Aktuelles

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Filmemacherin Christiane Büchner + Moderator Wolfgang Voss + Psychoanalytiker und Psychotherapeut Prof. Dirk Blothner beim gemeinsamen Nachdenken


Ein Dokumentarfilm, der erst posthum einsetzt und daher - um Wilhelm Salber (1928-2016) direkt abbilden zu können - auf ältere Filmquellen und Fotos zurückgreifen muss.

Aber interessant - die Filmemacherin meint, mit Salber selber wäre diese Dokumentation nicht möglich gewesen, da er keine weitere "Regie" dulde.

Daraus ergab sich ein kluges Vorgehen: anhand eines von Linde Salber gepackten Koffers mit diversen "Dingsymbolen" (Skulptur, Goethetext, Malkasten...) erleutern Mitstreiter/innen und Schüler/innen wesentliche Elemente des Salberschen Denkens.
Diese Vorgabe half auch beim Vermeiden von allzu Anekdotischem und so war diese Erzählstruktur von Anfang an eine geplante.

Den Zentralbegriff "Psychologische Morphologie" einer Erklärung entgegen zu führen war für das Podium nur ansatzweise möglich.
Die Theorie ist in der Praxis sehr effizient - Salber ist aber eben nicht einfach zu lesen geschweige denn leicht zu reproduzieren.

So versuchten wir es gemeinsam anhand einiger Zitate anschaulich zu machen:
das Seelische als
- "sich selbst malendes Bild",
- schafft Werke nur in der Wechselwirkung von "Verhalten und Erleben",
- schafft seine Werke durch Rückgriffe auf Vorgefundenes "Leidenschaften sind nur Zitate" (Schopenhauer).

Wichtige Bilder, in denen sich das Seelische wieder findet, sind die Märchen, daraus ergibt sich die Frage, wie konkret Märchen in der Therapiepraxis wirken und welche Wirkungsräume die Wirklichkeit anbietet: im Film ist es das Beispiel "von Einem, der auszog das Fürchten zu lernen"
In Anwendung auf:
- Straftäter, denen es nicht möglich ist, mit anderen Menschen mitzufühlen/ mit zu bewegen, die deshalb zu großer Brutalität fähig sind. 
- den Wirkraum "Chirurgie" als dem Ort, wo das Hineinschneiden in einen lebenden Körper, gerade geboten ist, denn hier entfaltet die gleiche kalte Distanz genau das professionell nötige Ergebnis.

"Wir erfahren, dass die Unvollkommenheit selber das Prinzip der Kultivierung ist" - Endlösungs-Ideolgien werden letztlich immer zerstörerisch sein.

So haben wir alle das morphologische Denken am besten durch den Film selbst - im Prozess unserer eigenen Metamorphosen beim Zuschauen - erfahren.

"Wie können wir in einer sich wandelnden Welt unserem Wirken einen Lebensraum geben, ein gelebtes Bild herausgestalten?"

Mit dieser Frage zum Schluss, Dank an die Gäste Christiane Büchner und Dirk Blothner, das Publikum und alle Helfenden ging es auf den Heimweg.
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PS: im Ausklingen des Abends zeigte sich auch: das naxos.KINO selbst hat in seiner nun über 15jährigen Geschichte schon viele Organisationsformen = Metamorphosen(!) durchgemacht und zeigt darselbst die Wirksamkeit der psychologischen Morphologie.

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Weiterführende Links:

- Christiane Büchner: Filmproduktion

- Wilhelm Salber: Werkausgabe

- Wilhelm-Salber-Gesellschaft - WSG

- Zeitschrift: anders

- und da wir hier im KINO sind - als Beispiel ein Vortrag D. Blothners: "Morphologien der Erotik im Werk Alfred Hitchcocks."

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Anmerkung: die Graphik in unserer "Denkblase" stammt von der Webseite der WSG/ Methodik

 

Wolfgang Voss


Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Moderator Wolfgang Voss + Filmemacher, Komponist und Autor Mario Schneider im Publikumsgespräch

 

 

  "Jeder Mensch hat eine Geschichte, die man erzählt, wenn es mehr Kraft kostet, sie zu verschweigen, als sich ihr endlich hinzugeben."

Ein Zitat aus dem Erzählungsband von Mario Schneider "Die Frau des schönen Mannes" eröffnete das Filmgespräch. Dieses Zitat bündelt förmlich das Anliegen des Films "AKT - 4 Leben ein Akt".

4 Aktmodelle in den Aktseminaren Leipzigs - 4 Leben, die uns mit entwaffnender Offenheit gegenübergetreten.

Über 70 Aktmodelle hat Mario Schneider kennen gelernt, die Auswahl fiel schließlich auf diese vier Protagnistinnen und diesen Protagonisten, wegen ihrer reflektierten Schilderungen, wie sie mit je verschiedenen Schicksalschlägen umgehen und diese in eine empatische Lebensform verwandeln.

Anregede Publikumsfragen zielen auf die gesamte Interaktion in so einer Gruppe:

- Wo bleibt der Blick auf die entstandenen Werke?

- Wie bildet sich die Beziehung jedes einzelnen zum Modell aus?

- Was wird aus dem erotischen Anteil?

- Wie empfinden sich die Modelle zwischen angenehm nackter Freiheit und Entblößung?

- Die Absicht des Films war nicht, die Zeichenfortschritte anhand von Beispielen zu dokumentieren, sondern den Zuschauer an die Stelle des Betrachters zu stellen, so dass wir die Annäherung an die Menschen hinter der Modellrolle in besonderer Weise erfahren.

- Die Beziehung der Zeichnenden zu den Modellen bleibt im Film - wie auch im realen Leben - meist nur auf den Moment der konzentrierten Arbeit bezogen. Es sind im Zuge des Kunststudiums diese Kurse zu belegen, die auch in die Bewertung der Studienleistungen eingehen.

- So ist auch dieser Pflichtanteil ein Hemmschuh für erotisches Empfinden und gerade auch die FKK-Tradition in der ehemaligen DDR machen die Menschen in dieser Hinsicht gelassen. Es fehlte überdies die exzessive Kommerzialisierung des Nackten.

- Für Aktmodelle ist diese Arbeit häufig aus der Überwindung von Zweifeln am eigenen Körper entstanden. Sie verarbeiten dies profesionell und schätzen die kontemplativen Momente und das Wissen, etwas Dauerhaftes in der Zeit zu hinterlassen.

Dies drückt sich auch in dem Eingangszitat Michelangelos aus:

„Auf daß man tausend Jahr, nachdem wir starben, sehe, wie schön Ihr wart…“

Der Film beginnt und endet mit dem Blick auf die Skulpturen der Antike. Diese Lebendigen aber ziehen uns hinein in die Haltung eines Körpers, in die Züge eines Gesichtes und dann schließlich hinein in die Geschichte dieses Menschen.

Zum Abschluss die Vermutung, dass wir hier (in Frankfurt) ganz nah sind an dem Untertitel zu Adornos "Minima Moralia" - diese Lebensgeschichten sind "Reflexionen aus dem beschädigten Leben"...

 

Wolfgang Voss

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

  20.08. | im FILMMMUSEUM | 20:30 Uhr

  15.09. | Denkbar Frankfurt | 20:00 Uhr

 19.10. | naxos.KINO | 19:30 Uhr

   Die Filmreihe Gärten und Parks im FILMMUSEUM

   "DIE STADT UND DAS GRÜN" 3 Ausstellungen von Maerz bis Oktober 2021 im HISTORISCHEN MUSEUM


   DIE STADT UND DAS GRÜN:
   3 Ausstellungen von Maerz bis Oktober 2021,

   Rahmemprogramm im Filmmuseum, der DENKBAR und dem naxos.KINO

 

 

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2021

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Bild: Der Kuba-Experte Andreas Hesse vom Filmforum Höchst war Gesprächsgast von naxos-Moderatorin Carola Benninghoven.

Am Ende der Ära Castro hat Kuba Reformen, die sogenannten Lineamientos eingeführt. Sie sollten die marode Wirtschaft reformieren. Ob diese allerdings das Land aus seiner Dauerkrise retten können, stellte der Film „Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba“ infrage. Zwar will sich die Planwirtschaft öffnen, doch sind „dazu langfristige strukturelle Reformen unabdingbar“, sagte Andreas Hesse, Kuba-Experte von Filmforum Höchst.

Damit einhergehen müsste eine mentale Veränderung innerhalb der kubanischen Bevölkerung, warf naxos-Moderatorin Carola Benninghoven ein. Sie spielte damit auf die Hauptwirtschaftsbereiche Tourismus, Landwirtschaft Dienstleistung und Distribution an. Hinzu kämen die Folgen der Pandemie. „Die Delta-Variante ist massiv ausgeprägt“, sagte Hesse. Die Impfkampagne komme nur sehr langsam in Gang. Rund 20 Millionen Spritzen müssten für die 11-Millionen-Bevölkerung ins Land kommen. Das sei aber abhängig von den USA, da Kuba über keine eigene Produktion verfügt. „Nachdem man einigermaßen glimpflich durch die erste Welle der Pandemie gekommen ist, wurde der Tourismus von überall her zu Unzeiten wieder hochgefahren, als noch kein Kubaner geimpft war“, meinte der Kuna-Experte. So grassierte das Virus im Land ohne Sicherheitsnetz.

Fehlende Tourismus-Einnahmen, rückläufige Importe, kein Export mehr von Ärzten und Fachkräften sowie die Blockade aus den USA als Politik des Aushungerns hätten die Bevölkerung zutiefst betroffen. All dies zusammen war der Auslöser der Juli-Demonstrationen, als die Menschen aus Verzweiflung und Wut über die Mangelwirtschaft aufgrund staatlicher und privater Korruption auf die Straße gingen. Ob China hier in die Lücke stoßen könnte, hieß es seitens der Besucher. „Chinas Rolle ist noch undurchsichtig“, sagte Hesse. Die Weltmacht unterstütze zwar mittels Spenden, Schuldenstundung und Ausbau des Bahnnetzes in bescheidenem Umfang, produziere damit aber eine gewisse Machtbasis, um darauf künftig Positionen zu besetzen. Die eingangs zitierten Richtlinien betreffen eine Dezentralisierung in allen Bereichen. Danach dürften rund 2000 Berufe inklusive Import und Export von künftig Selbständigen ausgeübt werden. Das sei aber bisher nur Intention, zumal Überweisungen nach Kuba von Banken aus nicht möglich seien.

Als dringlichste Reformen nannte Hesse die Freigabe von Preisen, Bankkredite, vor allem für den überalterten Maschinenpark in der Landwirtschaft, die Zulassung von KMU sowie die freie Distribution von Waren an die Bürger. Seit 1980 habe sich nichts zum Positiven verändert, so ein Besucher. Man höre stets nur Parolen, von Aufschwung keine Spur. „Deshalb löst das Land seine Probleme nicht.“

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: naxos-Moderatorin Carola Benninghoven (r.) mit Rainer Kilb, Annalena Stöger und Regisseurin Kathrin Pitterling.

Junge Menschen gehen für „Fridays for Future" auf die Straße. Wie stark sie ihr Engagement im Lauf der Zeit verändert hat, zeigt „Aufschrei der Jugend". Innerhalb kürzester Zeit lernen die 14- bis 22-Jährigen, Demonstrationen mit Zehntausenden zu organisieren, mit Politiker*innen im Bundestag zu sprechen oder Polizei und Sicherheit für ebenjene Tausende Menschen zu koordinieren. Doch hinter den Kulissen zahlen sie einen hohen Preis: Shitstorms, interne Machtkämpfe, Kritik und Presse-Stalking führen zu Panikattacken und Burnouts der Protagonist*innen.

Regisseurin Kathrin Pitterling war kurzfristig aus Berlin zum Filmgespräch angereist, das sie unter naxos-Moderatorin Carola Benninghoven mit Dr. Rainer Kilb, emer. Professor für Theorie und Praxis der sozialen Arbeit und der Gemeinwesenarbeit, und der Engagement-Botschafterin Klimaschutz Annalena Stöger führte. Kilb zeigte sich beeindruckt vom Lernaspekt der Aktiven: „Junge Menschen eignen sich in kürzester Zeit Management-Fähigkeiten an“. Stöger verwies auf die Widerstandsfähigkeit einer Gruppe, der es gelang, sich strukturell abzustimmen. Pitterling bestätigte, dass die meisten jungen Menschen von Beginn bis zum Ende der Aktionen dabei waren.

Benninghoven nannte die im Film gezeigten Jugendlichen eine „spezielle Gesellschaft“ und fragte, wie man eine solche Gruppe ansprechen könne. Kilb, selbst ehemaliger Sozialarbeiter, nannte als Beispiel Umfragen nach Werten. Danach bestehen „kaum Unterschiede im Umweltbewusstsein Jugendlicher aus Unter-, Mittel- und Oberschicht“. Politisches Engagement sei jedoch eher bei Mittel- und Oberschicht gegeben, die aufgrund ausgeprägterem Selbstbewusstsein eher bereit sind, auf die Straße zu gehen. Pitterling zufolge hatten die Jugendlichen alle das Gefühl gehabt, gebraucht zu werden: „Das hat zusammen geschweißt“. Je stärker dieses Engagement außerhalb der Schule gehört wird, desto stärker ist der Antrieb und das Selbstbewusstsein, weiterzumachen, bestätigte die 20-jährige Studentin Stöger. Hinzu käme das verbindende Gruppengefühl.

Ob „Fridays for Future" den Glauben an die Politik verloren habe, fragte die naxos-Moderatorin nach. „An einem bestimmten Punkt radikalisiert man sich, destruktiv oder produktiv“, meinte Kilb, in diesem Fall produktiv. Die Erkenntnis, aus Fehlern zu lernen, verbunden mit sozialer Sicherheit und Integration in die Gruppe, liefere einen psychischen Mehrwert. Dennoch stieg die Frustration innerhalb der Gruppe in der 50. Woche deutlich an, berichtete die Regisseurin: „Die Jugendlichen waren ausgebrannt, weil die Politik nichts unternommen hat“. Kilb bezeichnete eine mögliche daraus resultierende Radikalität als einen beschleunigenden Faktor im positiven Sinn und erinnerte an die Anti-Atom-Bewegung und die Studentenproteste aus dem 20. Jahrhundert: „Das ist besser als brennende Autos“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: naxos-Moderatorin Hilde Richter im Gespräch mit Dr. Martin Zimmermann vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt.

„Ich möchte nicht alarmistisch erscheinen, aber die letzten drei extrem trockenen Jahre zeigen, dass sich der Klimawandel auch in Deutschland etabliert hat.“ Das sagte Dr. Martin Zimmermann vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt auf die Frage von naxos-Moderatorin Hilde Richter, ob es noch stimme, dass Deutschland laut einer 2014-er Studie ein wasserreiches Land sei.

Der zuvor gespielte Dokumentarfilm „Wasser – Im Visier der Finanzhaie“ ging der Frage nach, ob die Welt auf eine Trinkwasserkrise zusteuere. Der demographische Wandel mit Wasserknappheit durch Bevölkerungszuwachs, Trockenheit, Starkregen sowie Schadstoffzufuhren in Gewässer beinhalte systemische Risiken, so der Leiter Forschungsschwerpunkt Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen. „Der Mensch ist somit zur prägenden planetarischen Größe geworden“, sagte Zimmermann. Im Vergleich zu anderen Ländern gelte Deutschland zwar immer noch als wasserreich. Jedoch seien bereits 20 Prozent der hiesigen Wasserressourcen „auf vulnerabler Ebene anzusiedeln“.

In Anspielung an einen möglich „Wassercent“ fragte Richter, wie es um die Wasserwirtschaft in Frankfurt bestellt sei. Privatisierungsprojekte internationaler Investoren sowie konzertierte Plünderungsaktionen seien hier nicht möglich, so Zimmermann, denn für Frankfurt und Südhessen sei Hessenwasser als Versorger für Südhessen in kommunaler Hand. „Wasser ist regional und lokal gebunden. Es lässt sich nicht über Trassen in Deutschland verteilen.“ Von den mehr als 6000 Wasserversorgungsunternehmen in Deutschland seien zwei Drittel öffentlich-rechtlich organisiert und kommunal überwacht, ein Drittel privat. „Die Trinkwasserversorgung vor Ort ist gesichert“, so das Fazit des Ingenieurs.

Sollte Frankfurt künftig von Wasserknappheit betroffen werden, könnte Trinkwasser durch Betriebswasser – also Regenwasser, Grünflächenbewässerung, Toiletten- wie auch Waschmaschinenwasser – ersetzt werden. Das erfordere aber ein doppeltes Leitungssystem, das bei weiterer Baulanderschließung berücksichtigt werden müsse. Ebenso werde die deutsche Landwirtschaft künftig erheblich bewässern müssen. Das könne durch Zurückentwicklung von Entwässerungs- in Sammelgräben gelingen, hieß es aus dem Publikum. Auch müsse Wasser ein Menschenrecht bleiben und dürfe zu keiner Handelsware degenerieren, wie im Film gezeigt. Andererseits sei Wasser eine endliche Ressource, somit ein ökonomisches Gut unter Beteiligung aller Anspruchsgruppen. Nur: Wenn es alle gleichzeitig nutzen, werde es problematisch.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: Michael Rubin von der „A Country For Living-Foundation“ (2.v.l.) und FR-Journalist Stephan Hebel (2.v.r.) mit Moderator Andrej Bockelmann (r.). Links mit Mikrofon-Galgen naxos-Vorsitzender Wolfgang Voss.

Innerhalb einer Diktatur kann allein das Demonstrieren gegen diese ein Akt der Courage sein. Denn in Diktaturen ist die Staatsgewalt nicht zimperlich, wenn es darum geht, Gewalt gegen Demonstranten einzusetzen. Der Dokumentarfilm „Courage" zeigte den friedlichen Kampf tausender Demonstranten für eine Demokratiebewegung in Belarus. Nach den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2020 war die Hoffnung auf einen Machtwechsel groß. Dennoch: Alexander Lukaschenko blieb Präsident von Belarus.

naxos-Moderator Andrej Bockelmann führte durch das Gespräch mit den Besuchern. Seine beiden Gäste waren Stephan Hebel, politischer Autor und langjähriger Leitartikler der FR, und Michael Rubin, der sich ehrenamtlich in der 2020 gegründeten „A Country For Living-Foundation“ für freie Wahlen und die Demokratisierung in Belarus engagiert. Besonders beeindruckt gewesen sei er von den Szenen über die 200- bis 300.000er Versammlung in Minsk. Zwar habe das dortige Regime prompt die Zulassung für die freie Presse gesperrt, „wir liefern jedoch konkrete Informationen über Belarus nach dort“. Tatsächlich hätten 80 Prozent für die Opposition, lediglich drei Prozent für Lukaschenko gestimmt. Die Wahl sei also manipuliert gewesen, Lukaschenkos Kontrahenten ins Ausland abgeschoben oder verhaftet worden.

„Dieser Diktator muss weg“, sagte Hebel. Der Westen müsse die Revolution unterstützen, gleichzeitig aber eine Eskalation mit Russland vermeiden. Den russischen Präsidenten nannte er „ein Übel, mit dem man sich jedoch verständigen muss“, zumal die Deutsche Bank, die Allianz und andere diese Diktatur unterstützten. Rubin forderte den Verkaufsstopp sämtlicher Staatsanleihen, um eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung hin zu den Menschenrechten durchzusetzen. Ein internationales Zusammengehen von Wirtschaftshandel und Finanzindustrie ohne Strafmaßnahmen könnten Lukaschenko und Putin schwächen, meinte Hebel. Gesprächsbereitschaft könnte der Schlüssel zum gegenseitigen Zusammenkommen sein.

Apropos Sprache: Die Opposition spreche belarussisch, die Diktatur hingegen russisch. Das verweise bereits auf einen Krieg von Lukaschenko gegen das Volk, so Rubin weiter. Wer allein rote Socken und weiße Schuhe trage, gelte bereits als Oppositionist. Konzentrationslager mit einer Zelle für 40 bis 50 Verhaftete würden offiziell nicht gezeigt. Auf Bockelmanns Frage, ob es eine Demokratisierung der Demokratie brauche, meine Stephan Hebel: „Auf jeden Fall“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm & Gespräch e.V.“ nimmt seinen Spielbetrieb am 20. Juli 2021 wieder auf und setzt sein Dokumentarfilmprogramm 2021 inklusive der anschließenden Filmgespräche mit Filmemachern, Protagonisten und/oder Experten sowie dem Publikum fort.

Die aktuellen Informationen findet Ihr immer hier auf unserer Homepage, bei Twitter, Facebook oder Instagram.

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2021

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 Bildquelle: www.theater-adlershof.de

 

Liebe Filminteressierte!

Es freut mich außerordentlich für das naxos.KINO, dass wir durch die hervorragende Vorbereitung von Natascha Gikas und dem Filmmuseum heute die Gelegenheit haben, der jetzt kalten Naxos-Halle zu entkommen, hier den Dokumentarfilm zu sehen und - per Skypezuschaltung - auch unser Filmgespräch mit Petra Kelling und Richard Engel hier auf der großen Leinwand führen zu können.

Mit dem Filmmuseum zusammen blicken wir auf eine lange - immer mal wieder frisch aufkeimende -  Kooperation zurück.

15 Jahre naxos.KINO sind es gerade geworden. Nun also hier auch das Ende unserer diesjährigen Corona-Ausnahme-Saison - eingemummelt in die warmen Polster...

 

 

   "Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts Leben."
    (Kierkegaard)

 

Die beiden Dokumentarfilme von Richard Engel ("Gundi Gundermann, 1982 und "Ende der Eisenzeit", 1999) sind die einzigen Filme, die Gerhard Gundermann wirklich begleitet haben.

Die übrigen gegenwärtigen Filme über ihn sind ausschießlich aus dem Nachhinein erklärend und meines Erachtens zu berechnend für den "Westblick" hergestellt.

Beurteilen sie also nun, welchen Vorteil es hat, nicht nur über Gundermann etwas zu erfahren sondern auch wirklich mit ihm...

Und entdecken sie einen wunderbaren Poeten...

 

Wolfgang Voss
naxos.KINO

 

ZU G. GUNDERMANN:
Portrait: https://verlag.buschfunk.com/kuenstler/14_Gerhard_Gundermann

Liedtexte: https://verlag.buschfunk.com/kuenstler/liedtexte/14_Gerhard_Gundermann

Homepage Gundermanns Seilschaft e.V.: http://www.gundi.de/

 

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: v.l.n.r.: naxos-Moderatorin Marianne Spohner mit Eva Vogler und Max Stille vom NETZ Bangladesch.

Der deutsch-bangladeschische Journalist, Kameramann, Autor und Regisseur Shaheen Dill-Riaz hatte bereits seine Teilnahme am Filmgespräch über seine Dokumentation „Bamboo Stories“ zugesagt. Sein Covid 19-Test am Sonntag, 11. Oktober 2020 fällt dann positiv aus und verhindert somit seine Anwesenheit. Dennoch ist es naxos-Moderatorin Marianne Spohner gelungen, einen passenden Ausgleich für das Filmgespräch am 13. Oktober zu gewinnen: Eva Vogler und Max Stille vom NETZ Bangladesch e.V..

„Bamboo Stories“ zeigt eine im Nordosten von Bangladesch gelegene raue Welt. Darin fällen Männer seit Generationen Bambus und bringen das Holz mit riesigen Flößen zu den Großhändlern in der Hauptstadt Dhaka. Die Fahrt über 300 Kilometer mit 25.000 Baumstämmen und mehr dauert über einen Monat und ist voller Gefahren. Neben den Stromschnellen des Flusses lauern auch Diebe und Piraten auf leichte Beute. Aber die Männer haben keine Wahl, denn bei diesem Transport geht es um ihre Existenz.

Spohner befragte zunächst ihre Gäste, wie es dem Regisseur gelingen konnte, die im Film gezeigten Flößer dem Publikum dermaßen nahe zu bringen. Er kenne sowohl die bangladeschische wie auch die deutsche Mentalität sehr gut, meinte Vogler, habe er doch lange in Deutschland gelebt. So sei die Natürlichkeit im Film ganz von allein zustande gekommen. Die Nähe entstehe auch durch das Vertrauen der Personen, weil der Regisseur sein ehrliches Interesse an ihnen gezeigt habe, ergänzte Stille. Dies auch, weil der Regisseur gemeinsam mit dem Aufnahmeleiter und dem Toningenieur fünf Wochen lang mit den Flößern auf ihren Floß verbracht habe, die diesen gefährlichen Job manchmal schon seit ihrem elften Lebensjahr machten. Besonders beeindruckte das Dreierteam, mit welcher Körperbeherrschung und Eleganz die Männer ihre Arbeit ausführen.

Offensichtlich seien die Flößer sehr gern auf dem Floß. Ob das eine Flucht vor ihren Familien sei, wollte Spohner wissen. Ihre Lebenswelt sei in erster Linie die Arbeit und nicht die Familie. Auffällig sei zudem, dass die Frauen meistens lesen und schreiben können, Männer hingegen nicht, sagte Vogler. Dies sei ungewöhnlich, da die Bildungschancen von Mädchen im Durchschnitt geringer seien als die von Jungen. Obwohl die Männer offensichtlich alle gern als Flößer arbeiteten, möchte keiner, dass seine Kinder später als Flößer arbeiteten. Das bedeute ein Verbleiben in der Armut. Ein Beruf in der Verwaltung etwa sei deutlich attraktiver. Deshalb meldeten Eltern zunehmend ihre Söhne bei einer Schule an.

Denn Flößer sei kein Beruf im klassischen Sinn. Im Gegenteil, der Film zeigte, dass es sich um einen Knochenjob handelt, barfuß mit Händen und Füßen die Flöße zu lenken. Zudem beinhaltet diese Arbeit enorme Gesundheitsrisiken. Aufgrund mangelnder Bildung hätten die Männer jedoch keine andere Chance, ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner zu verdienen, so Stille, der seit 15 Jahrenbei regelmäßig ländliche Regionen des Landes besucht.

Im Fall einer schwereren Verletzung eines Flößers bestehe auch keinerlei Versicherungsschutz, denn Tagelöhner werden pro Tag bzw. Anzahl der Bambusflöße bezahlt. Bei einem Unfall seien sie auf die Unterstützung ihrer Familien angewiesen, meinte Vogler, die beim NETZ als Teamleiterin Spendendialog fungiert. Darüber hinaus stelle die Umwelt in Bangladesch weitere Risiken dar: Klimawandel, Überflutungen und Seuchen.

Vor 200 Jahren verfügte das Land noch über einen hohen Waldbestand, heute gebe es davon nur noch einen geringen Rest, sagte Stille. Aufgrund der Bevölkerungsdichte von 160 Millionen sei immer mehr Bau- und Ackerland erforderlich. Bambus sei auch insofern attraktiv, als es als Holzersatz gehandelt wird und damit auch Gewinne für die Großhändler generiert. Daher ermögliche „das Leben am Fluss“ den Bambustransport in die Hauptstadt, wo Bambusrohre oft noch als Baugerüste verwendet würden. In den Dörfern auf dem Land hingegen bestehe ein „Haus“ aus Lehm und Bambus. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung sei infolge der Corona-Pandemie von Armut bedroht, so der Geschäftsführer von Netz.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022