern gegessen wird, ist im Film nicht zu sehen, dass sie lokale Speisen zu sich nehmen.

Die weitere Diskussion geht um die Frage, welche positiven und negativen Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften das Eindringen durch den Tourismus hat, wie im Film am Beispiel des Ortes Muang Ngoi gezeigt wird, der sich an einem kleinem Nebenfluss des  Mekong befindet.Während Prof. Trenk meint, dass Alles in Allem die Insel Bali, die von sehr vielen Touristen besucht wird es schafft, gut damit umzugehen, ist unser Gesprächsgast Julian Hötzel, der von der Herkunft Wurzeln in Bali hat, anderer Meinung. Gerade in kleineren Städten und Dörfern verstärkt der Tourismus nach seiner Meinung und Erfahrung die Kluft zwischen Arm und Reich. Auswirkungen davon sind u.a, der ansteigende Alkoholismus. Die Bauern sehen die Lebensweise und Besitztümer der Touristen und der reichen Oberschicht im Land, haben aber selbst keine Chance für materiellen Wohlstand.Im Film äußerst ein junger Mann aus Muang Ngoi den Wunsch, auch selbst einmal „alle Länder“ zu bereisen. Tourismus ist, so Prof. Trenk eine typische Folge des Entstehens einer Mittelschicht. Diese wird es in diesem ländlichen Gebiet in Laos auf lange Zeit nicht geben.

Schafft Tourismus kulturellen Austausch und gegenseitiges Verständnis? Moderatorin Barbara Köster ist skeptisch. Die Einheimischen erleben die Touristen nicht in deren tatsächlicher Gesellschaft und Lebensweise, sondern eher ständig feiernd und fordernd. Umgekehrt erfreuen sich Touristen oberflächlich an einfachen, vor-kapitalistischen Lebensweisen, sehen aber nicht wirklich den mühsamen Alltag, die Arbeit und Entbehrungen der Menschen, deren Lebensraum sie besuchen. Insofern, meint Barbara Köster, begegnen sich nicht wirklich die Individuen, sondern deren jeweilige Projektionen. Was vielen Touristen unbekannt ist, erklärt Prof. Trenk. Die langen „stillen Phasen“ während der Regenzeit sind stark durch Langeweile gekennzeichnet. Einige Menschen wollen diese Zeit zu nutzen, in dem sie in größere Städte fahren und versuchen, dort als Saisonarbeiter einen Job zu finden.Prof. Trenk erläutert weitere Besonderheiten: Laos ist vom Selbstverständnis ein kommunistisches Land. Ferner sind nur ca. die Hälfte der 6,8 Millionen Einwohner Laoten, während der Rest aus verschiedenen Minderheitsgruppen besteht.

Die abschließende Frage von Barbara Köster ist schwer zu beantworten: Gibt es eine „guten Tourismus“? Prof. Trenk wagt eine Antwort. Wenn er nicht in großen Massen auftritt, könnte er ein Gewinn und gut für alle sein.

Text und Foto: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018

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Auf dem Foto: Die Vorstandsmitglieder des "naxos-Kino - Dokumentarfilm & Gespräch e.V." Hilde Richter und Gerd Becker mit dem Pokal des Hessischen Kinokulturpreis 2018 am 12. Oktober in der Alten Oper-

Erstmals 2009 und zuletzt 2017 hat das naxos.Kino auch 2018 und damit zum sechsten Mal vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst den Hessischen Kinokulturpreis erhalten. Dieser wurde bei einer Feier am 12. Oktober in der Alten Oper übergeben.

Damit wird das einzigartige Konzept des naxos.Kino ausgezeichnet: Jeden Dienstag zeigen wir in der Naxoshalle (Theater Willy Praml) anspruchsvolle Dokumentarfilme, und nach jedem Film können die BesucherInnen an einem Filmgespräch mit den FilmemacherInnen und/ oder anderen ExpertInnen in dem gemütlichem Foyer der Naxoshalle teilnehmen.

Der Preis geht an die zahlreichen ehrenamtlichen Aktivisten des naxos.Kino. Das gelungene Zusammenspiel der Techniker, der Filmpaten, des Pressesprechers, der Gestalter unseres Newsletter und des gedruckten Leporellos (jeweils mit dem Programm von 2 Monaten), der Thekengruppe und einiger Anderer macht erst die Filmabende möglich.

Gleichzeitig bedanken wir uns bei allen BesucherInnen, insbesondere unsern Stamm-BesucherInnen!

Last not least ein großer Dank an Willy Praml und das Team des Willy Praml Theaters, die uns die Durchführung dieses Projektes ermöglichen.

Wir freuen uns über neue Interessierte, die beim naxos.Kino mitwirken möchten. Melden Sie sich.

 


Wolf Lindner, Hilde Richter und Gerd Becker freuen sich gemeinsam mit Matthias Brand, der an diesem Abend den Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten erhalten hat.

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2018

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Bild: Naxos-Moderatorin Hilde Richter (r.) interviewte ihre Gesprächsgäste, die sich an der Rettung von Mittelmeer-Flüchtlingen beteiligt haben. V.l.n.r. Carlos Glatz (Jugend rettet, Schiff: Iuventa), Maike Jäger (sea-eye, Schiff: Seefuchs) und  Manos Radisoglou (Pilot, Flight Operations Coordinator, HPI Foundation, Schweiz).  

„Ich finde das Thema irgendwie verstörend, denn es bewegt sich politisch zwischen den Menschenrechten und der Kriminalisierung der Retter von Flüchtlingen auf hoher See. Was ist richtig, was ist falsch?“ So eröffnete Moderatorin Hilde Richter das Filmgespräch am 9. Oktober 2018 auf naxos. Es lief „Iuventa“, eine Dokumentation über das gleichnamige Schiff, dessen Crew innerhalb von zwei Jahren rund 14.000 im Mittelmeer treibende Flüchtlinge gerettet hat. 

Manos Radisoglou, Pilot der schweizerischen Organisation HPI Foundation, sagte, er fliege über das Mittemeer, um in Seenot geratene Flüchtlinge zu sichten: „Wir wollen verhindern, dass Menschen ertrinken, wir wollen aber keine Politik betreiben. Da z.B. Malta unsere Flüge inzwischen verbietet, ist unser Anliegen jedoch politisch geworden“. Maike Jäger, die bei sea-eye als Retterin aktiv war, bestätigte, dass das Ganze zu einem Politikum geworden sei: „Das Drama ist, dass ich als Medizinerin auf ein Schiff gegangen bin, um zu helfen. Inzwischen spüre ich aber als Mitglied einer NGO eine politische Verantwortung“. Der Student Carlos Glatz, der sich ursprünglich aus humanitären Gründen an der Seenotrettung beteiligt hatte, meinte „jetzt sitze ich hier und mache politische Arbeit“.  

Der Europarat vergibt den Sacharow-Preis für Menschenrechte, tue aber nichts gegen die Schranken nationaler Grenzen, warf Moderatorin Richter ein. Der Preis sei „toll“, sagte Jäger. Es bestehe jedoch eine Diskrepanz, weil man Menschen retten wolle, dies aber nicht dürfe: „Die Politik der EU-Staaten hindert uns daran, Rettungsaktionen durchzuführen“. Einerseits werde ein Preis vergeben, andererseits nehme die EU das Sterben von Menschen auf der Flucht in Kauf. Ein Besucher meinte, die Misere der Flucht müsse weiterhin dokumentiert werden und daraus politischer Druck entstehen. Gegen bestehende Machtstrukturen hätten kleine NGOs allerdings keinen Einfluss, so Radisoglou. So würden etwa Rettungsschiffe verwanzt, um eine Zusammenarbeit mit Schlepperbanden zu beweisen: „Es liegt eine Anzeige von Italien gegen 22 Iuventa-Mitglieder wegen Schlepperei vor“. 

Zwar gebe es staatliche Akteure und Militärmissionen, die zwar zur Rettung Schiffbrüchiger ausgestattet sind, deren Aufgabe es allerdings in erster Linie sei, Schlepper zu bekämpfen. Bei Sichtung eines Schiffbruchs informiere Radisoglou die italienische Küstenwache. Handele es sich jedoch um ein Schiff mit ausländischem Namen, argumentiere man, das Schiff befände sich außerhalb des italienischen Einflussbereichs. „Wir zeichnen alle Seenot-Aktionen auf. Aber wir sind noch nicht soweit, dass die Gerichte uns das als Anklage akzeptieren“, sagte er. Auch wisse man nicht genau, an wen man sich mit einer Klage überhaupt wenden solle, fügte Jäger hinzu. 

„Alle sind in Seenot, sobald sie ein Schlauchboot besteigen“, fasste Radisoglou das Drama der Flüchtlinge zusammen. Die Boote seien überbesetzt und hätten nur begrenzten Sprit für bis zu 60 Seemeilen. Irgendwann sei ein solches Boot dem Seegang ausgeliefert und treibe führungslos auf den Wellen. Oft kämen dann lybische Fischerboote und stehlen auch noch die Außenbordmotoren, die sie daheim für gutes Geld verkauften, um so die nächste Flüchtlingswelle in Gang zu setzen.

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2018

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Bild: Mit dem Journalisten und Filmemacher Dietmar Schumacher (r.) hatte naxos-Moderator Wolf Lindner einen der kompetentesten Russland-Experten in das naxos-Kino eingeladen.  

In den etwa 280 Arbeitslagern des Stalinschen Gulag-Systems östlich des Urals sind zwischen 1932 und 1960 geschätzte 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen (erschossen, erschlagen, verhungert, bei Arbeitsunfällen getötet). Viele dieser Zwangsarbeitslager gab es an der Kolymar, einem russischen Strom von mehr als 2000 Kilometern Länge im Osten Sibiriens. Menschen waren dort unter schrecklichsten Bedingungen eingesperrt. Zehntausende starben dort. Ihre Leichen wurden oftmals nur am Rand der parallel verlaufenden Kolymar-Straße verscharrt. Sie gilt als der längste Friedhof der Welt. „Neben diesem Sinngemälde des russischen Terrorsystems Gulag sind in der Stalin-Ära nach Schätzungen erstzunehmender Historiker noch weitere 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Vor allem im Zuge der Zwangskollektivierung und der Hungersnöte Ende der 1920er Jahre“, sagte TV-Journalist und Filmemacher Dietmar Schumacher. Der Russland-Experte war am 2. Oktober 2018 zum Filmgespräch über „Kolymar“ aus Berlin ins naxos-Kino angereist. 

Zu Opfern des Stalinschen Terrors wurden, so Schumacher, die gesamte Schicht der Kulaken (Mittel- und Großbauern), die Angehörigen der weißgardistischen Armee, Vertreter der alten zaristischen Machtorgane sowie des Bürgertums der besetzten baltischen Republiken und Ostpolens. Aber auch tausende russische Kommunisten, Bolschewiken aus Lenins Umgebung, Generale und Marschälle der Roten Armee sowie tausende Exil-Kommunisten, auch aus Deutschland, die in der UDSSR Zuflucht vor den Nazis gesucht hatten, wurden bei Stalins „Säuberungsaktionen“ ermordet. 

An der Kolymar existierten die Gulag-Arbeitslager bis in die 1960er Jahre. Fast vier Jahrzehnte lang mussten dort Hunderttausende Strafgefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen und vor allem in der eisigen arktischen Kälte vor allem nach Gold schürfen. Die Gefangenen kamen nicht nur aus der Sowjetunion, sondern auch aus anderen Staaten: Es waren zum Beispiel Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, die nach Hunderte Kilometer langen Fußmärschen in der eisigen Kälte dort eintrafen, um in den sibirischen Bergen Gold, Silber, Platin, Zinn oder Uran zu fördern. 

Von den Inhaftierten waren nur etwa 15 Prozent Kriminelle, „der Rest musste nach Plan vernichtet werden, entweder durch zehn, 15 oder 20 Jahre Lager oder durch direkte Erschießung“. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe man gedacht, es sei nun vorbei, doch die Lager bestanden weiter. Auch nach dem Tod Stalins 1953 wurden sie nicht geschlossen. Die meisten Gulag-Lager bestanden bis 1960, andere bis in die Mitte der 1960er Jahre. Einige Lager für politische Häftlinge aber existierten bis 1980. Schumacher zeigte sich vom Film „beeindruckt“ und sagte, man hätte jahrelang nicht gewusst, was in Russland passierte: „Die Archive waren verschlossen“. Mit Beginn der Perestroika durch Gorbatschow 1985 sickerten dann erste Informationen über die Stalinschen Todeslager durch. Putin hingegen wolle darüber nichts veröffentlicht wissen. „Es gibt bis heute nur ein einziges Denkmal, in Magadan, das an die Straße des Todes erinnert“, kritisierte der Journalist. Zwar sei Putin einmal dorthin gereist und habe auch dem Leiter eines kleinen Dorfmuseums mit vereinzelten Gegenständen aus der Straflagerzeit den Ehrenorden verliehen, „aber für 20 Millionen Gulagtote ist das ein bisschen wenig“. 

Die an der Kolymar beförderten Edelmetalle und die Erträge aus den gerodeten Wäldern seien noch bis heute bedeutsam für die russische Staatskasse. Auch lebten dort bis heute Nachfahren sowohl der damals Inhaftierten als auch ihrer Aufseher als ausgebildete Goldminen- und Diamantenexperten. Wer Arbeit habe, verdiene heute recht gut. Viele Menschen aber lebten in Armut. „Es fließt sehr viel Wodka, 80 Prozent der dort Lebenden sind alkoholkrank“. Diese Menschen kämen dort nicht weg, da ihnen die Mittel für einen Transport in den zivilisierten europäischen Teil Russlands  fehlten. Hinzu kämen Riesenentfernungen ohne Zugverbindungen. Und eine Flucht sei eigentlich nicht möglich, weder im Sommer mit 35 Grad plus noch im Winter mit bis zu minus 76 Grad. 

Auch heute gebe es bei Gerichtsurteilen für Kriminelle meistens Lagerhaft. „Offiziell gibt es in Putins Russland keine politischen Häftlinge. Wer aber politisch als unbotsam gilt, wird oft wegen vorgeblich krimineller Delikte angeklagt und in ein Lager abkommandiert“. Vor allem NGOs hätten es schwer, dagegen einzuschreiten, weil der Kreml mit allen Mitteln zu verhindern versuche, dass sich die Menschen in Russland mit diesem Thema einer heutigen politischen Opposition wie auch des früheren Stalinschen Terrors beschäftigen. 

Kommentar: Den leider nur 40 Besuchern hat der 2017 für das ZDF produzierte Film wichtige neue Erkenntnisse über die Gulap-Zeit vermittelt. Aber mindestens ebenso bedeutsam waren die Informationen von Dietmar Schumann, der die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge Russland von der Stalin-Ära bis heute verständlich und glaubwürdig überzeugend rüber gebracht hat. Großes Kompliment!

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2018

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Foto (von links):  Maik Filitz, Jannis Karis, Moderator Gerd Becker.

Der Filmabend beginnt schon um 19 Uhr mit Live Musik der griechischen Gruppe POSECHOS. Die Musiker Jannis Karis und Achanasios Arlianos ziehen die volle Aufmerksamkeit der BesucherInnen mit den von ihnen wiedergegebenen Songs von Mikis Theodorakis auf sich. Zu Beginn des Filmgespräches wird Jannis Karis von Moderator Gerd Becker gefragt, wie er zu Mikis Theodorakis steht.

Jannis erinnert sich, dass er als junger Musiker während der Militärdiktatur 1973 vor Konzerten die vorgesehenen Stücke einreichen musste, und damals durften keine Lieder von Theodorakis dabei sein. Theodorakis, so berichtet Jannis Karis, kam musikalisch aus der Klassik. Sein Anliegen war es immer, diese und andere Musikformen allen Menschen zugänglich zu machen. Den volkstümlichen und damals oft gering geschätzten Rembetika Musikstil machte er ebenso wieder bekannt, wie das darin benutzte Instrument Bouzouki.

Maik Fielitz, der andere Gesprächsgast, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Er hat in Athen gelebt und studiert und sich als Politologe und Soziologe mit der neueren Entwicklung des griechischen Staates und der Gesellschaft beschäftigt.

Beide Gesprächsgäste sehen die enge nicht trennbare Verbindung von Theodorakis als Musiker mit einem sehr breiten Spektrum - wie im heutigen Film sehr deutlich gezeigt - mit dem politisch und gesellschaftlich aktiven Menschen. Für sein politisches Engagement wurde Theodorakis schon im Griechischem Bürgerkrieg 1946 bis 1949 festgenommen, auf eine Insel verbannt und schwer gefoltert. Seitdem hat er sich immer wieder gegen staatlich Willkür und Diktatur aufgelehnt und wurde dafür häufig inhaftiert und mit dem Tode bedroht.

PROSECHOS spielt Songs von Mikes Theodorakis im naxos.Kino

 

Maik Fielitz sieht, dass Theodorakis, der sich schon früh der Kommunistischen Partei anschloss, später einige politische Wendungen vollzogen hat. So unterstützte er 1974 das Zustandekommen einer rechten Regierung unter Konstantinos Karamanlis und wurde 1990 mit Unterstützung der Konservativen Minister ohne Geschäftsbereich beim Premierminister Konstantinos Mitsotakis. Schließlich hat er 2018 auf einer nationalistischen Kundgebung gesprochen und grenzte sich wenig von rechten Strömungen ab.

Sein Anliegen war das Vermitteln zwischen verschiedenen politischen Lagern, um erneuten diktatorischen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen und das Beste für sein Land und Volk zu erreichen.

Für Janis Karis war und ist Theodorakis Humanist und Pazifist, der die verbindende Rolle der Musik immer wieder genutzt hat. Maik Fielitz weist darauf hin, dass das Werk und Wirken von Theodorakis auch auf dem Hintergrund seiner familiären Herkunft zu sehen ist. Sein Vater stammt aus Kreta und die Mutter wurde aus Kleinasien vertrieben. Er ist einer der „wichtigen Männer“, die die griechische Gesellschaft geprägt haben – aber gleichzeitig auch von ihr geprägt wurde.

Der Film wird von den Zuschauern sehr unterschiedlich beurteilt. Während er für einige eine zu große unkommentierte, oft zusammenhangslose Aneinanderreihung von Bruchstücken seines musikalischen Werkes ist, macht das den Film für andere gerade interessant. Den Zusammenhängen und dem jeweiligen gesellschaftlich-politischen Kontext müsse man hinterher selbst nachgehen. Zum Ende des Filmgespräches gibt Moderator Gerd Becker wider, wie sich Mikis Theodorakis selbst nach der Fertigstellung des Filmes geäußert hat:

„Ich erkenne einen Teil von mir wieder, vor allem den musikalischen. Reich an Handlung ist der Film insgesamt eine große Arbeit. Ich fand viel über meine Beziehungen zu anderen Menschen, zu den Kollegen und Freunden. Diese Beziehungen erscheinen in einem milden, freundschaftlichen und einfachen Licht. –
Es taucht in dem Film aber auch der andere Mikis auf – jener Patriot und Kämpfer in einer Gesellschaft, in der oft Fanatismus, Hass, Zorn, Enttäuschung und große Wut meinen eigentlichen Charakter und mein natürliches Verhalten verfälschten. In solchen Phasen konnte ich wild werden und sicher auch ungerecht – weil der Fanatismus einen zu Taten hinreißt, die die Grenzen deines Ich, dein Selbst überschreiten. Man wird sicher ein anderer…“
(zitiert nach: Mikis Theodorakis von Wassilis Aswestopoulos, Frankfurt 2018, Seite 19 f).

 

Bericht: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2018

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Bild: Eric Otieno (l.), Doktorand an der Uni Kassel und Herausgeber von Griot Mag, und Stefan Ouma, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Frankfurter Goethe-Uni (r.), erläuterten unter Moderation von Wilfried Volkmann die Beweggründe für den Film und dessen Botschaften.  

Musik als Waffe? Gegen wen oder für was? Fragen dieser Art prägen das Filmgespräch am 11. September 2018 auf naxos: Es lief „Music is our weapon“. Der Film portraitiert eine spannende Band aus Kenia. Im Kampf für Gerechtigkeit versteht es die Band Sarabi, zu inspirieren und mit ihrer Musik Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen sozialen Klassen. Es ist eine metaphorische Reise einer jungen vibrierenden Band, die davon überzeugt ist, dass Musik eine Waffe der Veränderung sein kann. Und zwar für Menschenrechte und gegen soziale Ungleichheit und Korruption. 

Das ostafrikanische Kenia wird 1963 unabhängig von Großbritannien. Es grenzt im Nordwesten an den Südsudan, im Norden an Äthiopien, im Nordosten an Somalia, im Süden an Tansania, im Westen an Uganda und im Südosten an den Indischen Ozean. Kenias Wirtschaft ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, die größte in Südost- und Zentralafrika. Nach der Verabschiedung einer neuen Verfassung im August 2010 ist Kenia in 47 halbautonome „Counties“ unterteilt, in denen jeweils ein gewählter Gouverneur regiert. Das Land wird oft als wirtschaftliche Erfolgsstory präsentiert, weist aber auch sehr hohe soziale Ungleichheiten auf. 

Was soll der Film aussagen, fragt naxos-Moderator Wilfried Volkmann zu Beginn des Filmgesprächs. Er sende „diverse Botschaften“ aus, antwortet Stefan Ouma von der Frankfurter Goethe-Uni: „1. Empowerment, d.h. mit den eigenen Ressourcen aus schwierigen Umständen heraus sich selbst zu ermächtigen, 2. Die Verbindung von politischem Aktivismus und Musik in einer sehr ungleichen Gesellschaft, 3. Musik mit einem politischen Bewusstsein, in einer Zeit, in der Musiker in Kenia, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt immer weniger ´Kante zeigen`“, 4. Die  manchmal schwierige Balance aus talk and walk, also das, was man singt, auch in politische Aktionen zu übersetzen. Die im Film vorgestellte Band erhebe ihre Stimmen auf diversen internationalen Festivals. „Das ist das Besondere“, ergänzt Eric Otieno, Doktorand an der Uni Kassel und Herausgeber von Griot Mag, einem Online-Blog zur kulturellen und kreativen Vielfalt afrikanischer Musik, Kunst und Mode. 

Im Anschluss entbrannte eine Diskussion, warum der Film, obwohl von einem nigerianischen Regisseur gedreht, der sich zudem selbst als Panafrikanist versteht, sich hauptsächlich auf Festivalauftritte in Europa konzentriere und wenig lokale Akteure zu Wort kommen lasse. Otieno erwiderte darauf, dass einen solchen Film zu machen, auch hierzulande „mühselig und teuer“ sei und „das Finanzieren und Genehmigen eines unabhängigen Films in Kenia ist unter Umständen eine sehr große Herausforderung“. Insofern sei es zwar technisch bedauerlich, aber nachvollziehbar, warum der Film zu wenige narrative Sequenzen vor Ort enthalte.  

Jetzt schalten sich die Besucher ein: Filme dieser Art würden oft mit westlicher Arroganz betrachtet, der Film spiegele doch die Realität des Empowerments wider, in den Interviews kämen keine Klagen vor, sondern ein proaktiver Umgang mit den Ungerechtigkeiten der eigenen Umwelt. Die Diskussion wurde zunehmend kontrovers: Wie bekannt ist die Band in Kenia? Welchen politischen Einfluss hat sie? Hat Musik in Kenia eine größere politische Relevanz? Droht der Band vielleicht eine Ausbeutung durch die kommerzielle Musikindustrie und ihre nördlichen Manager? Wovon handeln die Songs, die durchweg auf der Landessprache Kiswahili und für das hiesige Publikum nur eingeschränkt verständlich sind? Otieno meint hierzu: „A) Gleichbehandlung vor dem Gesetz b) von korrupten Politikern, die kaum nachvollziehbar ins Amt gelangt sind, und c) vom Protest und Widerstand gegen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit“. Dennoch könne es sich die Regierung leisten, den musikalischen Protest zu ignorieren. 

Musik also als Waffe gegen was? Ouma sieht hier mehrere Deutungsmöglichkeiten: Zum einen gegen politische Ungerechtigkeit, zum anderen aber auch als Waffe zur Selbstermächtigung und als Waffe, um Verbindungen in einer Welt herzustellen, die vor allem im Nord-Süd-Kontext von tiefen Gräben und im Zeitalter der neuen Rechten auch von wiederkehrenden Rassismen gekennzeichnet ist. Man müsse weiterdenken, bestätigt Otieno: Trotz Unterdrückung müsse versucht werden, eine andere Zukunft zu gestalten, neue Verbindungen über die Musik zu schaffen. Den meisten Besuchern hat´s gefallen. Und darauf kommt es an.

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018

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Bild: Mussten in der Diskussion unterscheiden zwischen dem Top-Künstler der 1980er Jahre und dem Versuch einer selbstinszenierten Fama des Malers Julian Schnabel: naxos-Moderatorin Barbara Köster und Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Frankfurt.  

 

Julian Schnabel, 1951 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und in Texas aufgewachsen, ist ein amerikanischer Maler und Filmregisseur. Er gilt als Mitbegründerdes Neoexpressionismus und als einer der berühmtesten Vertreter dieser Bewegung der 1980er Jahre. Charakteristisch für seine Bilder ist das Auftragen von Farbe auf große Leinwände, der Gebrauch unkonventioneller Materialien und sein sowohl abstrakter als auch figurativer Stil. Er malt auf gebrochenem Glas und Porzellan, auf Samt, gebrauchtem Segeltuch, Zeltplanen oder auf Flauschteppichen. In den 1990er Jahren widmete sich Schnabel dem Genre Spielfilm. Am 4. September 2018 zeigte das naxos-Kino den Film „Julian Schnabel – A private portrait“. 

naxos-Moderatorin Barbara Köster meinte zu Beginn des anschließenden Filmgesprächs, der Film habe auf sie „lebendig und mitreißend“ gewirkt, sodass sie gern dabei gewesen wäre. Sie fragte aber gleichzeitig, was denn das Besondere an Schnabels Bildern der 1980er Jahre sei. Mit Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Frankfurt, hatte sie einen Experten eingeladen, da auch das Städel drei Schnabel-Werke erworben hat. Engler ging zunächst auf den Film ein, den er als „Gala für Kunstpublikum“ bezeichnete. Der Film „klinge“ wie ein Hollywood-Produkt: „Tolle Frauen, viele Kinder, prominente Zechkumpane“, sangen ihre Loblieder auf Schabel. Dabei sei die eigentliche Frage, wer Schnabel wirklich ist, nicht angesprochen worden. Auf den Künstler bezogen, räumte er ein, Schnabel habe „eine ganz neue Kunst erfunden, mit bemalten Planen, Tellern, Scherben. Dies allerdings vor bereits 40 Jahren“. 

Kunstkritiker seien erleichtert, dass der Maler heute eher als Filmemacher arbeitet, meinte Köster und fragte, ob Schnabel ein „guter Regisseur“ sei. Als Regisseur habe er einige sehr gute Filme gemacht, erwiderte Engler, „aber seine Malerei hat er kaum weiterentwickelt:“. Auf den gezeigten Film bezogen, bemängelte Engler, die Produktion sei für einen Dokumentarfilm ziemlich „unsauber“. So käme kein einziger Kunstkritiker zu Wort. Dagegen zeige der Film Schnabel als verlässlichen Freund und liebenden Familienvater. Neben Schnabel selbst kommen berühmte Freunde, Weggefährten und sog. Groupies zu Wort: Die Schauspieler Al Pacino und Willem Dafoe, der überall vorsprechende Bono, Frontmann der Rock-Band U2, und die französische Schauspielerin und Sängerin Emmanuelle Seigner bliesen allesamt irgendetwas Nettes über ihn ins Mikrofon. „Was fehlt, ist der Absturz in den 90er Jahren“, kritisierte Engler. Auch was Schnabel heute macht, fehle vollständig. Möglicherweise habe Schnabel die Produktion im Wesentlichen selbst finanziert: „Selbstinszeniertes Kintopp nach Schnabels Entwurf“. Insgesamt erscheint der Film wie „der Versuch, eine eigene Fama zu schaffen“. 

Er inszeniere sich aber gut als Persönlichkeit, hakte Köster nach. Zu viele Banalitäten machten den Film aus, entgegnete Engler. Das Scheitern, das immer auch Teil der künstlerischen Produktion ist, käme nie vor: „Er hat immer nur joy“. Was ihn dennoch bewegt habe, die Schnabel-Werke ins Städel zu holen, fragte Köster. „Weil er ein wichtiger Künstler ist, der in den 80ern in Köln gearbeitet hat,. Er ist eine faszinierende Persönlichkeit, aber vielleicht nicht der Allergrößte, wie im Film suggeriert“, sagte Engler. 

Filmgast und Gastgeberin waren sich einig, dass Schnabels Werke Substanz haben, im Gegensatz zum gezeigten Film, betonte Engler. Die Kritik darauf sei generell negativ ausfallen. Auch sei der genannte Regisseur völlig unbekannt. Zurück zu seinen Bildern: Engler bekannte, in den frühen 80ern Schnabel-Fan gewesen zu sein, nachdem er zum ersten Mal ein Schnabel-Bild im Berner Kunstmuseum gesehen habe. Hingegen produziere Schnabel heute „Scherbenbilder“ auf Bestellung.  

Einerseits der geniale Shooting-Star der 1980er Kunstszene, der heute – nach weniger erfolgreichen Jahren - als Maler wieder sehr gefragt ist, andererseits eine weichgespülte Selbstinszenierung als Film. So gespalten, wie die Person Julian Schnabel, so gespalten auch die Reaktion der Besucher: Viele fanden den Film gut, „weil er unterhaltsam war“. Andere hielten ihn für „einen gestylten PR-Beitrag“.

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2018

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Bild: Über die Schattenseite der Textilindustrie mit ihrer Massenproduktion zu Billigstpreisen diskutierte naxos-Moderatorin Antje Lang (Mitte) mit Julia Schäfer, Greenpeace Frankfurt (l.) und Kristin Heckmann, hessnatur, Butzbach.  

 

Woher kommt die Mode, die es in wenigen Wochen vom Laufsteg in den Laden schafft, vom Prototypen zum Massenartikel? Wo wird sie produziert, unter welchen Bedingungen, von wem? Eine Jeans für zehn, ein Hemd für fünf Euro – Wie kann Kleidung so preiswert sein? Diese Fragen diskutierten am 28. August 2018 Julia Schäfer, zuständig für die Bereiche Landwirtschaft, Lebensmittel, Chemie bei Greenpeace, Frankfurt, und Kristin Heckmann, Leiterin Corporate Responsibility bei hessnatur, Butzbach, mit naxos-Moderatorin Antje Lang und den Besuchern. Zuvor lief der Dokumentationsfilm „Der Preis der Mode – The True Cost“. 

Fast Fashion meint einerseits das schnelle Kopieren von Laufstegmodellen und Modetrends, andererseits die höhere Zahl von Kollektionen und Auslieferungsterminen. In der Fachsprache beschreibt der Begriff das Verhalten von Unternehmen wie z.B. Zara oder Forever21, die innerhalb weniger Wochen die neusten Modelle bekannter Designer und Stars zu deutlich günstigeren Preisen anbieten. Laut Greenpeace-Studie `Giftige Garne. Der große Textilien-Test von Greenpeace` ist Zara die führende Fast Fashion-Marke. Sie kann innerhalb von sieben bis 30 Tagen eine Bekleidungslinie zusammenstellen und Bestseller innerhalb von nur fünf Tagen an Filialen nachliefern. Dies habe zur Folge, dass durch den Produktionsdruck Lieferanten zur Einhaltung immer knapperer Liefertermine gedrängt werden und somit Lohnkürzungen und unverantwortliche Praktiken gefördert werden. Sowohl die Hersteller und Konsumenten als auch die Politik seien für diese Misere verantwortlich, meinte Schäfer. Änderungen dieser Misere seien nur durch weniger Konsum oder Konsumumstellung, Kleidungstausch und Reparatur möglich, weil dann die Industrie darauf reagieren müsste, hieß es seitens der Besucher. 

Demgegenüber produziere hessnatur nachhaltig und fair mit Naturtextilien. „Bei der Produktion unserer Mode berücksichtigen wir die Verbindung von Ökologie, Ökonomie und Sozialem auf Basis zweier Managementsysteme, und das funktioniert“, betonte Heckmann. Als größte Produktionsländer des Unternehmens nannte sie neben Deutschland Litauen und die Türkei. 

Wie denn eine Textilproduktion auf Biobaumwolle möglich sei, fragte Lang nach. „Bio-Baumwolle habe vier Jahre Vorlaufzeit, bis sie so bezeichnet werden darf“, sagte Heckmann. Bio-Anbau sei dabei der erste Schritt. Das sei aber auch eine Frage des verfügbaren Saatguts. Fraglich sei auch, ob in den weiteren Schritten Färberei und Behandlung der Begriff Bio noch gegeben sei. Denn der Massenkonsum schädige Umwelt und Mensch nachhaltig: Von Pestizid belasteter Baumwolle über den Verbrauch von Wasser und den Einsatz schädlicher Chemikalien bei der Produktion bis hin zur toxischen Veredelung von Kleidung. Ein „normales“ T-Shirt müsse deshalb zwischen 20 und 30 Euro kosten: „Unter menschen- und umweltfreundlichen Produktionsbedingungen ist ein Niedrigpreis von fünf Euro nicht möglich“, so Heckmann. 

Auch Schäfer bestätigte die Nachteile von Fast Fashion: So ist dem Textilratgeber, ein Info-Ratgeber für Verbraucher, zu entnehmen, dass heute jeder Einzelne im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke besitzt. Schlechte Qualität und niedrige Preise führten zu kürzerer Nutzungsdauer und erhöhter Wegwerfmentalität. Darüber hinaus erfordere die Massenproduktion einen hohen Chemikalieneinsatz in den meist asiatischen Herstellungsländern mit großflächiger Verbreitung schädlicher Substanzen auf der ganzen Welt. 

Die großen Bekleidungsketten könnten jedoch mitwirken, indem sie sich dazu verpflichteten, bis 2020 sämtliche Chemikalien aus der Textilindustrie herauszunehmen. So hätten sich auf Druck von Greenpeace mittlerweile Ketten wie H&M oder C&A und weitere 80 Marken dazu verpflichtet, spätestens ab 2020 giftfrei zu produzieren. 

In diesem Zusammenhang wies Heckmann auf die Problematik der Mindestlöhne hin. Diese stagnierten seit Jahren bei monatlich 55 Euro netto in Bangladesh: „Ein Existenz sichernder Lohn von ca. 300 Euro netto ist derzeit dort utopisch“. Da sonst die „Textilkarawane“ wieder in günstigere Gebiete ziehe. Aus dem Publikum kam die Forderung die Politik müsse Verhalten rigoros per Gesetz vorschreiben, handele jedoch nicht, weil sie die Dimensionen nicht erfasse. Das Interesse der Politik beschränke sich auf Wachstum durch Konsum. Das aber bestätige nur die schlimmen Zustände in den Produktionsländern.

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2018