Aktuelles

41a78c237dd5cf4eadec53416a2d3583_IMG_2237.jpg

Bild: Naxos-Moderation Carola Benninghoven (r.) im Gespräch mit Inge Günther, Israel-Korrespondentin der FR, und Daniel Cohn-Bendit.

„Ich kann mich nicht aus der Geschichte der Juden herausbeamen“, sagt Daniel Cohn-Bendit am 9. November 2021 im naxos-Kino. In seinem Dokumentarfilm „Wir sind alle deutsche Juden“ fragt er sich daher, was es bedeutet, Jude zu sein. In seinem Film begibt er sich auf die persönliche Suche nach seinem eigenen Judentum.

Der inzwischen 76-Jährige fragt sich, wie er sich jüdisch fühlen könne, ohne überhaupt jüdisch zu leben. Immerhin sagt er im Film an seinen älteren Bruder Gabi (Gabriel) gewandt, er sei Jude, auch wenn er nicht erklären könne, was es für ihn bedeutet. Er versuche, „die Frage nach meiner jüdischen Identität zu klären. Deshalb sollte der Film radikal subjektiv sein“, so Cohn-Bendit. Es sei ihm bereits während seiner zahlreichen Recherchen vor dem Film „vieles klarer geworden, etwa meine Position zu Israel und Palästina“.

Inge Günther lebt seit 20 Jahren in Israel und ist langjährige Nahost-Korrespondentin der FR. Auch sie habe eine kritische Haltung gegenüber Nahost, habe aber „als Journalistin eine gewisse Distanz zu dem Thema“. Regierung und Gesellschaft in Israel etwa seien nicht identisch. Das zeige sich unter anderem in der aktuellen 8-Parteien-Koalition, in der „die rechten Kräfte dominieren“. Die Mixtur Israels aus orientalischen Juden, arabischen und jüdischen Israelis, Palästinensern, zionistischen Siedlern sowie Orthodoxen zeige einerseits, dass ein „normales israelisches Leben möglich ist“, so Moderatorin Carola Benninghoven, sei aber nach Worten von Günther ebenso die Grundlage für immer wieder ausbrechende Konflikte.

„Ich kannte viele Leute dort und `der rote Dany` ist auch in Israel sehr bekannt“, sagt Cohn-Bendit. So sei die Kommunikation mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten des Films problemlos gewesen. „In Israel kennt jeder jeden, und jeder redet mit jedem. Deshalb kommt man leicht ins Gespräch“, so der Publizist und Ex-Grünen- und Europapolitiker. „Wir wollten niemanden vorführen, sondern die gezeigten Personen für sich sprechen lassen und somit dem Publikum erlauben, sich ein eigenes Bild von der jeweiligen Situation und Meinung zu machen.“ Dieses Szenario wiederum sollte auch ihm helfen, der eigenen Identität näher zu kommen: Es gehe nicht um eine absolute Wahrheit, sondern um ein subjektives Empfinden und Selbstverständnis: „Ich bin ich, ich bin aber nicht die Juden“.

Nach seiner Ausweisung aus Frankreich als einer der Wortführer der Studentenproteste 1968 seien 100.000 Studenten auf die Straße gegangen und hätten – solidarisch mit ihm – skandiert: Wir sind alle deutsche Juden. Eine solche Parole sei 1968 in Frankreich zwar unfassbar gewesen, meint Cohn-Bendit, aber „so ist meine Realität zu dem Film gekommen“ und habe letztlich zum Titel geführt.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2235.jpg

Bild: v.l.n.r. Ali Sadrzadeh, Iran-Experte und langjähriger Redakteur bei dpa, FR und hr info, und Dr. Irene Rosenkötter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil (FATRA e.V.), mit naxos-Moderatorin Christina Budde im Gespräch mit den Gästen. Born in Evin lief am 2. November 2021 im naxos-KINO-

Die Schauspielerin Maryam Zaree geht als Filmemacherin in ihrem ersten Dokumentarfilm „Born in Evin“ den Umständen ihrer eigenen Geburt 1983 in einem der berüchtigsten politischen Gefängnissen der Welt nach: Das Gefängnis Evin liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran Nach dem Sturz des persischen Schahs 1979 lässt die neue Führung unter Ayatollah Khomeini unzählige politische Gegner verhaften, foltern und ermorden. Darunter auch ihre Eltern, die jedoch überleben und nach Deutschland fliehen können. In der Familie wurde nie über die Gefängnisfolterungen gesprochen. Zaree versucht, das jahrzehntelange Schweigen ihrer Eltern über die erlebten Traumata zu brechen. Während ihrer vierjährigen Recherchen gelingt es ihr jedoch nur schwer, weitere Betroffene zum Reden zu bringen. Dabei trifft sie auf andere Überlebende, Menschen, die wie sie auch in Gefangenschaft geboren wurden.

„Menschen, die jahrelang Gewalt ausgesetzt waren, erleiden ein psychisches und seelischen Trauma, wie im Film gezeigt“, sagte Irene Rosenkötter. Der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie zufolge sei bei ihnen „das Grundvertrauen erschüttert“. Deshalb wird das überwältigende Erlebnis nicht in die Wahrnehmung übernommen und kommt – wenn überhaupt – erst später zur Sprache: „Das Nicht-Gesagte hat eine ausgesprochene Macht“. Menschen verstummten, weil vieles Traumatisiernde nicht in Sprache zu fassen sei, sodass Emotionen in tiefen Sphären nicht verarbeitet werden. Der Film belege, dass sich Mutter und Tochter durch nicht gestellte Fragen, durch nicht Gesagtes gegenseitig zu schützen versuchen, meinte Moderatorin Christina Budde. So werde das Unverarbeitete an die Kinder weitergegeben, ergänzte Rosenkötter.

Ali Sadrzadeh ist ein iranischer Zeitzeuge, der nach dem Schar-Sturz nach Deutschland ging. 1985 hatte er der hr-Redaktion eine Story über eine iranische Flüchtlingsfrau angeboten, die gerade mit ihrer kleinen Tochter, der heutigen Filmemacherin, in Frankfurt angekommen war. In einem ersten Gespräch mit der Mutter, der heutigen Frankfurter Bürgermeisterin Eskandari Grünberg, erfuhr er, „dass viel Erzählen verwirrt, Schweigen also besser ist“. Das Schweigen spiele in der iranischen Gesellschaft eine wichtige Rolle, so Sadrzadeh. „Aus Sicht von Exiliranern ist das Schweigen Mittel zum Überleben.“ So dürfe es sich die erste Generation der Traumatisierten erlauben, zu schweigen, um zu überleben.

Rosenkötter verwies in diesem Zusammenhang auch auf das lange Schweigen in Israel und der Bundesrepublik Deutschland nach der Befreiung vom Holocaust. Auf beiden Seiten sei lange Zeit der Standpunkt vertreten gewesen: Ich musste in erster Linie mein weiteres Leben leben. Rosenkötter bezeichnete den Film als „komplex, da die Traumata von unterschiedlichen Seiten beleuchtet sind“. Sadrzadeh fühlte eine enge Beziehung, da der Film „den schmerzhaften Prozess einer Kindheitsbewältigung berührend und bewegend aufzeigt“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2217.jpg

Bild v.l.n.r.: Rudolf Worschech, Leiter von epd Film, der das Filmgespräch moderierte, mit Alf Mayer, Journalist und Filmemacher, Regisseur Peter Heller und Thomas Frickel, langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm.

Das Münchener Maxim-Kino hat in 105 Jahren bewegte Zeiten durchlebt: in den späten 70er- und 80er-Jahren als Zentrum alternativer Filmkultur des Politkinos. Gesellschaftskritische Dokumentarfilme feierten hier ihre Premiere. Später wurde es zu einer der Keimzellen des DOK.fest München, dessen Spielstätte es bis 2007 blieb. Mit der Digitalisierung verabschiedete sich jedoch der Zelluloid-Film aus dem Kinoalltag. Inzwischen wird es wieder von einem kinobegeisterten Frauenkollektiv als Stadtteilkino geführt.

Den Film, der am 26. Oktober 2021 im naxos-Kino lief, bezeichnete Journalist und Filmemacher Alf Mayer als Reflexion seiner eigenen Kindheit. Jedoch hatte er sich persönlich nicht kompetent genug gefühlt, bei der Rettung des Kinos zu helfen. Anders Regisseur Peter Heller, der einen Rettungsgedanken hegte, da er über Maxim-Filmmaterial aus 20 Jahren verfügte, „sodass etwas entstehen könnte“. Der alte Betreiber „Siggi“ sei zwar „ein verkorkster Typ“ gewesen, aber mit hohem Anspruch und ohne kommerziellen Hintergedanken: „Wir wollten Kinogeschichte zeigen“.

Laut Moderator Rudolf Worschech gab es vor Mitte der 1970er Jahre kaum Dokumentarfilme und somit auch keine Förderung. Daraufhin habe man zunächst in Süddeutschland eine Verleih-Genossenschaft gegründet, so Heller. Thomas Frickeln bestätigte, dass es sich um „politische Verleihe für Sonntag-Matineés“ handelte. So wurde 1980 ein Filmbüro in Hamburg gegründet, 1982 dann in Hessen mit dem Ziel, den Staat dafür zu gewinnen, dass diese Arbeiten ein Sprachrohr mit Förderung erhalten. So habe der Film über die Startbahn West in Hessen zunächst ohne Förderung laufen müssen, dafür aber mithilfe der Sammlungen bei den Teilnehmern. Parallel habe der Journalismus öffentlichkeitswirksam geholfen.

Dokumentarfilme hatten jetzt laut Worschech große Aufmerksamkeit erlangt, da sie zumeist gründlich recherchiert waren. Auch habe die Kritik „dankbar auf die ersten Festivals reagiert“. Doch dann habe die Kommerzialisierung eingesetzt: „Filme mussten Geld einspielen, Kleine sind dabei oft draufgegangen“. Die politischen, provozierenden Dokus der 1970er Jahre könne Heller „heute nicht mehr so machen“, da er „nicht mehr die Entschiedenheit der Bilder“ finde, sondern eher Hobby-Filme ohne Budget macht.

Worschech beklagte ebenso das Verschwinden der Magie alter Film-Apparate. Zahlreiche Gründungen fanden in den damaligen Studentenzeiten statt, von Leuten, die es glücklicherweise überall gab, die aber heute alt geworden seien. Gegenüber der Digitalisierung „stürzten die alten Sachen oft ab“, so Heller, aber die Sehnsucht nach dem Haptischen bestehe weiterhin. Immerhin hätten Studios Kopierwerke geschaffen.

Das Maxim ist inzwischen 50 Jahre alt. Am Ende wusste hier niemand mehr, wie die Elektrik läuft, welche Leitungen wo verlaufen. Ständig brauchte man Techniker von außen, die einen Blick nach innen werfen sollten. Aber keiner wusste Bescheid. „Heutzutage muss man ein Computerprogramm bedienen können, das ist nicht sexy“, meinte der Moderator. Eine normale Kinokopie erreicht niemals die Qualität eines digitalen Bildes, bestätigte Frickel. Auch gäbe es die ursprünglich politische Szene der Macher und Zuschauer nicht mehr, schloss Heller, „da ohne Förderung heute gar nichts mehr läuft“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

Filmgesprch_Joan0.jpg

Bild v.l.n.r.: Filmgespräch mit Frank Selten, Bild links neben Joan Baez, und Thomas Waldherr, Bild rechts.

Am 12. Oktober wurde im naxos-Kino die Joan Baez-Doku „How Sweet The Sound“ gezeigt. Der Film von Mary Wharton aus dem Jahr 2014 zeichnet die mehr als 60-jährige Karriere der „Queen of Folk“ und „Ikone des Protestsongs“ nach, die Anfang des Jahres ihren 80. Geburtstag feierte. Von ihren Anfängen in der Studentenszene in Cambridge Ende der 1950er Jahre bis zu ihren umjubelten Auftritten, die sie rund um die Welt führten. Ihre komplexe Beziehung mit Bob Dylan wird genauso behandelt wie ihr Engagement gegen Rassismus und Vietnam-Krieg. Weggefährten und Zeitzeugen wie eben Bob Dylan, aber auch Roger McGuinn oder ihr Exmann David Harris kommen zu Wort. Ein dichtes Porträt einer faszinierenden Künstlerin.

Die Vorstellung war sehr gut besucht und so entstand ein interessantes Filmgespräch der naxos-Moderatorin Hilde Richter mit Frank Selten von der Barrelhouse Jazzband und Thomas Waldherr, Musikjournalist und Amerika-Kenner. Frank Selten hat Joan Baez beim Ostermarsch 1966 persönlich kennengelernt, als die Barrelhouse Jazzband auf dem Demo-Zug spielte und Joan dazu tanzte. 2018 trafen sie sich wieder als beide – was für eine Fügung! – am selben Abend in der Alten Oper spielten. Joan Baez machte damals während ihrer Abschiedstour in Frankfurt Station. Selten erzählte von beiden Begegnungen und schilderte Baez als sehr freundlichen und nahbaren Menschen. Thomas Waldherr legte einen Schwerpunkt auf der Analyse der unterschiedlichen künstlerischen Konzepte von Baez und Dylan, die letzendlich irgendwann nicht mehr kompatibel waren. Joan Baez war politische Aktivistin und Interpretin gesellschaftlich engagierter Songs, Dylan dagegen Poet und Philosoph. Beide Konzepte, so Waldherr, haben ihre Berechtigung und Notwendigkeit.

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2206.jpg

Bild v.l.n.r.: Filmgespräch mit naxos-Moderatorin Marianne Spohner, Regisseur Dr. Andrej Bockelmann, Dr. Tina Baumann, Abteilungsleiterin bei StadtForst Frankfurt, sowie Regisseurin Silke Klose-Klatte.

20. Oktober 2021,

97 Prozent des Stadtwalds sind krank: Immer geringere Regenmengen und anhaltende Umweltsünden, verbunden mit mehreren Dürrejahren in Folge sind die Ursachen. Bereits 1982 war der Filmemacher Andrej Bockelmann in der Haardt (NRW), im Frankfurter Stadtwald und im Vogelsberg der Frage nachgegangen: „Stirbt der deutsche Wald ?" Der Zustand des Frankfurter Stadtwalds zwischen Großstadt und Europas viertgrößtem Flughafen hat sich seitdem zunehmend verschlimmert. Silke Klose-Klatte thematisierte in ihrer 2020-er Dokumentation „SOS-Stadtwald“ die Frage: Frankfurt ohne Stadtwald?

Während der rund 40-jährigen Zeitspanne zwischen beiden Filme habe sich im Stadtwald nichts wesentlich verändert: „Eigentlich ein permanentes Waldsterben“, so Filmemacher Bockelmann, trotz zahlreicher Försterexperimente zwecks bestmöglichem Ansatz zur Gesundung. Regisseurin Klose-Klatte war „entsetzt, wie sich der Wald verändert hat“. Mitverantwortlich dafür seien „viele künstliche Prozesse, die negativ auf den Wald eingewirkt hätten, so Tina Baumann vom Frankfurter StadtForst: „Wir forsten den sterbenden Nadelwald durch Laubwald auf, damit er gesundet“. Zwar habe man das Problem erkannt, jedoch würden die Schadeinwirkungen durch zu viele PKW, Flugzeuge, Bahnstrecken und Elektronik „einem Kampf gegen Windmühlen“ gleichkommen.

Die Prognose von 1982, es gebe künftig nur noch Bäume mit einer Lebenserwartung von maximal 30 Jahren, treffe heute nicht mehr zu, so Bockelmann. „aber die Dürre wird uns künftig schlimm belästigen“. Auch das Abgraben von Grundwasser aus dem Stadtwald für Frankfurt habe einen negativen Einfluss. Grundsätzlich wirkten heutzutage laut Baumann Komplexkrankheiten permanent auf den Wald ein. Negativ verstärkend hinzu kämen Rodungen, die extrem zum Klimawandel beitrügen, damit sich etwa der Frankfurter Flughafen immer weiter ausbreiten könne.

naxos-Moderatorin Marianne Spohner fragte eingangs die beiden Filmemacher nach den Gründen ihrer Dokumentationen. Klose-Klatte wollte eigentlich „einen aktuell tollen Wald im Frankfurter Stadtgebiet trotz Trockenheit und Corona“ zeigen. Bockelmann nannte die Ansätze zur Waldrettung unter der damals neuen Kohl-Regierung, die sich allerdings als „abgestorben“ hergestellt hatten. „Es war ein ganz normaler Auftrag für den Film, aber ich habe erst damals gelernt, in die Baumkronen zu blicken, um den Niedergang zu erkennen“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2187.jpg

Bild: naxos-Moderatorin Marianne Spohner während des Filmgesprächs mit dem Intendanten und Geschäftsführer Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt, Matthias Pees, und den Gästen.

Künstler-Enfant Terrible, Provokateur in Theater, Kino und Aktionen, international hoch geschätzt: Christoph Schlingensief starb 2009 mit 49 Jahren an Krebs. Der Dokumentarfilm „Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler ist ein Porträt, das sein 40-jähriges Schaffen (deutsch-) deutscher Geschichte umspannt, an der sich Schlingensief Zeit seines Lebens radikal abgearbeitet hat.

Er lief am 5. Oktober 2021 auf naxos.

„Er war Katalysator seiner Projekte“, sagte Mousonturm-Chef Matthias Pees, der lange Jahre mit Schlingensief zusammengearbeitet hat, „er hat sich befähigt gesehen, seine Kunstwerke zu realisieren – und zwar in extremer Weise“. So sollten sich die Menschen, etwa in der Volksbühne, als Bestandteil eines Rituals mit Grenzüberschreitung erleben. Rituale beherrschten auch seine Operninszenierungen, zum Beispiel in Brasilien oder Afrika. Allerdings brauchten die jeweiligen Sänger lange, um zu verstehen, worauf sein Projekt abzielte. Dabei seien die Aufführungen „immer gut besucht“ gewesen, obwohl ein deutsches Vier-Buchstaben-Blatt permanent gegen ihn angeschrieben habe.

Warum sich Schlingensief in seinen Projekten so schrill präsentierte, fragte Marianne Spohner. Er habe lediglich Bilder von Brutalität geliefert, meinte Pees. „Diese Bilder sollten Brutalität lächerlich machen. Das Kettensägen-Massaker etwa ist eine Verhohnepiepelung von Horror“. Seine Aktionen hätten keinerlei Brutalität, sondern sollten diese der Lächerlichkeit preisgeben.

Ob denn die Filme auch so seien, wie Pees Schlingensief erlebt habe, fragte Spohner nach. Niemand habe so richtig gewusst, worauf man sich mit ihm eingelassen habe, meinte dieser. Die Zusammenarbeit sei teilweise „ein grauenvoller Ablauf“ gewesen, aber stets ein „hingebungsvolles Zusammensein unterschiedlichster Menschen“. Schlingensief sei eigentlich weder Theater- noch Filmregisseur, sondern Filmemacher gewesen. Und aus diesem offenen Arbeiten sei ein künstlerisches Werk entstanden. Nach jedem Projekt war für ihn abrupt Schluss gewesen, sodass er sich auf das nächste stürzen konnte.

Also Realität als Inszenierung, so Spohner. Laut Pees wollte Schlingensief dem Alltag mit einer Übersprungshaltung begegnen. Damit transformierte er die Realität zu etwas wie einem Kunstwerk. Auf diese Weise hätten diverse Abende von Aufführungen oftmals einen anderen Verlauf genommen.

Ernst sei es erst in seinen Interviews während seines Krankenhausaufenthalts kurz vor seinem Tod geworden: „Das war direkt und echt“, bemerkte Pees. Seit Beginn seiner Krankheit habe sich Schlingensief einer „existenziellen Überlebenskunst mit zunehmender Religiosität“ ergeben. Mit seinem aufklärerischen Theaterverständnis auf kultischer Basis habe er Richtung humanistisches Bildungsideal gestrebt. Insgesamt habe sich gezeigt, dass sein Motto „In einem Jahr berühmt oder tot“ sich dann doch durch seine Energie über viele Jahre hingezogen habe.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2177.jpg

Bild: Filmgespräch mit (v.l.n.r.) der deutschen Fernsehjournalistin und Filmemacherin Ingelis Gnutzmann, Dr. Niklas Schörnig, Wissenschaftlicher Mitarbeiterbei der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und Sabine Müller-Langsdorf, Friedenspfarrerin der Evangelischen Kirche für Frankfurt/ Offenbach mit naxos-Moderator Andrej Bockelmann.

Für ihren Dokumentarfilm „Gebrochene Helden“ hat die Fernsehjournalistin und Filmemacherin Ingelis Gnutzmann junge US-Soldaten nach den Kriegen im Irak als Zeugen für amerikanische Kriegsverbrechen vor die Kamera geholt: Sie leiden an post-traumatischen Belastungsstörungen.

2002 gelang es Gnutzmann, den Irak zwei Wochen lang zu bereisen. Ihr Kamerateam erhielt Zugang zu Fabriken, die angeblich verbotene Waffen produzierten. Ihre Reportage „Besuch beim Feind“ belegt, dass diese Fabriken bereits von den UN-Inspektoren zerstört worden waren, sodass hier gar nichts mehr produziert werden konnte. Propagandalügen, Kriegsverbrechen und Umweltverwüstung begleiteten diesen Krieg.

„Der Golfkrieg 1991 war der erste Krieg der modernen Kriegsführung, sauber und steril von den Medien als Film inszeniert, ohne das Leid, den Schmerz und den Tod zu zeigen“, sagte Niklas Schörnig am 28.September 2021 im naxos-Kino. Das bestätigte die Regisseurin, sie habe z.B. von den 54 getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan „gar nichts mitbekommen“. Ziel ihrer Filme sei es gewesen, darzustellen, was die USA im Irak mit der Bevölkerung angerichtet hätten. Erst nach ihrer Rückkehr in die USA hätten die drei gezeigten Soldaten im Verlauf ihrer Traumatisierung bemerkt, dass sie gezielt zum Töten eingesetzt worden waren. Aufgrund der Zensur gab es aber weder Bilder von den Opfern noch von den Tätern. Dazu zitierte Friedenspfarrerin Müller-Langsdorf einen traumatisierten deutschen Soldaten aus Afghanistan: „Wir können nur mit militärischen Mitteln den Krieg führen“. Und besonders berührt von den Filmen sei sie darüber, dass die meisten Einsatzkräfte unter 20 Jahre alt waren und vornehmlich aus der unterprivilegierten Schicht stammten.

Schörnig hob hervor, dass sich niemand weder für die Soldaten noch für die Zivilbevölkerung der anderen Seite interessiere, da „der Westen Kriege relativ schnell gewinnen kann“. Schwierig sei es, zerstörte Staaten nach einem Krieg wieder aufzubauen, meinte Gnutzmann. So sei der Irak vor dem Krieg aufgebaut gewesen. Zerstört wurde er möglicherweise, damit die USA dort ihre neuesten Waffen testen konnten und die Rüstungsindustrie Profite einfahren konnte. Kriege hätten keine Gewinner, hieß es demgegenüber aus dem Publikum, woraufhin Müller-Langsdorf „Frieden als die anspruchsvollste Aufgabe, die es gibt“ bezeichnete.

Der Regisseurin zufolge handelte es sich im Irak-Krieg um den Verstoß gegen internationales Recht. Deshalb müsse internationales Recht als Völkerrecht gestärkt werden. „Die USA können nicht mehr schalten und walten, wie noch vor ein paar Jahren“, unterstrich Schörnig, denn posttraumatischer Stress sei bei allen Beteiligten gleich hoch.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2171.jpg

Bild: naxos-Moderato Carola Benninghoven und ihr Gesprächspartner Veit Dinkelaker, Direktor Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt.

„Eine Erziehung ohne Weltanschauung, Religion, Sprache oder Milieu gibt es nicht.“ Das sagte Veit Dinkelaker, Direktor Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt, im Filmgespräch mit naxos-Moderation Carola Benninghoven. So habe Glaube und Religion ebenso eine Leitfunktion, wie sie Erwachsene gegenüber Kindern hätten. Vorausgegangen war der Dokumentarfilm „Die Götter von Molenbeek“ der finnischen Regisseurin Reetta Huhtanen. Darin macht sie Kindheitsfreundschaft und Sinngehalt des Lebens zum Thema.

Für die drei Sechsjährigen Aatos, Amine und Flo bedeutet das Brüsseler Viertel Molenbeek Heimat. Dort lauschen sie den Spinnen, entdecken schwarze Löcher und streiten sich darüber, wie man einen fliegenden Teppich steuert. Aatos beneidet Amine um seinen muslimischen Glauben und ist auf der Suche nach seinen eigenen Göttern. Seine Klassenkameradin Flo jedoch ist der festen Überzeugung, dass jeder, der an einen Gott glaubt, eigentlich nur verrückt sein kann. Als es einen terroristischen Bombenangriff der Dschihadisten in der Nähe gibt, macht sich die Gewalt der Erwachsenen auch in der verträumten Kinderwelt bemerkbar.

„Kinder entdecken die Welt in einem eigenen Raum, einerseits in einer Religion, andererseits in offenem Zweifel, aber eben auf kindlich Art“, so der evangelische Pfarrer. Kinder hätten klare Ansichten bezüglich Gott, meinte die naxos-Moderatorin. Daraufhin benannte Dinkelaker die von den Kindern gewählten Götter: Allah, Jesus, ein Gott in Finnland. Das parallel ausgeübte Bombenattentat erfahren sie nur als Radionachricht. Diese wirkt auf sie nahezu unverständlich, denn einer von ihnen bekommt davon einen hysterischen Lachanfall, ein Zeichen für Hilflosigkeit.

Insgesamt wirken die Freunde mit ihrer Auffassungsgabe, Fantasie und ihrem Wissensdurst so klug, dass ihr sehr junges Alter in den Hintergrund gerät. „Nach dem entwicklungspsychologischen Stufenmodell ist ihr Denken und Handeln altersgemäß“, meinte Dinkelaker. Zwar sei manches durch den Einfluss der Eltern nachgeplappert. Manches sei aber auch kreativ, wie etwa die Betrachtung ihrer Umgebung durch ein selbstgebasteltes Periskop oder die Identifizierung mit Hermes, Thor sowie einem Adler, die in der Phantasie der Kinder Gott seien. „Eine authentische Religion entsteht nur, wenn Kinder authentische religiöse Menschen erleben“, sagte Dinkelaker. Eine Familie ohne Religion sei eine Tragödie, eine mit zu viel Religion aber auch. Dabei bezog er sich auf eine Szene, die die Kinder bei einer islamischen Theologisierung zeigt.

Benninghoven sprach das Verhältnis der Kinder zum Tod an, indem sie auf deren hilflose Reaktion auf „explodierende Köpfe“ und eine Szene anspielte, in der sie sich als mit Papier eingewickelte Mumien verkleiden, die in der Badewanne auf den Tod warten. Das sei eine Verarbeitung von Gewalt, die sie in den Nachrichten gehört hatten. Reale Tote hingegen hätten sie nicht gesehen, meinte Dinkelaker. Sich einen Gott zu suchen, um Not auszuhalten und auszuschalten sei immer eine Möglichkeit zum Verarbeiten von Gewalt.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

IMG_2162.jpg

Bild: Christina Budde vom naxos-Kino im Interview mit Regisseur Aboozar Amini.

Seit mehr als 40 Jahren bestimmt Krieg den Alltag in Afghanistan. Vor allem die Bedrohung durch islamistische Selbstmordattentate ist für die Menschen in der Hauptstadt Kabul allgegenwärtig. Der 2018 entstandene Dokumentarfilm Kabul, City in the Wind von Regisseur Aboozar Amini schilderte während seiner deutschen Kino-Premiere im naxos-Kino das Leben zweier Kinder und eines Busfahrers, die in der afghanischen Hauptstadt um ein bisschen Normalität kämpfen. Dem Teenager Afshin einerseits erklärt sein Vater, dass er nun „der Mann im Haus“ ist. Denn der Vater ist Ex-Soldat und muss Afghanistan aus Sicherheitsgründen verlassen. Parallel dazu zeigt Amini, wie Busfahrer Abas unter seiner Schuldenlast zu zerbrechen droht und sich mit Drogen betäubt.

Die Kombination von Bildern, Sprache und Hintergrundgeräuschen ging Moderatorin Christina Budde „unter die Haut“. Sie fragte, wie der Regisseur an die Protagonisten gelangt war. Er musste etwas ausholen und nannte die Zerstörung zweier Buddha-Statuen von Bamiyas sowie die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 als einen „Wendepunkt in meinem Leben“. Die Terroristen, damals bekämpft, regierten heute das Land. Und die Menschen dort zahlten unter anderem den Preis für die Auseinandersetzungen zwischen den USA und Russland. „Kein Mensch dort versteht, um welche Art von Krieg es sich überhaupt handelt“, sagte Amini. Insofern habe er nach Protagonisten gesucht, deren Blicke Ratlosigkeit und Hoffnung gleichermaßen ausdrückten: „Sie spiegeln das typische Afghanistan wider – emotional, begeistert, voller Trauer“. Hinzu kamen Finanzierungsprobleme für den Film, da er nicht dem „Mainstream-Geschmack“ entsprechen könnte.

Westkabul mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Ethnien und 99 Prozent Hazara war das Hauptziel der Terroristen innerhalb der dreijährigen Produktionszeit, so Amini. Hauptziel, weil dort zahlreiche Schulen, Clubs, Vereine und Krankenhäuser beheimatet waren, eine Basis für Bildung und Weiterentwicklung von Kindern und Frauen, was die Terroristen am meisten fürchteten und deshalb zerstörten. Als Beleg zeigte der Regisseur „die umgebenden Hügel, die mit Gräbern bedeckt sind“. Anfangs hatte er auch auf ein junges Mädchen als Protagonistin für seinen Film gesetzt, aber deren Familie habe es „wohl aus Angst nicht zugelassen“. Für seinen Film und seine bewegenden Worte im Filmgespräch erhielt er großen Applaus von den zahlreichen Besuchern, der ihn optimistisch für seine anstehende Kino-Tournee durch Deutschland machte.

Bildung und Jobfindung für afghanische Frauen - Bild: Nadia Qani, Vorstandsvorsitzende vom Verein zur Förderung afghanischer Frauen ZAN e.V. (l.), und Eva Bitterlich von medico international.

Für den zweiten Teil des Abends hatte Christina Budde zwei mit dem Thema vertraute Gesprächspartnerinnen eingeladen: Nadia Qani, Vorstandsvorsitzende vom Verein zur Förderung afghanischer Frauen ZAN e.V., und Eva Bitterlich von medico international. ZAN wurde 2001 gegründet. Mit der Eröffnung einer Fotoausstellung „Frauen – Leben in Afghanistan“ 2002 in Frankfurt, die später auch in anderen Städten ausgestellt wurde, ging er mit seinen Zielen an die Öffentlichkeit: das Vermitteln von Sprachkompetenzen, EDV-Unterricht und politischer Grundbildung für Frauen der afghanischen Community in Frankfurt und Rhein-Main.

Eva Bitterlich ist koordinierende Referenten für Afghanistan bei medico international, einer Hilfs- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Frankfurt. Die Organisation engagiert sich für die globale Verwirklichung des Menschenrechts auf Gesundheit. Dafür unterstützt sie Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Zusammen mit Partnern leistet medico Nothilfe in Katastrophensituationen und unterstützt langfristig Projekte in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Menschenrechte und psychosoziale Arbeit.

Qani zeigte sich erschüttert über die Lage Afghanistans seit der Machtübernahme durch die Taliban. „Der Frieden ist gescheitert“, sagte sie. Hoffnung mache ihr jedoch, seit 2017 rund 300 Frauen alphabetisiert und an die deutsche Sprache herangeführt zu haben. Bitterlich sagte, ihre Organisation wolle Armut, Not und Gewalt nicht nur lindern, sondern ihre Ursachen erkennen und überwinden. „Wir unterstützen Menschen, die Familien und Freunde durch Attentate und lange Kriegszustände verloren haben.“ Aktuell versuche man vor allem, Menschen aus Afghanistan zu evakuieren.

Rolf Henning

 

 

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2021

denkbar.jpg





Als Kooperation zwischen dem naxos.KINO, dem Historischen Museum Frankfurt, dem, Stadtlabor Frankfurt, dem Filmmuseum und der DENKBAR im Rahmen der Ausstellungen "DIE STADT UND DAS GRÜN" zeigten wir den Dokumentarfilm "WENN EIN GARTEN WÄCHST" von Ines Reinisch aus dem Jahr 2014.

Der Film ... erzählt von dem heiteren Abenteuer einer Gruppe Nachbarn in Kassel, die ohne besondere Vorkenntnisse, aber mit viel Mut und Motivation erfolgreich eine fade, städtische Rasenfläche in eine öffentliche Gartenoase mitten in der Stadt verwandelt. Keiner der Nachbarn ist ausgebildeter Gärtner, aber sie probieren aus, stellen Fragen, machen Fehler, lernen daraus und erschließen sich durch ihren Gemeinschaftsgarten eine neue Welt, die auch gedanklich neue Horizonte bietet. Der Gemeinschaftsgarten auf dem Kasseler Huttenplatz wird für sie und für den Stadtteil ein voller Erfolg! Doch trifft das gemüsewachsende Treiben nicht auf behördliche Zustimmung. Die Erhaltung des Gartens wird zum Kraftakt.

Im Rahmen der Dokumenta 13 wurde die Nachbarschaft des Huttenplatzes als Kunstaktion aufgefordert, für den Zeitraum der Dokumenta eine Grünfläche kreativ-gärtnernd umzugestalten.
Was in der Theorie "Soziale Plastik" heißt konnten nun die Besuchenden der DENKBAR haut- und praxisnah erleben.
Die gärtnerde Nachbarschaft wurde unterstützt von Studierenden der Hochschule Kassel v. a. vom Studiengang Ökologische Landwirtschaft. Hierzu gehörte auch Ines Reinisch, die - aber eben auch als studierte Filmemacherin - die Chance zur Dokumentation sofort anging.

Eine so lebhafte Diskussion zu den Themenaspekten dieses Films habe ich bisher noch nicht erlebt.
Die halbstündige Pause zwischen Filmende und der Zoom-Zuschaltung der Filmemacherin wurde nicht etwa zum Essen und Trinken genutzt, sondern es wurde volle Pulle durch diskutiert.
.
Katharina Böttger und Dr. Nina Gorgus vom Historischen Museum Frankfurt konnten hier zu allen Aspekten auf Frankfurt bezogen Antwort geben.



So vorgeglüht war das Interesse des Publikums keineswegs erschöpft als um 22:00 Uhr Ines Reinisch zugeschaltet auf der Leinwand erschien:



Nun wurden mit ihr vor allem die filmischen Elemente der Dokumentation diskutiert. Die Poesie des Films, die Schnitte und Übergänge, die komischen und dramatischen Elemente, die in einem spannenden Bogen gehalten sind.

Die Problematik eines Filmendes, wenn das Projekt gescheitert wäre, wurde abgewendet, da die Fortsetzung bis heute gegen alle bürokratischen Hemmnisse durchgesetzt werden konnte.
Und wer genau hingehört hatte, merkte: die Filmmusik ist eigens für den Film komponiert.

Gäste:
Katharina Böttger und Dr. Nina Gorgus vom Historischen Museum Frankfurt
Zugeschaltet per Zoom: die Filmemacherin Ines Reinisch
Moderation: Wolfgang Voss, naxos.KINO

-------------------------------------------------------------------

weiterführende Links:

- INES REINISCH
- HISTORISCHES MUSEUM
- STADTLABOR

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2021