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Bild: Regisseur Martin Baer (Mitte) und Peter Wedde, Professor u.a. für Datenschutz und Internetrecht an der University of Applied Sciences, Frankfurt, waren die Gäste von naxos-Moderatorin Hilde Richter.

„Wenn ich zeige, was ich um mich herum sehe, dann ist das eigentlich illegal.“ Denn jedes einzelne Bild, ob die Hauswand gegenüber, das Auto auf der Straße oder das Gesicht eines Passanten, gehöre schon jemand, eröffnete Regisseur Martin Baer das Filmgespräch zu seiner Dokumentation „Der Illegale Film“ am 20. August 2019 auf naxos.

„Illegal“ sei deshalb der Titel, weil er „knallen sollte“, so die Verleiher. Vor allem habe die Frage, wie die Welt in Bildern aussieht, den Regisseur zum Thema geführt. Außer Personen der Zeitgeschichte oder sog. Prominente könne jeder Abgelichtete Einspruch gegen eine Veröffentlichung seines Bilds einlegen, warf Professor Peter Wedde ein. „Das ist aber rein theoretisch“, sagte der Experte für Datenschutz und Internetrecht der University of Applied Sciences, Frankfurt, denn die technischen Möglichkeiten würden immer konsequenter weiterentwickelt.

Die Reflexionen der Besucher über die Kollision zwischen Copyright und Kreativität, Datenschutz und technischer Machbarkeit lieferten die Grundlage für das Filmgespräch. Denn kaum ein Thema wurde jüngst verbissener diskutiert als jene Urherberrechtsreform, die laut Befürchtung ihrer Kritiker die Meinungsfreiheit im Internet beschneiden würde. Der Film von Baer und seinem Ko-Regisseur Wischmann umkreist das Themenbündel um das Urheberrecht. Offenbar sei der Film von der Realität überholt worden. Das mache ihn aber nicht minder interessant: „Das Internet ist voller Bilder, deren Aufgenommene nicht verbieten, ihre Bilder zu zeigen“, kritisierte Wedde.

Das Datenschutzrecht werde laut Wedde vor allem von Konzernen außer Acht gelassen: „Sie wollen nur Profit durch Sensation generieren“, nach dem Motto, Verzicht auf Technologie bedeute Verlust der eigenen Existenz. Eine schwer zu überblickende Vielfalt von Beispielen führe unterdessen vor Augen, wie die überbordende Produktion von immer mehr und immer skurrileren Bildern das Leben der Menschen prägt und buchstäblich einrahmt. Die steigende Popularität von Selfies zeige, dass Bildproduktion keinerlei Pietät mehr kennt. Dazu Baer: „Aus Bildern von Abgelichteten kann das Gerät ableiten, was er denkt und fühlt. Und an diese Bilder kommt man z. B. nur über Bezahlung bei `Getty` als Inhaber des Urheberrechts ran“.

Gleichzeitig kritisierte er, dass die Foto-Shooters gar nicht mehr wüssten, was sie mit ihren Selfies anfangen sollten. Es ginge nur um den Egotrip per Masse. Der eigentliche Einfluss käme über das Gerät, das die Bilder ermöglicht. I-phones seien ein wichtiges Arbeitsmittel, räumte Wedde ein, weigere man sich, damit zu arbeiten, grenze man sich sozial aus: „Das wiederum kann zu Krankheitsausbrüchen führen“. Deshalb hoffe er, es sei nur eine Zeiterscheinung. Denn früher seien Fotos Beweismittel gewesen: „Davon müssen wir uns aber verabschieden“.

Technologien beschleunigten zwar den Fortschritt, aber die Richtung gehe in vielerlei Hinsicht zu Kapitalismus, schnellen Infos und Profit. „Deshalb müssen wir diese Infos kontrollieren können“, sagte Baer. „Technik muss verfolgbar bleiben“, ergänzte Wedde. Bilder seien immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit, nie aber die Wirklichkeit selbst, meinte Baer: „Es wird immer schwieriger zu wissen, was wahr ist“.