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Bild: naxos-Moderatorin Carola Benninghoven mit ihrem Gast Andreas Hesse, der als intimer Kenner Kubas und der kubanischen Filmszene gilt.

Der Dokumentarfilm „Suite Habana“ von Fernando Pérez aus dem Jahr 2003 lässt den Zuschauer 24 Stunden am Leben in der kubanischen Hauptstadt teilhaben. Er zeigt ein knappes Dutzend Menschen in ihrem Alltag. Seine Montage folgt den Tageszeiten mit Beobachtungen von Menschen, die am Abend im Nachtleben aufblühen. Der Film lief am 1. September 2020. Das Filmgespräch führte naxos-Moderation Carola Benninghoven im Anschluss mit Andreas Hesse, Mitorganisator des jährlich stattfindenden Festivals „Cuba im Film“ im Filmforum Höchst.

Alle Personen im Film sind authentisch, nichts ist gespielt, eröffnete Benninghoven das Gespräch. Das bestätigte Hesse, den der Film an Walter Ruttmann erinnerte, den bedeutendsten Vertreter des deutschen abstrakten Experimentalfilms, und dessen Werk „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ von 1927. Gleichermaßen schlug er einen Bogen zum bekanntesten Vertreter des amerikanischen Realismus, Edward Hopper, der in seinen Bildern eine Atmosphäre der Einsamkeit des modernen Lebens ausdrückt. „Auch Pérez gelingt es ohne Ton, nur anhand von Bildern und Geräuschen, eine Atmosphäre von Bilderwelten zu schaffen“, sagte Hesse.

Die internationale Kritik habe den Film nach Erscheinen hoch gelobt, ihn aber auch als Anklage gegen das System interpretiert: auf der einen Seite Mangelwirtschaft und kritische Zustände der Infrastruktur, auf der anderen behutsame Fürsorge im Umgang miteinander. Fazit laut Hesse: „Das Land kann in kein spezielles Schema gepresst werden“.

Wirtschaftlich habe sich die Lage inzwischen leicht zum Positiven entwickelt, meinte Benninghoven, wobei der Tourismus aufgrund von Covid 19 erhebliche Einbußen zu verzeichnen habe. Obwohl die Infektionsrate relativ niedrig erscheine, rolle mittlerweile eine zweite Coronawelle speziell über Havana, meinte Hesse: „Das kann zum wirtschaftlichen Zusammenbruch führen. Die Trump-Administration erschwert den Devisenfluss seitens der Exilkubaner. Der öffentliche Verkehr ist quasi lahmgelegt“.

Von Benninghoven angesprochen auf a) die Landwirtschaft und b) die Gesundheitsversorgung, meinte der intime Kuba-Kenner, die Monokulturen seien die Basis für eine hohe Importnotwendigkeit. Parallel dazu fehle es an Flugzeug-Treibstoff für die Aussaat aufgrund der derzeitigen US-Blockade. Die Gesundheitsversorgung sei kostenlos, weil der Export von Medikamenten nach Lateinamerika und Afrika ein wichtiger Geldbringer zur Finanzierung des Gesundheitswesens sei. „Aber insgesamt ist die Situation prekär“. Hesse verwies auf ein „permanentes Krisen- und Notfallmanagement, paralysierte Reformen, mangelnde Liberalisierung der Landwirtschaft und das Urübel allgegenwärtiger Korruption“.

Die große Revolution sei vorbei, erwähnte Benninghoven abschließend und fragte nach der politischen Einstellung der jüngeren Generationen. Diese wanderten oftmals aus ins Exil, andere „kritisieren ihre revolutionär-verklärten Opas“, sagte Hesse. Generell müsse das vielschichtige Kuba zu einer neuen Normalität zurückfinden.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 02. September 2020

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Bild: naxos-Moderatorin Marianne Spohner (l.) mit ihren Gästen Yvonne Hanke und Dr. Bernd Werse, Centre For Drug Research, Goethe Uni, Frankfurt

Ob Multiple Sklerose, Epilepsie, chronische Schmerzen oder gar Hirntumore. Die Liste der Krankheiten, die Cannabis angeblich heilen kann, ist lang. In immer mehr Ländern wird die Substanz für medizinische Zwecke zugelassen. Cannabis wurde im 20. Jahrhundert zur Einstiegsdroge erklärt und verboten. Der Konsum wird als direkte Vorstufe für härtere Drogen per Gesetz streng verfolgt.

Vor diesem Hintergrund liefen auf naxos am 25. August 2020 die Filme „Cannabis auf Rezept“ und „Israel: Koscher kiffen“. Zum Filmgespräch kamen Yvonne Hanke und Bernd Werse, Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Mitbegründer des Centre For Drug Research an der Frankfurter Goethe-Uni. Moderiert hatte das Filmgespräch Marianne Spohner, naxos.Kino.

Cannabis als Medikamentierung solle nur dann angewandt werden, wenn alle anderen Medikamente nicht mehr helfen und eine schwere Krankheit vorliegt. Die Wirkstoffe seien das Entscheidende. Hier müsse man „spielen, denn der eine wird high, der andere geht down“, sagte Bernd Werse, Mitbegründer des Centre For Drug Research an der Goethe Uni in Frankfurt.

Vom Papier her gelte das Gesetz als liberal. Das sei darauf zurückzuführen, dass sich Betroffene bis dahin durchgeklagt hätten, weil zuvor alles aus den Niederlanden importiert wurde. „Frankfurt will die Situation für cannabisabhängige Patienten verbessern“, so Werse weiter. Das Problem sei aber der illegale Beschaffungsmarkt. So gebe es etwa Abhängige, die zehn Gramm pro Tag benötigten, weshalb viele illegal privat anbauten und somit an kriminelle Grenzen gerieten.

„Viele Konsumenten werden von außen als abhängig bezeichnet, verstehen sich aber als Selbstmedikamentierer“, sagte Yvonne Hanke, ebenfalls vom Centre For Drug Research. Insgesamt bekämen immer mehr Leute medizinisch Cannabis verschrieben. Sie selbst sei aufgrund eigener Abhängigkeit zur Initiative gestoßen. „Sehe ich aus wie eine Süchtige?“, fragte sie in den Raum.

Seit 2017 ist Cannabis in Deutschland legalisiert und verschreibungsmöglich. Das Hauptproblem der Betroffenen sei, einen Arzt zu finden, der ihnen Cannabis verschreibt und eine Diagnose erstellt. Alternativ würden Antidepressiva eingesetzt, bei chronischen Schmerzen führe das jedoch zu einer extremen Behinderung.

„Als erstes sollte man sich an den Hausarzt wenden, der jedoch keine Rezepte ausstellen darf, aber hilfreiche Tipps geben kann“, sagte Hanke. Ihre Organisation helfe den Betroffenen dann weiter, etwa beim Erstellen der notwendigen Unterlagen. Problematisch werde es, wenn es sich herumspreche, dass ein Arzt Cannabis verschreibt. Über kurz oder lang werde dann seine Praxis von Patienten „überschwemmt“. Auch so könne dann ein weiterer illegaler Beschaffungsmarkt entstehen.

 

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2020

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Bild: naxos-Moderatorin Carola Benninghoven (l.) im Gespräch mit Sigrid Jacob, Leiterin des Freiwilligenzentrums Offenbach, sowie dem Offenbacher Diplompsychologen Werner Gross

„Trockenschwimmen“ handelt nicht nur vom Schwimmen. Der Film dreht sich auch um das Alter, die Angst vorm Tod und den Willen nach Leben. Das naxos.Kino zeigte den Dokumentarfilm am 18. August 2020.

„Es geht um Mut, sich etwas zu trauen und um das Erfüllen von Träumen“, eröffnete Moderatorin Carola Benninghoven das anschließende Filmgespräch. Ihre Gäste waren Sigrid Jacob, Leiterin des Freiwilligenzentrums Offenbach, sowie der Offenbacher Diplompsychologe Werner Gross. Letzterer meinte, Schwimmenlernen könne auch bedeuten, „das richtige Maß zwischen Sicherheit und Grenzen“ auszuloten. Daran orientiere sich vor allem das Publikum des Freiwilligenzentrums, bestätigte Jacob: Menschen, die in den Ruhestand gingen und noch eine freiwillige Tätigkeit ausüben wollten.

Hier überwinden fünf Frauen und zwei Männer zwischen 64 und 74 ihre Angst und wollen endlich schwimmen lernen. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Schüler selbst. Vom Segler bis zur Hausfrau bringt jeder seine eigene Lebensgeschichte, Ängste und Sehnsüchte mit in den Kurs. Sie nehmen mutig, zaudernd oder auch mal abwehrend in ihrer Badekleidung am Beckenrand Aufstellung und bereiten sich auf den Sprung ins kalte Wasser vor.

„Sie setzen ihren Willen durch, während des Älterwerdens etwas Neues zu erleben“, sagte Jacob. Denn wahrgenommen werde der ältere Mensch, wenn er etwas Ungewöhnliches tue. Eine derartige Haltung verstehe sich auch als ein Auflehnen gegen das Vorurteil: Du bist viel zu alt, das kannst Du nicht mehr. „Sich ein Ziel zu setzen, hält einen jung“, ergänzte Gross, räumte aber auch ein, sich erst später etwas zu trauen, könne auch heißen, erst jetzt dazu Zeit zu haben.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2020

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Bild: Regisseurin Sigrid Faltin ging „das Herz auf“, als sie ihren Film wiedersah, Moderator Andrej Bockelmann dankte ihr für „den schönen Film“.

Eins der weltweit bekanntesten Lieder ist „La Paloma“. Es gehört zu den am meisten interpretierten und auf Tonträgern festgehaltenen Musikstücken. 2008 hat die Regisseurin Sigrid Faltin eine Dokumentation darüber gedreht. Am 11. August 2020 stellte sie den Film noch einmal im naxos.Kino vor.

Moderator Andrej Bockelmann eröffnete das Filmgespräch mit der Frage, wie lange sie an dem Film gearbeitet habe. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts habe sie vier CDs mit unterschiedlichen La Paloma-Melodien gehört. „Das hat mir Lust gemacht, einen Film darüber zu drehen“, sagte die Filmmacherin. 2004 musste sie dann „die Finanzierung stemmen“, worauf ein Jahr Recherche folgte. „Anschließend habe ich in einem Jahr sieben Länder auf drei Kontinenten aufgesucht und anschließend das Material geschnitten“, so Faltin weiter.

Das Lieblingslied der Deutschen gilt hier als Inbegriff des Nordens. Aber La Paloma ist mehr als Freddy Quinn und Hans Albers. Es ist das meist gespielte Lied der Welt. Auf Sansibar wird es auf Hochzeiten gespielt, in Rumänien am Ende einer Beerdigung, in Mexiko ist es das Protestlied gegen den damals neu gewählten Präsidenten. Weltweit schmückt es sich mit unterschiedlichen Texten, Rhythmen, Instrumentierungen. In seiner Seele, der Melodie, jedoch blieb es sich immer treu. Der Film folgt dem Lied auf seiner Reise um die Welt und zeigt die bewegende Karriere einer wunderbaren Melodie.

„Wenn ich heute den Film wiedersehe, geht mir immer noch das Herz auf“, strahlte die Regisseurin. Ob es schwer war mit den Menschen in Kuba in Kontakt zu kommen, fragte Bockelmann, da der Film mit Kuba beginnt. Valtin bedauerte, dass damals das dortige Musikmuseum geschlossen war. Dennoch habe man ihr einen privaten Einblick gewährt, vor allem zu einem der ersten Musikautomaten mit gestanzten Metalllatten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Ihr allgemeiner Eindruck vom damaligen Kuba sei jedoch ein „hartes, ärmliches Leben der Menschen“ abseits jeglicher Sonnenscheinromantik gewesen. Am liebsten habe sie auf Hawaii gedreht, sagte sie und verabschiedete sich mit einem herzlichen „Aloah“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2020

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Mit dem Dokumantarfilm BEUYS von Andres Veiel hatte das naxos.KINO einen gelungenen Wiedereinstieg bei ausverkauftem Haus.
Der Regisseur konnte leider nicht kommen.
Unser Gast war daher Prof. Manfred Stumpf von der Hochschule für Gestaltung Offenbach.
Moderator Wolfgang Voss erleuterte noch einmal kurz die wichtigsten Verhaltensregeln und konnte erfreut durchweg deren Einhaltung feststellen.
Das sehr durchdachte Konzept des Theater Willy Praml machte uns den Neustart leicht.

Im Wechsel zwischen Moderation, Podiumsgast und Publikum wurden zum einen die wichtigsten Anliegen des Filmemachers rekonstruiert, zum anderen der persönliche Bezug des Podiumsgastes zu Beuys dargestellt und schließlich Wesenselemente von Beuys' Werk und Theorie herausgearbeitet.
Ein besonderes Augenmerk galt auch den Gestaltungselemenen des Films und der Arbeit der Editoren Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer.
Eine Einschätzung der heutigen Kunstszene und ein augenzwinkernder Hinweis auf die besondere "Romantik" der 70er- und beginnenden 80er Jahre schlossen das Filmgespräch ab.

Beuys' Fragen bleiben aktuell - möglicherweise wird erst eine ferne Zukunft die angemessenen Konsequenzen daraus ziehen.

Mit gebührendem Abstand: Wiedereröffnung vom naxos.KINO am 04.08.2020 (c) Foto: Antje Lang, naxos.KINO

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2020

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Bild: naxos-Moderator Andrej Bockelmann (r.) mit Julia Pesch, Klimaaktivistin bei Ende Gelände, und Alexis Passadakis, attac Frankfurt. 

Zum Großteil Corona-bedingt, ist das Kino am 10. März nur zu einem Viertel gefüllt. Es hätte schlimmer kommen können, da die gleichnamige, für den Abend geplante Dokumentation mit Mario Adorf auf Anraten seines Arztes kurzfristig abgesagt werden musste. Nicht informierte Besucher, die den Schauspieler hätten erleben wollten, wären möglicherweise verärgert abgezogen. So aber startete das naxos.Kino die Saison mit der Dokumentation „Die Rote Linie – Widerstand im Hambacher Forst“. Darin dokumentiert Regisseurin Karin de Miguel Wessendorf den Protest gegen die Vernichtung des Hambacher Forstes und den Widerstand gegen den Braunkohleabbau aus Sicht verschiedener Gruppen, die sich gemeinsam gegen den Energieriesen RWE stellen.  

Der Hambacher Forst ist zu einem Widerstand- Symbol gegen die bisherige Energiepolitik geworden. Die Auseinandersetzungen um die Räumung des Waldes im Herbst 2018 haben gezeigt, wie dringend die Diskussion um einen früheren Braunkohleausstieg für viele Menschen ist. Vor Ort diskutiert hatten naxos-Moderatoren Andrej Bockelmann und Wolf Lindner im anschließenden Filmgespräch mit Alexis Passadakis, attac Frankfurt, und Julia Pesch, Klimaaktivistin bei Ende Gelände, nach eigenen Angaben „ein europaweites Bündnis von Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Bewegungen“ der Anti-Atom- und Anti-Kohlekraft-Bewegung

Für Bockelmann waren diverse Szenen im Film „unfassbar“. Gehe es um den Wald oder eher um ein politisches Symbol, fragte er nach. Laut Julia Pesch wolle die Kohlekommission wohl die Klimakrise bekämpfen. Die Erhaltung des Waldes sei „wünschenswert“. Jedoch seien die Kompromisse nicht ausreichend, um die Rodung des Hambacher Forstes mit den Pariser Klimazielen zu vereinbaren: „Das führt zum Tod des Waldes“.  

Passadakis, ebenfalls bei Ende Gelände engagiert, bezeichnete den Widerstand von Besetzern und Demonstranten als „strategische Entscheidung von Klimaaktivisten“. Klimagegner, Waldbesetzer und Ende Gelände hätten über Jahre hinweg einen sozialen Druck aufgebaut, gegen das Motto „Braunkohle gleich Energiesicherheit“. RWE hingegen habe sämtliche Ressourcen, um eigene Interessen durchzusetzen und sei somit „ein machtvoller politischer Akteur“, gegen den nur politischer Druck helfe. Pesch zufolge habe es Absprachen zwischen CDU, FDP und RWE gegeben, den Wald abzuforsten. Von ursprünglich 7000 Hektar seien derzeit nur noch 500 erhalten. „Das Ökosystem könnte noch erhalten bleiben“, sagte Passadakis, aber der Wald gehöre nunmal RWE. 

Hambacher Forst oder Wald? Es komme auf den Standpunkt an, meinte Pesch. Forst bedeute eine wirtschaftliche Nutzung, Wald hingegen meine im Grunde Urwald, der über Jahrhunderte ein Wald für alle Menschen gewesen sei. 

Als Protestaktion werde derzeit einmal pro Monat ein Waldspaziergang durchgeführt. Auch in den vom Aussterben bedrohten Dörfern fänden noch Demonstrationen statt. So habe eine Initiative eine Obstwiese als Bollwerk gegen die Rodung gekauft, berichtete Pesch. Auch Passadakis verwies auf geplante Ende Gelände-Aktionen in diesem Jahr, um weitere RWE-Aktivitäten zu blockieren. „Bei mir ist die Energie noch sehr groß, um zu retten, was noch zu retten ist“, auch wenn Klima, Flüchtlinge, Coronavirus und verstärkt aufkommender Nationalismus die Globalkrise verschärften. 

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. März 2020

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Im Bild v.l.n.r. Reinhard Müller, Leitender Redakteur, FAZ, ZDF-Moderator und Regisseur Claus Cleber, Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende „Die Linke“ im Hessischen Landtag, Florian Stritzke, Bundesvorstand Amnesty International, und Moderater Florian Schwinn, hr2.

Um die Grundwerte der menschlichen Zivilisation steht es weltweit nicht besonders gut. So umfassen die 30 Artikel der UN-Menschenrechtserklärung mehr als Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Wahlen oder das Verbot von Folter und Sklaverei. Anlässlich des 70. Jahrestages der UN-Menschenrechtserklärung lief am 10. Dezember 2019 die Dokumentation „Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte“ von der Journalistin Angela Andersen und dem Filmemacher Claus Kleber.

hr2-Moderator Florian Schwinn war „von dem gezeigten Knäuel von Problemen überwältigt“ und fragte den Regisseur, was er mit dem Film bewirken wolle. Als Reporter wolle er Geschichten erzählen und damit auf Probleme aufmerksam machen: „Die Menschen, die sich für das Grundgesetz der Menschheit einsetzen, sollten im Mittelpunkt des Films stehen“, sagte Kleber. Erst im Schneideraum sei ihm klar geworden, wie ein Teilstück an ein anderes nahtlos anschließe und so den Film im Fluss halte.  

Strukturelle Probleme seien dafür verantwortlich, dass Menschenrechte in diversen Regionen mit Füßen getreten werden, meinte Florian Stritzke vom Bundesvorstand Amnesty International. Vor allem der Kampf um Freiheit müsse mit Leben gefüllt werden, auch und gerade durch namenlose Helden, ergänzte der Leitende FAZ-Redakteur Reinhard Müller. 

Janine Wissler griff das Beispiel Flüchtlingslager als Menschenrechtsverletzung in Diktaturen und Halbdiktaturen auf. „Unter krassesten Bedingungen setzen sich dort Menschen für Menschlichkeit ein“, beklagte die Fraktionsvorsitzende Die Linke im Hessischen Landtag. Jeder Staat sei dafür verantwortlich, dass innerhalb seiner Grenzen die Menschenrechte eingehalten werden, warf Schwinn ein. Als Beispiele für die Verletzung von Menschenrechten bezog er sich auf Filmszenen aus China, Bangladesch, Gambia, Guatemala, Ungarn, Polen und der Türkei. In China verzichte man auf Menschenrechte, meinte Müller, da es den Menschen dort anscheinend gut gehe, so dass dort das Prinzip „nicht auffallen, sondern mitmachen im Sinn der Regierung“ gelte. 

Kleber verwies auf Menschenrechtsverletzungen in Augsburg, auf den Breitscheidplatz in Berlin und auf Chemnitz und fragte rhetorisch, wie viele Beispiele dieser Art sich in Deutschland noch ereignen müssten, um ähnliche Zustände herzustellen. Schwinn zitierte in diesem Zusammenhang eine Umfrage, nach der rund 40 Prozent der Deutschen meinten, sie würden es begrüßen, wenn sie das Verhalten ihrer Nachbarn überwachen könnten. Die Menschenrechte seien also immer nur so stark, wie die Menschen, die dahinter stehen. Kleber zitierte er einen türkischen Journalisten aus seinem Film, der an einer Stelle sagte: "Du kannst nicht Journalist sein, wenn Du Angst hast“. Deshalb sei eine freie Presse unabdingbar. 

Auch international tätige Konzerne müssten dafür haften, dass ihre Produktion in der Dritten Welt fair und menschenrechtlich korrekt ist, so Müller. Im Zweifelsfall müsse die Politik stärker darauf einwirken. Wissler zufolge sollte insbesondere den Konsumenten, die Billigprodukte kaufen, bewusst sein, dass diese oft unter menschenunwürdiger Ausbeutung hergestellt würden. Gleichzeitig stellte sie die Ausbeutung illegaler Arbeitskräfte auf deutschen Baustellen mit einem Stundenlohn von einem Euro an den Pranger. 

Die Globalisierung habe dazu geführt, dass rund 400 Millionen Menschen innerhalb der letzten zehn Jahre hungern, in Armut und auf der Flucht lebten, so Kleber abschließend und sagte mit leichtem Unterton „Ich wünsche mir, dass ich wie die unterdrückten Menschenrechtler handeln würde, wenn es hier hart auf hart käme – theoretisch“.

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019

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Bild: v.l.n.r. naxos-Moderator Henning Meumann mit Regisseur Jerry Rothwell und Volker Gaßner, Head of Agenda Setting and Rapid Response bei Greenpeace Deutschland.

„´How to Change the World` ist keine Doku von Greenpeace. Es ist vielmehr die Entstehungsanalyse einer Organisation, die mit ihrer Art von Medienarbeit enorme öffentliche Wirkung erzielt hat.“  So eröffnete Regisseur Jerry Rothwell das Filmgespräch am 12. November 2019 im naxos.Kino.

In seiner Doku  von 2015 rekonstruiert er aus alten Filmaufnahmen der 1970/ 80-er Jahre und aktuellen Interviews mit den jeweiligen Protagonisten die ersten zehn Jahre von Greenpeace in Kanada: Die Entwicklung von einer spontanen Gruppe zu einer hierarchischen Organisation. Darin fungiert die so genannte „Mindbomb" als Methode der medialen Inszenierung, aus der sich langfristig auch der Wandel von einer Friedens- und Umweltbewegung hin zu einer Kampagnen-Organisation vollzieht.

Das bestätigte Volker Gaßner. „Wir setzen heute Themen auf die Agenda, die wir für wichtig halten“, so der Head of Agenda Setting and Rapid Response bei Greenpeace Deutschland. Response bedeute dabei die sofortige Reaktion auf Umweltschäden und Unfälle. naxos-Moderator Henning Meumann wollte wissen, ob Gaßner damit nicht das ursprüngliche Anliegen der Organisation fortsetze. Emotionen seien wirkungsvoller als Fakten, meinte Letzterer, denn sie bewegten die Menschen direkt. Darüber hinaus seien die technischen Möglichkeiten heute weitaus professioneller.  „Über Soziale Medien kann Greenpeace einen großen Druck ausüben, mit dem zahlreiche Individuen mobilisiert werden“, fügte Rothwell hinzu.

Meumann erinnerte an die Gründung von Greenpeace International 1979. Heute liegt deren Sitz in Amsterdam mit rund 300 Millionen Euro an jährlichen Einnahmen. Davon fließen zwei Drittel in Kampagnen und ein Drittel in die Verwaltung. Wie Greenpeace denn heute die Welt retten wolle? Gründer Bob Hunter sei ursprünglich regional/ national ausgerichtet gewesen, etwa  gegen die damaligen Atomtests in Alaska und habe sich vom Reporter zu einem Aktivisten gewandelt, erläuterte Rothwell. Greenpeace gegen eine Nation sei nicht mehr ein Kampf zwischen David und Goliath, wie es etwa noch die Aktionen gegen das massenhafte Abschießen von Walen durch japanische Fangflotten war. Inzwischen sei ein deutlicher Strategiewechsel vollzogen. Gaßner zufolge verfügt allein Greenpeace Deutschland über sechs Kampagnenteams mit sechs Themen. Diese hätten die Freiheit, eigenständig Kampagnen zu entwickeln: „Wir sind im Lauf der Zeit basisdemokratischer geworden, was die Führung ausdrücklich unterstützt“. Jede gute Idee werde aufgegriffen, diskutiert und dann entschieden. Dazu Regisseur Rothwell: „Man braucht  Themen und man braucht Menschen dazu, die sich für diese Themen engagieren“.

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2019

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Bild: Regisseur Stephan Hilpert mit der Frankfurter Produzentin, Regisseurin und Verleiherin Julia Peters, die für die kurzfristig erkrankte Barbara Köster vom naxos.Kino die Moderation übernommen hatte.

Goma ist mit 500.000 Einwohnern eher eine Kleinstadt in der Demokratischen Republik Kongo. Im äußersten Osten des Landes ein paar Kilometer von Ruanda gelegen, gilt es aufgrund der Bürgerkriege und Naturkatastrophen als ein „heißes Pflaster“. Deshalb sei Goma ein idealer Platz für westliche Entwicklungshilfe, so die dort seit Jahrzehnten aktiven westlichen NGOs. „Wir wollten uns mit unserem Film auf die zwischenmenschlichen Beziehungen dort konzentrieren, nicht aber auf Projekte der Entwicklungshilfe“. Das sagte Regisseur Stephan Hilpert im Filmgespräch am 5. November 2019 im naxos.Kino. Es lief „Congo Calling“.

Wie er denn zu diesem Projekt gekommen sei, fragte Moderatorin Julia Peters. Ausgangspunkt sei die Freundschaft zwischen Hilpert und dem spanisch-französischen Wissenschaftler Raul, der vor Ort mit universitären Forschungsgeldern eine Gruppe kongolesischer Assistenten finanziert. „Über Raul bin ich mit der dortigen Entwicklungshilfe in Berührung gekommen, bin aber der Letzte, der diese Thematik beurteilen kann“, so der Regisseur.

Näheren Kontakt bekam er auch zu dem Deutschen Peter, der mit 65 Jahren zu alt für einen Posten in den Strukturen der deutschen Entwicklungshilfe war, sowie zu der Belgierin Anne-Laure, die nach Jahren in der Entwicklungspolitik nun ein Musikfestival organisiert. Sie ist mit einem einheimischen Regimekritiker liiert, der regelmäßig Probleme mit dem autokratischen Regime bekommt. Über zwei Jahre hat Hilpert das Trio begleitet. Ohne ein im Vorfeld geplantes Ergebnis filmte er die Entwicklungshelfer bei ihrer Arbeit, ihre Begegnungen mit Einheimischen, die schönen und weniger schönen Seiten des Hilfeleistens. Die Drehzeit bezeichnete Moderatorin Peters als einen langen Prozess, der sich wohl über zwei Jahre hingezogen habe. Der Regisseur bezeichnete den angesprochenen Prozess als „einen europäischen Blick auf den Kongo“. Die Vertreter der Entwicklungshilfe habe man durch Zufall getroffen.

Dann sprach Peters eine Szene mit den Rebellen an. Das sei eine „heikle Sache“ gewesen, so Hilpert, denn seine Fragen seien bereits zuvor festgelegt worden. „Wer sich dagegen stellt, bekommt Probleme.“ Mitglieder der paramilitärischen Rebellengruppe RDC Rénové erklären vor der Kamera, wie sie Menschen mit Peitschenhieben und Musik zum Aufbau einer Landwirtschaft zwingen.

Aber als Filmteam sind wir überall herzlich aufgenommen worden, mit vielen Einladungen zu privaten Feiern.“ Darüber hinaus sei Magie dort ein großes Thema: „Deshalb können wir den Ort auch nicht komplett verstehen“. Aber die Menschen dort wüssten schon, was man tun müsse, um über die Runden zu kommen. Er sei jedenfalls sehr gespannt, wie sein Film im Kongo ankommen werde.

„Dieser stellt die Zusammenarbeit zwischen Europäern und Afrikanern nicht grundsätzlich infrage. Ihm gelingen auch vielsagende Bilder und Randbeobachtungen darüber, wie hilfreich europäische Hilfe tatsächlich ist. Zum Teil haarsträubende Beispiele verdeutlichen, wo die Sollbruchstelle von Entwicklungshilfeprojekten zu finden ist. Ohne Off-Kommentare mit erhobenem Zeigefinger deutet der Film jedoch an, wo und wie Gelder versacken“, so Epdfilm vom 26.7.2019.

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019

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Bild v.l.n.r.: Dr. med. Julia Fries, seit 13 Jahren in der sexuellen Aufklärung für die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. aktiv, Dr. Mariame Racine Sow, Geschäftsführerin von FORWARD-Germany e.V. und naxos-Moderation Marianne Spohner.

Am 12. März hatte das naxos.Kino sein Programm 2019 eröffnet. Es lief „#Female Pleasure“, eine Dokumentation von Barbara Miller aus dem Jahr 2018, die schildert, wie universell und alle kulturellen und religiösen Grenzen überschreitend die Mechanismen greifen, die die Situation der Frau – egal in welcher Gesellschaftsform – bis heute bestimmen. Sie ist ein Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung und gegen die Dämonisierung der weiblichen Lust durch Religion und gesellschaftliche Restriktionen.

Fünf selbstbewusste Frauen brechen darin das Tabu des Schweigens und der Scham, das ihnen die Gesellschaft oder ihre religiösen Gemeinschaften mit ihren archaisch-patriarchalen Strukturen auferlegen. Das Publikumsinteresse war schon damals enorm. Leider konnten wir zahlreichen Interessenten*Innen keinen Platz mehr bieten, so dass wir versprachen, den Film noch in diesem Jahr zu wiederholen. Dieses Versprechen haben wir am 15. Oktober 2019 eingelöst: 170 überwiegend junge Besucher*Innen, volles Haus, ausverkauft!

Mit einer unfassbaren positiven Energie setzen sich die fünf Protagonistinnen für sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung aller Frauen ein: hinweg über jede gesellschaftliche sowie religiöse Normen und Schranken. Dafür zahlen sie einen hohen Preis – sie werden öffentlich diffamiert, verfolgt und bedroht. Von ihrem ehemaligen Umfeld werden sie verstoßen und von Religionsführern und fanatischen Gläubigen sogar mit dem Tod bedroht. Gleichzeitig zeigen die fünf Frauen, wie mit Mut, Kraft und Lebensfreude jede Struktur verändert werden kann.

Dr. Mariame Racine Sow, Geschäftsführerin des 1997 gegründeten FORWARD-Germany e.V. betonte im Filmgespräch, wie wichtig es sei mit der Öffentlichkeit und insbesondere mit Betroffenen über das Thema zu reden: „Prävention ist die Vorstufe zu Gleichstellung“. Gesellschaftliche Formationen und religiöse Hintergründe seien auf Gewalt und Überleben fokussiert. „Zum Überleben muss eine Population zunehmen“, sagte sie, das führe zu frühen Verheiratungen junger Mädchen mit 13 Jahren.

Dr. med. Julia Fries, Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V., konnte die Verzweiflung der von Beschneidung betroffenen jungen Frauen nachvollziehen. Positiv bewertete sie jedoch, dass die Hauptpersonen „viel Energie versprühen, um ihre Sexualität genießen zu können“. So suche sie Schulen auf, um Mädchen frühzeitig aufzuklären, biete aber auch Veranstaltungen für Frauen an, über die sie versuche, auch Väter und Jungen in den Familien zu erreichen. Auch Männer wüssten nicht alles über Sex, hielten Schmerzen bei Frauen oftmals für normal, so Sow: „Deshalb brauchen auch Männer Zugang zu sexueller Information“.

Das bestätigten einige Vertreter der Offenbacher HeRoes in einem Rollenspiel. Bei der Gruppe handelt es sich um junge Männer und Mädchen zwischen 16 und 21 Jahren mit Migrationshintergrund, die sich aktiv gegen „Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“ einsetzen. Thema: Sexismus, Jungfräulichkeit und Dominanz durch Männer. Das feministische Gewaltpräventionsprojekt wurde als Folge des ersten sog. Ehrenmordes gegründet, so die Projektleiterin. Ziel sei ein neues Rollenverständnis von Männlichkeit.

Frauen- und Männergruppen müssten jedoch nach Ansicht von Frau Sow einen Austausch durch Diskussion entstehen lassen. Bildung und Kommunikation seien genau der Punkt für eine Verständigung. Körperliche Gesundheit sei gegenüber dem pädagogischen der Ansatz der Ausgangspunkt von Frau Fries als Ärztin: „Körperliche Gesundheit ist mein medizinischer Anspruch und Standpunkt. Dabei beziehe ich mich auch auf bestehende Gesetze“. Sie bemängelte, dass junge Mädchen oft ihr eigenes Geschlechtsorgan nicht benennen könnten: „Der Begriff Vulva ist ihnen fremd. Den Begriff Schamlippen kennen noch einige, haben jedoch keinerlei Vorstellung über unterschiedliche Ausprägungen. Das Thema Klitoris wird totgeschwiegen“. Konkrete Aufklärung finde auch in den Biologie-Schulbüchern nicht statt, bemängelte die Medizinerin. Ihren Aufklärungsansatz veranschaulichte sie nachhaltig anhand einer Stoffvulva (s. Foto). Um Gleichstellung durch Aufklärung herbeizuführen, sei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig, so Frau Sow, also eine Zusammenarbeit von Psychologen, Pädagogen, Medizinern und Juristen.

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019