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Bild: Die Filmemacherin Sabrina Dittus im Gespräch mit den Moderatoren Wolf Lindner (l.) und Andrej Bockelmann.  

Nach den ersten israelischen Angriffen auf Gaza 2008/ 9 schreibt eine Gruppe von Teenagern in Gaza ihre Erfahrungen und Erlebnisse während des Krieges nieder. Das Ergebnis: ein Theaterstück „Die Gaza Monologe“. In ihrem Dokumentarfilm „Wir sind hier: Vorhang auf für Gaza“ von 2016 begleitet die Filmemacherin Sabrina Dittus sieben der jungen Schauspieler/ Innen. Sie zeigt sie während der Proben und beobachtet ihre Hoffnungen und Befürchtungen. Am 30. Oktober 2018 ist sie zum Gespräch über den gezeigten Film ins naxos-Kino gekommen. 

Der Film sei ein Auftragsfilm der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewesen. Zwei Jahre vor Drehbeginn habe sie sich für einen anderen Film im Pressebüro der israelischen Regierung akkreditieren lassen. So sind sie auch dieses Mal vorgegangen und haben zu ihrem Erstaunen wieder eine Akkreditierung erhalten. „Mit dem Presseausweis konnten wir problemlos in den Gazastreifen einreisen und hatten auch beim Dreh keine Probleme“, sagte die Professorin an der Universität der Künste in Berlin. Israel sei großzügig gegenüber ausländischen Filmemachern, auch gegenüber kritischen Filmen, ergänzte Co-Moderator Andrej Bockelmann. 

Dabei stehen die Menschen in Gaza unter doppeltem Druck: auf der einen Seite Israel, auf der anderen die Hamas. So zeige der Film, was es bedeutet, als junger Mensch unter der Besatzung in Gaza zu leben. Neben Theater und Kunst sprechen die Protagonisten auch über Sehnsüchte, Freundschaft und Liebe. 

Andererseits suchen sie nach Gründen für ihre Isolation. Eines der zu lösenden Probleme der Jugendlichen sei die politische Spaltung zwischen Hamas und Fatah und der damit verbundene gesellschaftliche und politische Druck. Die Protagonisten seien zwar junge Menschen um die 20 Jahre, die Theater spielen wollen, seien aber gleichzeitig politisch. Jedoch politischen Klartext zu sprechen, ist gefährlich. Deshalb herrscht Vorsicht bei öffentlichen Äußerungen. Bockelmann wies in diesem Zusammenhang auf die „scheinbare Besonnenheit aller Beteiligten“ hin. Es sei illusorisch, dies zu glauben, da es unter der Oberfläche stark brodele. 

Enttäuschungen und geplatzte Träume blieben da nicht aus. Folglich sei die Bevölkerung in Gaza derart traumatisiert, dass eine allgemeine Genesung noch Jahrzehnte dauern könne: „Kein Wunder bei drei Kriegen in sechs Jahren“, sagte Dittus. Moderator Wolf Lindner bezeichnete die Traumatisierung der Menschen als „unsichtbares Gefängnis“. Hinzu käme laut Dittus eine „starke Verbreitung von Psychopharmaka, die Gerüchten zufolge durch die Hamas in den Streifen gebracht werden und viel Gewalt in den Familien, vor allem gegen Frauen und Kinder“. Daraus folgende Suizide oder gar Suizid-Statistiken seien ihr jedoch nicht bekannt. Sie schätzte diese jedoch als „relativ gering ein aus religiösen Gründen“. Erschwerend hinzu käme der permanente Versuch, die Bevölkerung durch massive Propaganda zu spalten, um den dort lebenden Menschen das Leben schwer zu machen, so Bockelmann. 

Die Theaterversion wurde ein internationaler Erfolg. 2016 konnten die Schauspieler aus Gaza erstmals in das Westjordanland ausreisen, um das Stück bei einem Theaterfestival in Ramallah aufzuführen. Immerhin, ein schwacher Trost.