Aktuelles

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V.l.n.r.: naxos-Moderator Wolf Lindner im Gespräch mit Dr. Wolfgang Richter, 1992 Ausländerbeauftragter des OB von Rostock, und ZDF-Redakteur Dietmar Schumann.

Rostock-Lichtenhagen, Szenen um den 23. August 1992: Nach tagelangem Ausnahmezustand eskaliert die Jagd auf Hunderte vietnamesischer Flüchtlinge mit Ausbrennen des bewohnten Flüchtlingsheimes. Redakteur Dietmar Schumann, eingeschlossen in den Flammen, dokumentiert den Aufruhr aus unmittelbarer Nähe. Unter den Betroffenen auch Dr. Wolfgang Richter, damals Ausländerbeauftragter in Rostock. Gerettet werden sie sowie die bedrohten Vietnamesen im letzten Moment. Zum Filmgespräch am 2. Juli 2019 kamen beide als Zeitzeugen und Gesprächspartner von Moderator Wolf Lindner ins naxos.Kino. Zuvor liefen die Dokumentationen „Die Schande von Rostock“ sowie „Randale in Rostock“. Das war gleichzeitig der Start der neuen Filmreihe „Spiel.Dok“, in der ein Thema jeweils durch eine Dokumentation im naxos.Kino sowie durch einen Spielfilm im Filmmuseum-DFF zum selben Ereignis dargestellt wird.

Auch nach 27 Jahren machen seine damaligen Bilder Schumann noch immer betroffen. „Der rechtsradikale Schoß ist noch immer fruchtbar, daran hat sich nichts geändert“, sagt er. Nur dass der Rechtsradikalismus inzwischen von den neuen in die alten Bundesländer gewandert sei, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die AfD-Chefs heute seien Westdeutsche, die mitlaufende Masse seien Ostdeutsche. „Der Rechtsstaat hat sich für mich verabschiedet“, sagte Schumann. „Die Bilder kriegst Du nicht mehr aus dem Kopf“, ergänzte Richter. Denn bestürzend dabei sei gewesen, dass die Polizei die Feuerwehr beim Löschen behindert hatte und zusah, wie die Flüchtlinge gehetzt wurden. „Wenn die Politik bewusst wegschaut, ändert sich nichts.“ So sei der damalige Rostocker OB von seiner Partei (SPD) zum Rücktritt gedrängt worden.

Richter selbst war im Mai 1991 zum Ausländerbeauftragten berufen worden Als zentrale Anlaufstelle war er unter anderem für die „Vertragsarbeitnehmer“, sprich Fremdarbeiter, zuständig. In dieser Funktion war er einmal pro Woche in Lichtenhagen gewesen und hatte das dort entstandene Neubaugebiet schnell als sozialen Brennpunkt ausgemacht und den Beschluss für ein dort zu installierendes Fremdarbeiterheim als Fehlentscheidung bewertet. „Die Vietnamesen mussten ihre Anträge auf Bleiberecht auf der Wiese stellen. Da habe ich gelernt, was Pogrom bedeutet“ (Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten, Anm. d. Redaktion). Er habe zwar versucht, Dinge zu verbessern. Dem entgegengewirkt hätte jedoch die „Rattenfängertaktik“, nach der die Rechtsextremen das Wohnheim mit Unterstützung einer starken Rechtsszene angegriffen hätten.

Bei der damaligen DDR habe es sich um eine geschlossene Gesellschaft gehandelt, in der keine Reisemöglichkeit und somit keine Erweiterung des eigenen Horizontes bestanden habe, meinte Schumann. Das dürfe jedoch nicht als Entschuldigung für Rassismus herhalten. Schlimmer noch sei es heute, da etwa Jura-, Medizin- und BWL-Burschenschaften zum Großteil die AfD und potenzielle rechtsradikale Organisationen unterstützten. Hier sei eine Tendenz sichtbar, in der künftig CDU und AfD koalieren könnten – und das mit Unterstützung der Wirtschaft.

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019

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Bild: V.l.n.r.: naxos-Moderatorin Hilde Richter mit ihren Gesprächsgästen Kirsten Huckenbeck, Dozentin an der UAS im Fachbereich Soziale Medien und verantwortliche Redakteurin der Monatszeitschrift Express, sowie Karin Zennig, ver.di-Sekretärin im Fachbereich Handel.

China ist einer der größten Industrietomatenproduzenten. Die Handelsware wird weltweit zu internationalen Großkonzernen verschifft: Ziel: Profit. Zehntausende Migranten aus Afrika schuften in der Landwirtschaft Spaniens und Italiens zu Unterlöhnen: Ziel: Ausbeutung. Obst und Gemüse wird zu Billigstpreisen verkauft. Die Dokus „Das rote Gold der Tomatenindustrie“ und „Europas Dreckige Ernte“ liefen als unrühmliche Beispiele von Profit und Ausbeutung am 11. Juni 2019 im naxos-Kino.

Laut Kirsten Huckenbeck, Dozentin an der UAS im Fachbereich Soziale Medien und verantwortliche Redakteurin der Monatszeitschrift Express, zeigten die Filme eine Ungleichzeitigkeit. Es gebe keine Entwicklung zu den Menschenrechten. Arbeitsverhältnisse würden freigesetzt, was einer „Entrechtung durch Überausbeutung“ gleichkomme, vor allem für Migranten auf der untersten Stufe. Karin Zennig, ver.di-Sekretärin im Fachbereich Handel, beklagte, dass sowohl Billig- als auch Markenprodukte/ -güter in den selben Fabriken bzw. auf den selben Feldern hergestellt würden: „Der Preis ist unterschiedlich und lässt sich nicht regulieren“. Die Monopolisierung gewisser Branchen gehe einher mit der Aushebelung von Arbeits- und Asylrecht.

Mit Hilfe von Green- und Whitewashing-Zertifikaten könnten diese Branchen ihre Politik der Unterhöhlung von Arbeitsrechten ungehindert weiterbetreiben, bestätigte Huckenbeck. Eine Kostenkalkulation auf legaler Basis könne somit nicht stattfinden. Zennig kritisierte, dass Vergaberichtlinien wie etwa Tarife und Grundrechte nicht eingefordert würden. Auf diese Weise seien allein 40.000 von rund 65.000 Illegalen in der spanischen Ernte untergetaucht mit der Angst vor Abschiebung, wenn sie sich wehren. Vielmehr seien sie dankbar, überhaupt einen Job zu haben.

naxos-Moderatorin Hilde Richter haakte nach, wie denn Arbeit als Motor einer Wirtschaftlichkeit eingesetzt werden könne. Dazu müsse ein Konkurrenzkampf unter den Migranten unterbunden werden, meinte Huckenbeck. Es bestehe zwar ein freier Geld-, Investitions- und Konsumentenverkehr, es mangele jedoch an einem freien Arbeitnehmerverkehr, wo die Beschäftigten ihre eigenen Interessen gegen die Aushöhlung von Rechten vertreten. Das Konkurrenzprinzip sichere somit die Ausbeutung.

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019

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Foto: Silke Wiegand, v.l.n.r: Die Filmemacher*in Tim van Beveren und Kyra Steckeweh, Moderatorin Reinhild Bernet, naxos.Kino, und die Frankfurter Gitarristin Heike Matthiesen, Vorstandsfrau Archiv Frau und Musik, im Gespräch über die filmische und musikalische Spurensuche nach vergessenen Musikerinnen.

Um vergessene Komponistinnen und die Frage, warum Komponistinnen über Jahrhunderte kleingehalten wurden und man es wohl erst den Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts zu verdanken hat, dass Musik von Frauen überhaupt wieder gehört wird, ging es bei diesem Filmabend, der mit einem außergewöhnlichen Konzert im großen Theaterraum der Naxoshalle begann. Der Pianist Leonhard Dering brachte die „Four Lilith Valses“ (2018) der brasilianischen Komponistin Marcela Luctalli zur deutschen Erstaufführung. Wegen erschwerten Arbeitsbedingungen ist die international tätige Brasilianerin, die sich gerne als Pomposerin bezeichnet und auch als Vocal Artist performt, nach Dänemark ausgewandert, wie sie im anschließenden Interview erläuterte.Nach dem Interview konnte das Publikum noch einer Kostprobe ihrer Gesangs- und Stimmperformance-Kunst lauschen, bevor es zur Filmaufführung ging.

Frauen haben keine Relevanz in der Musikgeschichte. So könnte man jedenfalls beim Blick auf so manches Programm großer Konzert- und Opernhäuser meinen. Klassikliebhaber würden an dieser Stelle sofort Namen wie Clara Schumann, Fanny Hensel und Hildegard von Bingen ins Feld führen. Eine Befragung des zum Filmabend „Komponistinnen“ zahlreich erschienenen Publikums ergab weitere Treffer wie Ethel Smith, Francesca Caccini oder Louise Farrenc. Und doch ist die Liste der Komponistinnen, die in der Geschichte der ernsten Musik Beachtliches leisteten, in Wirklichkeit bedeutend länger. Das stellte auch die Pianistin Kyra Steckeweh eines Tages fest, nachdem sie vorwiegend Kompositionen von Männern in ihrem Repertoire vorfand. Wie die Filmemacherin belustigt erzählt, habe sie mal im Leipziger Gewandhaus mitgezählt – und in sechs Monaten eine einzige Komponistin entdeckt, von der dort etwas gespielt wurde. Ansonsten waren es alles Männer. Darauf aufmerksam zu machen, sei ein Ziel des Films - und vielleicht auch einen Stein ins Rollen zu bringen, dass Leute mit anderen instrumentalen Schwerpunkten sich damit beschäftigen. Dass sich nunmehr der Anteil an Werken von Komponistinnen im Leipziger Gewandhaus in der Saison 2019/2010 deutlich erhöht habe, lässt hoffen, könnte aber auch am Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag der in Leipzig geborenen Clara Wieck-Schumann liegen, wie Steckeweh augenzwinkernd anmerkte.

Die Pianistin, die zudem studierte Historikerin ist, hat den Film zusammen mit dem Berliner Regisseur und Filmemacher Tim van Beveren produziert. Mit ihm recherchierte sie gemeinsam in Archiven, Bibliotheken und Verlagen und begab sich auf Spurensuche zu den Lebens- und Wirkungsstätten von Mel, Bonis, Lili Boulanger, Emilie Mayer und Fanny Hensel. Zudem traf sie auf im Film auf Musikwissenschaftlerinnen und andere Experten und sprach mit ihnen über den Umgang mit dem Erbe dieser zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Frauen. Mit der Erinnerungskultur an die vier unerhörten Frauen sei es nicht zum besten bestellt, gehen doch die Orte, an denen gewirkt haben, sehr unterschiedlich mit diesen Persönlichkeiten um.

Tim van Beveren weist darauf hin, dass heute am besten Fanny Hensel repräsentiert sei. Das liege daran, dass sie an die sehr namhafte Familie Mendelssohn angebunden ist. Sie war die ältere Schwester von Felix Mendelssohn. Ihr Bruder hat sie zeitlebens als Komponistin nicht unbedingt unterstützt, aber sie habe gute Möglichkeiten gehabt, sich künstlerisch zu verwirklichen. Und, ganz wichtig, ihr Nachlass sei heute gemeinsam mit dem Nachlass ihres Bruders in der Berliner Staatsbibliothek repräsentiert. Lili Boulanger hat davon profitiert, dass ihre Schwester Nadja Boulanger sie lange überlebt hat - sie hat bis in die 70er Jahre gelebt - und sich auch um das musikalische Erbe ihrer kleinen Schwester gekümmert hat.

Wie Steckeweh betont, sind das also die zwei Komponistinnen, die heute am besten repräsentiert sind. Demgegenüber wurde Mel Bonis, die ihre weibliche Identität verleugnete und sich "Mel" und nicht "Melanie" Bonis nannte, um dem Berufsverbot als Komponistin zu entgehen. erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Und auch das Werk Emilie Mayers, die selbstständigste und unabhängigste der vier Frauen, hat sehr lange in Archiven geschlummert. Ihr Grab wurde in den 60er Jahren einfach zugeschüttet und ein neues Grab drauf errichtet - weil niemand wusste, dass es das Grab einer tollen Komponistin ist. Sehr stolz sind die beiden Filmemacher darauf, im Zuge der Dreharbeiten das Grab von Emilie Mayer in Berlin wiederentdeckt zu haben. Ein großes Ziel von ihnen sei nun, dass es ein Ehrengrab werde. Mal sehen, ob das gelingt!

Eine besondere Rolle kam an diesem Abend auch dem Frankfurter Archiv Frau und Musik zu, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum feiert. Archiv-Vorstandsfrau Heike Matthiesen, selber Komponistin und Gitarristin, erzählte von der Arbeit des existenz-bedrohten Musikarchivs und und machte darauf aufmerksam, dass an dieser Stätte Werke, Noten und Materialien von 1.800 Komponistinnen zu finden seien. Ermöglicht wurde die Entdeckungsreise zu den vergessenen und „unerhörten“ Musikerinnen durch die großzügige Unterstützung der Frankfurter Stiftung maecenia für Frauen in Wissenschaft und Kunst.

Text: Reinhild Bernet, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019

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Bild. V.l.n.r.: Chris Gaa, Vorsitzender Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt bei der Frankfurter Aidshilfe, naxos-Moderatorin Barbara Köster und Christian Setzepfand, Autor und Stadthistoriker von der Aidshilfe Frankfurt.

(RH) „Queer“ bezeichnet im Englischen ursprünglich ein Schimpfwort, mit dem vornehmlich Schwule, aber auch andere von den heteronormativen* Regeln Abweichende bedacht wurden (*Anschauung, die die Heterosexualität als soziale Norm postuliert, Anm. d. Red.). Queer steht heute für eine Art Sammelbecken, in dem sich je nach Selbstaussage außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSM-lern auch heterosexuelle Menschen finden. Eine Besonderheit von queer im Vergleich zu Identitäten wie lesbisch oder schwul ist, dass die Betonung auf der eigenen Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität bzw. Lebensweise liegt, während ein etwaiger Partner eine geringere Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund fragte der Workshop-Film „Männerfreundschaften” von Rosa von Praunheim am 4. Juni 2019: „Wie schwul war die deutsche Klassik?“

Seriöse journalistische Interviews, ernsthaft recherchierte historische und literaturwissenschaftliche Hintergründe sowie gestellte Szenen betrachteten Goethe, Schiller, Humboldt, Brentano und Kleist aus moderner Sicht. War Goethe schwul, fragte naxos-Moderatorin Barbara Köster. Autor und Stadthistoriker Christian Setzepfand von der Aidshilfe Frankfurt zufolge lägen Zitate von Goethes Homoerotik vor, aber aus heutiger Sicht könne man ihn nicht als schwul bezeichnen. Der Begriff tauche erstmals im Englischen des 19. Jahrhinderts auf und stehe für „warm, schwül“. Homosexualität sei dort zunächst 1868 aufgetaucht, jedoch nicht pathologisiert gemeint. Der Begriff habe sich erst in den 1970-ern positiv gewandelt. „Schwul ist heute ein Kampfbegriff“, so Setzepfand.

Chris Gaa, Vorsitzender Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt bei der Frankfurter Aidshilfe, sah in dem Begriff eine „Behinderung der Gesellschaft“, der sich unter anderem aus der Folge von Patriachat, Sexismus, Antisemitismus als abwertender Normbeschließer verstehe. Den Film bewertete er als „noch notwendig“, weil sich die Menschen nach wie vor fragten, wie ihre Sexualität zu ihnen passt. Zwar gebe es noch Gräben zwischen lesbisch und schwul, es bestehe inzwischen jedoch eine Plattform für den Austausch, etwa über die Website „60 Möglichkeiten der Sexualität“. So habe der New Yorker slang „queer“ bis in die 90-er des 20. Jahrhunderts bedeutet: junge, athletische, weiße Männer. Darüber hinaus müssten aber auch weitere Schönheitsideale einbezogen werden. Insgesamt gehe es heute um Romantik, Inklusion sowie Integration sämtlicher Trans-Communities.

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019

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Bild: Regisseurin Melanie Gärtner (r.) erläuterte Moderatorin Barbara Köster und den Gästen die Hintergründe und Entwicklung zu ihrem Film über einen Flüchtenden, der aufgrund des sozialen Drucks nicht in seine Heimat zurückkehren kann.

Seit etwa 2008 versucht der Kameruner Yves, in Europa Fuß zu fassen. Seine Ziele: Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitsvertrag mit festem Job, der Familie im heimischen Dorf finanziell zum Überleben verhelfen. Sein Versprechen: Erfolg haben. Er darf nicht scheitern, darf seine Familie nicht enttäuschen. Filmemacherin Melanie Gärtner hatte ihn etwa sechs Jahre vor Drehbeginn in einem Auffanglager der spanischen Enklave Ceuta kennengelernt und von seiner Odyssee von Kamerun nach Spanien gehört. Sie hatte sich mit ihm angefreundet und ihn ein Stück weit begleitet. Ihre Bekanntschaft führte zu der Idee, einen Film über Yves´ Fluchtversuche von Afrika nach Europa zu drehen. Am 26. März 2019 lief „Yves´ Versprechen“ im naxos.Kino.

Hintergrund: Seine Tochter wurde von einem „mächtigen Mann“ vergewaltigt, der aufgrund des korrupten Systems nicht für sein Vergehen zur Verantwortung gezogen wurde, da er sich freikaufen konnte. Er griff den Mann an und musste nach Marokko flüchten, von wo er nach Kamerun abgeschoben wurde. Jetzt war er wieder in Marokko und wollte erneut per Schlauchboot nach Spanien aufbrechen. Moderatorin Barbara Köster entdeckte eine unterschwellige „Spielfilm-Qualität“, Regisseurin Melanie Gärtner beschrieb die einzelnen Schritte, die dazu führten.

Trotz seiner Flucht war ihm bewusst, dass der Weg zu einem damit verbundenen Asyl kaum gegeben war. Aber diese Strapazen waren lohnenswerter als ein Weitermachen in Kamerun. Seine erste Abschiebung nach Kamerun verschwieg er seiner Familie, weil er sich seines „Misserfolgs“ schämte. Jedoch gab er der Regisseurin die Erlaubnis, seine Familie aufzusuchen und informierte diese darüber. So verfestigte sich bei Gärtner die Idee einen Film über Yves zu drehen, der jedoch in eine andere Richtung ging als ursprünglich geplant. Denn plötzlich nahm auch Yves´ Familie einen gewichtigen Raum im Film ein.

In Bilbao schlief er unter einer Brücke und lebte bei NGOs, ständig von der Angst begleitet, ohne Papiere erwischt und ein weiteres Mal abgeschoben zu werden. „Sein erster Erfolg ist zunächst seine Ankunft in Spanien“, sagte Gärtner. „Seine Enttäuschungen, seinen illegalen Aufenthalt und seine Arbeitslosigkeit verschweigt er jedoch seiner Familie. Vielmehr spricht er über seine Liebe zu ihnen und dass er bald Erfolg haben würde.“ Schließlich reist sie persönlich nach Kamerun, um seine Lebenssituation und die seiner Familie zu verstehen.

Gärtner schneidet dann Drehphasen mit Yves sowie Interviews mit seinen Schwestern, Brüdern und seinem besten Freund in deren Dorf zusammen. So erfährt man über den Tod von Yves Mutter im Alter von 33 Jahren, die Arbeitslosigkeit und die zunehmenden Krankheiten seines Vaters, die notgedrungenen Feldarbeiten seiner Schwester, den harten Tagesjob seines älteren Bruders sowie die Obdachlosigkeit seines jüngeren Bruders. Yves hatte als einziger der Familie die Schule besucht. Seine Pflicht ist es daher, die Familie zu unterstützen. Das aber erscheint nicht möglich, denn er erkennt den Widerspruch, für den er sich schämt und deshalb der Familie lediglich künftige Möglichkeiten der Unterstützung in Aussicht stellt. Sein bester Freund daheim spricht zwar immer liebevoll über Yves, doch bei allem schwingt in seinen Worten der Unterton mit, Yves müsse sich anstrengen, um die Familie endlich zu unterstützen.

„Wir sind während des Drehs bei der Familie mit einem kleinen Team äußerst vorsichtig vorgegangen“, sagte Gärtner. Dies einerseits aus Respekt, andererseits um keinen „falschen Hollywood-Rummel und damit falsche Vorstellungen im Dorf zu verbreiten“. Denn Yves konnte nicht zurückkehren, da die sozialen Ächtungen für jemanden, der mittellos zurückkehrt, so stark sind, dass er mit seiner Familie daran zerbrechen könnte. Seine Konsequenz: besser seine geliebte Familie solange nicht wiedersehen, bis er sie erfolgreich unterstützen kann.

Am Ende des Films beschließt Yves – inzwischen in Frankreich gelandet – sich zur Fremdenlegion zu melden. Er hat keinen festen Job, kein festes Einkommen, kann seiner Familie somit nicht helfen. Er hat seine Ziele nicht erreicht. Schluss!

Der Eintritt in die Fremdenlegion sei an seinen mangelnden Sprachkenntnissen gescheitert, berichtet Gärtner im Filmgespräch. „Heute lebt er in Bilbao, absolviert Sprachkurse sowie eine Ausbildung zum Klempner und arbeitet schwarz als Kellner“, sagte die Filmemacherin. Sie sieht darin einen hoffnungsvollen Versuch einer sozialen Verwurzelung mit Ausbildungsabschluss, Arbeitsvertrag und Aufenthaltsgenehmigung und damit letztendlich den erfolgreichen Versuch, der Illegalität zu entkommen.

„Tief berührt“ sei übrigens seine Familie gewesen, nachdem sie den Film gesehen hatte, so die Regisseurin. Der Film lief sogar auf einem Film-Festival in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, worauf die Familie „sehr stolz“ gewesen sei.

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019

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Bild: Yasa Kharaman (l.), türkischer Liedersänger, dolmetschte für den Journalisten und Karikaturisten Ilhami Erdogan (Mitte). Sie sprachen gegenüber Moderatorin Barbara Köster und den Besuchern*innen die Hoffnung vieler Kurden auf Frieden aus. So werde etwa das autonome Gebiet ROJAVA jetzt nach der Befreiung von ISIS von den türkischen Truppen bedroht, die keine kurdische Selbstverwaltung dulden wollen.

„Die Legende vom hässlichen König“ ist die Abschlussarbeit von Regisseur Hüseyin Tabak an der Filmakademie Wien. Darin versucht er, den Schauspieler und späteren Drehbuchautor und Regisseur Yilmaz Güney zu portraitieren. Dieser hatte 1982, zwei Jahre vor seinem Tod, als absoluter Nobody innerhalb der Filmszene mit seinem Film „Yol – Der Weg“ überraschend die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewonnen. Tabaks Abschlussarbeit lief am 19. März 2019 im naxos.Kino.

Güney war ein revolutionärer Filmemacher gewesen, der die Sprache der Unterdrückten verstanden und filmerisch umgesetzt hat und dafür viele Jahre im Gefängnis verbringen musste. Das Urteil wegen Totschlags sollte einen unbequemen Filmemacher mundtot machen, der sich für den Sozialismus und die Rechte der Kurden in der Türkei engagierte.

Man hat ihn in der Türkei den „hässlichen König“ genannt, da er bereits in seinen Hau-drauf-Filmen der 1950er- und -60er Jahre gegen das damals in türkischen Filmen übliche Schönheitsideal der männlichen Stars verstieß. Geprägt war er durch sein Aufwachsen in einer kosmopolitischen Stadt, was seine späteren Filme widerspiegelten. Darin richtet er sich gegen die Türkei als einen permanent militärischen Staat, in dem „alle zehn Jahre ein Militärputsch“ stattfand.

Die Atmosphäre innerhalb der Türkei sei durch Spitzelei, Geheimdienst und Verfolgung gekennzeichnet gewesen, so Ilhami Erdogan. Dennoch sei es Güney gelungen, erfolgreiche Filme „gegen das Regime“ zu drehen. Ob allerdings ein Güney-Film gezeigt werden durfte, hing vom jeweiligen Gouverneur einer Region ab: „Ein Polizeichef kann jederzeit einen Güney-Film verbieten“, sagte der Journalist. Die Gewalt in seinen Filmen reflektiere aber auch die persönliche Gewalt des realen „hässlichen Königs“.

Als Held der kurdischen Gesellschaft zeige er in seinen Filmen Missstände und Menschen, die darin leben müssen, auf und mache somit „das Unsichtbare sichtbar“, so Barbara Köster. Im wirklichen Leben schlägt er privat Frauen, besäuft sich, frönt dem Glücksspiel und lebt die konventionelle Macho-Pose aus, so dass sich seine erste Ehefrau bereits nach zwei Jahren von ihm scheiden ließ. Revolutionär aktiv wurde er nach Angaben seiner zweiten Ehefrau erst in dieser Ehe, die bis zu seinem Tod hielt.

Noch heute werde in der Türkei Gewalt gegen Frauen immer noch mit mehr als 60 Prozent nicht bestraft, meinte Erdogan und beklagte, dass es noch keine Gesetzte dagegen gibt. Inzwischen hätten die Kurden jedoch verstanden, dass sie sich nur mit Hilfe einer starken Rolle der Frauen von Unterdrückungen befreien könnten. Dazu gehöre vor allem Bildung. Deshalb habe die Regierung auch den Analphabetismus unter den Kurden – insbesondere der Frauen – gefördert. Demgegenüber seien heutzutage jedoch schon zahlreiche Selbstverwaltungen entweder von Frauen oder in einer Doppelbesetzung von einer Frau und einem Mann geführt.

Vor und nach dem Filmgespräch spielte und sang Yasa Kharaman jeweils zwei kurdische Lieder, deren Inhalt vermutlich in Richtung kurdischer Unabhängigkeit zielte.

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2019

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Bild: Naxos-Moderatorin Hilde Richter (l.) diskutierte mit Mettem Acartürk (Mitte) und Elke Kress (r.) über den Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität und für ein gleichberechtigtes Miteinander unter den Geschlechtern.

 

Gibt es Fortschritte im seit 100 Jahren bestehenden Frauenrecht? Dieser Frage gingen die Veranstalter gemeinsam mit dem (fast ausschließlich) weiblichen Publikum am 12. März 2019 in der ausverkauften Naxoshalle nach. Zuvor lief als Eröffnung der neuen naxos-Saison die Dokumentation „#Female Pleasure” anlässlich des Internationalen Frauentags.

Als Gesprächsgäste waren Mettem Acartürk und Elke Kress vor Ort. Die Soziologin Acartürk ist für das Fem-Mädchenhaus in Frankfurt tätig. Die Organisation bietet Mädchen Zuflucht, Beratung und Treffen unter dem institutionellen Dach de Vereins Feministische Mädchenarbeit e.V.. Kress arbeitet für die Lesben Informations- und Beratungsstelle (LIBS), Frankfurt, deren Ziel es ist, den Ursachen und Folgen gesellschaftlicher Diskriminierung lesbischer und bisexueller Mädchen und Frauen entgegenzuwirken. Beide fühlten sich von den gezeigten global gleichen Schicksalen unterdrückter Frauen „emotional aufgewühlt“. Bestimmte Themen hätten sich in den 100 Jahren nicht verändert, meinte Acartürk. Sie sei jedoch auf die Zukunft bezogen optimistisch, lebe sie doch in einem Land, in dem sie sich für diese Probleme engagieren könne. Kress bezeichnete es als „einen großen Fortschritt“, so leben zu können, wie sie es sich vorstelle. Beide beklagten allerdings tradierte Rollenbilder sowohl in traditionellen als auch modernen Gesellschaften, vor allem am Beispiel des Frauenbilds in der Werbung der westlichen Welt.

Naxos-Moderatorin Hilde Richter fragte nach, wie es heute um das Thema „Schweigen brechen“ stehe. Acartürk monierte noch immer zu viele Schweigefelder, etwa Themen wie Klitoris und Pornografie in der Aufklärung. „Komische Blicke im Bus, sexistische und rassistische Übergriffe, über die noch geschwiegen wird. Dort herrscht immer noch der männliche Blick“. Aus erlebten Dialogen mit „feministischen Männern“ folgerte sie aber auch positive Entwicklungen: „Kleine Schritte führen zu großen Schritten“. So sei Sprache Beziehungspflege, nicht Informationsübertragung. Kress zufolge spiegele sich Angst vor sexueller Gewalt immer noch im Verhalten von Mädchen und Frauen wider. Sie bezog sich auf ein Zitat „Wir alle mögen Sex. Akzeptiert das.“ aus dem Film.

Persönliche Diskriminierungen hätten beide Gesprächspartnerinnen genügend erfahren. Acartürk sehr vielfältige persönliche und gegen ihr Klientel bezogene. Kress bestätigte das, weil sie „anders“ sei als die große Mehrheit. Allerdings sieht sie Frauen nicht mehr in einer Opferrolle, sondern als Aktivistinnen deutlich auf dem Vormarsch.

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019

Zu allen 36 Dokumentarfilmen, die im naxos.Kino 2018 gezeigt wurden, hat es im Anschluß ein Filmgesprüch mit Experten und unseren BesucherInnen gegeben. Die FilmemacherInnen, die sich oft über Jahre mit der Thematik ihrer Dokus beschäftigt haben, haben viel Interessantes über die Entstehung der Filme, aber auch über die aktuelle Situation berichtet.

Wir haben die 36 Filmgespräche in einer Broschüre dokumentiert, die Sie hier herunterladen können: Unser Filmjahr 2018 pdf-Download Unser Filmjahr 2018

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019

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Bild: Alexis Passadakis, Attac Frankfurt (r.), diskutierte mit den naxos-Besuchern radikal-kreative Aktionsformen gegen die Macht der Konzerne. Wolf Lindner (Mitte) moderierte das Filmgespräch.

 

Dient das Etikett „Nachhaltigkeit“ dazu, Umweltzerstörung unsichtbar zu machen? Werner Boote und Kathrin Hartmann hinterfragen die Imagepflege der Konzerne. Gezeigt wird eine Reise durch die Welt von Produktion und Konsum „natürlicher“ und „nachhaltiger“ Dinge wie Palmöl oder Elektroautos. Die Menschen können dieser Falle entgehen, indem sie neue Fakten recherchieren, sinnliche Eindrücke und persönliche Autorität zusammenbringen, vielleicht ein wenig formalen Thrill erzeugen und schließlich das Recherchierte in einen größeren Zusammenhang bringen. So das Fazit des Gesprächs nach dem Dokumentationsfilm „Die Grüne Lüge“ am 13. November 2018 im ausverkauften naxos-Kino.

Man müsse eben nur die richtigen Packungen im Supermarkt wählen und den Versprechungen zur „Nachhaltigkeit“ glauben, so der Film. Die Reise des Filmers teilt Kathrin Hartmann, die seit Jahr und Tag den Desinformationen der Konzerne auf der Spur ist. Beide spielen ein wenig Good Cop/ Bad Cop: Boote gibt den naiv Fragenden, Hartmann ist für die unerbittlichen Nachfragen zuständig. So gelingt es den beiden hier und da, die Mauer zu durchbrechen, die die Public-Relations-Maschinen der Konzerne aufgebaut haben. Beinahe wichtiger aber ist, dass gezeigt wird, wie sie funktionieren.

Auf der anderen Seite zeigt der Film Menschen, die Widerstand gegen die Umweltzerstörung leisten. Eine zentrale Aussage des Films ist die direkte Kritik an einer Politik, die die Verantwortung für ökologisch und sozial akzeptable Ware den Verbrauchern zuschiebt. Sie bietet keinen Schutz vor irreführender Werbung wie der von einer „Nachhaltigkeit“ der Palmölproduktion, durch die Regenwald vernichtet und Menschen vertrieben werden. Haben wir Verbraucher die Macht, etwas daran zu ändern, hieß es seitens der Besucher.

Gesellschaften könnten sich schnell wandeln, wenn es darauf ankommt, meinte Alexis Passadakis, Leiter der AG Solidarisches Europa bei Attac, Frankfurt. Der Film habe zumindest angedeutet, dass Veränderungen aufgrund von Druck möglich sind. „Macht kann man sich aneignen“, sagte Passadakis, „vor allem in kollektiven Prozessen“. Man müsse sich in Prozesse integrieren, um Änderungen zu bewirken: „Macht ist erlernbar, wie viele andere Dinge auch“.

Gemeinschaftsaktionen machten Spaß und die Teilnehmer glücklich, hieß es aus dem Auditorium. Passadakis stimmte dem zwar zu, meinte aber auch, es sei nicht der einzige emotionale Zustand, wenn man die Welt verändern wolle, zumal in vielen Fällen Gleichgesinnte durch Mord oder Totschlag aufgrund von Gewalt seitens der Machthabenden verloren gingen. Deshalb seien Strukturen „out of action“ nötig, wie etwa die Protestierenden beraterisch zu begleiten: „Für einen langen Atem benötigt man den Umgang mit Verlust und Trauer“.

Richtiges Einkaufen mündiger Verbraucher erweise sich als die große Falle, in die gerade jene Menschen geraten, die sich im Konsumverhalten nicht als Weltzerstörer fühlen wollten. Aber wirkliche Nachhaltigkeit „erschmust man sich nicht mit Konzernen“, so einige Besucher. Denn immer wieder, bei den Erdölbohrungen und den damit verbundenen Katastrophen, bei Elektroautos, bei denen die Umweltzerstörung unsichtbar gemacht wird, zeigt sich, was ein Besucher schlicht erklärte: »Denen ist die Umwelt egal, alles, was sie interessiert, ist Geld“.

Daraus entstand eine Diskussion über das aktuelle deutsche Beispiel Hambacher Forst. Dort sollen die RWE-Rodungen zwecks Kohleabbau fortgesetzt werden, da der Konzern den Wald in den 1970er Jahren gekauft hat. Moderator Wolf Lindner fragte, ob sich die Umwelt-community daraufhin nicht radikalisieren müsse, nicht etwa durch Gewalt, sondern durch Kreativität, die die andere Seite überrascht. Sowohl die Besucher als auch Passadakis stimmten dem zu. „Radikale Aktionsformen ohne Gewalt sind notwendig“, meinte der Attac-Vertreter. Konflikte würden sichtbar, wenn Grenzen überschritten und Verhältnisse offensichtlich würden. Das Ganze angereichert durch neue Aktionen für andere ökonomische Konzepte. Als möglichen Ansatzpunkt nannte Passadakis die IAA 2019 in Frankfurt, weil die Automobilindustrie in Deutschland die größte Macht besitzt. Abschließend dazu Wolf Lindner: „Wer die Demokratie verschläft, wacht in der Diktatur auf".

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019

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Auf dem Foto von Stephan Werner © (von links): Dr. Werner Hanak, Dr. Ina Knobloch, Gerd Becker

Zu Beginn weist der Moderator auf den 80. Jahrestag der Pogromnacht hin, der sich in dieser Woche jährt. In Frankfurt hatten die Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen in der Börnestraße, am Börneplatz, an der Friedberger Anlage und in Höchst abgebrannt; die Westend Synagoge wurde im Innenraum ausgebrannt. In Frankfurt wurden wie im ganzen Land auch Wohnungen, Bethäuser und Geschäfte zerstört, Juden umgebracht und in Sammellager gebracht. 1.400 Synagogen brannten insgesamt und in den Tagen danach wurden ca. 30.000 Juden in KZs verschleppt.

Der heutige Film trägt viel dazu bei, die historischen Wurzeln und die Kontinuität des Judenhasses aufzudecken. Die als Gast anwesende Regisseurin Dr. Ina Knobloch ist promovierte Biologin, Filmemacherin und Publizistin. Sie hat zahlreiche Filme, Bücher und Artikel aus dem Bereich der Natur, Wissenschaft und Geschichte produziert und realisiert, darüber hinaus verschiedene Reisereportagen, insbesondere zu Costa Rica. Erstaunlich für die Besucher, wie sie zur Filmidee zu Joseph Süßkind Oppenheimer (1698 – 1738) gekommen ist. Sie sieht beispielsweise Parallelen zur Lebensgeschichte Oppenheimers in dem bekannten Buch „Das Parfüm“ von Patrick Süskind. Auch Kafkas bekanntes Werk „Die Verwandlung“ interpretiert sie als Allegorie zu dem Lebensschicksal Oppenheimers.

Als weiterer Gesprächsgast wird Dr. Werner Hanak begrüßt, der seit Mai des Jahres stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt ist. Vorher hat er - promovierter Theaterwissenschaftler - 30 Jahre die Kulturarbeit in Wien vorangebracht. Er war dort in den letzten 7 Jahren als Chefkurator des Jüdischen Museums tätig. Hier kuratierte er auch 2013 die neue permanente Ausstellung "Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute" sowie zahlreiche kultur- und sozialhistorische Ausstellungen. Er sieht Gemeinsamkeiten zwischen Wien und Frankfurt, die historisch große Bedeutung für das Judentum in Europa hatten. Ein Unterschied ist aber, dass in Wien lange Zeit nur sehr wohlhabende Juden leben durften, deren Zahl um die 500 lag, während Frankfurt einen sehr viel größeren jüdischen Bevölkerungsanteil hatte.

Beide Gäste erläutern, dass Joseph Süßkind Oppenheimer einen außerordentlichen Werdegang hatte. Wie im Film von Fritz Backhaus erwähnt, war er mit einer der ersten der damaligen „Global Player“. Er stand nicht nur, wie in seinen letzten Lebensjahren, in den Diensten von Karl Alexander, Herzog von Württemberg. Er vermittelte vorher u.a. verarmten Adeligen Kredite und hatte Verbindungen nach Wien, Paris und anderen Städten. Grundlage, so Werner Hanak, war sein ausgeprägtes Netzwerk in Teilen Europas, sowie sein Eintreten für ein damals neues merkantilistisches Wirtschaftssystem. Er hat die Entwicklung von Städten wie Karlsruhe und Ludwigsburg vorangebracht, den Bau von Schlössern und Residenzen unterstützt und finanziert.

Frau Knobloch führt aus, dass er in Frankfurt das Privileg hatte, eine Residenz außerhalb des Judenviertels zu besitzen, das auch von seiner Mutter, die im Judenviertel groß geworden war, genutzt werden konnte. Er hat Jüdische Gemeinden in vielerlei Hinsicht unterstützt. Was führte nach dem Tod von Herzog Karl Alexander zu seiner fürchterlichen Hinrichtung, die wohl von 20.000 Menschen am Stuttgarter Galgenberg beklatscht wurde? Er war, so Werner Hanak, Sündenbock und Bauernopfer. Dahinter standen vor allem die Ständevertreter, die sich nicht offen gegen die Adeligen auflehnen wollten. Bezeichnend auch, dass er unmittelbar nach Alexanders Tod von einer Bürgerwehr festgenommen und an einen unbekannten Ort verschleppt wurde, ohne eine Möglichkeit sich zu verteidigen. In dem inzwischen offenen Archivmaterial über die Vernehmungen und die Gerichtsverhandlung nach seiner Festsetzung wird deutlich, dass Oppenheimer mit allen Klischees und Verdächtigungen übelster Art traktiert wurde. Er hat das zweifelhafte Angebot, seine Lage durch eine Konvertierung zum Christentum zu verbessern, standhaft abgelehnt.

Oppenheimers Leben und Tod wurde im letzten Jahrhundert immer wieder literarisch und auch in theatralischen und filmischen Darstellungen („Jew Süß“, Lothar Mendes 1934) aufgegriffen. Am bekanntesten ist der Roman Jud Süß von Lion Feuchtwanger (1928) der teilweise auf die gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff (1828) zurückgreift. Die Nationalsozialisten haben mit dem Film Jud Süß von Veit Harlan (1940) Oppenheimer missbraucht und ihm alle denkbaren anti-jüdischen Klischees zugeschrieben. Dieser Film, - den hunderttausende SS Leute und dergleichen verpflichtend sehen mussten -, war ein drastisches Propaganda Instrument um die stattfindende und weiter geplante Vernichtung der europäischen Juden zu unterstützen und zu legitimieren.Ein großer Verdienst des heutigen Filmes von Ina Knobloch ist, findet Moderator Gerd Becker, dass er einige der in dem Nazi Propagandafilm verbreiteten rassistischen Unterstellungen konkret als „Fake News“ entlarvt.

Schließlich wird von den Besuchern gefragt, was die Wurzeln des historischen und heutigen Antisemitismus sind. Ina Knobloch sieht vor allem schon im Beginn und in den ersten Jahrhunderten nach der Gründung des Christentums die Ursachen liegen. Die sich verbreitende Religion ist erbost, dass das Judentum und die jüdische Religion weiter eigenständig bestehen bleibt. Dies führt über Jahrhunderte hinweg immer wieder zu Zuschreibungen bis hin zu Vernichtungszügen - wie in der Zeit der Kreuzzüge in Mainz und bei anderen der damaligen jüdischen Gemeinden. Es gab, so Werner Hanak aber auch Phasen, in denen in verschiedenen Gebieten über längere Zeit ein friedliches Zusammenleben möglich war. Geändert und überhaupt erst als Form des Antisemitismus entstanden, ist diese Form der Judenfeindlichkeit in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Hatten vorher Juden als Nicht-Christen keinerlei Rechte und waren schon daher Menschen 2. Klasse, veränderte sich das, als Juden Bürgerrechte zugesprochen wurden und sie Niederlassungsfreiheit hatten. Nun war es der aufkeimende Rassismus, der die Menschen in dominante und minderwertige Kategorien aufteilte. Auf dieser ideologischen Grundlage konnte sich schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Antisemitismus ausbreiten, der von den Nazis zu dem Völkermord ausgenutzt wurde. Auch heute ist er latent vorhanden und wird mehr und mehr offen auch in verbalen und offenen Angriffen auf Menschen jüdischer Herkunft in Deutschland deutlich.Umso wichtiger ist es, Filme wie den heutigen zu zeigen und zu verbreiten, nicht nur, weil er vor kurzem den Preis als bester Hessischer Dokumentarfilm erhalten hat.

Bericht: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2018