Aktuelles

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Bild: Zum Filmgespräch mit Moderatorin Ruth Fühner (r.) kamen Dr. Hans-Jürgen Bömelburg, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Uni Gießen (l.), und der Journalist und Filmemacher Andrej Bockelmann (Mitte) am 10. Mai 2022 ins naxos-Kino. Es lief Bockelmanns Dokumentarfilm „Die Niederlage – Vom missbrauchten Frieden zur Kapitulation 1945“.Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung statt.

Vor 75 Jahren wurde Auf dem Timeloberg vor den Toren Lüneburgs das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa eingeleitet und damit das von Hitler-Deutschland verursachte millionenfache Leid und Sterben beendet. Am 4. Mai 1945 unterzeichnete dort eine Delegation des Oberkommandos der Wehrmacht die Teilkapitulation. Das bedeutete faktisch das Ende aller Kampfhandlungen.

Andrej Bockelmann, 1941 in Lüneburg geboren, habe nur vage Kindheitserinnerungen an die damalige Zeit: „Morde und Erschießungen“. 1955 ist seine Familie von dort weggezogen. Von der Teilkapitulation habe er erst 1977 erfahren und noch im selben Jahr nach Recherche seine Erstversion von „Die Niederlage“ produziert. Den Hessischen Rundfunk überzeugte er mit seiner 45-Minuten-Reportage, sodass ihm eine Überarbeitung von 90 Minuten Länge zugesprochen wurde, die er 1982 nach ausgiebiger Recherche fertigstellte.

Laut Hans-Jürgen Bömelburg seien noch 1977 viele Menschen in ihren ehemaligen NS-Funktionen verwickelt gewesen, „also NS-sozialisiert“. So habe der Jahrestag der Kapitulation dort „anscheinend niemanden interessiert. Deutsche Erinnerungen setzen 1944 mit den Flüchtlingswellen ein, nicht aber mit der Kapitulation“.

Im Dokumentarfilm erscheint unter anderem Nicolaus von Below, der seit 1937 fast acht Jahre lang als Adjutant der Luftwaffe und der „Adjutantur der Wehrmacht beim Führer und Reichskanzler" mit einem wechselseitigen Vertrauensverhältnis zu Hitler angehörte. Bockelmann habe Below, der nie zuvor ein Interview gegeben hatte, zu einem solchen „herumgekriegt“ und ihn zu der Aussage veranlasst, dass damals niemand mit einem Krieg gerechnet habe. Bockelmann bezeichnete das als „eine der größten NS-Lügen“. Denn es habe in den Folgejahren nur ein schleichender Prozess der Erkenntnis innerhalb der deutschen Bevölkerung eingesetzt, dass das Deutsche Reich den Krieg provoziert und begonnen hat.

„Ein kollektives Schämen beziehungsweise eine Kollektivschuld setzte sich erst langsam durch“, sagte Bömelburg. Passivität und ein Ablehnen von Verantwortung seien die zentralen Aspekte gewesen. Daraufhin stellte Moderatorin Ruth Fühner fest, dass auch England und Frankreich als imperiale Mächte keine Rücksicht auf die „kleineren Staaten“ genommen hätten, getreu dem Motto: Wir zeigen jetzt den Deutschen, dass sie den Krieg verloren haben. Ab 1949 haben die Alliierten die Deutschen im Gegensatz zu Kollaborateuren in Frankreich und Italien „wieder machen lassen“, so Bömelburg. In Deutschland hingegen sei nach 1945 in Sachen „Rache an den Nazis durch eine Nacht der langen Messer“ nichts passiert, so Bockelmanns Fazit.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2022

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Einige sind noch mit DEGENHARDT-Liedern wie SPIEL NICHT MIT DEN SCHMUDDELKINDERN aufgewachsen.

 Nur sehr wenige wissen, dass Franz Josef Degenhardt auch ein erstklassiger Autor von Romanen und Erzählungen war.


Dies später  - nun der Reihenfolge nach:
Carola Moritz (Gesang) und Michael Vardopoulos (E-Piano) stimmten ein mit
"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", "Dies mal werd ich nicht", "Wölfe mitten im Mai" und "Kleinstadtsonntag".


ZÜNDSCHNÜRE von Reinhard Hauffs ist die Verfilmung des gleichnamigen Roman-Bestsellers von Degenhardt aus dem Jahr 1973, für den WDR 1974.
Geschildert wird der aufrechte Widerstand gegen die Nazis der wenigen übriggebliebenen Kommunisten und Sozialdemokraten - hier nun aus der Perspektive von Heranwachsenden.
Die Väter - weggesperrt oder tot - fehlen, die Jungen übernehmen mit List und Witz.

Nach dem Film stellte Wolfgang Voss im Schnelldurchlauf das erzählerische Werk Degenhardts vor, das heute gänzlich vergessen, doch auch einmal lange auf den Bestenlisten stand.

Durchweg zeichnen die 8 Romane Degenhardts die sprachliche Kraft aus, Situationen und Milleus zu schildern, zu Fabulieren und zu Räsonieren, auf Grund von hervorragenden Recherchen und Ideen. Dabei werden die solidarischen Kräfte der Menschen geschildert aber auch, wie die Kräfte der Gesellschaft auch widerstandslos durch die Individuen hindurch greifen. Kraft und Brechung eigentlich immer  zusammen.

In Auswahl besonders hingewiesen wurde auf: ZÜNDSCHNÜRE (1973),

PETROLEUM UND ROBBENÖHL (1976, Jugendbuchpreis),

AUGUST HEINRICH HOFFMANN, GENANNT VON FALLERSLEBEN (1991)

und FÜR EWIG UND DREI TAGE (1998).

Das Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur unterschlägt leider die Erzählung Petroleum und Robbenöl, obwohl diese mit den dt. Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde. Man kann nicht alle dort abgegebenen Bewertungen der Texte teilen.

Schön wäre es für das Filmgespräch noch mehr über die Widerstandsgeschichte zu erfahren oder über die Tradition des Burg-Waldeck-Festivals (1964–1969).

Titelsong (Anfang und Ende des Spielfilms) 

Trailer (Pidax)

 

 

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2022

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Bild: naxos-Moderatorin Ruth Fühner (r.) diskutiert am 3. Mai 2022 mit Elisabeth Botsch (l.), Leiterin der Forschungsstelle „Arbeit der Zukunft“ bei der Hans-Böckler-Stiftung, sowie mit der Soziologiestudentin Laura Klein über den Film „Frohes Schaffen - Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“.

Nur wer Arbeit hat, zählt als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Der Film „Frohes Schaffen - Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“ warf Fragen auf nach einer künftigen Bedeutung von Arbeit: ob es dank Automatisierung und KI bessere Jobs gibt, ob die dann arbeitslos Gemachten glückliche Arbeitslose sind und das alles dank eines Bedingungslosen Grundeinkommens.

Die Studentin Laura Klein ist seit November 2021 Bezieherin eines solchen Grundeinkommens. Sie erhält für ein Jahr monatlich 1.000 Euro. Finanziert werde die Jahressumme aus Spenden, sogenanntem Crowdfunding. Ihre Bewerbung sei per Los ohne bürokratische Überprüfungen gezogen worden. „Als Studentin habe ich ein Jahr Sicherheit, arbeite aber als studentische Hilfskraft noch in einem Nebenjob“, sagte sie. Ruth Fühner fragte nach möglichen Nachteilen des Grundeinkommens. Darauf Klein: „Keine, außer man gewöhnt sich daran“.

Die Hans-Böckler-Stiftung habe keine offizielle Meinung zum Bedingungslosen Einkommen. Elisabeth Botsch wies jedoch auf die enormen Verteilungsprobleme hin und räumte „unterschiedliche Meinungen innerhalb der Gewerkschaften“ ein. Beschleunigung durch Digitalisierung, Home-Office, Corona und Klimakrise sorge für permanente Veränderungen mit immensem Einfluss auf die Arbeitswelt Daraus resultiere oft Angst und Unsicherheit der Beschäftigten vor sich verändernden Tätigkeiten. „Deshalb müssen wir Fachkräfte qualifizieren, und dazu brauchen wir einen starken sozialen Staat“, sagte Botsch. Doch ob das mit einem Bedingungslosen Einkommen möglich sei, erscheine ihr eher unwahrscheinlich.

Man solle laut Klein schon darüber nachdenken, ob das Bedingungslose Grundeinkommen – einmal etabliert – auf Dauer die Gewerkschaften überflüssig machen könnte. Beziehen Rentner ein solches Einkommen, fragte Fühner nach. Die gut Bezahlten investierten zumeist in Reisen, verzichteten jedoch darauf, sich kreativ zu beteiligen, etwa in Ehrenämtern oder in der Gründung von Tauschringen, was wiederum anderen nützen würde.

Hier Wachstum durch mehr Wachstum als Symbol für den Kapitalismus, warf Botsch ein. Dort deutlich veränderte Werte wie Arbeitszeit, Arbeitsverträge, Vereinbarkeit mit dem privaten Sektor: „Arbeitsverdichtung muss entschleunigt, individuelle Bedürfnisse stärker berücksichtigt werden“. In diesem Zusammenhang müsse das Thema Kultur bei erhöhter Freizeit Fühner zufolge für alle zugänglich gemacht werden. Die Tendenz gehe hier eher zu einer Kulturindustrie mit Sozialen Medien, Influencern/ innen und Werbung, die ihrerseits einen gewissen Druck ausübe, so Klein.

Aus Sicht der Hans-Böckler-Stiftung könne Nachhaltigkeit in der Arbeitswelt eine Lösung sein. Darunter verstand Botsch „gute Arbeit, faire Gehälter, Mitspracherecht und Partizipation als Basis für künftige Generationen“. Aber auch Spendenaktionen von Unternehmen mit Netzwerkbildung sowie ideelle Zusammenarbeit durch Ideen- und Wissenstausch für ein gemeinsames Ziel sei für die Studentin Klein vorstellbar.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 04. Mai 2022

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Bild: Marianne Spohner (l.), naxos-Kino, im Filmgespräch mit Judith Hummel (r.), Performerin, Choreografin und Studierende des Master of Contemporary Dance Education an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, und Britta Schönbrunn (Mitte), Master of Arts (M.A.), Dozentin für somatische und zeitgenössische Tanz-Techniken, Tanz Performance. Grundlage war der Dokumentationsfilm „Cunningham“, der am 26. April 2022 im naxos-Kino lief.

Merce Cunningham gilt in der Tanz-Szene als einer der visionärsten Köpfe des zeitgenössischen Tanzes. Angefangen im New York der 1940er-Jahre war seine Karriere bis in die frühen 70er-Jahre geprägt von einer außerordentlichen Risikobereitschaft und kreativen Ideen. Später schaffte er den Durchbruch und galt seither als richtungsweisender Choreograf und Tänzer. Die Filmemacherin Alla Kovgan zeichnete in ihrem biografischen Dokumentarfilm Cunninghams berufliches und privates Leben nach und erweckt mit 3D-Technik sowie den letzten Mitgliedern der Merce-Cunningham-Dance-Company seine legendären Choreografien wieder zum Leben. Der Tänzer starb 2009 im Alter von 90 Jahren.

Britta Schönbrunn war in den 1990-er Jahren zwei Jahre Mitglied der Cunningham-Dance-Company in New York. „Cunningham war damals sehr erfolgreich und oft auf Tournee. Deshalb habe ich ihn selten gesehen“, sagte sie. Aber sein Motto „Mach es, tue es“, sei stets präsent gewesen. Cunningham gebe den Tänzern im Film zwar viel Freiheit, habe im realen Tanz-Leben jedoch weitaus strenger agiert, räumte Marianne Spohner ein. Er habe bis zum Extrem mit seinen Tänzern gearbeitet. Das Schrittmaterial sei immer vorgeschrieben gewesen, aber mit Interpretationsfreiheit für jede/n seiner Dance-Company, so Schönbrunn.

Judith Hummel meinte, das Visionäre an ihm sei seine Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern wie Warhol, Malern wie Rauschenberg, Komponisten wie Cage und den Tänzern und Tänzerinnen: „Das war ausschlaggebend für seine Avantgarde, für sein Revolutionäres“. Schon beim ersten Hören der Musik könne seine Company darauf tänzerisch einsteigen. Allerdings nur im Zählsystem eines jeden Einzelnen, in seinem/ ihrem eigenen Rhythmus. Dadurch entstehe eine einmalige Choreographie, weil jede/r seine/ ihre Schritte kenne: „Independent but interdependend“. Aber: „Cage-Klänge waren Töne, keine Musik im konventionellen Sinn“. Etwas Derartiges gelänge nur über permanentes Training sechs Mal die Woche, um etwa eine „Musik“ von 48 Minuten Dauer körperlich durchzustehen.

Irritierend für Schönbrunn waren die glamourösen Räumlichkeiten des Films im Gegensatz zu den spartanischen Originalauftritten der Company. Das sei wohl eine Idee der Regisseurin gewesen, meinte sie. Cunningham sei bis ans Ende seines Lebens immer Choreograph geblieben, vom Stuhl aus oder an der Stange.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 28. April 2022

Ab Sa. 02.04. gelten keine Beschränkungen mehr.

Wir möchten unsere Gäste bitten, sich trotzdem an Abstandsregeln zu halten, in Gedrängesituationen eine Maske zu tragen und die übliche Husten- und Niesetikette einzuhalten.

Herzlichen Dank!



Zuletzt aktualisiert: 20. April 2022

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Es war enttäuschend, dass dieses historisch so interessante und spannend erzählte Thema kaum Publikum hatte  - umso überraschender die benahe hitzige Debatte, die dann doch zu Stande kam.


Im Campus Galli bauen ca. 40 Personen seit mehreren Jahren an Hand des frühmittelalterlichen St. Gallener Klosterplans diese Klosteranlage in der heutigen Wirklichkeit mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts nach.


Die Eingangsfrage, worin der Sinn so einer historischen  Rekonstruktionsarbeit läge, beantwortete unser Gast Dr. Meinrad von Engelberg: das interessante läge in der Spannung, dass hier sozusagen eine Hardware ohne dazugehörige Software gebaut werde; hier solle ein historisches Ergebnis erziehlt werden, ohne auch nur annähernd das historische Empfinden, den Glauben, die Abhängigkeiten oder das Wissen teilen zu können.

Wolfgang Voss erzählte aus seiner museumspädagogischen Erfahrung, die einen Schwerpunkt auch auf experimentelle Archäologie gesetzt hatte - aber allgemeiner: die experimentelle Praxis sei immer eine Annäherung an eine vergangene Wirklichkeit aber auch ein Aufzeigen von Möglichkeiten (so könnte es gewesen sein), das Spannende: Historisches praktisch, haptisch aber auch phantasiegeladen - eine qusi-historische Erfahrung am eignen Leibe spühren zu können.
Das Nach-Schöpfen kann generell bewußt machen: unsere Kulturlandschaft ging und geht aus einer Vielzahl von Wechselwirkungen von Nutzungs-, Versorgungs und Entsorgungsansprüchen hervor. Wirtschaften und Umwelt wirken auf einander ein. Dies wird sichtbar in Sozialem, Hierarchien, Siedlungsformen und der Landschaft.
Menschliche Basics werden wieder bewust gemacht: Feuer entfachen, Gewicht, Transport, Maße, Zeit und Zeiterfassung.

Einwände aus dem Publikum in Hinsicht auf die Wissenschaftlichkeit und wirkliche nutzbringende, Verwendbarkeit und Verwertbarkeit in der heutigen Zeit. Das mache doch weltweit viel besser und effektiver die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit).
Capus Galli also als spätromantische Fluchtregression?

Unbestritten: hier werden mehr die Sehnsüchte der Jetztmenschen befriedigt, als ein Einblick in frühmittelalterliche Lebenswirklichkeit gegeben.

Aber eben auch der Ansatz des Gründers dieses Projektes Bert M. Geurten sollte wahrgenommen werden: "Das Kloster als Ursprung der modernen europäischen Stadt mit Landwirtschaft, Industrie, Handwerk, Medizin und Forschung"...
Daneben "die emotionale Aufgabe, die kulturellen Wurzeln im Auge zu behalten".

Nebeneinander gestellt wurden also: Die Regeln Benedikts und das Buch "Wir Konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit" von Annette Kehnel.
Hier eine strenge Reglementierung, die man eher in China vermuten würde, dort der Hinweis auf historisch nachweislich gelungene Praktiken der Nachhaltigkeit in vormoderner Zeit.

Hier deutet sich eine Spannunng an, die der Film gerade nicht erzählt: der Film wurde hoch gelobt wegen Schnitt und Bildauswahl; es zeigt sich aber auch: wir haben es hier mit einem Imagefilm zu tun.


Meinrad von Engelberg merkte dazu an: der gleiche Filmemacher, der mit seinem Film-Portrait des Burgenbaus in Guédelon den Gründer des Campus Galli-Projekts genau den Anstoß zu dieser Idee lieferte - genau der Gleiche zeigt uns nun seine aktuelle Dokumentation über eben dieses Projekt. Der Film ist also keine wirkliche Außensicht.
Auslassungen - bei aller Ästhetik - werden offensichtlich: hier Mittelalter - und zu Hause doch die warme Dusche, Ferien vom Leben im Winter konnte kein wirklicher Mensch des Mittelalters machen - nur der gedachte im Campus Galli, der zur nächsten Saison dann wieder kommt...

Sehen wir also in diesem Projekt  - wie es der Klappentext schon anpreist  - ein handwerkliches, archeologisches und menschliches Abenteuer - der Jetztzeit.

Wolfgang Voss

 

 

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2022

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Bild: Regisseur David Bernet (Mitte) und Prof. Dr. Dieter Kugelmann, Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz, mit naxos-Moderatorin Ruth Fühner.

Seit Jahren ringt die EU um ein Gesetz, das persönlichen Daten besser schützen soll. Warum das so lange dauert, zeigte der Dokumentarfilm „Democracy - im Rausch der Daten“ am 12. April 2022 auf naxos. Er gewährte Einblicke in sonst verschlossene Verhandlungsräume, in denen ein Gesetz EU-Bürgern in der digitalen Welt bessere Kontrolle über ihre persönlichen Informationen geben soll.

Der Film zeigte Mosaiksteine der Kompromisssuche: Politiker, Wirtschaftsverbände und Bürgerrechtler versuchen, das Gesetz nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Lobbyisten stehen Schlange, Minister warnen vor Lasten für Unternehmen, sie befürchten, dass Arbeitsplätze in Gefahr sind. Kann die Politik mit ihren Gesetzen mit dem Tempo der digitalen Entwicklung Schritt halten?

„Mein Ziel war: ich folge einem Gesetz“, so Regisseur Bernet. Dazu sei eine lange Vorbereitung nötig gewesen, um beiderseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen Abgeordneten und Filmcrew aufzubauen, zumal sogar die Familien der EU-Abgeordneten oft nicht wüssten, was in Brüssel abläuft. „Mein Versprechen an die Abgeordneten war, dass nichts an die Öffentlichkeit geht, bevor der Film beendet ist“, so Bernet. Erschwerend hinzu gekommen sei der jeweils halbjährige Wechsel zu neuer Präsidentschaft, was das Einholen neuer Einverständnisse zum Dreh beinhaltet habe.

Laut Datenschützer Kugelmann sei das Besondere am Film, dass das Thema Datenschutz mit all seinen Problemen verständlich dargestellt worden sei: „Daten über Individuen und wohin sie fließen“. Whistleblower Edward Snowden sei als „deus ex machina“ ein „dramaturgischer Glücksfall“ für den Film gewesen, da er die Problematik der Überwachung deutlich ausgesprochen habe. Die Entscheidung, ihre Daten bei Online-Buchungen offenzulegen liege letztlich beim Verbraucher. Das damit verbundene Vertrauen in den Datenschutz der Anbieter müsse jedoch gewährleistet sein. So dürften keinerlei Verhaltensmuster eingestellt sein, die „den User auf eine vom Anbieter gewünschte Reise schicken“.

„Demokratie heißt für mich freie Wahl im Sinn von Meinungsfreiheit in Verbindung mit dem Grundgesetz als Schutz des Individuums“, so Bernet. Dies sei eine „junge Kultur, die beide Seiten der Medaille berücksichtigen muss“, wobei bei aktuellen User-Entscheidungen die digitale Realität längst weiter fortgeschritten sei. Beispiel anonyme Studien, die als Grundlagen für irgendwelche Vorlagen dienen sollen, deren Auftraggeber und Finanzierung jedoch im Unklaren blieben. „Deshalb sind Transparenzregeln äußerst wichtig: Wer zahlt die Studie, wer gibt sie in Auftrag und veröffentlicht die Ergebnisse?“ Lobbyismus müsse absolut transparent sein.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2022

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Bild: Frieda Nastold (l.) ist Künstlerin, Kunstwissenschaftlerin, feministische Aktivistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „FemPower“ an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Naxos-Moderation Christina Budde hatte sie zum Filmgespräch eingeladen.

Seit etwa 100 Jahren ist man davon ausgegangen, dass Künstler wie Kandinsky, Mondrian oder Malewitsch zu den Mitbegründern der Abstrakten Kunst gehören. Doch in den 1980ern stellte sich heraus, dass die Schwedin Hilma af Klint (1862-1944) bereits 1906 ihr erstes abstraktes Werk schuf. Im Laufe ihrer unbekannten Karriere malte sie mehr als 1.200 Bilder, die sie zeitlebens nicht ausstellte. Mit ihrem Tod verfügte sie, dass dies erst frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod geschehen dürfe. So wurden ihre Werke erst in den 80er-Jahren weltbekannt. Das naxos-Kino näherte sich der Künstlerin am 5. April 2022 mit dem Dokumentarfilm „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ cineastisch an.

Der Film erfrische Augen und Geist, so Christina Budde anschließend. Visuelle Ausdrücke erhielten sehr viel Raum, bestätigte Frieda Nastold. Gestolpert sei sie jedoch über die Eröffnung des Films gerade durch einen Mann. Auch das Frauennetzwerk wie ebenfalls die feministische Komponente Klints kämen ein wenig zu kurz. So habe sie erst 2013 erstmals eine Klingt-Ausstellung gesehen. „Wir müssen die Kunstgeschichte umschreiben“, sagte Nastold, denn in jeder Epoche seien Fragen nach Künstlerinnen gestellt worden.

Da Klint aus einer wohlhabenden Familie des niedrigen Adels stammte, sei sie eigentlich bestimmten gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, warf Budde ein. Als unverheiratete Frau habe sie jedoch mit Mut und Stärke ihr eigenes Projekt durchgezogen – ohne Ehe, Kinder und gesellschaftliche Integration, so Nastold. Mit dem Kunstbetrieb sei sie pragmatisch umgegangen: Kunststudium, kleinere Ausstellungen als Mittel zum Überleben. Sie hätte als Portrait- oder Landschaftsmalerin reüssieren können, habe sich aber durch ihre Abstrakt-Malerei dagegen gewehrt.

Und das in einer Zeitgebundenheit mit männlicher Dominanz und negativer weiblicher Rezeption, so Budde. Finanziell überlebt habe sie durch eine Hausgemeinschaft mit zwei anderen Frauen, kleinere Verkäufe von Illustrationen sowie durch eine Freundin, die ihr Atelier finanziert habe. Auf dieser Basis habe sie die künstlerische Gleichberechtigung gegenüber den damaligen männlichen Stars des Abstrakten angestrebt, meinte Nastold. Näheres gehe aus ihren mehr als 26.000 Notizbuchseiten hervor. Immerhin, seit 1906 hat sie nur noch abstrakt gemalt. Weil sie sich nicht auf der Sichtbarkeit der Dinge ausruht und alles durcheinander bringt, tue sich die Kunstgeschichte mit ihr sehr schwer.

Obwohl laut Nastold heute weibliche Studierende die Mehrheit an den Kunsthochschulen bildeten, würden Künstlerinnen aus männlicher Sicht immer noch angezweifelt. Dazu zitierte Budde den international bekannten deutschen Maler, Bildhauer und Grafiker Georg Baselitz: „Frauen malen nicht so gut“. Nastolds Reaktion: Das ist eine Lüge“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2022

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Bild: Im Mittepunkt des Filmgesprächs zwischen naxos-Moderatorin Bettina Budde (r.) und Grit Weber, stellvertretende Direktorin, Kuratorin für Design, Kunst, Medien am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main, stand der oftmals als Pestbeule benannte Monobloc-Stuhl.

Man verbindet ihn in unseren Breiten eher mit Bierbäuchen, Adiletten, Jogging-Anzügen und Schnellrestaurants. Er ist immer da: im Garten, vor der Wochenendlaube, beim Kiosk am Badesee. Trotzdem hat er es zu einem gewissen Designklassiker geschafft. Eine Milliarde Exemplare soll es weltweit davon geben. Der Dokumentarfilm „Monobloc" von Hauke Wendler stellte am 29. März 2022 im naxos-Kino den stapelbaren Plastikstuhl in den Fokus.

Die Stühle sind aus einem Stück gefertigt. Etwa 50 Sekunden dauert die Herstellung. Denn nicht nur Zeit, auch Material ist Geld. Noch billiger, noch praktischer geht es nicht. Ansprüche an Qualität, Ästhetik und Umweltverträglichkeit haben im reichen Europa ihre Berechtigung. In ärmeren Ländern aber gelten andere Maßstäbe. Es ist das Verdienst des Films, den eurozentrischen Blick auf die Dinge zu durchbrechen.

Grit Weber vom Museum Angewandte Kunst in Frankfurt sah im Stuhl das Beispiel eines industriellen Gegenstands, dessen Reichweite sich von ursprünglich Italien und Frankreich später auch nach Asien, Afrika und den USA erweiterte. „Der Regisseur geht im Film immer wieder nah an Personen heran, deren Leben der Stuhl bereichert. Andererseits nimmt er immer wieder eine reflektierende Distanz zum Objekt ein“, sagte Weber. So verachte man ihn in Europa häufig als westliche Dekadenz, während er in anderen Kontinenten als komfortable Sitzgelegenheit und, umgebaut, als Rollstuhl für arme und kranke Menschen diene.

Der Monobloc wurde als Industrieprodukt entworfen, produziert, vertrieben, ohne weiter nachverfolgt zu werden, stellte naxos-Moderatorin Christina Budde fest. „Bei uns wurde der Stuhl an den Rand unserer Wahrnehmung gedrängt“, meinte Weber. Man wolle den Massenartikel nicht mehr sehen. Auf anderen Kontinenten hingegen werde der Stuhl anderen Bedürfnissen angepasst, etwa über NGOs als Rollstuhl für einen Großteil der weltweit rund 70 Millionen gelähmten Menschen.

Hässlich, nützlich, recycelbar, Mittel zum Zweck für untere Einkommensgruppen, neutral durch die Farbe Weiß, die ihn überall hinpassen lässt, so die Reaktionen des Publikums auf Buddes Frage, wie es denn sie mit dem Stuhl hielten. Doch hätten Designer auch wertige Lifestylestühle entworfen, so Budde weiter. Das schon bestätigte Weber, dort gebe es jedoch Probleme mit dem Recycling. Der Monobloc „findet noch in der Welt statt“, deshalb brauche er nicht als Sammelstück im Museum zu stehen. Sollten wir deshalb unsere Einstellung nicht relativieren, fragte Budde nach. Die Frage nach der Ästhetik stelle sich laut Weber für die Käufer nicht, da er als Massenprodukt als Mittel zum Zweck gelte. „Aber der Regisseur zwingt uns dazu, indem er den Stuhl zum Kulturgegenstand macht“, so Weber, „jeder hat seine Konsumentscheidung selbst getroffen“,

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2022

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Bild: naxos-Moderatorin Ruth Fühner am 22. März 2022 im Gespräch mit Gedenkstättenpädagoge und Kurator Gottfried Kößler.

Fünf Jahre hat der israelische Regisseur Arnon Goldfinger an seinem Dokumentarfilm „Die Wohnung" gearbeitet. Er beleuchtet darin eine deutsch-jüdische Geschichte: Als Gerda Tuchler mit 98 Jahren in Tel Aviv stirbt, trifft sich die Familie zur Wohnungsauflösung. Inmitten unzähliger Briefe, Fotos und Dokumente entdeckt ihr Enkel Spuren einer unbekannten Vergangenheit. Die Großeltern waren mit einem SS-Offizier befreundet. Goldfinger wagt einen Blick darauf, wie die zweite und dritte Generation nach dem Holocaust mit Erinnerung und Geschichte umgeht. Dabei zeigt er, wie komplex die Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg sind. Im Zentrum der Spurensuche stehen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit, nach Verdrängung und Gedenken.

Gleichzeitig die Realität und eine Spurensuche nach der Flucht aus Deutschland abzubilden, zeichne laut Kößler den Film aus. Da die Suche aber keinen Abschluss findet, wirke der Film „ein bisschen konstruiert“. Denn das Problem für den Regisseur sei, gleichzeitig Darsteller und Protagonist zu sein. Darüber hinaus stehe die erste Generation vor dem Problem, als Betroffene zum Thema Holocaust zu schweigen, während die zweite Generation mit dem Problem lebe, dies zu hinterfragen. Erst die dritte Generation, der der Regisseur angehört, stelle dann konkrete Fragen nach Opfern und Tätern. Leider seien die damaligen Zeitzeugen inzwischen verstorben, so der Gedenkstättenpädagoge. Insofern fragte Ruth Fühner nach dem Sinn, sich an die Geschichte der Vorfahren zu erinnern.

Es gehe dabei im Wesentlichen um Erlösung, weniger um Versöhnung, meinte Kößler. In diesem Zusammenhang müsse Erinnerung thematisiert werden, um nicht in die gegenwärtige Zeit zu rücken. Warum die dritte Generation nicht nachfrage, begründete der Kurator mit dem Hinweis darauf, dass Zionismus mit Krieg und Gewalt einst ein „Jetzt“ war, wohingegen es Überlebende in Israel jetzt nicht mehr gebe. So erfuhr der Regisseur die wesentlichen Aufklärungen aus seinen Besuchen der Archive, weil er keine Zeitzeugen mehr fand.

Eine Studie über die dritte Generation zum Funktionieren der Familie im Dritten Reich kam zu dem Ergebnis: Opa war kein Nazi, das heißt, die Enkel wollten ihre Großeltern nicht als Nazis verstanden wissen. Beispiel aus der Literatur der 1968er und folgenden Jahre, wo man sich eher auf die kommunistische Variante der Eltern und Großeltern konzentrierte: „Der rote Großvater erzählt“. Erst in den 1980er Jahren rückte das Thema durch die Hollywood-Reihe „Holocaust“ verstärkt in die damalige Gegenwart zurück.

Fühner fragte abschließend , wie denn die vierte Generation zum Thema stehe.. Nach Kößlers Ansicht, handelt es sich dabei um eine „heterogene Gesellschaft mit unterschiedlichen Migrationshintergründen“. So werde Flucht und Vertreibung heute anders wahrgenommen als Jahre oder Jahrzehnte zuvor. „Der Umgang und die Auseinandersetzung damit bleibt aber spannend“.

Rolf Henning

Zuletzt aktualisiert: 07. April 2022