Aktuelles

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Bild: naxos-Moderato Carola Benninghoven und ihr Gesprächspartner Veit Dinkelaker, Direktor Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt.

„Eine Erziehung ohne Weltanschauung, Religion, Sprache oder Milieu gibt es nicht.“ Das sagte Veit Dinkelaker, Direktor Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt, im Filmgespräch mit naxos-Moderation Carola Benninghoven. So habe Glaube und Religion ebenso eine Leitfunktion, wie sie Erwachsene gegenüber Kindern hätten. Vorausgegangen war der Dokumentarfilm „Die Götter von Molenbeek“ der finnischen Regisseurin Reetta Huhtanen. Darin macht sie Kindheitsfreundschaft und Sinngehalt des Lebens zum Thema.

Für die drei Sechsjährigen Aatos, Amine und Flo bedeutet das Brüsseler Viertel Molenbeek Heimat. Dort lauschen sie den Spinnen, entdecken schwarze Löcher und streiten sich darüber, wie man einen fliegenden Teppich steuert. Aatos beneidet Amine um seinen muslimischen Glauben und ist auf der Suche nach seinen eigenen Göttern. Seine Klassenkameradin Flo jedoch ist der festen Überzeugung, dass jeder, der an einen Gott glaubt, eigentlich nur verrückt sein kann. Als es einen terroristischen Bombenangriff der Dschihadisten in der Nähe gibt, macht sich die Gewalt der Erwachsenen auch in der verträumten Kinderwelt bemerkbar.

„Kinder entdecken die Welt in einem eigenen Raum, einerseits in einer Religion, andererseits in offenem Zweifel, aber eben auf kindlich Art“, so der evangelische Pfarrer. Kinder hätten klare Ansichten bezüglich Gott, meinte die naxos-Moderatorin. Daraufhin benannte Dinkelaker die von den Kindern gewählten Götter: Allah, Jesus, ein Gott in Finnland. Das parallel ausgeübte Bombenattentat erfahren sie nur als Radionachricht. Diese wirkt auf sie nahezu unverständlich, denn einer von ihnen bekommt davon einen hysterischen Lachanfall, ein Zeichen für Hilflosigkeit.

Insgesamt wirken die Freunde mit ihrer Auffassungsgabe, Fantasie und ihrem Wissensdurst so klug, dass ihr sehr junges Alter in den Hintergrund gerät. „Nach dem entwicklungspsychologischen Stufenmodell ist ihr Denken und Handeln altersgemäß“, meinte Dinkelaker. Zwar sei manches durch den Einfluss der Eltern nachgeplappert. Manches sei aber auch kreativ, wie etwa die Betrachtung ihrer Umgebung durch ein selbstgebasteltes Periskop oder die Identifizierung mit Hermes, Thor sowie einem Adler, die in der Phantasie der Kinder Gott seien. „Eine authentische Religion entsteht nur, wenn Kinder authentische religiöse Menschen erleben“, sagte Dinkelaker. Eine Familie ohne Religion sei eine Tragödie, eine mit zu viel Religion aber auch. Dabei bezog er sich auf eine Szene, die die Kinder bei einer islamischen Theologisierung zeigt.

Benninghoven sprach das Verhältnis der Kinder zum Tod an, indem sie auf deren hilflose Reaktion auf „explodierende Köpfe“ und eine Szene anspielte, in der sie sich als mit Papier eingewickelte Mumien verkleiden, die in der Badewanne auf den Tod warten. Das sei eine Verarbeitung von Gewalt, die sie in den Nachrichten gehört hatten. Reale Tote hingegen hätten sie nicht gesehen, meinte Dinkelaker. Sich einen Gott zu suchen, um Not auszuhalten und auszuschalten sei immer eine Möglichkeit zum Verarbeiten von Gewalt.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2021

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Bild: Christina Budde vom naxos-Kino im Interview mit Regisseur Aboozar Amini.

Seit mehr als 40 Jahren bestimmt Krieg den Alltag in Afghanistan. Vor allem die Bedrohung durch islamistische Selbstmordattentate ist für die Menschen in der Hauptstadt Kabul allgegenwärtig. Der 2018 entstandene Dokumentarfilm Kabul, City in the Wind von Regisseur Aboozar Amini schilderte während seiner deutschen Kino-Premiere im naxos-Kino das Leben zweier Kinder und eines Busfahrers, die in der afghanischen Hauptstadt um ein bisschen Normalität kämpfen. Dem Teenager Afshin einerseits erklärt sein Vater, dass er nun „der Mann im Haus“ ist. Denn der Vater ist Ex-Soldat und muss Afghanistan aus Sicherheitsgründen verlassen. Parallel dazu zeigt Amini, wie Busfahrer Abas unter seiner Schuldenlast zu zerbrechen droht und sich mit Drogen betäubt.

Die Kombination von Bildern, Sprache und Hintergrundgeräuschen ging Moderatorin Christina Budde „unter die Haut“. Sie fragte, wie der Regisseur an die Protagonisten gelangt war. Er musste etwas ausholen und nannte die Zerstörung zweier Buddha-Statuen von Bamiyas sowie die Zerstörung der Twin Towers im Jahr 2001 als einen „Wendepunkt in meinem Leben“. Die Terroristen, damals bekämpft, regierten heute das Land. Und die Menschen dort zahlten unter anderem den Preis für die Auseinandersetzungen zwischen den USA und Russland. „Kein Mensch dort versteht, um welche Art von Krieg es sich überhaupt handelt“, sagte Amini. Insofern habe er nach Protagonisten gesucht, deren Blicke Ratlosigkeit und Hoffnung gleichermaßen ausdrückten: „Sie spiegeln das typische Afghanistan wider – emotional, begeistert, voller Trauer“. Hinzu kamen Finanzierungsprobleme für den Film, da er nicht dem „Mainstream-Geschmack“ entsprechen könnte.

Westkabul mit einem Bevölkerungsanteil von zehn Ethnien und 99 Prozent Hazara war das Hauptziel der Terroristen innerhalb der dreijährigen Produktionszeit, so Amini. Hauptziel, weil dort zahlreiche Schulen, Clubs, Vereine und Krankenhäuser beheimatet waren, eine Basis für Bildung und Weiterentwicklung von Kindern und Frauen, was die Terroristen am meisten fürchteten und deshalb zerstörten. Als Beleg zeigte der Regisseur „die umgebenden Hügel, die mit Gräbern bedeckt sind“. Anfangs hatte er auch auf ein junges Mädchen als Protagonistin für seinen Film gesetzt, aber deren Familie habe es „wohl aus Angst nicht zugelassen“. Für seinen Film und seine bewegenden Worte im Filmgespräch erhielt er großen Applaus von den zahlreichen Besuchern, der ihn optimistisch für seine anstehende Kino-Tournee durch Deutschland machte.

Bildung und Jobfindung für afghanische Frauen - Bild: Nadia Qani, Vorstandsvorsitzende vom Verein zur Förderung afghanischer Frauen ZAN e.V. (l.), und Eva Bitterlich von medico international.

Für den zweiten Teil des Abends hatte Christina Budde zwei mit dem Thema vertraute Gesprächspartnerinnen eingeladen: Nadia Qani, Vorstandsvorsitzende vom Verein zur Förderung afghanischer Frauen ZAN e.V., und Eva Bitterlich von medico international. ZAN wurde 2001 gegründet. Mit der Eröffnung einer Fotoausstellung „Frauen – Leben in Afghanistan“ 2002 in Frankfurt, die später auch in anderen Städten ausgestellt wurde, ging er mit seinen Zielen an die Öffentlichkeit: das Vermitteln von Sprachkompetenzen, EDV-Unterricht und politischer Grundbildung für Frauen der afghanischen Community in Frankfurt und Rhein-Main.

Eva Bitterlich ist koordinierende Referenten für Afghanistan bei medico international, einer Hilfs- und Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Frankfurt. Die Organisation engagiert sich für die globale Verwirklichung des Menschenrechts auf Gesundheit. Dafür unterstützt sie Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Zusammen mit Partnern leistet medico Nothilfe in Katastrophensituationen und unterstützt langfristig Projekte in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Menschenrechte und psychosoziale Arbeit.

Qani zeigte sich erschüttert über die Lage Afghanistans seit der Machtübernahme durch die Taliban. „Der Frieden ist gescheitert“, sagte sie. Hoffnung mache ihr jedoch, seit 2017 rund 300 Frauen alphabetisiert und an die deutsche Sprache herangeführt zu haben. Bitterlich sagte, ihre Organisation wolle Armut, Not und Gewalt nicht nur lindern, sondern ihre Ursachen erkennen und überwinden. „Wir unterstützen Menschen, die Familien und Freunde durch Attentate und lange Kriegszustände verloren haben.“ Aktuell versuche man vor allem, Menschen aus Afghanistan zu evakuieren.

Rolf Henning

 

 

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2021

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Als Kooperation zwischen dem naxos.KINO, dem Historischen Museum Frankfurt, dem, Stadtlabor Frankfurt, dem Filmmuseum und der DENKBAR im Rahmen der Ausstellungen "DIE STADT UND DAS GRÜN" zeigten wir den Dokumentarfilm "WENN EIN GARTEN WÄCHST" von Ines Reinisch aus dem Jahr 2014.

Der Film ... erzählt von dem heiteren Abenteuer einer Gruppe Nachbarn in Kassel, die ohne besondere Vorkenntnisse, aber mit viel Mut und Motivation erfolgreich eine fade, städtische Rasenfläche in eine öffentliche Gartenoase mitten in der Stadt verwandelt. Keiner der Nachbarn ist ausgebildeter Gärtner, aber sie probieren aus, stellen Fragen, machen Fehler, lernen daraus und erschließen sich durch ihren Gemeinschaftsgarten eine neue Welt, die auch gedanklich neue Horizonte bietet. Der Gemeinschaftsgarten auf dem Kasseler Huttenplatz wird für sie und für den Stadtteil ein voller Erfolg! Doch trifft das gemüsewachsende Treiben nicht auf behördliche Zustimmung. Die Erhaltung des Gartens wird zum Kraftakt.

Im Rahmen der Dokumenta 13 wurde die Nachbarschaft des Huttenplatzes als Kunstaktion aufgefordert, für den Zeitraum der Dokumenta eine Grünfläche kreativ-gärtnernd umzugestalten.
Was in der Theorie "Soziale Plastik" heißt konnten nun die Besuchenden der DENKBAR haut- und praxisnah erleben.
Die gärtnerde Nachbarschaft wurde unterstützt von Studierenden der Hochschule Kassel v. a. vom Studiengang Ökologische Landwirtschaft. Hierzu gehörte auch Ines Reinisch, die - aber eben auch als studierte Filmemacherin - die Chance zur Dokumentation sofort anging.

Eine so lebhafte Diskussion zu den Themenaspekten dieses Films habe ich bisher noch nicht erlebt.
Die halbstündige Pause zwischen Filmende und der Zoom-Zuschaltung der Filmemacherin wurde nicht etwa zum Essen und Trinken genutzt, sondern es wurde volle Pulle durch diskutiert.
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Katharina Böttger und Dr. Nina Gorgus vom Historischen Museum Frankfurt konnten hier zu allen Aspekten auf Frankfurt bezogen Antwort geben.



So vorgeglüht war das Interesse des Publikums keineswegs erschöpft als um 22:00 Uhr Ines Reinisch zugeschaltet auf der Leinwand erschien:



Nun wurden mit ihr vor allem die filmischen Elemente der Dokumentation diskutiert. Die Poesie des Films, die Schnitte und Übergänge, die komischen und dramatischen Elemente, die in einem spannenden Bogen gehalten sind.

Die Problematik eines Filmendes, wenn das Projekt gescheitert wäre, wurde abgewendet, da die Fortsetzung bis heute gegen alle bürokratischen Hemmnisse durchgesetzt werden konnte.
Und wer genau hingehört hatte, merkte: die Filmmusik ist eigens für den Film komponiert.

Gäste:
Katharina Böttger und Dr. Nina Gorgus vom Historischen Museum Frankfurt
Zugeschaltet per Zoom: die Filmemacherin Ines Reinisch
Moderation: Wolfgang Voss, naxos.KINO

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weiterführende Links:

- INES REINISCH
- HISTORISCHES MUSEUM
- STADTLABOR

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2021

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Prof. Dr. Ute Sacksofsky, Rechtswissenschaftlerin, Feministin, Goethe-Universität Frankfurt am Main und Moderatorin Christina Budde, naxos.KINO


„Ich verlange keine Vorteile für mein Geschlecht – alles was ich will ist, dass unsere Brüder ihre Füße aus unseren Nacken nehmen.“

Ruth Bader Ginsburg wurde am 15. März 1933 in Brooklyn, New York geboren. Ihre Eltern legten viel Wert auf Bildung. Sie war eine der wenigen Jura-Studentinnen der damaligen Zeit und mußte gegenüber dem Dekan begründen, warum sie einem Mann den Studienplatz wegnehme. Ihr Jurastudium hat sie als Jahrgangsbeste abgeschlossen...
„ I dissent“ – der stets scharf formulierte Widerspruch wurde zum Markenzeichen der Obersten Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg, die letztes Jahr im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Ruth Bader Ginsburg hat die Welt für amerikanische Frauen verändert. Bis zuletzt stellte sie ihr Lebenswerk in den Dienst der Gleichberechtigung und derjenigen, die bereit sind, dafür zu kämpfen.
1993 wurde sie als zweite Frau an den Supreme Court der USA berufen und hielt dort bis zu ihrem Tod eisern die Stellung.

Im Filmgespräch mit der Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Ute Sacksofsky konnten dann einige wichtige Wesenszüge des Wirkens Ruth Bader Ginsburgs herausgearbeitet werden:
Sie erreichte eine juristische Bewertung der Benachteilung von Frauen auf Grundlage der Verfassung analog zur Rassendiskriminierung.
Anders als es im Film scheint, war Ruth Bader Ginsburg nicht immer eine Ikone der Emanzipationsbewegung. Ausgebildet nach dem zweiten Weltkrieg geriet sie in die Zeit, da die zurückkehrenden Männer die alten Verhältnisse restaurierten - und später von der Frauenbewegung der 60er Jahre wurde sie auch nicht sofort als die pragmatische Revolutionärin gesehen und in ihrem sehr formalen Vorgehen wurde anfangs die eigentliche emanzipatorische Sprengkraft nicht wirklich erkannt.

Woher diese Kraft und dieses erstaunliche Durchsetzungsvermögen?

Ute Sacksofsky entwickelt dazu einige Thesen: Die enge Bindung an die Mutter und frühe Disziplin, extreme Schicksalsschläge, die es zu getalten galt, der wirklich passende Lebensgefährte. Nie zornig zu werden - sondern durchdacht und fleißig letztlich deutlich die Schlauere und Überzeugende zu werden.
Schließlich wurde ihr Weg zum Vorbild für die Jungen bis hin zur Pop-Ikone nachgezeichnet. Dies vor allem auch  - weil Ruth Bader Ginsburg es verstand, wirklich brilliante Texte zu schreiben.

Hätte Ruth Bader Ginsburg nicht aus strategischen Gründen schon unter Obama zurücktreten müssen, um eine liberale Nachfolge zu sichern? Auch hier wurde diese Frage wieder einmal nur bei bei einer Frau gestellt - auch sei die überraschende Präsidentschaft D. Trumps nicht vorherzusehen gewesen.

Gefragt nach dem eigenen Entwicklungsgang erzählte Ute Sacksofsky von der ganz allmählichen Verbesserung des Geschlechterverhälnisses im juristischen Bereich, sodass heute mit 17% Frauenanteil an den Professuren wenigstens ein gewisses Maß an Sichtbarkeit erreicht sei und die gute Vernetzung untereinander Halt gebe.
"Schneewittchen-Senate" (1 Frau auf 7 Männer) seinen immer noch an der Tagesordnung.
Das wichtigste sei: dass die heutigen Frauen nicht mehr so unter der extremen Beobachtung und Bewertung stehen, immer anscheinend für das gesamte Geschlecht sprechen zu müssen.
Männerdomänen fangen an zu bröckeln, der Weg in die Chefetagen gelingt allerdings nur wenigen Frauen - noch gebe es analog zu den Juristen zu viele Alpha-Tier-Biotope wie z.B. Medizin und Architektur...



Moderatorin Christina Budde im Gespräch mit der Rechtswissenschaftlerin Prof. Ute Sacksofsky

         


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Wolfgang Voss, naxos.KINO

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2021

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Michael Weber (Theater Willy Praml) + Otmar Hiltzelberger (Filmemacher) + Willy Praml (Geburtstagskind) + Karin M. Ritz (Filmemacherin) + Carola Benninghoven (Moderation naxos.KINO)




Willy Praml, Karin M. Ritz, Carola Benninghoven

         


        

Fotos: Wolfgang Voss, naxos.KINO

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Am 31.August 2021 feierte Willy Praml seinen 80. Geburtstag - und zeitgleich das Jubiläum des 30jährigen Bestehens des Theaters Willy Praml, 1991 gemeinsam gegründet mit dem Schauspieler, Bühnen-und Kostümbildner und inzwischen auch Regisseur Michael Weber.

Damals noch ohne feste Bleibe - und ohne unser naxos.Kino! Beides kam später: die Naxos-Halle ab 2000, das Kino ab Oktober 2005, Dank der langjährigen Kontakte zwischen Willy Praml und dem naxos.Kino-Gründer Wolf Lindner.

Anlässlich dieses gleich vielfach zu feiernden und zu würdigenden Ereignisses wollte das naxos.Kino das auf passende Weise tun und präsentierte an diesem Abend gleich drei Filme, wie immer mit anschließendem Gespräch.

Den Anfang machte der Film 'Vom Wege ab' aus dem Jahr 2012, in dem die Regisseurin Karin M.Ritz in konzentriertester Form alles Typische über Willy Pramls Herangehensweise an Musik und Theaterprojekte beschreibt. Hier am Beispiel einer eigenen Version verschiedener, weniger bekannter Märchen der Gebrüder Grimm.

Märchen können, so Praml, als immer wieder neu erzählte Geschichte verstanden werden, sind Urformen der Literatur mit ihren ritualisierten Topoi - und faszinierten den studierten Literaturwissenschaftler seit jeher. Er habe - wie vermutlich nur wenige Menschen - wirklich alle Grimmschen Märchen gelesen!

Und wenn man als 'Gebrüder-Grimm-Preisträger' (Willy Praml im Jahr 1979) im Jubiläumsjahr der berühmten Märchensammler 2012 mit der Inszenierung von 'Vom Wege ab' einen neuen Blick auf die Grimmschen Märchen werfe, dann könne man auch mit einem größeren Interesse an einem solchen Theaterprojekt rechnen.

Karin M.Ritz erzählte von der besonderen Chance, die ihr das Theater Willy Praml für ihre filmische Hochschul-Abschluss-Arbeit ohne jede Einschränkung gab: sie begleitete die Theaterproduktion von den ersten Proben bis zur Premiere - und fühlte sich am Ende wie ein Teil der Theaterfamilie: diese persönliche Nähe bei gleichzeitiger Distanz zur Sache macht diesen 18-minütigen Film zu einem kleinem Kunstwerk.

Aber vor den Grimm'schen Märchen lag viel 'Buntes' auf dem Lebensweg des späteren Theaterprinzipals Willy Praml: er war Bundes-Referent für musische Bildung beim BdP in Berlin, später dann viele Jahre hauptamtlicher Mitarbeiter für Theater-und Kulturarbeit der Jugendbildungsstätte Dietzenbach: das hieß u.a. viel engagierte Arbeit mit Lehrlingen, jungen Langzeitarbeitslosen, Flüchtlingen, aber auch Laien-Schauspielern auf dem Land. Aufführungen an vielen verschiedenen Orten, bei deren Auswahl sich Willy Praml und Michael Weber als wahre Meister erweisen: sind es die Stücke, die zu originellen Orten 'gefunden' werden, oder sind es die ungewöhnlichen Orte (u.a. die Frankfurter Paulskirche, Bacharach und der Rhein, eine Tiefgarage, eine Scheune im Hessischen) die zu den Stücken gefunden werden? Am Ende der langen Suche nach einer dauerhaften Spielstätte stand dann überraschend die Naxos-Halle, die Willy Praml und sein Ensemble nicht mehr bereit waren, aufzugeben, obwohl die ersten Inszenierungen in dieser von Willy Praml so genannten 'Industrie-Kathedrale' quasi 'illegal', weil ohne richtigen Vertrag waren. Die Zuschauer ahnten davon nichts. Den ersten Vertrag gab es erst Anfang der 2000er Jahre.

Etwa zu diesem Zeitpunkt begann die Langzeitbeobachtung von Otmar Hitzelberger und dem Projekt 'Xenos auf Naxos' (2002/2003): die dokumentarische Begleitung eines europäischen Integrationsprojektes für (vor allem) migrantische junge Langzeitarbeitslose.

Unter fachlicher Anleitung erfahrener Meister entkernen die jungen Leute die verwahrloste Industrie-Halle Naxos, lernen dabei die unterschiedlichsten Gewerke im Handwerksbereich kennen - und können einmal pro Woche 'Theaterarbeit' mit Willy Praml und seinen Schauspielern machen: für viele Projektteilnehmer eindeutig die größere Herausforderung als die zum Teil wirklich schwere körperliche Arbeit. Am Ende des Xenos-Projekts steht eine fast aufgeräumte Halle mit neuen Fenstern und teil-gereinigten Wänden - aber auch ein Theaterstück: 'Die Nibelungen' - und bis dahin immer neue Auseinandersetzungen zwischen den nicht nur geduldigen Theaterleuten und den jungen Migranten. Die Frauen der Gruppe halten, so Willy Praml, bis zur Premiere durch, finden Freude und Selbstbestätigung in der Theaterarbeit, die jungen Männer nicht. Das Projekt wird nach einem Jahr nicht fortgesetzt.

Viel interessanter Stoff also für einen Dokumentarfilm. Für den Film am Geburtstagsabend hat das naxos.Kino eine eigene, quasi journalistische Kurzfassung des im Original weit über eine Stunde dauernden Filmes 'Xenos auf Naxos' erstellt, mit der zunächst verständlicherweise skeptischen Zustimmung des Regisseurs Otmar Hitzelberger. Wie schön, dass ihm unsere Filmversion am Ende sogar gut gefiel.

Aber ohne diese komprimierte Form hätten wir dieses quasi historische Dokument: die Entkernung und Wandlung der Industrie-Halle Naxos hin zum Theater Willy Praml - und gleichzeitig seine Arbeit mit Laien nicht zeigen können.

Denn zum Abschluss des Geburtstagskino-Abends wollten wir noch Otmar Hitzelbergers langen Film 'Das 25.Jahr' präsentieren: eine echte Mammutaufgabe, denn hier werden fast alle Produktionen aus den Jahren 2015-2019 in den verschiedensten Phasen zwischen Leseproben, ersten Bühnenfassungen bis hin zu Premieren gezeigt.

Hitzelberger, seit seinen frühen Kontakten aus Lehrlingszeiten Willy Praml persönlich wie film-begleitend eng verbunden, zeigt in diesem Kaleidoskop aus Menschen-und Theaterbildern, Interviews und szenischen Ausschnitten den kongenialen Theatermenschen Willy Praml, in jedem Stück ein Kämpfer für Geschichtsbewusstsein und Haltung.

Und wie schon bei Karin M.Ritz wird auch hier deutlich: Nähe muss keine Belastung für ein Projekt sein, kann Gewinn sein, denn es gelingt Hitzelberger mit jedem Bild Willy Praml, den Theatermenschen zu zeigen, den Spracherfinder und -Erzieher, auch den Homo Politicus, nachvollziehbar für alle.

Dieser Kino-Abend sollte eine Hommage an unseren 'Gastgeber' in der Naxos-Halle sein, ein ehrliches Dankeschön für seine andauernde Unterstützung - mit noch hoffentlich vielen Jahren quasi gemeinsamer Kino-und Theater-Abende. Und der andauernden Freude und dem Interesse an der Arbeit der jeweils anderen Seite.

Willy Praml schien auch diesen letzten Teil seines langen Geburtstagsfestes zu genießen - er blieb bis zuletzt, obwohl wir nach diesem dritten Film keine weiteren Gespräche geplant hatten. Wie schön.


Carola Benninghoven

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Weiterführende Links:

- Auf Vimeo:

"Vom Wege ab" - Dokumentarfilm von Karin M. Ritz zum Theater Willy Praml, Grimm-Jahr 2012/13


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- Otmar Hitzelberger: OPEN LENS FILMPRODUKTION


Zuletzt aktualisiert: 17. September 2021

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Filmemacherin Christiane Büchner + Moderator Wolfgang Voss + Psychoanalytiker und Psychotherapeut Prof. Dirk Blothner beim gemeinsamen Nachdenken


Ein Dokumentarfilm, der erst posthum einsetzt und daher - um Wilhelm Salber (1928-2016) direkt abbilden zu können - auf ältere Filmquellen und Fotos zurückgreifen muss.

Aber interessant - die Filmemacherin meint, mit Salber selber wäre diese Dokumentation nicht möglich gewesen, da er keine weitere "Regie" dulde.

Daraus ergab sich ein kluges Vorgehen: anhand eines von Linde Salber gepackten Koffers mit diversen "Dingsymbolen" (Skulptur, Goethetext, Malkasten...) erleutern Mitstreiter/innen und Schüler/innen wesentliche Elemente des Salberschen Denkens.
Diese Vorgabe half auch beim Vermeiden von allzu Anekdotischem und so war diese Erzählstruktur von Anfang an eine geplante.

Den Zentralbegriff "Psychologische Morphologie" einer Erklärung entgegen zu führen war für das Podium nur ansatzweise möglich.
Die Theorie ist in der Praxis sehr effizient - Salber ist aber eben nicht einfach zu lesen geschweige denn leicht zu reproduzieren.

So versuchten wir es gemeinsam anhand einiger Zitate anschaulich zu machen:
das Seelische als
- "sich selbst malendes Bild",
- schafft Werke nur in der Wechselwirkung von "Verhalten und Erleben",
- schafft seine Werke durch Rückgriffe auf Vorgefundenes "Leidenschaften sind nur Zitate" (Schopenhauer).

Wichtige Bilder, in denen sich das Seelische wieder findet, sind die Märchen, daraus ergibt sich die Frage, wie konkret Märchen in der Therapiepraxis wirken und welche Wirkungsräume die Wirklichkeit anbietet: im Film ist es das Beispiel "von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen"
In Anwendung auf:
- Straftäter, denen es nicht möglich ist, mit anderen Menschen mitzufühlen/ mit zu bewegen, die deshalb zu großer Brutalität fähig sind. 
- den Wirkraum "Chirurgie" als dem Ort, wo das Hineinschneiden in einen lebenden Körper, gerade geboten ist, denn hier entfaltet die gleiche kalte Distanz genau das professionell nötige Ergebnis.

"Wir erfahren, dass die Unvollkommenheit selber das Prinzip der Kultivierung ist" - Endlösungs-Ideolgien werden letztlich immer zerstörerisch sein.

So haben wir alle das morphologische Denken am besten durch den Film selbst - im Prozess unserer eigenen Metamorphosen beim Zuschauen - erfahren.

"Wie können wir in einer sich wandelnden Welt unserem Wirken einen Lebensraum geben, ein gelebtes Bild herausgestalten?"

Mit dieser Frage zum Schluss, Dank an die Gäste Christiane Büchner und Dirk Blothner, das Publikum und alle Helfenden ging es auf den Heimweg.
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PS: im Ausklingen des Abends zeigte sich auch: das naxos.KINO selbst hat in seiner nun über 15jährigen Geschichte schon viele Organisationsformen = Metamorphosen(!) durchgemacht und zeigt darselbst die Wirksamkeit der psychologischen Morphologie.

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Weiterführende Links:

- Christiane Büchner: Filmproduktion

- Wilhelm Salber: Werkausgabe

- Wilhelm-Salber-Gesellschaft - WSG

- Zeitschrift: anders

- und da wir hier im KINO sind - als Beispiel ein Vortrag D. Blothners: "Morphologien der Erotik im Werk Alfred Hitchcocks."

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Anmerkung: die Graphik in unserer "Denkblase" stammt von der Webseite der WSG/ Methodik

 

Wolfgang Voss


Zuletzt aktualisiert: 17. September 2021

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Moderator Wolfgang Voss + Filmemacher, Komponist und Autor Mario Schneider im Publikumsgespräch

 

 

  "Jeder Mensch hat eine Geschichte, die man erzählt, wenn es mehr Kraft kostet, sie zu verschweigen, als sich ihr endlich hinzugeben."

Ein Zitat aus dem Erzählungsband von Mario Schneider "Die Frau des schönen Mannes" eröffnete das Filmgespräch. Dieses Zitat bündelt förmlich das Anliegen des Films "AKT - 4 Leben ein Akt".

4 Aktmodelle in den Aktseminaren Leipzigs - 4 Leben, die uns mit entwaffnender Offenheit gegenübergetreten.

Über 70 Aktmodelle hat Mario Schneider kennen gelernt, die Auswahl fiel schließlich auf diese vier Protagnistinnen und diesen Protagonisten, wegen ihrer reflektierten Schilderungen, wie sie mit je verschiedenen Schicksalschlägen umgehen und diese in eine empatische Lebensform verwandeln.

Anregede Publikumsfragen zielen auf die gesamte Interaktion in so einer Gruppe:

- Wo bleibt der Blick auf die entstandenen Werke?

- Wie bildet sich die Beziehung jedes einzelnen zum Modell aus?

- Was wird aus dem erotischen Anteil?

- Wie empfinden sich die Modelle zwischen angenehm nackter Freiheit und Entblößung?

- Die Absicht des Films war nicht, die Zeichenfortschritte anhand von Beispielen zu dokumentieren, sondern den Zuschauer an die Stelle des Betrachters zu stellen, so dass wir die Annäherung an die Menschen hinter der Modellrolle in besonderer Weise erfahren.

- Die Beziehung der Zeichnenden zu den Modellen bleibt im Film - wie auch im realen Leben - meist nur auf den Moment der konzentrierten Arbeit bezogen. Es sind im Zuge des Kunststudiums diese Kurse zu belegen, die auch in die Bewertung der Studienleistungen eingehen.

- So ist auch dieser Pflichtanteil ein Hemmschuh für erotisches Empfinden und gerade auch die FKK-Tradition in der ehemaligen DDR machen die Menschen in dieser Hinsicht gelassen. Es fehlte überdies die exzessive Kommerzialisierung des Nackten.

- Für Aktmodelle ist diese Arbeit häufig aus der Überwindung von Zweifeln am eigenen Körper entstanden. Sie verarbeiten dies profesionell und schätzen die kontemplativen Momente und das Wissen, etwas Dauerhaftes in der Zeit zu hinterlassen.

Dies drückt sich auch in dem Eingangszitat Michelangelos aus:

„Auf daß man tausend Jahr, nachdem wir starben, sehe, wie schön Ihr wart…“

Der Film beginnt und endet mit dem Blick auf die Skulpturen der Antike. Diese Lebendigen aber ziehen uns hinein in die Haltung eines Körpers, in die Züge eines Gesichtes und dann schließlich hinein in die Geschichte dieses Menschen.

Zum Abschluss die Vermutung, dass wir hier (in Frankfurt) ganz nah sind an dem Untertitel zu Adornos "Minima Moralia" - diese Lebensgeschichten sind "Reflexionen aus dem beschädigten Leben"...

 

Wolfgang Voss

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2021

  20.08. | im FILMMMUSEUM | 20:30 Uhr

  15.09. | Denkbar Frankfurt | 20:00 Uhr

 19.10. | naxos.KINO | 19:30 Uhr

   Die Filmreihe Gärten und Parks im FILMMUSEUM

   "DIE STADT UND DAS GRÜN" 3 Ausstellungen von Maerz bis Oktober 2021 im HISTORISCHEN MUSEUM


   DIE STADT UND DAS GRÜN:
   3 Ausstellungen von Maerz bis Oktober 2021,

   Rahmemprogramm im Filmmuseum, der DENKBAR und dem naxos.KINO

 

 

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2021

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Bild: Der Kuba-Experte Andreas Hesse vom Filmforum Höchst war Gesprächsgast von naxos-Moderatorin Carola Benninghoven.

Am Ende der Ära Castro hat Kuba Reformen, die sogenannten Lineamientos eingeführt. Sie sollten die marode Wirtschaft reformieren. Ob diese allerdings das Land aus seiner Dauerkrise retten können, stellte der Film „Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ infrage. Zwar will sich die Planwirtschaft öffnen, doch sind „dazu langfristige strukturelle Reformen unabdingbar“, sagte Andreas Hesse, Kuba-Experte von Filmforum Höchst.

Damit einhergehen müsste eine mentale Veränderung innerhalb der kubanischen Bevölkerung, warf naxos-Moderatorin Carola Benninghoven ein. Sie spielte damit auf die Hauptwirtschaftsbereiche Tourismus, Landwirtschaft Dienstleistung und Distribution an. Hinzu kämen die Folgen der Pandemie. „Die Delta-Variante ist massiv ausgeprägt“, sagte Hesse. Die Impfkampagne komme nur sehr langsam in Gang. Rund 20 Millionen Spritzen müssten für die 11-Millionen-Bevölkerung ins Land kommen. Das sei aber abhängig von den USA, da Kuba über keine eigene Produktion verfügt. „Nachdem man einigermaßen glimpflich durch die erste Welle der Pandemie gekommen ist, wurde der Tourismus von überall her zu Unzeiten wieder hochgefahren, als noch kein Kubaner geimpft war“, meinte der Kuna-Experte. So grassierte das Virus im Land ohne Sicherheitsnetz.

Fehlende Tourismus-Einnahmen, rückläufige Importe, kein Export mehr von Ärzten und Fachkräften sowie die Blockade aus den USA als Politik des Aushungerns hätten die Bevölkerung zutiefst betroffen. All dies zusammen war der Auslöser der Juli-Demonstrationen, als die Menschen aus Verzweiflung und Wut über die Mangelwirtschaft aufgrund staatlicher und privater Korruption auf die Straße gingen. Ob China hier in die Lücke stoßen könnte, hieß es seitens der Besucher. „Chinas Rolle ist noch undurchsichtig“, sagte Hesse. Die Weltmacht unterstütze zwar mittels Spenden, Schuldenstundung und Ausbau des Bahnnetzes in bescheidenem Umfang, produziere damit aber eine gewisse Machtbasis, um darauf künftig Positionen zu besetzen. Die eingangs zitierten Richtlinien betreffen eine Dezentralisierung in allen Bereichen. Danach dürften rund 2000 Berufe inklusive Import und Export von künftig Selbständigen ausgeübt werden. Das sei aber bisher nur Intention, zumal Überweisungen nach Kuba von Banken aus nicht möglich seien.

Als dringlichste Reformen nannte Hesse die Freigabe von Preisen, Bankkredite, vor allem für den überalterten Maschinenpark in der Landwirtschaft, die Zulassung von KMU sowie die freie Distribution von Waren an die Bürger. Seit 1980 habe sich nichts zum Positiven verändert, so ein Besucher. Man höre stets nur Parolen, von Aufschwung keine Spur. „Deshalb löst das Land seine Probleme nicht.“

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2021

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Bild: naxos-Moderatorin Carola Benninghoven (r.) mit Rainer Kilb, Annalena Stöger und Regisseurin Kathrin Pitterling.

Junge Menschen gehen für „Fridays for Future" auf die Straße. Wie stark sie ihr Engagement im Lauf der Zeit verändert hat, zeigt „Aufschrei der Jugend". Innerhalb kürzester Zeit lernen die 14- bis 22-Jährigen, Demonstrationen mit Zehntausenden zu organisieren, mit Politiker*innen im Bundestag zu sprechen oder Polizei und Sicherheit für ebenjene Tausende Menschen zu koordinieren. Doch hinter den Kulissen zahlen sie einen hohen Preis: Shitstorms, interne Machtkämpfe, Kritik und Presse-Stalking führen zu Panikattacken und Burnouts der Protagonist*innen.

Regisseurin Kathrin Pitterling war kurzfristig aus Berlin zum Filmgespräch angereist, das sie unter naxos-Moderatorin Carola Benninghoven mit Dr. Rainer Kilb, emer. Professor für Theorie und Praxis der sozialen Arbeit und der Gemeinwesenarbeit, und der Engagement-Botschafterin Klimaschutz Annalena Stöger führte. Kilb zeigte sich beeindruckt vom Lernaspekt der Aktiven: „Junge Menschen eignen sich in kürzester Zeit Management-Fähigkeiten an“. Stöger verwies auf die Widerstandsfähigkeit einer Gruppe, der es gelang, sich strukturell abzustimmen. Pitterling bestätigte, dass die meisten jungen Menschen von Beginn bis zum Ende der Aktionen dabei waren.

Benninghoven nannte die im Film gezeigten Jugendlichen eine „spezielle Gesellschaft“ und fragte, wie man eine solche Gruppe ansprechen könne. Kilb, selbst ehemaliger Sozialarbeiter, nannte als Beispiel Umfragen nach Werten. Danach bestehen „kaum Unterschiede im Umweltbewusstsein Jugendlicher aus Unter-, Mittel- und Oberschicht“. Politisches Engagement sei jedoch eher bei Mittel- und Oberschicht gegeben, die aufgrund ausgeprägterem Selbstbewusstsein eher bereit sind, auf die Straße zu gehen. Pitterling zufolge hatten die Jugendlichen alle das Gefühl gehabt, gebraucht zu werden: „Das hat zusammen geschweißt“. Je stärker dieses Engagement außerhalb der Schule gehört wird, desto stärker ist der Antrieb und das Selbstbewusstsein, weiterzumachen, bestätigte die 20-jährige Studentin Stöger. Hinzu käme das verbindende Gruppengefühl.

Ob „Fridays for Future" den Glauben an die Politik verloren habe, fragte die naxos-Moderatorin nach. „An einem bestimmten Punkt radikalisiert man sich, destruktiv oder produktiv“, meinte Kilb, in diesem Fall produktiv. Die Erkenntnis, aus Fehlern zu lernen, verbunden mit sozialer Sicherheit und Integration in die Gruppe, liefere einen psychischen Mehrwert. Dennoch stieg die Frustration innerhalb der Gruppe in der 50. Woche deutlich an, berichtete die Regisseurin: „Die Jugendlichen waren ausgebrannt, weil die Politik nichts unternommen hat“. Kilb bezeichnete eine mögliche daraus resultierende Radikalität als einen beschleunigenden Faktor im positiven Sinn und erinnerte an die Anti-Atom-Bewegung und die Studentenproteste aus dem 20. Jahrhundert: „Das ist besser als brennende Autos“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 05. August 2021