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 Bild: Regisseurin Barbara Trottnow im Gespräch mit naxos-Moderator Wilfried Volkmann. 

 

Eduard Zuckmayer (1890 – 1972) emigriert 1936 in die Türkei, weil die Nazis ihm Berufsverbot erteilen. Auf Wunsch von Atatürk baut er an der Gazi Universität in Ankara die Musikausbildung auf. Er bleibt bis zu seinem Tod und ist noch heute in der Türkei ein geschätzter Mann. Im Exil verlagert er seine Karriere als Pianist auf die Musikpädagogik. Damit weckt er in der Türkei das Interesse an klassischer westlicher Musik, legt aber auch Wert darauf, Musik allen Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen. So übersetzt er deutsche Volkslieder ins Türkische und arrangiert türkische Stücke mehrstimmig. Noch heute leben in Ankara ehemalige Studenten von ihm, die erzählen, wie er sie gefördert hat. Seine Tochter Michele berichtet von ihrer Kindheit in Ankara und Edzard Reuter, ehemaliger Mercedes-Chef, der mit seiner Familie bis 1946 in Ankara im Exil lebt, schildert seine Erinnerungen an Zuckmayer. Fühlt sich „Zuck“, so sein Spitzname, nach seiner Emigration in die Türkei als Türke? Der Film sucht nach Spuren, die er dort hinterlassen hat. Am 26.6.2018 stellte die Dokumentation „Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der Türkei“ die Frage, wie gut der deutsche Musiker in der Türkei integriert war. Zum Filmgespräch begrüßte naxos-Moderator Wilfried Volkmann die Filmemacherin und Regisseurin Barbara Trottnow. 

„Migration und die Türkei bilden mein Hauptthema“, sagte Trottnow. Die Produktion über Zuckmayer sei von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und der Filmförderung Baden-Württemberg gefördert worden. Der Dokumentarfilm sei eine Bereicherung in doppelter Hinsicht. Er bringe das Lebenswerk des bei uns im Vergleich zu seinem Bruder Carl eher wenig beachteten Eduard Zuckmayers näher und beleuchte gleichzeitig ein Thema, das aktueller kaum sein könne: Emigration und Integration.  

„Ich wollte kein klassisches Portrait machen, sondern nachschauen, ob Eduard Zuckmayer in der Türkei Spuren hinterlassen hat und fragen, ob er sich dort integrieren konnte“, so die studierte Diplom-Sozialwirtin. Obwohl das meiste archivierte Material über „Zuck“ in Deutschland lagere, sei sein Arbeitszimmer mit Bundesverdienstkreuz, Büchern und Fotos in Ankara erhalten geblieben. „Seine  persönlichen Papiere sind jedoch größtenteils verloren.“ Ob denn die westliche Klassik durch Zuckmayer die türkische Musik dominiert habe, fragte Volkmann nach. Trottnow zufolge habe er für eine Öffnung gesorgt und sei eine Bereicherung für die türkische Musik gewesen: „Er hat den Horizont der Musik in der Türkei erweitert“. 

Während ihrer Recherche habe Trottnow auch nach dem Grab Zuckmayers gefragt. Dabei habe sie erfahren, dass der Grabstein Ende der 70er Jahre von Nationalisten zerstört wurde. Nach Drehende hätten aber ehemalige Studenten einen neuen Grabstein aufgestellt. „Darin drückt sich die nach wie vor große Hochachtung vor Zuckmayer in der Türkei aus." Vor allem in der „modernen“ Türkei sei er weiterhin hoch geschätzt. Die aktuelle politische Situation habe jedoch dazu geführt, dass zahlreiche türkische Intellektuelle und Künstler zunehmend ihr Land verlassen, weil sie keine Gelegenheit sähen, in der Türkei zu arbeiten. „Ich fürchte, viele weitere werden die Flucht antreten“, sagte Trottnow. Vor allem diese Menschen bräuchten unsere Unterstützung durch Arbeitsmöglichkeiten, Visa und Stipendien. „Wir müssen die nach Westen orientierten Menschen in der Türkei unterstützen und die, die nach Deutschland kommen, müssen das Gefühl bekommen, hier unterstützt zu werden.“    

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2018
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Bild: V.l.n.r.: naxos-Moderator Wolf Lindner, Nassir Formuli, einer der Schauspieler im Dokumentarfilm, Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel, Leena Alam, eine der populärsten Theater- und Filmschauspielerin Afghanistans, die ebenfalls in der Dokumentation eine entscheidende Rolle spielt, Niklas Schenk, beruflicher und privater Partner der Regisseurin, und Bernd Mesovic, Pressesprecher und Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, Frankfurt. 

 

Während der Premiere eines Theaterstücks über Selbstmordanschläge in Kabul sprengt sich dort ein 17-jähriger Junge, der im Publikum sitzt, in die Luft. Die Zuschauer klatschen und jubeln, weil sie die Explosion für eine besonders realistische Showeinlage halten. Erst als sie die Verwundeten sehen, verstehen sie, was passiert ist. Das naxos-Kino zeigte am 19. Juni 2018 den Dokumentarfilm „True Warriors“. Es ist die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der Bühne standen. Sie wollten mit ihrem Stück über Selbstmordanschläge ein Zeichen setzen gegen den Terror, der die Gesellschaft zerfrisst. 

Die beiden Schauspieler Leena Alam und Nassir Formuli haben an diesem Abend nur begrenzt Zeit. Deshalb stehen sie zunächst im Mittelpunkt des Filmgesprächs. Die Arbeit am Film habe sie von dem Schock des Attentats-Abends befreit, so Leena Alam. Eine therapeutische Betreuung habe sie nicht gehabt. „True Warriors“ zeigt u.a. das Nachspielen der Verbrennung einer jungen Frau auf offener Straße, die fälschlicherweise angeklagt war, den Koran verbrannt zu haben. Es sei schwierig gewesen, dazu Schauspieler zu finden, die bereit waren, bei der „Verbrennung“ mitzuspielen. Auch habe die Polizei anfangs das Spiel verboten. Das geschah dann in Eigeninitiative mit Erlaubnis des Grundstücksbesitzers. Daraufhin habe sie hunderte Hass-Nachrichten erhalten. Diese Vergangenheit versuche sie seit einiger Zeit, an deutschen Theatern zu verarbeiten. Sie spielt demnächst in Bad Hersfeld gemeinsam mit ihrem Kollegen Nassir Formuli im Stück „Peer Gynt“. Formuli hat inzwischen nach zwei Jahren sein Diplom an der Ernst Busch-Akademie in Berlin absolviert und tritt an der Puppenspieler-Schule und am Theater auf. „Wir wollen den Radikalen unser Land nicht überlassen“, sagte Alam, denn jede Woche komme es zu neuen Attentaten. „Ich gehe zuhause nicht mehr allein aus dem Haus, und wenn doch, dann nur in Burka, um nicht erkannt zu werden,“ sagte die Schauspielerin. Nassir Formuli hingegen glaubt nicht, wieder nach Kabul zurückzukehren: „Ich habe null Hoffnung auf Frieden“. 

Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel ist über einen Bundeswehr-Report nach Afghanistan gekommen und gemeinsam mit ihrem Partner Nikals Schenk nach Kabul gezogen. Die dortige Alltagsbrutalität habe den Ausschlag für den Film gegeben. „Wir wollten über Bilder rüberkommen, die wie eine persönliche Begegnung erzählen“, sagte Schenk. Der Film zeige ausschließlich „echte Bilder, vom öffentlichen Theaterstück, vom Attentat, von iphone-Filmen der Besucher, die sich bei den Zuschauern im Kopf festsetzen sollten“, bestätigt die Regisseurin. Dennoch gebe es immer noch eine Kulturszene in Kabul, hob Bernd Mesovic von Pro Asyl, Frankfurt, hervor. Die lebe jedoch stets „mit einem Bein in Gefahr“. Der Theatergruppe bleibe in Kabul immer mehr das Publikum weg, bestätigte Niklas Schenk, denn 95 Prozent der Afghanen hätten bereits einen Anschlag miterlebt. Die verbliebenen circa 1000 Schauspieler und Künstler dort genießen keinen guten Ruf, was von den Taliban geschürt werde. So „wurde die im Film gezeigte Farkhunda wegen einer angeblichen Koranverbrennung auf offener Straße gelyncht – und zwar nicht von den Taliban, sondern von ganz normalen Passanten. Wer also immer nur das Muster im Auge hat, der vergisst, dass es auf Seiten der Regierung wie sonst im Lande gewalttätige Akteure aller Art gibt: Warlords und ihre Milizen, Lokalpolizei ohne klare Loyalitäten, Räuber im Gewande der Religion. Und die `Normalen`, die die Gewalt nach Jahrzehnten als Handlungsform verinnerlicht haben“, sagte Bernd Mesovic. 

„Afghanistan ist nach deutschem Recht kein `Sicherer Herkunftsstaat`“, betonte der Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl. Das seien nur die Staaten, die in einer Liste zu § 29a Asylgesetz enthalten sind. Beachten müsse der Gesetzgeber im Rahmen einer Vorab-Prüfung im Gesetzgebungsverfahren, wie es in dem jeweiligen Staat steht um die Realität der Menschenrechte, die Diskriminierung und Verfolgung von Personengruppen und Minderheiten, die Effizienz des Justizsystems usw. Da Afghanistan kein Sicherer Herkunftsstaat im Sinne des Asylgesetzes sei, werden Anträge afghanischer Antragsteller in der Regel auch nicht als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Davon zu unterscheiden sei die im Asylverfahren in Bezug auf den Einzelfall zu klärende Frage, ob für den jeweiligen Asylsuchenden dort eine Gefährdung, Verfolgung usw. bestanden habe, die zu berücksichtigen sei. Die Behauptungen der Politik, Afghanistan sei zumindest in weiten Teilen und für bestimmte Personengruppen sicher, zielten auf die Durchsetzung der Rückkehr oder Abschiebung derer, bei denen eine Schutzbedürftigkeit nicht festgestellt worden ist. „Wer in Nordafghanistan nicht leben kann, der möge  doch eben anderswohin gehen. Absurd vor dem Hintergrund des herrschenden Chaos und der großen Zahl der unversorgten, im Lande selbst eine Zuflucht suchenden Binnenflüchtlinge“, so Mesovic. 

Und dann gebe es die Argumentation der „zu geringen Gefahrendichte“. Dazu Mesovic: „Das geht so: Wie viele Anschläge mit Toten und Verletzten gab es im Zeitraum X in der Provinz Y? Wie viele Menschen leben dort? Daraus wird die arithmetische Wahrscheinlichkeit errechnet, dass man im Falle einer Rückkehr/ Abschiebung einen ernsthaften Schaden an Leib und Leben erleidet. Die überwiegende Wahrscheinlichkeit, die zu berücksichtigen wäre, müsste bei mehr als 50 Prozent liegen“. Dennoch seien seiner Ansicht nach Asylanträge afghanischer Asylsuchender keineswegs chancenlos. Allein die Zahl der bestandskräftigen Entscheidungen zugunsten von Flüchtlingen zeige, dass  von Sicherheit in Afghanistan nicht  die Rede sein kann.  Auf die Liste Sicherer Herkunftsstaaten werde das Land deshalb auf lange Zeit hinaus nicht gelangen, so sehr die Bundesregierung sich bemüht, die Fakten zu verbiegen. „True Warriors“ habe gezeigt, „wie sehr selbst die Menschen in Kabul von der Frage des Flüchtens oder Standhaltens betroffen sind. Eineinhalb Jahre nach Abschluss des Films sind inzwischen noch mehr Menschen auf der Flucht – aus allen Schichten.“  

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018
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Bild: Der Frankfurter Musiker Matthias Baumgardt (r.) demonstrierte den Besuchern eindrucksvoll, dass und wie er sein Instrument beherrscht. Daneben naxos-Moderator und Filmpate Winfried Volkmann. 

 

„Warum soll ich mir teure E-Gitarren kaufen, wenn ich den angestrebten Sound auf einer selbstgebauten oder gar Kaufhausgitarre hinkriege?“ Mit dieser Frage leitete Matthias Baumgardt (55), Profi-Musiker und von 1979 bis 1984 Mitglied der Frankfurter Band „Straßenjungs“, das Filmgespräch am 12. Juni 2018 im naxos.Kino ein. Zuvor war die Davis Guggenheim-Doku „It might get loud“ gelaufen. Darin hatte der Regisseur drei Rockgitarristen der Musikgeschichte eingeladen, um ihre Findungswege zur Gitarre aufzuzeichnen: Jimmy Page (Ex-Led Zeppelin), The Edge (U2) und Jack White (Ex-Raconteurs und -White Stripes). Und es wurde tatsächlich laut, sowohl im Film als auch während des anschließenden Filmgesprächs. Denn Baumgardt hatte neben seiner Gitarre einen kleinen Vox-Verstärker inklusive Wah-Wah-Pedal und Echo im Gepäck. Damit sorgte er für einen Sound, der den Besuchern eine Gänsehaut über den Körper spannte. 

„Der Film spricht mir aus der Seele“, bekennt Baumgardt. So sei Jimmy Page in allen Fragen der Performance absolut geübt, beherrsche The Edge die Echos wie kaum ein anderer und hole Jack White aus einer selbstgebauten Gitarre das heraus, worauf es in der Rockmusik ankomme. Dann gibt er selbst eine Kostprobe zum Besten. Mit „Hilfsmitteln“ wie Wah-Wah-Pedal und Echo-King halt ein Rhythmus durch die Naxos-Halle nach, auf den er ein eindrucksvolles Solo legt: „Kein Teufelswerk, sondern schlichtes Handwerk“, merkt er an. 

Naxos-Moderator Wilfried Volkmann zitiert Jack White aus dem Film, wonach „jeder Gitarre spielen kann“, wie das Beispiel eines Zehnjährigen im Zusammenspiel mit White im Film belege. Baumgardt stimmt zu, seine Mutter habe ihn  inspiriert, indem bei Familientreffen immer Musik gemacht wurde. Ein sog. Riff – die kurze Abfolge einer sich immer wiederholenden Melodie – sei die Grundvoraussetzung für einen guten Song. Einen solchen könne man aber nicht erzwingen, sondern erst über Arbeit kreieren. „Irgendwann springt dann der Funke über und auf dieser Basis entsteht etwas“. Aber wenn dann im Studio das rote Licht leuchte, so der Gitarrist, sei es mit der Improvisation vorbei: „Dann wird Perfektion angestrebt“. 

Baumgardt besitzt nach eigenen Angaben „ein paar enachtziger Gitarren“. Da er feststelle, immer mehr zu seinen selbstgebauten zu tendieren, müsse er jetzt reduzieren, obwohl verschiedenartige Gitarren  auch stets für verschiedene Musikstile erforderlich seien. Und zum Schluss wird es nochmal laut. Der Musiker haut das Riff von „Whole lotta love“ raus. Der Sound füllt die Naxoshalle. Die Besucher grooven mit. Der anschließende Applaus ist genauso laut. „Sagenhaft“, so ein Besucher an der Theke.

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018
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Foto: naxos.Kino Moderatorin Barbara Köster (l.), Jochem Hendricks (r)

Die Diskussion nach dem Film Leaning into the Wind drehte sich schnell sowohl zwischen dem Gesprächsgast Jochem Hendricks (Künstler und Kritiker aus Frankfurt) und der Moderatorin Barbara Köster als auch mit den BesucherInnen um den Kunstbegriff im Werk des Landart Künstlers Andy Goldsworthy. Für Hendrix ist der heute gezeigte Film selbst Teil der medialen Inszenierung des Künstlers und er sieht die Leistung und den Anspruch von Goldworth vor allem darin, Erfindungen und Formen der Kunst in die Natur zurück zu führen. Er macht die großen Leistungen der Landart gewissermaßen gartentauglich.

Goldsworthy könne vom Anspruch als Schamane gesehen werden, der unbestimmte Rituale im Kontakt mit der Natur inszeniert. Dahinter steht dann auch die Ablehnung des klassischen Kunstkontextes, wie die Präsentation von Objekten in Ausstellungen und Museen, wo sich seine Ergebnisse auflösen würden. Gleichwohl verstehe es Goldsworthy ganz gut, seine Kunstform zu vermarkten, wie etwa durch die zahlreichen Bildbände und eben auch den Film.

Barbara Köster hat sich beim Betrachten der zahlreichen Kunstaktionen im Film gefragt, ob sie jeweils einen Sinn dahinter entdecken kann. Für einen Besucher ist es eher ein Perspektivenwechsel, den Goldsworthy unternimmt, den „von der Hecke aus“, während eine andere Besucherin mitteilt, dass sie unabhängig von diesen Überlegungen den Film „einfach nur genossen“ hat.Kontrovers wird unter den BesucherInnen und im Podium auch diskutiert, ob und welchen Respekt oder Tabus Goldsworthy im Hinblick auf seine Eingriffe in die Natur hat.

Schließlich dreht sich die Diskussion auch um die Kommerzialisierung der Kunstaktionen. Dies ist einmal für viele Künstler eine Notwendigkeit zur Existenzsicherung und kann bei großen Erfolgen und Einnahmen auch dazu genutzt werden, die Kunst weiter zu entwickeln.

Hendricks sieht, dass Goldsworthy in seiner Entwicklung entsprechend auch immer größere, umfangreichere Projekt gemacht, jedoch sich qualitativ nicht weiterentwickelt hat.

Eine weitere kritische Anmerkung geht dahin, dass er sich teilweise in spirituelle, religiöse Szenarien begibt, aber nicht erkennbar ist, dass damit eine Sinngebung einher geht.

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018
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Bild: „Der Dokumentationsfilm „Der Fahrradkrieg – Kampf um die Straßen“ sorgt am 22. Mai für ein volles Haus im naxos-Kino. Die Diskussion zwischen den Filmgästen und den Besuchern veranschaulicht Gesprächsbedarf zum Thema: Mehr als eineinhalb Stunden dauert die Diskussion über die Bedürfnisse von Fußgängern, Fahrrad- und Autofahrern im städtischen Verkehr mit v.l.n.r.: Verkehrsdezernent des Frankfurter Magistrats Klaus Oesterling (SPD), Wolfgang Siefert (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Stadt Frankfurt, naxos-Moderator Wolf Lindner, Bertram Giebeler, Verkehrspolitischer Sprecher Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main e.V. (adfc), Heiko Nickel, Verkehrspolitischer Sprecher Verkehrsclub Deutschland (VCD Hessen e.V.), und Sylke Petry, Fuss e.V., Hessen.. 

 

Die Zahl der Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern in Frankfurt nimmt im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2016 zwar ab, doch die Zahl der Schwerverletzten nimmt zu. Fußgänger laufen, Radfahrer fahren bei Rot über die Straße, Autofahrer sind zu schnell unterwegs. Autos belasten darüber hinaus mit ihren Abgasen nicht nur die Luft, sie benötigen auch sehr viel Platz. Zudem können sie Menschen verletzen oder gar töten. Es wird deutlich, wie sich vor allem in Städten die Mobilität ändern muss, wenn sich etwas verändern soll. Zu dieser Problematik sitzt am 22. Mai 2018 eine illustre Diskussionsrunde auf dem Podium im naxos-Kino. Laut Sylke Petry vom bundesweit aktiven Fachverband Fußverkehr, kurz: Fuss e.V., Darmstadt, soll jeder in der Stadt Spaß haben am zu Fuß gehen. Heiko Nickels Verkehrsclub Deutschland engagiert sich für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) mit Interessenausgleich von U- und S-Bahnen, Bussen, PKW, Fahrrädern, Fußgängern und der umweltbewussten Nutzung des Autos. Bertram Giebeler versteht seinen Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (adfc) als Interessenvertretung der Radfahrer. Für Wolfgang Siefert, Verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Römer, kommt es auf ein gleichberechtigtes Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und öffentlichem Nahverkehr an. Klaus Oesterling, Frankfurter Stadtrat und Verkehrsdezernent, besitzt nach eigenen Angaben weder Auto noch Führerschein („habe ich nie gemacht“) noch Dienstwagen, weiß aber, „wie man sich durch die Stadt bewegt“. 

Studien bzw. Erhebungen über die Mobilität sämtlicher Verkehrsteilnehmer verschwinden laut Oesterling in den meisten Fällen nach zwei Jahren in der Schublade. Politische Entscheidungen mit Zustimmung aller drei Frankfurter Regierungs-Parteien (wie z.B. über die Sanierung der Textorstraße in Sachsenhausen) gingen in der Regel zu Lasten entweder der Anlieger, Rad- oder Autofahrer. Das Problem dabei sei der vorhandene öffentliche Raum, der von einer politischen Mehrheit geplant werden müsse, meinte Bertram Giebeler. Sanierung sei dabei immer eine Chance, denn Geld sei ausreichend vorhanden. Aber: „Wir kommen nur weiter, wenn wir dem Autoverkehr Fläche nehmen“. Heiko Nickel zufolge wird die Mobilität auf den Straßen immer wichtiger. Deshalb müsse der öffentliche Raum vernünftig aufgeteilt werden. Städtische Autos stünden oft wochenlang an der gleichen Stelle, weshalb „parkende Autos in den Städten nichts zu suchen haben, außer für Handwerker und Lieferverkehr“. Giebeler pflichtet dem bei, indem er dafür plädiert, dass „Verkehrsmittel mit dem geringsten Platzanspruch bevorzugt werden müssen“. Sylke Petry verweist darauf, dass die Verkehrssicherheit auch vom Parken im öffentlichen Raum abhänge: „Auch Senioren und Kinder müssen in den Städten bequem zu Fuß gehen können, dies wird oft durch illegal auf dem Gehweg geparkte Autos verhindert“. 

Zugeparkte Radwege seien die Regel und bildeten Gefahrenquellen. Viele Menschen wüssten zwar, dass Radfahren gesünder und vernünftiger sei, trauten sich aber wegen der großen Gefahren nicht mit dem Rad in den Verkehr, heißt es seitens der Besucher. Siefert fordert dazu auf, Unterschriften für den Radentscheid zu sammeln. Oesterling kritisiert hingegen zunehmend wild abgestellte Leihräder, die gleichermaßen ein öffentliches Ärgernis bildeten. Nickel kritisiert, man könne in Frankfurt nicht annehmbar Rad fahren, woraufhin er vernünftige Lösungen für Radler fordert. Deshalb müsse seiner Meinung nach ein Mobilitätskonzept helfen, Platz zu sparen. „Das muss in einer laufenden Legislaturperiode der Dreierkoalition zu bearbeiten sein“. 

Wird der zunehmende Radfahrerfluss – wie etwa in Kopenhagen – auf Flächen des Fußverkehrs gelenkt, so empfindet ihn Petry auch als Bedrohung für Fußgänger: „Auf Gehwegen ist entspanntes Bewegen angesagt, hier muss Fortbewegung in Schrittgeschwindigkeit ohne permanente Aufmerksamkeit möglich sein. Das muss bei Planungen berücksichtigt werden“. Jedoch sind vorhandene Straßen im Allgemeinen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt. Sie nähmen laut Nickel etwa 90 Prozent des öffentlichen Raums ein, „deshalb brauchen wir endlich neue Konzepte“. Einfach nur Schilder mit der Aufschrift „Fahrradstraße“ aufzustellen, funktioniere nicht, so Siefert. Deshalb fordert Giebeler innerstädtisch ein Konzept „Fahrradstraße reloaded“. Oesterling nennt die zahlreichen Öffnungen gegen den Verkehr in Einbahnstraßen als Beispiel, um den Radfahrern entgegen zu kommen, was aber auf Dauer keine befriedigende Lösung sei. 

Was künftig realisierbar sei, fragte Moderator Wolf Lindner nach. Dazu die Besucher: Ampelschaltungen müssten pro Radfahrer eingestellt werden, das Beispiel Dänemark zeige seit langem ein weitaus positiveres Verhältnis zwischen Fußgängern, Rad- und Autofahrern, Autofahren müsse in der Innenstadt langsamer werden, sämtliche Verkehrsteilnehmer sollten mehr Rücksicht aufeinander nehmen, um mögliche Aggressionen von vornherein zu entspannen, denn „Grün heißt nicht sicher, deshalb nehmen die Konflikte zu“. 

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2018
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Am Nachmittag des Samstag, 9. Juni werden ab 14 Uhr im Kino in der Naxoshalle 5 Kurzfilme von jungen Frankfurter Filmemachern gezeigt. Ein Gespräch mit den Filmemachern ist danach vorgesehen.

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2018
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Bild:  Eine engagierte und kontroverse Diskussion zwischen den Gesprächsgästen Stefan Jäger (l.), Abteilungsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Frankfurt, der Frankfurter Autorin und Regisseurin Ina Knobloch sowie den Besuchern moderierte Gerd Becker (r.) im Anschluss an den Film „Free Speech“. 

Die Frage, wie Rede- und Meinungsfreiheit in einer Demokratie aussehen sollte, können auch die Protagonisten des gezeigten Films nicht endgültig beantworten. Engagiert und teilweise kontrovers verlief dann auch die Diskussion zwischen den Besuchern und den beiden Gesprächspartnern im Anschluss an den Dokumentarfilm „Free Speech“ am 15. Mai 2018 im naxos-Kino. Problematisch an der Meinungsfreiheit sei die Sprache bei der Informationsübertragung, betonte naxos-Moderator Gerd Becker, indem er auf das aktuell kritisch diskutierte „Sozial-Kreditsystem“ Chinas verwies, das jedem der rund 1,2 Milliarden Menschen durch Überwachung ein Punktekonto nach sozialer, wirtschaftlicher und politischer Tauglichkeit erstellt. Er bezeichnete es als „orwell´sche Krisenprävention“. 

Die Frankfurter Autorin und Regisseurin Dr. Ina Knobloch hatte einen „beobachtenden Film mit gut ausgewählten Interview-Partnern“ gesehen, mit dem Ziel, „die Demokratie nicht zu gefährden“. Stefan Jäger, Abteilungsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Frankfurt, sah dagegen einen „problematischen Film“, dessen zielführende Absicht er nicht erkennen konnte: „Meine Erwartung hat er nicht erfüllt“. Becker hob hervor, dass der Film zwei Aspekte behandele: 1. Redefreiheit als Kern von Demokratie, 2. die Auswirkungen neuer Medien auf die Demokratie. 

Knobloch zufolge seien Gesetze zur Einschränkung der Redefreiheit richtig, um mögliche Informationsmanipulationen zu verhindern. Den idealen Weg dorthin habe der Film jedoch auch nicht aufzeigen können. Redefreiheit sei einzuschränken, wenn zum Beispiel der Holocaust verleugnet würde, schloss sich Jäger an. Mitbedenken müsse man jedoch, dass es stets um einen „ungehinderten Zugang zu Informationsquellen“ gehe, ergänzte Becker. 

Dass Einschränkung der persönlichen Meinungsäußerung immer wieder vorkämen, sagte ein Betroffener aus dem Publikum, was die Gesprächsrunde bestätigte. Wichtig vor diesem Hintergrund sei eine Erziehung in puncto digitalisierter Wissensverbreitung, so ein Besucher. Über eine Einschränkung der persönlichen Meinungsäußerung beklagte sich der Besucher Abraham Melzer. Ihm wurden nach eigenen Angaben mehrmals Räume durch die stadtnahe Saalbau verweigert, als er dort im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse 2017 eine Lesung aus seinem aktuellen Buch durchführen wollte. Obwohl diese Verbote zweimal einer gerichtlichen Überprüfung nicht standgehalten hatten, verweigerte man dem Autor des Buches die Möglichkeit, seine Meinung in Räumen der Saalbau zu äußern. Begründung: die darin enthaltenen Kritik an der Politik des Staates Israel. 

Der Film sei zwar „rührend“, aber wirkliche Probleme der Rede- und Informationsfreiheit würden nicht thematisiert, hieß es an anderer Stelle. Jäger forderte deshalb, den „seriösen“ Journalismus zu unterstützen und zu fördern: „Kompetenter Journalismus braucht nicht nur Zeit für Recherche und Geld, sondern auch die Möglichkeit, die Ergebnisse zu veröffentlichen“. Knobloch stimmte dem grundsätzlich zu, nannte jedoch ein Bespiel für Zensur innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender. Danach wurde der Film „Ausgewählt und ausgegrenzt" trotz intensiver Recherche und hoher Kosten wegen Israel-Freundlichkeit nicht gesendet. Sie bezeichnete das Beispiel jedoch als nachvollziehbar: „Niemand in Deutschland bemüht sich besser, ausgewogen zu berichten als der ÖR-Rundfunk“. 

Thema des gezeigten Films sei die Bedeutung von Meinungsfreiheit, bestätigte Becker, nicht aber die Freiheit der Medien. „Wir haben die sozialen Medien noch gar nicht unter Kontrolle“, stimmte Knobloch zu. So genannte „Geldgeber“ könnten eine Meinung viral verbreiten lassen, für oder gegen eine Person, eine Ideologie, gar gegen einen Staat: „Da brauchen wir Gesetze, die derartiges verhindern“. Die Besucher waren sich einig, dass nur glaubwürdige Informationen zur Meinungsbildung führten. Verschwörungstheorien müssten aufgedeckt werden. Zu diesem Zweck sei es erforderlich, persönliche Daten aus sozialen Netzen anzufordern, um deren schutzlose Verwendung zu verhindern. Meinungsfreiheit könne auch in demokratischen Staaten, Organisationen und Institutionen noch nicht immer und überall gelebt werden.

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2018
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Bild: naxos.Kino Moderator Gerd Becker (r.) diskutierte mit Prof. Thomas Elsaesser (M) und Dr. Konrad Elsaesser (l.) sowie den Besuchern über den Film „Die Sonneninsel“.

In den 1920er Jahren steht Liesel Elsaesser zwischen zwei Männern: Sie ist mit dem Architekten Martin Elsaesser verheiratet, liebt aber gleichzeitig den Architekten Leberecht Migge. In seinem Essayfilm „Die Sonneninsel“ schildert Thomas Elsaesser, Enkel von Martin, die Liebes- und Familiengeschichte unter Verwendung privater Filmaufnahmen und Dokumente aus dem Familienarchiv. Das naxos-Kino zeigte den Film am 8. Mai 2018. Martin Elsaesser (1884-1957) prägte als Stadtbaudirektor (1925 bis 1935) von Frankfurt die Architektur der Stadt (insbesondere die Großmarkthalle) entscheidend. Leberecht Migges' Interesse hingegen galt hauptsächlich der Garten- und Landschaftsarchitektur. Auf der „Sonneninsel" in der Nähe von Berlin versuchte er mit Liesels Unterstützung, seine Idee von sozialem Ausstieg und Selbstversorgung umzusetzen. Dort begegneten sich auch die beiden Männer. Zum Filmgespräch kamen zwei Gäste aus der Familie. Thomas Elsaesser (75) ist Professor für Film- und Fernsehwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Als Enkel des Architekten Martin Elsaesser ist er ein Vertreter der internationalen Filmwissenschaft, dessen Bücher und Essays in mehr als 20 Sprachen erschienen sind. Neben ihm saß Konrad Elsässer (70), Großneffe von Martin Elsaesser. Er ist Geschäftsführer der Martin-Elsaesser-Stiftung, einer 2009 in Frankfurt gegründeten, gemeinnützigen Einrichtung, die dem ideellen und baulichen Erbe Martin Elsaessers verpflichtet ist.  Themenmittelpunkt ist die Reflexion der konträren architektonischen Konzepte Elsaessers und Migges: hier das Bauen im Geiste des kapitalistischen Wachstumsdenkens, dort eine Stadtplanung, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und auf Ideen zurückgeht, die bis heute in der grünen Bewegung fortleben. „Ausgangspunkt für den Film war die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), das von ihr erworbene Gebäude der Frankfurter Großmarkthalle, das unter Denkmalsschutz steht, so stark baulich zu verändern, dass dessen architektonische Integrität gefährdet war“, sagte Thomas Elsaesser. Eine von Frankfurter Architekten eingeleitete Aktion „Rettung der Großmarkthalle“ wandte sich an die Nachfahren des Architekten Martin. In einer außergerichtlichen Einigung zwischen EZB, Stadt Frankfurt und den Elsaesser-Nachfahren verpflichteten sich die drei Parteien, das künstlerische Erbe dieses wichtigen Architekten des „Neuen Frankfurt" zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde die Martin-Elsaesser-Stiftung ins Leben gerufen, die mit Ausstellungen und Publikationen an die Öffentlichkeit tritt. So entstand auch die Idee des Dokumentarfilms, der das Schaffen Martin Elsaessers wieder ins Gedächtnis rufen soll. „Als Medienhistoriker habe ich einen professionellen Produzenten beauftragt, den Film zu machen“, so Thomas Elsaesser. Die Recherche habe acht Jahre, die anschließende Produktion weitere zwei Jahre in Anspruch genommen. Früher hätten die Schmalfilme ausschließlich Familienbezug gehabt, erst später habe er die Dokumentation des Migge’schen Nachhaltigkeitsprojekts wie auch des Werbens um die zukünftige Ehefrau in den Filmen seines Vaters entdeckt. „Es handelt sich um eine Kombination aus Briefen, Gedichten und gesprochenen Worten“, ergänzte Konrad Elsaesser. „Man kann es aber auch als tragische Fabel erzählen: ein Mann stiehlt einem anderen die Frau, entführt sie auf eine Insel, stirbt aber bald, sodass der Andere zwar wieder mit seiner Frau lebt, aber im Schatten seines toten Rivalen“, so Thomas Elsaesser. Auf die Frage von naxos-Moderator Gerd Becker , wie denn die anderen Familienmitglieder aus dem Film auf die sehr privaten Bildern reagiert hätten, meinte der Regisseur, sie hätten die damaligen Verhältnisse „jeder innerhalb seines eigenen Familienverbands mitbekommen, und da divergierten die Erinnerungen der Nachfahren der Töchter von denen der Söhne“. Die Reaktionen von Filmbesuchern Osteuropas, vor allem aus ehemalig von Nazis besetzten Ländern, sei hingegen „geprägt von der Neugier, wie die Deutschen selbst den Krieg erlebten, und wie die Arbeit auf eigenem Boden mit Selbstversorger-Ideologie durchaus als Widerstand gegen Diktatur und Kollektivismus verstanden werden kann“. In den USA habe sich das Interesse auf die „Komplexität der Familiengeschichte“ konzentriert. In London etwa sei er mit der Aussage konfrontiert worden, „Ihr seid doch alle Nazis gewesen, oder?“, wo hingegen in Los Angeles Reaktionen zu hören waren, wie „der Regisseur setzt hier seinen Vater als Regisseur ein“. Technisch sei der Film über „die Wunder des Digitalen“ möglich gewesen: „Bilder nicht größer als ein Fingernagel werden auf der großen Leinwand wieder lebendig.“ Die Lebensgeschichten der circa zwölf Personen, die damals auf der „Insel“ lebten oder sie besuchten, seien hochinteressant, aber hätten den thematischen Rahmen des Films gesprengt, räumte der Regisseur ein. Das wolle er künftig vielleicht noch einmal „intensiv aufarbeiten“. Seitens der Besucher hieß es, einen solchen „dichten Film mit so viel Material geschaffen“ zu haben, sei schon „grandios“.  ]Die Frage kam von einem Zuschauer

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2018
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Bild: naxos-Moderator Wolf Lindner und seine Filmgäste Hans Ulrich Fischer (Mitte), IG Metall-Bildungszentrum, Sprockhövel, und Friedhelm Hengsbach, prominenter Vertreter der katholischen Sozialethik.

 

Arbeit ist mehr als Broterwerb, sie ist Religion geworden. Regisseur Konstantin Faigle (1971-2016) hatte 2012 einen Dokumentarfilm gedreht, der zur Senkung der Arbeitsmoral beitragen soll. Passend zum „Tag der Arbeit“ lief sein Film „Frohes Schaffen“ am 1. Mai 2018 im naxos-Kino. 

Zum anschließenden Filmgespräch hatte naxos-Moderator Wolf Lindner zwei kompetente Gesprächspartner eingeladen. Friedhelm Hengsbach  war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Christliche Sozialwissenschaft bzw. Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Hans Ulrich Fischer ist im Audio-visuellen Zentrum (AVZ) des IG Metall-Bildungszentrums Sprockhövel zuständig für die Herstellung von Bildungsfilmen. 

Arbeit als Religion zu bezeichnen, habe ihn am Film gestört, meinte Hengsbach. Auch zeige der Film nur Extremfälle. Normale Werktätige tauchten nicht auf. „Das ist nicht die Welt, in der wir leben“, sagte der katholische Sozialethiker und Jesuit. Kritisch äußerte sich auch Fischer als Gewerkschafter. Arbeit als Sinn darzustellen, sei zu kurz gekommen: „Mir war der Film zu unpräzise, weil hier versucht wurde, eine Theorie zu verfilmen. Das geht immer schief“. 

Lindner ging dann direkt ins Publikum, um Stimmen der Besucher einzufangen. Der Film provoziere, stelle Arbeit teils als Fetisch, teils als Ethik dar, hieß es unter anderem. Den einen habe er in Sachen Gelderwerb gegen Arbeitskraft Denkanstöße vermittelt, andere hatten sich mehr Inspiration im Sinne von Alternativen erhofft. Weitere Besucher empfanden den Film als leicht und witzig, der sie veranlasst habe, mehr über das Phänomen Arbeit nachzudenken. Einigkeit bestand drüber, dass man von Arbeit nicht reich werde. Folglich versuche man, über Arbeit „einigermaßen durchs Leben zu kommen“. 

Hengsbach betonte, dass die Mehrheit darauf angewiesen sei, als abhängig Beschäftigte zu arbeiten, auch unter zunehmendem Druck. „Personalgespräche und Betriebsvereinbarungen sind kein ausreichendes Mittel zur Humanisierung der Arbeit.“ Die Industrie 4.0 sei nur die neueste Sau, die durchs Dorf getrieben werde, soziale Kontakte gerieten immer mehr in den Hintergrund. Würde entstehe hingegen aus der menschlichen wechselseitigen Achtung: „Das muss kollektiv in den Betrieben, durch Gewerkschaften und soziale Bewegungen realisiert werden, denn die Zukunft der Arbeit ist die Achtung der Menschen voreinander“. 

Fischer zufolge sei die gesellschaftliche Akzeptanz der Gewerkschaften gestiegen. Eine Humanisierung der Arbeitswelt bezeichnete er für heute jedoch als schönen Traum: „Überall wird versucht, die Arbeitszeitverkürzung zu umgehen. Gleichzeitig wünschen die Beschäftigten mehr Autonomie. Das ist kein religiöser Konflikt.“ Der Beginn der Produktion werde durch die spätere Verwertung markiert. „Die Gewerkschaften sind nicht für die Produkte zuständig, sondern eigentlich nur dafür, die Löhne aus dem Wettbewerb herauszuhalten“. 

Insgesamt gehe es nicht um die Senkung der Arbeitsmoral. Es gehe zunächst einmal um den Kampf um Würde und gerechtes Entgelt. Neue Formen der Arbeit müssten den Beschäftigten künftig verstärkt Chancen zu einer Karriereplanung und -entwicklung bieten, darüber war man sich einig.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2018
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Foto (von links): naxos-Moderatorin Hilde Richter (Mitte) im Gespräch mit Swenja Löw (l.), Milchkönigin 2014 Rodgau, und Konstantin von Mackensen, Leiter der Landbauschule Dottenfelderhof in Bad Vilbel.

Milchkühe grasen genüsslich auf der Weide. Dieses gern gezeichnete Idyll von der Landwirtschaft ist längst überholt. Vom Melkstand auf dem Hof bis hin zur Abfüllung in den Molkereien ist die Milchproduktion wirtschaftlich optimiert. So wird das Grundnahrungsmittel Milch längst auf dem Weltmarkt gehandelt, folgt im globalen Handel vielfach den gleichen Regeln wie etwa Erdöl – mit allen Risiken und Hoffnungen auf bessere Preise. Mit dieser Thematik beschäftigte sich der Dokumentarfilm „Das System Milch“ am 24. April 2018 im naxos.Kino. 

Swenja Löw kommt von einem Hof mit 130 Kühen in Rodgau-Jügesheim. Sie hat drei Jahre Landwirtin gelernt und anschließend Agrarbetriebswirtschaft studiert. Die Landesvereinigung Milch Hessen hat sie 2014 zur Milchkönigin Rodgau ernannt. Voraussetzung: ein landwirtschaftliches Verhältnis zur Milch. Auch Konstantin von Mackensen, Leiter der Landbauschule Dottenfelderhof in Bad Vilbel, Bundespreisträger Ökologischer Landbau 2018, hat „viele Jahre unter Kühen verbracht“. Heute bildet er vor allem junge Landwirte in biologischem Landbau aus. 

„Lebensmittel werden heute ökonomisiert. Darin wird Milch als Rohstoff verstanden“, sagte Mackensen. Eine Kuh sei eine Quelle, aus der ein Betrieb fruchtbar wird. Der Stallplatz sei jedoch begrenzt, beklagte Löw: „Wir stehen unter Druck, denn die kleinbäuerliche Idylle ist nicht mehr zu stemmen. Immer mehr Kleinbetriebe gehen kaputt“. Zudem nehme eine allgemeine Kontrolle überhand: „Dokumentation über jedes einzelne Tier ist Pflicht“. In der Konsequenz verdiene man im Büro mehr als vor Ort mit den Tieren. Löw bezeichnete diese Situation als frustrierend, da es immer schwieriger sei, drei Generationen auf dem eigenen Hof zu ernähren. Inzwischen empfinde sie eine 80- bis 100-Stunden-Woche als normal, zumal „Milchroboter für unseren Familienbetrieb die beste Lösung“ seien. 

Wie denn eine Wachstumsphilosophie zu bremsen sei, fragte naxos-Moderatorin Hilde Richter. „Zuerst aufs Tier schauen“, meinte Mackensen und forderte Subventionen über die Anzahl der Tiere, nicht aber über die Fläche. Extremzüchtungen lehnte er zwar ab, räumte jedoch ein, dass letztlich der Kunde an der Kasse bezahlt: „Landwirte lösen die Probleme der Landwirtschaft nicht, weil die Gesellschaft entscheidet, was sie will und zu zahlen bereit ist. Billig ist nicht immer gut“. 

Die Landwirtschaft sei wesentlich abhängig vom Wetter. Erschwerend hinzu käme die permanente Dokumentationspflicht mit ihren Fristen, die die eigentliche Arbeit weitestgehend einschränke, meinte Löw. So würde eine Produktion wie in Afrika in Deutschland sofort  eingestellt werden. „Wir lassen uns immer wieder verarschen. Wir stumpfen ab und Computer steuern uns Verbraucher“, hieß es aus dem Publikum. So hätten sich allein in Frankreich zuletzt aufgrund  der industrialisierten Milchwirtschaft rund 600 Bauern das Leben genommen. Im Film bezeichnete ein dänischer Bauer die Milchwirtschaft als „ein Rennen, das nicht zu gewinnen ist“. Parallel dazu tauchten Bilder von einem Großhof in China auf, die beängstigend, science fiction-mäßig wirkten: steril, industriell, sauber. Zwar sei sowohl der Konsument als auch der Landwirt dagegen ohnmächtig, dennoch meinte Löw: „Deutschland produziert die besten Lebensmittel zum günstigsten Preis“. 

Mackensen wies auf den „riesigen Einfluss der Lobbyisten auf die Landwirtschaft“ hin. So werde die hessische Durchschnittskuh keine fünf Jahre mehr alt, obwohl sie noch nicht ausgewachsen sei: „Ein bescheuertes, unökonomisches System“. Hinderungsgründe, aus einem solchen System auszusteigen, seien die Lebensgrundlage am Standort, die Flächenausstattung sowie die Finanzierung und Genehmigung eines weiteres Ausbaus, so Löw. Landwirtschaftsprobleme sollten stets über den eigenen Hof gelöst werden, meinte Mackensen. Eine Umstellung als Landwirt sei nur mit Menschen möglich, die das auch wollten. Seine Vision: Der Landwirt geht zur Gesellschaft und die Gesellschaft geht zum Landwirt.

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2018