Aktuelles

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Bild: Gelungene Filmgesprächs-Premiere für naxos-Moderatorin Ruth Fühner (r.) am 15. März 2022 mit Regisseur, Autor und Produzent Asteris Kutulas (Mitte) sowie Komponist und Musikproduzent Alexandros Karozas (l.).

„Der Film ist im Grunde eine Verfolgungsjagd“, so bezeichnete Regisseur Asteris Kutulas im anschließenden Gespräch die gezeigten Aufnahmen von „Dance Fight Love Die - Unterwegs mit Mikis Theodorakis“ im naxos-Kino. Zwischen 1987 und 2017 hatte er den Musiker und Komponisten mit der Videokamera privat, im Studio und auf Tourneen begleitet. Irgendwann wurde eine Kiste mit den alten Kassetten, Rollen und Videos darüber gefunden. Und nach neun Monaten war das Material schließlich gesichtet und lag zur Bearbeitung vor: eine aus 600 Stunden entstandene Bild- und Ton-Collage.

Von den kurz aufeinanderfolgenden Sequenzen aus symphonischen Opern, Liedern, Texten und hineingeschnittenen Animationen drohe dem Publikum die Gefahr einer Überforderung. räumte der Regisseur ein. Zwar würde ein Musiker dergleichen niemals machen, meinte Musikproduzent Karozas. jedoch korrespondierten in diesem Fall die Schnitte mit der jeweiligen Musik.

Fühner war überrascht, wie wenig sie die Musik Theodorakis` kannte und fragte, auf welchen Bühnen er denn nach seinem Tod mit seinem Werk zu finden sei. Weil seine Opern lang und kompliziert gewesen seien, habe er immer selbst dirigiert: „das war ein Wahnsinn“, sagte Karozas, „ich habe aber keinen Überblick, wo seine Musik heute gespielt wird“. Kutulas ergänzte, dass die Opern von Theodorakis heute kaum mehr gespielt würden. Die Rechte an dessen Musik hielten der Schott-Verlag, Mainz, sowie Breitkopf & Härtel, Wiesbaden.

Karozas würdigte Theodorakis nicht nur als musikalische Größe, sondern vor allem auch als einen politischen Menschen, der sich immer für die Freiheit engagiert habe. „Er zeigt Lebenswillen mit Einsatz für die Freiheit“, ergänzte Fühner. Kutulas zufolge sei er auch Lyriker und Poet gewesen, der bereits vor seiner musikalischen Karriere Gedichte veröffentlicht hatte. Jahre später wollte er einige davon vertonen, die er allerdings dann leicht umschreiben musste. „Zu seinem Kompositionsprinzip habe ich versucht, entsprechende Bilder auszuwählen und wollte gar nicht raus aus dieser Wolke aus Musik, Film, Lyrik und persönlichem Erleben“.

Für wen denn Kutulas den Film gemacht habe, fragte Fühner abschließend. Antwort Karozas: „Den hat er nur für sich selbst gemacht“. Kutulas bestätigte dies indirekt, indem er darauf hinwies, dass heutzutage in Griechenland etwa nur noch zehn Prozent der Bevölkerung die Musik von Theodorakis bekannt sei.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2022

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Filmgespräch mit v.l.n.r. Ex-MdB Ulli Nissen, Prof. Dr. Helma Lutz und naxos-Moderatorin Christina Budde.

Engagierte Frauen in der Politik der Bonner Republik: Der Dokumentationsfilm „Die Unbeugsamen“ zeigte eine Chronik der Emanzipation gegen erfolgsbesessene und amtstrunkene Männer. „Können wir uns heute alle entspannt zurücklehnen?“, fragte naxos-Moderatorin Christina Budde zu Beginn des Filmgesprächs am Weltfrauentag ihre Gesprächspartnerinnen. Das waren Prof. Dr. Helma Lutz, die von 2007 bis 2021 den Lehrstuhl für Soziologie mit Schwerpunkt Frauen- u. Genderforschung an der Goethe-Uni Frankfurt innehatte, und die bis 2021 in zwei Legislaturperioden aktive SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen.

Die vielen Einzelkämpferinnen während der Bonner Republik hätten zu einer erhöhten Solidarität beigetragen, meinte Lutz, denn heute schmunzele man über die Darstellung grober Maskulinität, die aktuell jedoch weitaus subtiler sei. Nissen, deren Motto „Stark für die Schwachen, laut für die Leisem“ ist, bestätigte das, denn Störungen und verbale Verletzungen während ihrer Zeit im Bundestag seien an der Tagesordnung gewesen. Despektierliche Zwischenrufe würden heute nicht mehr gehört, jedoch im Protokoll festgehalten und somit nachweisbar.

Aus heutiger Sicht zeige der Film das bräsig Beleidigende in ironisch-amüsanter Form, sagte Budde und fragte nach, ob dieses Phänomen in der Versenkung verschwunden sei. Ihre erste Legislaturperiode sei von parteiübergreifender Zusammenarbeit gekennzeichnet gewesen, sagte Nissen. Doch ab 2017 sei ein „fürchterlicher Wandel“ im Umgang miteinander und vor allem durch sexuelle Zwischenrufe gegenüber Frauen durch die AfD im Bundestag eingetreten. Auch die sog. me-too-Bewegung habe keinerlei Veränderungen in den Bundestag gebracht, außer, dass sich alle Parteien gegen die AfD solidarisiert hätten.

Warum denn Macht immer noch von Männern dominiert werde, wollte Budde wissen. Eine konkrete Antwort sei ihr nicht parat, meinte Lutz. Aber als positives Beispiel, wie Männersprüche „ins Leere laufen“ und dabei Macht nicht öffentlich demonstriert werde, nannte sie Ex-Kanzlerin Angela Merkel. Sie habe sich zu Angriffen gegen ihre Person nie öffentlich geäußert, sondern sie mit Schweigen übergangen. Es bleibe aber die Frage, ob das nachhaltig wirke. Im Sinne des Filmtitels gehöre Merkel eindeutig zu den Unbeugsamen, allein schon durch ihren Spruch „Wir schaffen das“, bestätigte Nissen.

Entwicklungen wie etwa gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Ehegatten-Splitting, Eltern- und Teilzeitarbeit, Familienmodell und Care-Arbeit gegenüber alternden Eltern müssten deutlich unterstützt werden, forderte Lutz. Dennoch gelte das Arbeitsleben weiterhin als Taktgeber für das Familienleben. Nissen gab sich hoffnungsvoll, indem sie darauf hinwies, dass auch Politiker altern und den Wandel erlebten, sich dieser Situation stellen müssten und damit zum Wandel beitragen würden.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2022

Pünktlich zum 100 Geburtstag von Pasolini zeigte das Kulturhaurhaus Frankfurt in Kooperation mit dem naxos.KINO DAS 1. EVANGELIUM - MATTHÄUS aus dem Jahre 1964.

Das anschließende Filmgespräch versuchte nun, nach der Wucht dieses poethischen Meisterwerks, zum einen über diesen Film die Diskussion zu entfachen zum anderen auch eine Überleitung zu schaffen zum gegenwärtigen Stück: JUDAS von LOT VEKEMANS.

Für diese Inszenierung saßen auf dem Podium: Andrea Gerhold (Regie) und Kevin Silvergieter (Schauspiel) .
Als theologischer Sachverständiger Veit Dinkelaker vom Bibel Erlebnis Museum.

Auf die Frage: ob denn Pasolini alles 'richtig' gemacht habe?:

- Ja das "Libretto" sei textgenau ausschließlich aus dem Matthäus Evangelium ohne Hinzufügungen; 'richtig' sei bei künstlerichen Antworten natürlich immer offen...

In der Folge wurde die Frage nach dem Standpunkt der gegenwärtigen Theologie zu den Wundern erörtet; die Evangelien als Text gesehen waren in ihrem antiken Kontext die einzige Textsammlung, die nicht als Auftragswerk von  Mächtigen zu sehen sind; Wunderwirkungen seien allgemeiner Topos der damaligen Herrschaftsinszenierung.

Der Film Pasolinis zeige sehr poethisch die Metaphorik von Wundern.

Hier fanden auch Andrea Gerhold und Kevin Silvergieter einen Ansatzpunkt, um die Grundideen ihrer Inszenierung darzulegen.
Von diesen auch der Einwand, dass die Pasolinische Jesus-Figur eigentlich keineswegs sanft und sympatisch sei - sich hier wie in ihrer Theaterinszenierung auch die Frage zeigt: wie Abhängigkeit schaffende Vorbildfiguren und bedingungslose Follower entstehen...

Die Evanglien als Textsorte für die Ausformung existenzieller Fragen zu sehen, die immer wieder zeitgemäße - auch atheistische Antworten erfordern. Ihre Inszenierung zur Doppelfigur Jesus/ Judas solle viele Fragen ermöglichen.

Auch aus dem Publikum viel Zuspruch zu Paloninis Meiterwerk: da der Film ganz großartig Geschichte/n ohne Worte erzähle - nur in den Gesichtern der Menschen widergespiegelt; lange Einstellungen, die im schnell-schnittigen Gegenwartskino schwer vorstellbar geworden sind.

Hier zeigt sich Pasolinis Auffassung von Schönheit, die immer eine moralische sei, damit eine Brücke schaffend zwischen Antike und Moderne, fassbar aber nur im Kreise außerhalb von Macht und Bürgertum - also auch mit marxscher Begrifflichkeit nicht wirklich zu fassen.

Ist die Doppelexistenz von Judas/ Jesus eine psychologisch-anthropologische Bildungsfigur (Verrat und Wirksamkeit), die in ihrer Ambivalenz z. B. auch bei Rumpelstilzchen wieder auflebt?

Diese Abschlussfrage des Moderators Wolfgang Voss blieb im Raum stehen...

 

HINWEIS AUF DIE FOLGEVERANSTALTUNGEN der Reihe KINO IM KULTURHAUS:

- am 03.04. zum Theaterstück WOYZECK der Film ADDIO PICCOLA MIA von LOTHAR WARNEKE, DEFA, 1978
- am 08.05. zum Programm Songs und Texte von Degenhardt/Wader/Wecker SPIEL NICHT MIT DEN SCHMUDDELKINDERN zeigt das KULTURHAUS FRANKFURT den Film ZÜNDSCHNÜRE von REINHARD HAUFF
jeweis 19:00 Uhr.

 

Zum 100-jährigen Geburtstag von Pasolini zwei aktuelle Quellen:

- FAZ: https://m.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/filmregisseur-und-dichter-pasolini-zum-100-geburtstag-17852368.amp.html

- DLF: https://www.deutschlandfunkkultur.de/pier-paolo-pasolini-regisseur-schriftsteller-100.html

 

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2022

Mitteilung über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs
und die Fortsetzung der Dokumentarfilmreihen 2022 inklusive der anschließenden Filmgespräche:

 

- Start ist am 8. März 2022 um 19:30 Uhr mit der Dokumentation „Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner, Deutschland 2020.

- Am 15. März 2022 um 19:30 Uhr zeigt das naxos.Kino den Dokumentarfilm „DANCE FIGHT LOVE DIE – Unterwegs mit Mikis Theodorakis“ von Asteris Kutalas, Deutschland 2017.

- Am 22. März 2022 um 19:30 Uhr folgt „Die Wohnung“ von Arnon Goldfinger, Israel/Deutschland 2011.

- Am 29. März 2022 um 19:30 Uhr schließt mit „Monobloc“ von Hauke Wendler, Deutschland 2021, das Märzprogramm ab.

Bitte beachten Sie, dass ein Kinobesuch derzeit nur mit folgenden Nachweisen möglich ist:

- 3G-Regel bei mehr als 10 Teilnehmenden/Zuschauenden

 https://www.hessen.de/presse/landesregierung-erneuert-corona-schutzverordnung

- Bitte den Nachweis beim Einlass zusammen mit einem gültigen Ausweisdokument vorzuzeigen.

- Es gilt nach wie vor das Abstands- und Hygienekonzept. - Im Kino gilt Maskenpflicht auch während der Vorstellung.

- Darüber hinaus ist im Kino-Saal eine hochleistungsfähige Luftaustauschanlage installiert.

naxos.Kino – Dokumentarfilm & Gespräch e.V. im Theater Willy Praml – Naxoshalle, Waldschmidtstraße 19 / Hinterhof rechts.

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SONNTAG, 6.MÄRZ STARTET SCHON um 19:00 UHR ein zusätzlicher naxos.KINO - K i K K = Kino-im-Kulturhaus-Kooperation:

Die neue Kooperations-Reihe „Kino im Kulturhaus“, präsentiert Filme, die Bezug zum Theater haben und meist mit den Stücken korrespondieren, die  Kulturhaus Frankfurt gezeigt werden.

START AM 06.03.2022 | 19 Uhr:  DAS 1. EVANGELIUM - MATTHÄUS, Spielfilm von PIER PAOLO PASOLINI, Italien, 1964, 130 Min.

Im Anschluß an den Film gibt es ein Filmgespräch mit Veit Dinkelaker (Direktor des BibelhausErlebnisMuseum), Andrea Gerlach und Kevin Silvergieter, (Regisseurin und Schauspieler des Theaterstücks „Judas“ von Lot Vekemans), moderiert von Wolfgang Voss (Kurator der Filmreihe).

Das Kulturhaus Frankfurt richtet sein Augenmerk neben Theateraufführungen auch auf theaterpädagogische Arbeit. Hier sehen wir die Möglichkeit, einem jungen Publikum weitere Perspektiven durch Film zu verschaffen und den Theaterbesuch mit einem überraschenden Rahmen zu bereichern. Beim Filmbesuch wiederum Lust auf das umgebende Theaterangebot zu machen...

 

KULTURHAUS FRANKFURT

Eintrittspreis: 10 Euro | ermäßigt 8 Euro

Reservierung: Telefon 06994412360

Mail:  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

WWW:  www.kulturhaus-frankfurt.de

 

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2022

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Bild: Naxos-Moderation Carola Benninghoven (r.) im Gespräch mit Inge Günther, Israel-Korrespondentin der FR, und Daniel Cohn-Bendit.

„Ich kann mich nicht aus der Geschichte der Juden herausbeamen“, sagt Daniel Cohn-Bendit am 9. November 2021 im naxos-Kino. In seinem Dokumentarfilm „Wir sind alle deutsche Juden“ fragt er sich daher, was es bedeutet, Jude zu sein. In seinem Film begibt er sich auf die persönliche Suche nach seinem eigenen Judentum.

Der inzwischen 76-Jährige fragt sich, wie er sich jüdisch fühlen könne, ohne überhaupt jüdisch zu leben. Immerhin sagt er im Film an seinen älteren Bruder Gabi (Gabriel) gewandt, er sei Jude, auch wenn er nicht erklären könne, was es für ihn bedeutet. Er versuche, „die Frage nach meiner jüdischen Identität zu klären. Deshalb sollte der Film radikal subjektiv sein“, so Cohn-Bendit. Es sei ihm bereits während seiner zahlreichen Recherchen vor dem Film „vieles klarer geworden, etwa meine Position zu Israel und Palästina“.

Inge Günther lebt seit 20 Jahren in Israel und ist langjährige Nahost-Korrespondentin der FR. Auch sie habe eine kritische Haltung gegenüber Nahost, habe aber „als Journalistin eine gewisse Distanz zu dem Thema“. Regierung und Gesellschaft in Israel etwa seien nicht identisch. Das zeige sich unter anderem in der aktuellen 8-Parteien-Koalition, in der „die rechten Kräfte dominieren“. Die Mixtur Israels aus orientalischen Juden, arabischen und jüdischen Israelis, Palästinensern, zionistischen Siedlern sowie Orthodoxen zeige einerseits, dass ein „normales israelisches Leben möglich ist“, so Moderatorin Carola Benninghoven, sei aber nach Worten von Günther ebenso die Grundlage für immer wieder ausbrechende Konflikte.

„Ich kannte viele Leute dort und `der rote Dany` ist auch in Israel sehr bekannt“, sagt Cohn-Bendit. So sei die Kommunikation mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten des Films problemlos gewesen. „In Israel kennt jeder jeden, und jeder redet mit jedem. Deshalb kommt man leicht ins Gespräch“, so der Publizist und Ex-Grünen- und Europapolitiker. „Wir wollten niemanden vorführen, sondern die gezeigten Personen für sich sprechen lassen und somit dem Publikum erlauben, sich ein eigenes Bild von der jeweiligen Situation und Meinung zu machen.“ Dieses Szenario wiederum sollte auch ihm helfen, der eigenen Identität näher zu kommen: Es gehe nicht um eine absolute Wahrheit, sondern um ein subjektives Empfinden und Selbstverständnis: „Ich bin ich, ich bin aber nicht die Juden“.

Nach seiner Ausweisung aus Frankreich als einer der Wortführer der Studentenproteste 1968 seien 100.000 Studenten auf die Straße gegangen und hätten – solidarisch mit ihm – skandiert: Wir sind alle deutsche Juden. Eine solche Parole sei 1968 in Frankreich zwar unfassbar gewesen, meint Cohn-Bendit, aber „so ist meine Realität zu dem Film gekommen“ und habe letztlich zum Titel geführt.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: v.l.n.r. Ali Sadrzadeh, Iran-Experte und langjähriger Redakteur bei dpa, FR und hr info, und Dr. Irene Rosenkötter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil (FATRA e.V.), mit naxos-Moderatorin Christina Budde im Gespräch mit den Gästen. Born in Evin lief am 2. November 2021 im naxos-KINO-

Die Schauspielerin Maryam Zaree geht als Filmemacherin in ihrem ersten Dokumentarfilm „Born in Evin“ den Umständen ihrer eigenen Geburt 1983 in einem der berüchtigsten politischen Gefängnissen der Welt nach: Das Gefängnis Evin liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran Nach dem Sturz des persischen Schahs 1979 lässt die neue Führung unter Ayatollah Khomeini unzählige politische Gegner verhaften, foltern und ermorden. Darunter auch ihre Eltern, die jedoch überleben und nach Deutschland fliehen können. In der Familie wurde nie über die Gefängnisfolterungen gesprochen. Zaree versucht, das jahrzehntelange Schweigen ihrer Eltern über die erlebten Traumata zu brechen. Während ihrer vierjährigen Recherchen gelingt es ihr jedoch nur schwer, weitere Betroffene zum Reden zu bringen. Dabei trifft sie auf andere Überlebende, Menschen, die wie sie auch in Gefangenschaft geboren wurden.

„Menschen, die jahrelang Gewalt ausgesetzt waren, erleiden ein psychisches und seelischen Trauma, wie im Film gezeigt“, sagte Irene Rosenkötter. Der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie zufolge sei bei ihnen „das Grundvertrauen erschüttert“. Deshalb wird das überwältigende Erlebnis nicht in die Wahrnehmung übernommen und kommt – wenn überhaupt – erst später zur Sprache: „Das Nicht-Gesagte hat eine ausgesprochene Macht“. Menschen verstummten, weil vieles Traumatisiernde nicht in Sprache zu fassen sei, sodass Emotionen in tiefen Sphären nicht verarbeitet werden. Der Film belege, dass sich Mutter und Tochter durch nicht gestellte Fragen, durch nicht Gesagtes gegenseitig zu schützen versuchen, meinte Moderatorin Christina Budde. So werde das Unverarbeitete an die Kinder weitergegeben, ergänzte Rosenkötter.

Ali Sadrzadeh ist ein iranischer Zeitzeuge, der nach dem Schar-Sturz nach Deutschland ging. 1985 hatte er der hr-Redaktion eine Story über eine iranische Flüchtlingsfrau angeboten, die gerade mit ihrer kleinen Tochter, der heutigen Filmemacherin, in Frankfurt angekommen war. In einem ersten Gespräch mit der Mutter, der heutigen Frankfurter Bürgermeisterin Eskandari Grünberg, erfuhr er, „dass viel Erzählen verwirrt, Schweigen also besser ist“. Das Schweigen spiele in der iranischen Gesellschaft eine wichtige Rolle, so Sadrzadeh. „Aus Sicht von Exiliranern ist das Schweigen Mittel zum Überleben.“ So dürfe es sich die erste Generation der Traumatisierten erlauben, zu schweigen, um zu überleben.

Rosenkötter verwies in diesem Zusammenhang auch auf das lange Schweigen in Israel und der Bundesrepublik Deutschland nach der Befreiung vom Holocaust. Auf beiden Seiten sei lange Zeit der Standpunkt vertreten gewesen: Ich musste in erster Linie mein weiteres Leben leben. Rosenkötter bezeichnete den Film als „komplex, da die Traumata von unterschiedlichen Seiten beleuchtet sind“. Sadrzadeh fühlte eine enge Beziehung, da der Film „den schmerzhaften Prozess einer Kindheitsbewältigung berührend und bewegend aufzeigt“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild v.l.n.r.: Rudolf Worschech, Leiter von epd Film, der das Filmgespräch moderierte, mit Alf Mayer, Journalist und Filmemacher, Regisseur Peter Heller und Thomas Frickel, langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm.

Das Münchener Maxim-Kino hat in 105 Jahren bewegte Zeiten durchlebt: in den späten 70er- und 80er-Jahren als Zentrum alternativer Filmkultur des Politkinos. Gesellschaftskritische Dokumentarfilme feierten hier ihre Premiere. Später wurde es zu einer der Keimzellen des DOK.fest München, dessen Spielstätte es bis 2007 blieb. Mit der Digitalisierung verabschiedete sich jedoch der Zelluloid-Film aus dem Kinoalltag. Inzwischen wird es wieder von einem kinobegeisterten Frauenkollektiv als Stadtteilkino geführt.

Den Film, der am 26. Oktober 2021 im naxos-Kino lief, bezeichnete Journalist und Filmemacher Alf Mayer als Reflexion seiner eigenen Kindheit. Jedoch hatte er sich persönlich nicht kompetent genug gefühlt, bei der Rettung des Kinos zu helfen. Anders Regisseur Peter Heller, der einen Rettungsgedanken hegte, da er über Maxim-Filmmaterial aus 20 Jahren verfügte, „sodass etwas entstehen könnte“. Der alte Betreiber „Siggi“ sei zwar „ein verkorkster Typ“ gewesen, aber mit hohem Anspruch und ohne kommerziellen Hintergedanken: „Wir wollten Kinogeschichte zeigen“.

Laut Moderator Rudolf Worschech gab es vor Mitte der 1970er Jahre kaum Dokumentarfilme und somit auch keine Förderung. Daraufhin habe man zunächst in Süddeutschland eine Verleih-Genossenschaft gegründet, so Heller. Thomas Frickeln bestätigte, dass es sich um „politische Verleihe für Sonntag-Matineés“ handelte. So wurde 1980 ein Filmbüro in Hamburg gegründet, 1982 dann in Hessen mit dem Ziel, den Staat dafür zu gewinnen, dass diese Arbeiten ein Sprachrohr mit Förderung erhalten. So habe der Film über die Startbahn West in Hessen zunächst ohne Förderung laufen müssen, dafür aber mithilfe der Sammlungen bei den Teilnehmern. Parallel habe der Journalismus öffentlichkeitswirksam geholfen.

Dokumentarfilme hatten jetzt laut Worschech große Aufmerksamkeit erlangt, da sie zumeist gründlich recherchiert waren. Auch habe die Kritik „dankbar auf die ersten Festivals reagiert“. Doch dann habe die Kommerzialisierung eingesetzt: „Filme mussten Geld einspielen, Kleine sind dabei oft draufgegangen“. Die politischen, provozierenden Dokus der 1970er Jahre könne Heller „heute nicht mehr so machen“, da er „nicht mehr die Entschiedenheit der Bilder“ finde, sondern eher Hobby-Filme ohne Budget macht.

Worschech beklagte ebenso das Verschwinden der Magie alter Film-Apparate. Zahlreiche Gründungen fanden in den damaligen Studentenzeiten statt, von Leuten, die es glücklicherweise überall gab, die aber heute alt geworden seien. Gegenüber der Digitalisierung „stürzten die alten Sachen oft ab“, so Heller, aber die Sehnsucht nach dem Haptischen bestehe weiterhin. Immerhin hätten Studios Kopierwerke geschaffen.

Das Maxim ist inzwischen 50 Jahre alt. Am Ende wusste hier niemand mehr, wie die Elektrik läuft, welche Leitungen wo verlaufen. Ständig brauchte man Techniker von außen, die einen Blick nach innen werfen sollten. Aber keiner wusste Bescheid. „Heutzutage muss man ein Computerprogramm bedienen können, das ist nicht sexy“, meinte der Moderator. Eine normale Kinokopie erreicht niemals die Qualität eines digitalen Bildes, bestätigte Frickel. Auch gäbe es die ursprünglich politische Szene der Macher und Zuschauer nicht mehr, schloss Heller, „da ohne Förderung heute gar nichts mehr läuft“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild v.l.n.r.: Filmgespräch mit Frank Selten, Bild links neben Joan Baez, und Thomas Waldherr, Bild rechts.

Am 12. Oktober wurde im naxos-Kino die Joan Baez-Doku „How Sweet The Sound“ gezeigt. Der Film von Mary Wharton aus dem Jahr 2014 zeichnet die mehr als 60-jährige Karriere der „Queen of Folk“ und „Ikone des Protestsongs“ nach, die Anfang des Jahres ihren 80. Geburtstag feierte. Von ihren Anfängen in der Studentenszene in Cambridge Ende der 1950er Jahre bis zu ihren umjubelten Auftritten, die sie rund um die Welt führten. Ihre komplexe Beziehung mit Bob Dylan wird genauso behandelt wie ihr Engagement gegen Rassismus und Vietnam-Krieg. Weggefährten und Zeitzeugen wie eben Bob Dylan, aber auch Roger McGuinn oder ihr Exmann David Harris kommen zu Wort. Ein dichtes Porträt einer faszinierenden Künstlerin.

Die Vorstellung war sehr gut besucht und so entstand ein interessantes Filmgespräch der naxos-Moderatorin Hilde Richter mit Frank Selten von der Barrelhouse Jazzband und Thomas Waldherr, Musikjournalist und Amerika-Kenner. Frank Selten hat Joan Baez beim Ostermarsch 1966 persönlich kennengelernt, als die Barrelhouse Jazzband auf dem Demo-Zug spielte und Joan dazu tanzte. 2018 trafen sie sich wieder als beide – was für eine Fügung! – am selben Abend in der Alten Oper spielten. Joan Baez machte damals während ihrer Abschiedstour in Frankfurt Station. Selten erzählte von beiden Begegnungen und schilderte Baez als sehr freundlichen und nahbaren Menschen. Thomas Waldherr legte einen Schwerpunkt auf der Analyse der unterschiedlichen künstlerischen Konzepte von Baez und Dylan, die letzendlich irgendwann nicht mehr kompatibel waren. Joan Baez war politische Aktivistin und Interpretin gesellschaftlich engagierter Songs, Dylan dagegen Poet und Philosoph. Beide Konzepte, so Waldherr, haben ihre Berechtigung und Notwendigkeit.

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild v.l.n.r.: Filmgespräch mit naxos-Moderatorin Marianne Spohner, Regisseur Dr. Andrej Bockelmann, Dr. Tina Baumann, Abteilungsleiterin bei StadtForst Frankfurt, sowie Regisseurin Silke Klose-Klatte.

20. Oktober 2021,

97 Prozent des Stadtwalds sind krank: Immer geringere Regenmengen und anhaltende Umweltsünden, verbunden mit mehreren Dürrejahren in Folge sind die Ursachen. Bereits 1982 war der Filmemacher Andrej Bockelmann in der Haardt (NRW), im Frankfurter Stadtwald und im Vogelsberg der Frage nachgegangen: „Stirbt der deutsche Wald ?" Der Zustand des Frankfurter Stadtwalds zwischen Großstadt und Europas viertgrößtem Flughafen hat sich seitdem zunehmend verschlimmert. Silke Klose-Klatte thematisierte in ihrer 2020-er Dokumentation „SOS-Stadtwald“ die Frage: Frankfurt ohne Stadtwald?

Während der rund 40-jährigen Zeitspanne zwischen beiden Filme habe sich im Stadtwald nichts wesentlich verändert: „Eigentlich ein permanentes Waldsterben“, so Filmemacher Bockelmann, trotz zahlreicher Försterexperimente zwecks bestmöglichem Ansatz zur Gesundung. Regisseurin Klose-Klatte war „entsetzt, wie sich der Wald verändert hat“. Mitverantwortlich dafür seien „viele künstliche Prozesse, die negativ auf den Wald eingewirkt hätten, so Tina Baumann vom Frankfurter StadtForst: „Wir forsten den sterbenden Nadelwald durch Laubwald auf, damit er gesundet“. Zwar habe man das Problem erkannt, jedoch würden die Schadeinwirkungen durch zu viele PKW, Flugzeuge, Bahnstrecken und Elektronik „einem Kampf gegen Windmühlen“ gleichkommen.

Die Prognose von 1982, es gebe künftig nur noch Bäume mit einer Lebenserwartung von maximal 30 Jahren, treffe heute nicht mehr zu, so Bockelmann. „aber die Dürre wird uns künftig schlimm belästigen“. Auch das Abgraben von Grundwasser aus dem Stadtwald für Frankfurt habe einen negativen Einfluss. Grundsätzlich wirkten heutzutage laut Baumann Komplexkrankheiten permanent auf den Wald ein. Negativ verstärkend hinzu kämen Rodungen, die extrem zum Klimawandel beitrügen, damit sich etwa der Frankfurter Flughafen immer weiter ausbreiten könne.

naxos-Moderatorin Marianne Spohner fragte eingangs die beiden Filmemacher nach den Gründen ihrer Dokumentationen. Klose-Klatte wollte eigentlich „einen aktuell tollen Wald im Frankfurter Stadtgebiet trotz Trockenheit und Corona“ zeigen. Bockelmann nannte die Ansätze zur Waldrettung unter der damals neuen Kohl-Regierung, die sich allerdings als „abgestorben“ hergestellt hatten. „Es war ein ganz normaler Auftrag für den Film, aber ich habe erst damals gelernt, in die Baumkronen zu blicken, um den Niedergang zu erkennen“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022

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Bild: naxos-Moderatorin Marianne Spohner während des Filmgesprächs mit dem Intendanten und Geschäftsführer Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt, Matthias Pees, und den Gästen.

Künstler-Enfant Terrible, Provokateur in Theater, Kino und Aktionen, international hoch geschätzt: Christoph Schlingensief starb 2009 mit 49 Jahren an Krebs. Der Dokumentarfilm „Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler ist ein Porträt, das sein 40-jähriges Schaffen (deutsch-) deutscher Geschichte umspannt, an der sich Schlingensief Zeit seines Lebens radikal abgearbeitet hat.

Er lief am 5. Oktober 2021 auf naxos.

„Er war Katalysator seiner Projekte“, sagte Mousonturm-Chef Matthias Pees, der lange Jahre mit Schlingensief zusammengearbeitet hat, „er hat sich befähigt gesehen, seine Kunstwerke zu realisieren – und zwar in extremer Weise“. So sollten sich die Menschen, etwa in der Volksbühne, als Bestandteil eines Rituals mit Grenzüberschreitung erleben. Rituale beherrschten auch seine Operninszenierungen, zum Beispiel in Brasilien oder Afrika. Allerdings brauchten die jeweiligen Sänger lange, um zu verstehen, worauf sein Projekt abzielte. Dabei seien die Aufführungen „immer gut besucht“ gewesen, obwohl ein deutsches Vier-Buchstaben-Blatt permanent gegen ihn angeschrieben habe.

Warum sich Schlingensief in seinen Projekten so schrill präsentierte, fragte Marianne Spohner. Er habe lediglich Bilder von Brutalität geliefert, meinte Pees. „Diese Bilder sollten Brutalität lächerlich machen. Das Kettensägen-Massaker etwa ist eine Verhohnepiepelung von Horror“. Seine Aktionen hätten keinerlei Brutalität, sondern sollten diese der Lächerlichkeit preisgeben.

Ob denn die Filme auch so seien, wie Pees Schlingensief erlebt habe, fragte Spohner nach. Niemand habe so richtig gewusst, worauf man sich mit ihm eingelassen habe, meinte dieser. Die Zusammenarbeit sei teilweise „ein grauenvoller Ablauf“ gewesen, aber stets ein „hingebungsvolles Zusammensein unterschiedlichster Menschen“. Schlingensief sei eigentlich weder Theater- noch Filmregisseur, sondern Filmemacher gewesen. Und aus diesem offenen Arbeiten sei ein künstlerisches Werk entstanden. Nach jedem Projekt war für ihn abrupt Schluss gewesen, sodass er sich auf das nächste stürzen konnte.

Also Realität als Inszenierung, so Spohner. Laut Pees wollte Schlingensief dem Alltag mit einer Übersprungshaltung begegnen. Damit transformierte er die Realität zu etwas wie einem Kunstwerk. Auf diese Weise hätten diverse Abende von Aufführungen oftmals einen anderen Verlauf genommen.

Ernst sei es erst in seinen Interviews während seines Krankenhausaufenthalts kurz vor seinem Tod geworden: „Das war direkt und echt“, bemerkte Pees. Seit Beginn seiner Krankheit habe sich Schlingensief einer „existenziellen Überlebenskunst mit zunehmender Religiosität“ ergeben. Mit seinem aufklärerischen Theaterverständnis auf kultischer Basis habe er Richtung humanistisches Bildungsideal gestrebt. Insgesamt habe sich gezeigt, dass sein Motto „In einem Jahr berühmt oder tot“ sich dann doch durch seine Energie über viele Jahre hingezogen habe.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2022