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Der Dokumentarfilm „Where to, Miss?“ liefert ein realistisches Bild von der immer noch bestehenden Abhängigkeit indischer Frauen von ihren Vätern, Ehemännern und Familien.Am Beispiel der jungen Devki, die sich als Taxifahrerin von der tief verankerten Gesellschaftstradition emanzipieren will, wird aufgezeigt, wie mühsam es ist, sich von dem klassischen Rollenklischee der Frau zu befreien: Sie will selbständig und unabhängig, nicht aber die Tochter von Harischandra, die Frau von Badri oder die Mutter von Ayush sein. Sie  möchte mit ihrem eigenen Namen genannt werden. Zum Filmgespräch am 6. März 2018 begrüßte naxos-Moderatorin Antje Lang Shrikala Jammalamadaka, selbst gebürtige Inderin und Vertreterin des Indischen Kulturinstituts, zum Thema. 

Eine Akzeptanz der Emanzipationsbestrebungen befinde sich noch im Anfangsstadium, so Frau Jammalamadaka, aufklärerische Filme könnten jedoch einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Emanzipation der Frau leisten. Ob denn Jungen gegenüber Mädchen noch immer vorgezogen würden, wollte Antje Lang wissen. Zahlen dazu gäbe es nicht, doch sei diese Entwicklung rückläufig. „Allerdings bilden bei armen ländlichen Familien die Mädchen nach wie vor ein finanzielles Risiko, dem entweder mit Abtreibung und Unterdrückung begegnet wird“, sagte Frau Jammalamadaka. 

Vom überwiegend weiblichen Publikum auf die Entwicklung einer Frauenbewegung in Indien angesprochen, meinte sie, das Land befinde sich im Wandel, wobei die Emanzipation bereits in der ganzen Gesellschaft Einzug gehalten habe, jedoch abhängig von der jeweils gesellschaftspolitischen Zugehörigkeit verschieden stark ausgeprägt sei. So klaffe in den ärmeren ländlichen Schichten noch eine enorme Bildungslücke und daraus resultierend mangelndes Verständnis für die Selbstbestimmung der Frauen, während in höher gestellten Gesellschaftsschichten arbeitende Frauen, die auch Alkohol konsumieren und Rauchen, schon zum alltäglichen Bild in Indien gehören. Probleme bereiteten hingegen Gruppenvergewaltigungen sowie Benachteiligung der Frauen bei der Einforderung ihres rechtlich verankerten Schutzes gegenüber Missbrauch und Diskriminierung –  in den Städten wie auf dem Land. 

Auf die Frage einer Besucherin nach einer allgemeinen Frauenbewegung in Indien meinte Frau Jammalamadaka, dass eine solche bereits überall im Lande in verschiedenen Formen existiere. Erste Ansätze von gezielter Gegenwehr seien bei der „Gang Gulabi“ (Gulabi ist die Farbe Pink, Anm. d. Red.) festzustellen. Dabei handele es sich um eine Gruppe vormals ausgestoßener Frauen, die das weibliche Faustrecht gegenüber männlicher Gewalt ausüben und so sich und anderen hilfebedürftigen Frauen zu Hilfe kommen. 

Deutschland unterscheide sich mit einem ausgeprägten Individualverhalten stark von einem Indien mit traditionellem Familiendenken. Auch griffen die Medien „Gewalt gegen Frauen“ hier stärker auf als in Indien mit seinem tiefverwurzelten Glauben, dass Frauen Männern gegenüber von Natur aus unterlegen seien: „Das zu ändern ist schwer und kompliziert“. Einen ersten Lösungsansatz sieht die gebürtige Inderin jedoch: „Wir müssen Kinder gleichberechtigter erziehen“. Mangelnde Bildung sei auch ein Faktor der die Gleichberechtigung der Frauen erschwert. Die Schulen seien jedoch für viele Familien in ländlichen Gegenden zu teuer, weshalb die Bildungsquote dort noch sehr niedrig ausgeprägt sei. Immerhin: Eine Scheidung sei in Indien bereits seit vielen Jahren üblich, jedoch in den meisten Fällen gestaltet es sich für die Frauen schwierig, da sie trotz Misshandlung, Unterdrückung und Ausbeutung durch den Mann von ihren Familien weder aufgenommen noch unterstützt würden. 

Bild: Zur Saisoneröffnung begrüßte naxos-Moderatorin Antje Lang (r.) Shrikalo Jammalamadaka vom Indischen Kulturinstitut Frankfurt.

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018
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Wilfried Volkmann erhält am 14. September 2017 die Frankfurter Bürgermedaille vom Stadtverordnetenvorsteher der Stadt Frankfurt Stephan Siegler

 

Wilfried Volkmann (71) ist langjähriges Mitglied der naxos-Kinogruppe. Als solcher ist er ausgewiesener Kenner der Szene in Sachen Dokumentationsfilme. Den Besuchern des naxos-Kinos ist er darüber hinaus bekannt als kompetenter Moderator zahlreicher Filmgespräche. Volkmann ist aber auch Vorsitzender des Vereins „Eltern für Schule“. Und für diese ehrenamtliche Arbeit hat er 2017 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt erhalten. Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch e.V.“ im WILLY PRAML THEATER in der Frankfurter Naxoshalle ist stolz darauf, Volkmann als Mitglied in seinen Reihen zu wissen und gratuliert ihm zu seiner Auszeichnung. Laut Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat die diesjährige Auswahl gezeigt, wie vielfältig ehrenamtliches Engagement sein kann. So wurde der Bürgerpreis zum zehnten Mal unter dem Motto „Vorausschauend engagiert: Real, digital, kommunal“ vergeben. 40 Ehrenamtliche wurden vorgeschlagen. Wilfried Volkmann wurde ausgewählt. Die Redaktion sprach mit dem „ausgezeichneten Willi“ über seine Auszeichnung.

naxos: Kaum jemand, der in den vergangenen Jahren ein Kind auf einer Frankfurter Schule hatte, dürfte an dir vorbeigekommen sein. Dafür bist du als gelernter Maschinenbau-Ingenieur viel zu umtriebig, viel zu präsent auf all den Veranstaltungen, die sich in der Stadt rund um Schule drehen. Selten, dass du nicht als Erster aus dem Publikum heraus das Wort ergreifst, um die Politiker und Bildungsexperten, die vorne auf dem Podium sitzen, mit deinen Fragen und Anmerkungen aus der Reserve zu locken.

Volkmann: Das ist richtig, ist aber nur der öffentliche Teil meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Der weitaus größere Teil findet am Schreibtisch statt. Als Mitbegründer und Vorsitzender des Vereins „Eltern für Schule“ verstehe ich mich in erster Linie als Dienstleister für all die Mütter und Väter, die ihre Kinder auf dem Bildungsweg begleiten, so gut sie es eben können. Der Verein berät beim Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule, verbreitet einen Newsletter, der über Veranstaltungen und Serviceangebote informiert, und kooperiert in zahlreichen Konstellationen mit Bildungsanbietern und anderen Institutionen.

naxos: Es ist bekannt, dass du auch als Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsrichter sowie als Jugendschöffe ehrenamtlich aktiv bist.

Volkmann: Meine langjährige ehrenamtliche Richtertätigkeit als Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsrichter wie auch als Jugendschöffe ist mir bei der Ausübung meines Ehrenamtes im Bereich Schule und Bildung oft sehr hilfreich. Der große Erfahrungsschatz, den ich mir in über 30 Jahren bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit erworben habe, ist mir bei der Mitwirkung im Mentorenprogramm „Digitale Helden“ besonders hilfreich. Mit diesem Programm werden Schüler/innen an Sekundarschulen zu Digitalen Helden ausgebildet, damit sie ihre jüngeren Mitschüler/innen beim Umgang mit dem WorldWideWeb umfassend beraten können und so Medienkompetenz zur Prävention von Onlinemobbing vermitteln.

Naxos: Seit November 2011 bist du Rentner und dies nach einer abwechslungsreichen Berufskarriere.

Volkmann: Das kann man wohl so sagen. Nach dem Maschinenbaustudium in Darmstadt arbeitete ich als Dozent am privaten Philipp-Reitz-Technikum, leitete dann die Geschäftsstelle des Fachbereichs Büromaschinen beim Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA e.V.), bevor ich nach einer Stippvisite als technischer Redakteur bei Leybold-Heraeus in Hanau zur Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn wechselte. Dort war ich 30 Jahre in verschiedenen Arbeitsbereichen tätig. Daneben war ich zehn Jahre Mitglied des Betriebsrates, davon vier Jahre als freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Bis zum Eintritt in den Ruhestand war ich Assistent des Personalleiters.

naxos: Wie versteht der Verein „Eltern für Schule“ seine Elternarbeit auf dem Hintergrund des steten und raschen Wandels der Anforderungen an Schule und Ausbildung?

Volkmann: Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind die Unterstützung und die Erarbeitung von Orientierungshilfen bei den Bildungsübergängen. Ein besonderer Schwerpunkt ist derzeit der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule. Bei der optimalen Wahl des geeigneten Bildungsganges sollten die Eltern unseres Erachtens schon zukünftige Berufsfelder und den steten Wandel des Arbeitsmarktes in den Blick nehmen. Die Palette der Ausbildungsberufe und die Anforderungen an Ausbildung haben sich in den Jahren stark verändert. Dieser Trend wird sich fortsetzen, Stichwort Industrie 4.0 erweitert. Das Wissen, das die Eltern aus ihrer Schul- und Ausbildungszeit mitbringen, ist oft nicht mehr aktuell. Informationen zu Anschlussmöglichkeiten, zur Berufswahl und zur Ausbildung sind wichtig. Damit können Eltern ihre Kinder bei Entscheidungen zu Schule und Beruf unterstützen. Viele Eltern sind unsicher und wünschen den höchstmöglichen Schulabschluss für ihre Kinder. Die Chancen und Möglichkeiten einer dualen Ausbildung sind ihnen oft nicht bekannt. Ein höherer Schulabschluss genießt dagegen ein hohes Prestige. Informationen wirken der Verunsicherung der Eltern entgegen und helfen, sie in der Begleitung der Schul- und Berufswahl ihrer Kinder zu unterstützen. Daran arbeiten wir!

naxos: Was benötigen deiner Meinung nach Eltern, um ihre Kinder entsprechend deren Neigungen ausbildungsmäßig sinnvoll zu begleiten?

Volkmann: Sie brauchen vor allem Information zur Durchlässigkeit des Schulsystems, das heißt Informationen zu den Profilen der verschiedenen Schulen, Informationen zu Anschlussmöglichkeiten nach der Schule, Informationen zu Berufswahl und Ausbildung sowie Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf.

naxos: Wie ist dein Engagement für Schule und Eltern zu erklären?

Volkmann: Ende der 80er Jahre beklagte ich mich mal wieder, über die geringe Effektivität der Elternarbeit an der Schule meines Sohnes. Als Reaktion darauf empfahl man mir, nicht zu jammern, sondern zu machen. Du, mit deinen Erfahrungen, könntest ein guter Elternbeirat sein. Also wählte man mich zum Elternbeirat. Damit war ich auch Mitglied im Schulelternbeirat und wenig später wurde ich zum Vorsitzenden des Stadtelternbeirats gewählt. 2007 musste ich den Vorsitz niederlegen, weil mein Sohn volljährig wurde. Mit einigen ehemaligen Stadtelternbeiräten gründete ich 2006 den Verein „Eltern für Schule“ als Förderverein des Stadtelternbeirates (StEB), dessen Vorsitzender ich bis heute bin. Zudem blieb ich dem StEB als Pressesprecher noch einige Jahre erhalten. Zwischen dem StEB und unserem Verein hat es dann 2014 gekracht und wir gingen eine Zweitlang getrennte Wege. Aber das ist vorbei. Heute kooperieren der StEB und der Verein auf vielen Feldern der Elternarbeit miteinander. Meiner Geburtsstadt Frankfurt bin ich im Übrigen eng verbunden. Denn mehrmalige Umzüge haben mich nie über die Stadtgrenzen hinausgeführt. Heute wohne ich als gebürtiger Praunheimer im Nordend, wo ich auch meine ersten politischen Gehversuche machte. 20 Jahre ehrenamtliches Engagement rund um Schule sind für mich immer noch eine anspruchsvolle aber auch eine sehr befriedigende Aufgabe. Bis 75 werde ich auf jeden Fall weitermachen – wenn es mir meine Gesundheit erlaubt. Aber auch dann muss noch nicht Schluss sein. Schau´n wir mal!

naxos: Und was wird aus deinem Engagement für das naxos-Kino?

Volkmann: Dem naxos-Kino bleibe ich auch weiterhin treu. Derzeit planen wir das Programm für 2018. Im Februar erscheint unser Flyer für März und April. Ich habe darin unter anderem die Moderation für den Musikfilm „Django“ übernommen, eine Dokumentation, die uns auf ein ausverkauftes Haus hoffen lässt. Damit wollen wir an das überaus erfolgreiche Jahr 2017 anknüpfen, das uns einen enormen Besucheranwuchs beschert hat, der – und die Auswahl unserer Filme – letztlich dazu geführt hat, dass das naxos-Kino 2017 zum fünften Mal mit dem Hessischen Kinokulturpreis ausgezeichnet wurde.

naxos: Lieber Wilfried, vielen Dank für das ausführliche Gespräch und dir persönlich noch viele weitere Erfolge.

Wilfried Volkmann: Die Liste seiner besonderen Verdienste, Ehrungen und Anerkennungen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Das naxos-Kino gratuliert.

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2018
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Am Rande des Eishockeyspiels gegen Riessersee am 26.11.17 informierte sich der PR Manager der LÖWEN Trevor bei den Machern der Öffentlichkeitsarbeit des naxos.Kinos über deren PR Arbeit. Das Spiel haben die LÖWEN übrigens souverän mit 5:1 gewonnen.

 

Auf dem Foto (von links nach rechts:) Walter Schaub (Homepage), Gerd Becker (Texte), Trevor, Rolf Henning (Leporello/ Berichte auf der Homepage).

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2017
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Vielseitiger ägyptischer Abend zum Saisonabschluss im naxos.Kino

 Großer Besucherandrang herrscht am Abend des 14. Novembers 2017, der unter dem Motto Kochen, Essen, Film und Gespräch steht. Bereits seit 17 Uhr haben Mitglieder des Vereins „Über den Tellerrand“ und Aktivist*Innen des naxos.Kinos Tische, Kocher, Töpfe und Lebensmittel aufgebaut. Als der Großteil der Gäste gegen 19 Uhr eintrifft, sind daher schon Nudeln, Linsen und Kichererbsen am Kochen.

 Antje Lang vom naxos.Kino und Marieke Schöning vom Verein „Über den Tellerrand Frankfurt e.V.“ ( siehe:www.ueberdentellerrand.org/frankfurt begrüßen die Gäste und stellen den Ablauf des Programms vor.

 Das für diesen Abend geplante ägyptische Nationalgericht Koshari besteht aus vielen Zutaten, so dass einige der Gäste beim Zubereiten der Saucen und anderer Bestandteile behilflich sein können. Inzwischen wird es in der Halle mit gut 100 Besucher*Innen voll und lebhaft. Bemerkenswert, dass auch Konsul Mahmoud Ezzat vom ägyptischen Generalkonsulat Frankfurt mit seiner Frau und dem Vice- Konsul Mohamed Ibrahim der Einladung folgen und als Gäste am Essen teilnehmen.

 Die ägyptischen Frauen erhalten viel Applaus und Lob, nachdem alle das schmackhafte Koshari-Gericht probiert haben.

 Auf dieser angenehmen Grundlage nehmen die Besucher*Innen dann im Kino Platz und genießen „On the Road to Downtown“ (Ägypten, 2012) des Kairoer Dokumentarfilmers Sherif El Bendary. Gezeigt wird das lebhafte Treiben in der Straße und der umliegenden Gegend im ursprünglichen Kairo. Menschen aller Schichten sind zu sehen und (in Arabisch mit  engl. UT) zu hören.

 Der lebhafte Eindruck des Films wirkt nach. Denn beim folgendem Filmgespräch zeigt sich, dass der Film viele der anwesenden Ägypterinnen, die jetzt in Frankfurt leben, berührt und an ihre Jahre in der ägyptischen Heimat erinnert. Andere Besucher sind beeindruckt von der Lebhaftigkeit und Impulsivität des Lebens in den Straßen der ägyptischen Metropole. Bevor das Filmgespräch beginnt, servieren die Veranstalter den Gästen noch Tee und arabische Süßigkeiten, die einige der ägyptischen Frauen schon am Nachmittag zuhause gebacken und vorbereitet haben.

 Antje Lang, Mitglied der naxos.Kino-Gruppe, moderiert das Filmgespräch gemeinsam mit den Kairoer Szene-Kennern Inas Saleh, die lange in ihrer „geliebten Stadt Kairo“ gelebt hat, und Dr. Mohammed Rashed, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam. Beide führen aus, wie sich das arabische Leben in der Millionenstand von dem doch eher gemäßigten sozialen Miteinander in europäischen Ländern unterscheidet. Auch einige der ägyptischen Frauen veranschaulichen, wie sich der oft erlebte Wunsch von Deutschen nach Verlässlichkeit, Korrektheit und Pünktlichkeit von gelebter orientalischer Wirklichkeit unterscheidet. Sie weisen aber darauf hin, dass beispielsweise die zeitliche Verbindlichkeit von Absprachen und Terminen oft gar nicht umgesetzt werden kann, weil Verkehrsmittel nicht so exakt getaktet sind, wie wir es vor allem in Deutschland gewohnt sind.

 Die Gäste mit ägyptischem Hintergrund berichten Unterschiedliches, wie sie Akzeptanz, Unterstützung aber auch Diskriminierung und Rassismus in Deutschland erlebt haben. Die meisten sind dagegen, von einem allgemeinen Rassismus ihnen gegenüber zu sprechen. Es seien oft Einzelfälle und man müsse die jeweilige Lebenssituation derjenigen sehen, die sich unkorrekt verhalten.

 Der Film von Sherif El Bendary wird allgemein gelobt, auch wenn die ägyptische Revolution, die im Entstehungsjahr 2012 noch aktuell war, nur eine Nebenrolle spielt.

 Auf Nachfrage einer Besucherin wird Unterschiedliches von den ExpertInnen des Filmgespräches zur Bedeutung der Alt- Ägyptischen pharaonischen Geschichte für die heutigen Ägypter berichtet. Während Dr. Mohammed Rashed vertritt die Auffassung, die tausendjährige Alt- Ägyptische Geschichte und Kultur spiele für die heutigen Menschen dort kaum eine Rolle, u.a. weil dies in der Schule so gut wie nicht vorkomme und auch von der islamischen Religion diese Seiten der Vergangenheit verdrängt und unerwähnt blieben. Inas Saleh meint dagegen, dass sich dies geändert habe. Heute sei die tausendjährige Kultur durchaus Bestandteil in den Lehrplänen und mehr im Bewusstsein. Überdies gäbe es in der Geschichte des heutigen Ägyptens nicht nur alt- pharaonische Einflüsse, sondern Prägungen durch römische, griechische und andere Kulturen.

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 Die aufgeschlossene und tolerante Diskussion über deutsches und arabisches Leben, über Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten wird von fast allen BesucherInnen bis nach 23 Uhr geführt und aufmerksam verfolgt. Der ereignisreiche und bewegende Abend geht mit einem nochmaligem Lob und Dank an die ägyptischen Frauen, Gäste und die ReferentInnen zu Ende.

 Gerd Becker

 naxos.Kino

 

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2017
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naxos-Moderatorin Ivona Vidovic (l.) hatte in Linda Kagerbauer (Mitte) und Professor Lotte Rose (r.) zwei Gesprächspartnerinnen, die das Thema mit Herz und Verstand kommentierten. Dass Ivona zum ersten Mal ein naxos-Filmgespräch moderierte, hat man ihr nicht angemerkt. Kompliment: äußerst professionell!

 

Liebe Deinen Körper wie er ist

Warum hassen eigentlich so viele Frauen ihren Körper, fragt Keike-Melba Fendel am 10. Mai 2017 auf „Zeit-Online“. Die australische Filmemacherin Taryn Brumfitt reiste 2016 mit dieser Frage im Gepäck um die Welt. Das naxos-Kino stellte am 8. November 2017 das Ergebnis ihrer Untersuchungen vor.

91 Prozent der deutschen Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper. 45 Prozent der Frauen mit als gesund eingeordnetem Gewicht denken, sie sind übergewichtig. „Embrace" ist ein Plädoyer, seinen Körper zu lieben - egal, wie er aussieht. Ein Plädoyer gegen Schlankheitswahn und Schönheitsideale.

Die „nette, leicht pummelige Australierin versteht sich als Body Image Activist“, so Fendel. Brumfitt empfinde es als normal, dicker zu werden. Vor allem, wenn es sich im Kontext einer mehrfachen Mutterschaft vollzogen hat. An sich keine strittige Position, die sich jedoch in ein, zwei Sätzen gut zusammenfassen ließe. Aber aus diesen Sätzen gleich einen „Dokumentarfilm" zu machen? Im Grunde habe sie diesen Film aus einem Posting zweier Fotos entwickelt: Das eine zeigt sie im goldenen Bikini als Teilnehmerin eines Bodybuilding-Wettbewerbs, das zweite als mürbe wie selbstbewusste Mama, die nach dem dritten Kind schlicht keinen Bock mehr hatte, sich dem Primat der Knackigkeit zu beugen.

Als solche bereist sie mit Kamerapersonal die Welt auf der Suche nach Gleichgesinnten. Zwischen Adelaide, London und Beverly Hills findet sie – Überraschung! – ausschließlich Frauen, die den ganzen Körperkult genauso entwürdigend finden wie sie. Ein ähnliches Bild beim anschließenden Filmgespräch: Abgesehen von einigen anwesenden männlichen Mitgliedern der naxos-Kinogruppe, fanden sich nur zwei Männer unter den ansonsten weiblichen Besuchern ein.

Professor Lotte Rose, Geschäftsführerin des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ), war vom Film „stark berührt. Ich bin weggeschmolzen“. Auch Linda Kaperbauer, Referentin für Mädchenpolitik im Frauenreferat der Stadt Frankfurt, war „voller Emotionen“, gerade auch weil sei eine Gruppe „Fetter Widerstand“ betreue.

naxos-Moderatorin Ivona Vidovic fragte nach den Gründen dieses „bodyshaming“ und vor allem, wie frau sich daraus befreien könne. Auch für Männer sei der Druck gewachsen, den eigenen Körper als Kapital zu platzieren, insbesondere bei Bewerbungen, meinte Rose. Kagerbauer sah hinter alldem eine Profitindustrie, die nicht davor zurückschrecke, Körperbilder zu manipulieren und somit Körper zur Ware zu machen. Deshalb müsse man „über strukturelle Zusammenhänge sprechen: Dick ist gleich faul, also unbrauchbar; schlank ist gleich aktiv, also verwertbar“. Für diese Diskrepanz zwischen Sein und Schein trügen die Medien eine erhebliche Verantwortung. Dazu gehöre laut Rose auch die Funktionalisierung von Essen zu bestimmten Zwecken – etwa ein von Eltern gegenüber ihren Kindern aufgezwungener Verzicht auf „alles Schädliche“.

Negative Aspekte der Körperlichkeit positiv zu belegen, sei eine Chance zur Veränderung, meinte Vidovic. Rose und Kagerbauer stimmten dem zu. „Frauen sollten sich verstärkt mit etwas Drittem außerhalb von mir befassen“, meinte die Genderforscherin, denn draußen passiere immer etwas viel Wichtigeres. Laut der Referentin für Mädchenpolitik käme es auf die Frage an: „Was kannst Du, anstatt wie siehst Du aus?“ Rose sprach sich für eine „soziale Sicherung der persönlichen Ressource“ aus. Kagerbauer forderte, Räume zu schaffen für soziale Zugehörigkeit.

Zahlreiche Besucherinnen monierten, dass sexualisierte Kinderbilder, insbesondere aus den USA, eine gewaltige Macht auf das Denken und Handeln junger Mädchen hätten. Die Unzufriedenheit mit dem Körper sei eines vieler Anzeichen des Kapitalismus: Unzufriedenheit, weil kein Geld, weil kein Haus, weil kein guter Job. Einigkeit bestand in dem Punkt, dass der Schönheitsbegriff auf Dauer nicht zu negieren sei, wohl aber zu modifizieren.

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2017
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Bild: V.l.n.r.: Der Theologe und theologische Berater Joachim Schmidt mit Filmemacher André Bockelmann und naxos-Moderatorin Hilde Richter.

 

„Skandalisierung hat heute einen höheren Stellenwert als die christliche Botschaft“ - 500 Jahre Reformation.
Martin Luther hieß einst Martinus Luder, Worte wie „Schandfleck“, „Lückenbüßer“ oder „Langmut“ werden über ihn in den Wortschatz aufgenommen. Dazu sein Verhältnis zu Frauen, Kirche, Staat und zum Leben schlechthin ….

Überraschendes, Amüsantes und sehr viel Informatives berichten Filmemacher und naxos-Mitglied André Bockelmann und der Theologe Joachim Schmidt während des Filmgesprächs am Reformationstag 2017 im naxos-Kino. Gut recherchiert und kurzweilig vermittelt, zudem mit kleinen Aktionen gespickt, hätte der Abend viel länger andauern können.
Bockelmann und Schmidt gehen Fragen nach, wie Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ sich in der pluralistischen Gesellschaft mit verantwortlichem Handeln verbinden kann und welche Bedeutung sein Glauben in der säkularisierten Welt hat. Sie versuchen zu analysieren, wie Kirche und Gemeinde (also Staat) bei Luther zu verstehen und heute zu gestalten sind.

Bockelmann hatte 1983 zum 500. Luther-Geburtstag zwei Filme über den Reformator gedreht, die er nun – tagesaktuell – zu einer neuen Dokumentation anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation zusammengeschnitten hat. 1983 seien die Dreharbeiten in der damaligen DDR höchst kompliziert gewesen. Zudem wusste er kaum etwas über Luther, sodass er zwei theologische Berater, einer von ihnen Joachim Schmidt, zu Rate ziehen musste.

Schmidt, damals TV-Berater der evangelischen Kirche Hessen-Nassau, berichtet, dass die DDR-Offiziellen bereits seit 1978 versucht hätten, Luther für sich einzunehmen – vor allem gegenüber West-Jounalisten. So musste das Drehteam sie damals in Stasi-Begleitung an die Originalschauplätze in der DDR reisen. Obwohl am Abend des 31. Oktobers 2017 in den deutschen TV-Programmen Luther rauf und runter lief, meinte Schmidt, dass eine solche Produktion heute nicht mehr in das Programm-Profil des Hessischen Rundfunks passen würde: „Dort herrschen Filmchen über Essen, Trinken, Schlager und das Land Hessen vor“. Auch öffentlich-rechtliches TV wolle inzwischen verdienen, habe aber bereits seit geraumer Zeit seinen Auftrag über Information, Bildung und Unterhaltung gegenüber den privaten Kanälen verloren.

Dabei sei es immer wieder spannend festzustellen, dass Luther nicht der Heros sei, der auf den zahlreichen Standbildern verewigt ist. Seine eigentliche Frage sei die, wie er zu einem „gnädigen Gott“ gelange. Und diese Frage sei im Lutherjahr viel zu kurz gekommen. So zweifele Luther zwar die kirchliche Autorität an, bestätige aber immer wieder die weltliche, unter deren Schutz er sich immer wieder stelle. Zwar hätten für ihn fraglos Fürsten und Kirche die damalige politische Macht innegehabt, dennoch hätte er die kirchliche Gewalt niemals herausgefordert ohne den Schutz seines Fürsten. Dabei spreche er stets von der Freiheit des Gewissens – und genau dieses Thema habe es bis in das heutige Grundgesetz geschafft.

Was denn Luther in der heutigen Welt bedeute, fragt Moderatorin Hilde Richter. Schmidt zufolge sei das die „intensive Beschäftigung mit der Bibel in der evangelischen Kirche, dass man nämlich „die Gnade eines gnädigen Gottes nicht verdient“ habe. Warum denn die Kirche heutzutage keine Antworten auf soziale „Un-Gerechtigkeit“ habe. Die habe sie laut Joachim Schmidt schon. Nur: Kirche werde“ seit den 1968ern verschwiegen“, Kirchen würden seitdem „ausgeblendet“. Die Botschaft der Bibel werde nur noch von einem immer stärker schrumpfenden Christenteil wahrgenommen: „Skandalisierung hat heute einen höheren Stellenwert als die christliche Botschaft“.

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2017
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Bild: Moderator Gerd Becker im Gespräch mit Vanessa Thompson. Im Vordergrund die aktuelle Auszeichnung „Hessischer Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos“. 

Das unvollendete Manuskript „Remember This House“ des US-amerikanischen Autors James Baldwin (1924–1987), eindrucksvoll gesprochen vom Schauspieler Samuel L. Jackson, bildet die Grundlage für die filmische Collage von Regisseur Raoul Peck. Mit Ausschnitten der Medienberichterstattung vor allem der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spürt er dem Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft nach.

Zu Beginn des Filmgesprächs am 17. Oktober 2017 im naxos-Kino fragt Moderator Gerd Becker, was es denn – wie im Film gesagt – bedeute, wenn „Angst die Wurzel des Hasses der Weißen“ sei. Die Antwort liefert ihm eine äußerst kompetente Vanessa E. Thompson, Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Goethe-Uni und ehemalige Stipendiatin am Department of Black Studies der University of California Santa Barbara.

Baldwin stelle die Frage nach der Psychologie des Rassismus in den USA, über dessen Ausbeutungsmechanismen hinaus: „Die rassistische US-Demokratie ist eine Verwehrung von Rechten, dient der massiven Ausbeutung, aber bedient auch eine kulturelle Imagination. Baldwin deckt auf, dass Rassismus in zwei Richtungen entmenschlicht – so werden nach Baldwin Weiße dabei zu moralischen Monstern, Schwarze zu Opfern des rassistischen Terrors“. Dabei sei der gesellschaftliche Wohlstand und der amerikanische Traum auch auf dieser Entmenschlichung aufgebaut. 

„I am Not Your Negro“ sei einerseits eine eindrucksvolle Baldwin-Biografie. Sie blende jedoch auch einige Aspekte aus: Baldwins sexuelle Orientierung und seine Kritik an Homophobie und verschränkten Formen der Unterdrückung, seine „Selbstexilierung” und transnationale Erfahrung in Bezug auf seine Zeit in Frankreich und in anderen Teilen Europas. Sie sei zugleich die Lebensgeschichte von dreien seiner Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung: des 1963 ermordeten Menschenrechtsanwalts Medgar Evers, des 1965 ermordeten Black Muslim Malcolm X und des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Dr. Martin Luther King Jr.

Rassismus sei weltweit verbreitet und sei nicht nur weiß gegen schwarz, sondern betreffe auch andere gesellschaftliche Gruppen, hieß es seitens der Besucher. Thompson bestätigte dies zwar und verwies auf die Wichtigkeit der transnationalen Dimension sowie auf unterschiedliche Formen des Rassismus, der sich gegen unterschiedliche rassifizierte Gruppen richte. Rassismus sei schließlich ein gesamtgesellschaftliches, globales und institutionalisiertes System, hinter dem Machtverhältnisse stünden. Sie betonte jedoch, dass diese Machtverhältnisse durch die Artikulationen weißer Vorherrschaft (white supremacy) strukturiert sind.

Das Bestechende an Baldwin sei, so Thompson, dass seine Analyse einer Versklavungsgesellschaft noch heute aktuell ist: Systematische Unterdrückung, Masseninhaftierung und Kriminalisierung von den vielseitigen Kämpfen gegen Rassismus. Dennoch habe sich innerhalb der letzten 70 Jahre trotz Brutalisierung und Masseninhaftierungen einiges zum Positiven verändert: Die Kämpfe schwarzer Gruppen haben Rechte hervorgebracht, wie das Wahlrecht und Antidiskriminierungspolitiken. Doch gerade diese Errungenschaften sind derzeit sehr prekär, vor allem würden die Mehrheit der schwarzen Menschen in den USA immer noch, gerade auch unter der aktuellen Trump-Administration, als „institutionell unbrauchbar“ markiert und schwarze Aktivisten als „schwarze Extremisten” zur Staatsgefahr erklärt.

Als ähnliche Terrorerscheinung bezeichnete Thompson den wiederaufkommenden Rechtspopulismus und die Salonfähigkeit des Rassismus in Deutschland. Auch Deutschland habe seine „Negroes“, hieß es aus dem Auditorium. Dazu kam die Frage nach der Legitimierung von Gewalt gegen Rassismus. Dabei sei die Frage ja auch, so Thompson, welche Formen der Gewalt überhaupt gesellschaftlich sichtbar seien.

Thompson gilt als Expertin für die Wirkweisen von Rassismus in den Pariser Vorstädten und hat eine ausgezeichnete Arbeit vorgelegt, in der sie mit Hilfe von Feldforschung die sozialen und politischen Formationen von schwarzen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den deprivilegierten Vorstädten analysiert. Sie sagt: „Die Menschen aus den sogenannten Banlieues werden oft nur im Rahmen von gewaltvollen Protesten sichtbar, die Frage nach der strukturellen Gewalt, die sie erleben, wird dabei aber nur selten gestellt."

Der an den Kassen erfolgreiche Film „I Am Not Your Negro“ hatte seine Premiere 2016 während der Internationalen Filmfestspiele Toronto und erhielt eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“. Der Kinostart in den USA war am 3. Februar 2017. In Deutschland wurde er bei arte am 25. April 2017 im Hauptprogramm gezeigt.

Unser Tipp und die Reaktion unserer Besucher: den Film unbedingt (noch einmal) ansehen!

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017
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Nahmen für das naxos.Kino den Hessischen den Hessischen Filmpreis 2017 entgegen: v.l.n.r. naxos-Gründer und Geschäftsführer Wolf Lindner und die drei Vorstände Hilde Richter, Renate Krömer sowie Gerd Becker.

 

Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch“ in der Frankfurter Naxoshalle gewinnt zum fünften Mal die Auszeichnung für nicht gewerbliche Kinos  

Frankfurt, 14. Oktober 2017 – Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch e.V.“  in der Frankfurter Naxoshalle hat zum fünften Mal den Hessischen Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos gewonnen. Der Preis für das Jahr 2017 wurde am gestrigen Freitagabend in der Alten Oper Frankfurt an den Vorstand Gerd Becker übergeben. Das naxos.Kino hat diese Auszeichnung bereits in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2013 erhalten.

Die Hessische Filmförderung würdigt mit dem Preis erneut das Engagement des ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern betriebenen kleinen Kinos, das regelmäßig am Dienstagabend mit wenigen Ausnahmen Dokumentarfilme zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themenbereichen zeigt. Dazu gehören unter anderem die Filmreihen „Geschichtsstunde“, „Winners & Losers“, „ÜberLeben“, „Große Theaterfilme“, „Musik im Dokumentarfilm“ und nicht zuletzt „Frankfurt im Film“, wo lokale Themen und vor allem Frankfurter Filmemacher eine Plattform finden.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen nicht gewerblichen Einrichtungen ist das Filmgespräch im Anschluss an die jeweilige Filmvorführung. „Dazu laden wir Regisseure, Protagonisten, Zeitzeugen oder Fachleute und binden selbstverständlich auch die Zuschauer ein“, sagte Wolf Lindner, Geschäftsführer und Gründer des naxos.Kinos. Das Interesse an diesen anschließenden Diskussionen wertet naxos-Vorstand Gerd Becker als „sehr groß, weil es eher selten die Gelegenheit gibt, dass Filmschaffende und Zuschauer ihre Ansichten austauschen und Fragen stellen können“.

Lindner betrachtet die Auszeichnung auch als nachträgliches „Geburtstagsgeschenk“, denn alles begann am 11. Oktober 2005, als er und einige engagierte Mitstreiter das naxos.Kino gründeten, das sich inzwischen zu einer festen Größe im Kulturbetrieb der Frankfurter Naxoshalle im Ostend entwickelt hat.Für seine Schauspielkunst wurde beim Film- und Kinopreis der 60-jährige Ulrich Tukur mit dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten Volker Bouffier ausgezeichnet. Tukur ist ein Allrounder, dreht Kinofilme, macht Theater und Musik und schreibt Bücher. Er sei „stets sicher im Takt und nichts bringt ihn aus dem Rhythmus“, so Bouffier.

Ulrich Tukur ließ sich nicht lange bitten und posierte gern mit den naxos-Gewinnern und den Pokalen. Von Starallüren war bei ihm nichts zu spüren. Er ist, wie auch die naxos-Vertreter, eher geerdet als abgehoben.

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2017
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Bild: Filmemacherin Asli Özarslan (2.v.l.), Anita Starosta, Medico International (l.) und Bernd Mesovic, Pro Asyl (r.), mit Moderatorin Hilde Richter vom naxos.Kino.

 

Am 10. Oktober 2017 ist die junge Filmemacherin Asli Özarslan als Gast zum Filmgespräch aus Berlin ins naxos.Kino angereist. Sie ist stolz darauf, dass das exklusive Frankfurter Doku-Kino ihren Film „Dil Leyla“ zeigt und bedankt sich bei den vielen Besuchern für deren Interesse.

Der Film beginnt mit Videoaufnahmen aus einer früheren Periode der Repression Anfang der neunziger Jahre. Polizei mit Panzerwagen jagt Menschen, die gerade noch mit patriotischen Gesängen und Fahnenschwenken das kurdische Neujahr begrüßen: Szenen der Gewalt prägen die Kindheitserinnerungen von Leyla Imret. Das kleine Mädchen wird zu seiner Sicherheit zu Verwandten ins ferne Deutschland gegeben, nachdem ihr Vater 1991 bei einem Gefecht erschossen wird.

Sie ist Friseurin in Bremen, als Özarslan sie kennenlernt. „Sie war in meinem Alter, zeigte großes Interesse an humanitären Fragen und wollte dazu beitragen, den Menschen in ihrem Heimatort ein normales Leben zu ermöglichen“, sagt die Filmemacherin. Deshalb habe sie sich entschlossen, in die Türkei zurückzukehren.

Der Anfang Leyla Imrets Regentschaft als Bürgermeisterin von Cizre 2014 fällt in den kurzen hoffnungsvollen Frühling der Erdoganschen Kurdenpolitik. Sie wolle „etwas Schönes machen für diese Menschen“, sagt sie etwas vage über ihr Programm. Viel konkreter wird das auch im Film nicht. So bleiben Leyla Imrets politische Absichten bis zum Ende ebenso unklar wie die Machtverhältnisse der regionalen Politikzirkel, in denen sie agiert. Leyla Imret ist die erste Bürgermeisterin in der Türkei und wird dennoch immer wieder als „Herr Bürgermeister“ angesprochen.

Als die mehrheitlich kurdische Bevölkerung Cizres den Erfolg bei den Wahlen im Juni 2015 feiert und mit der HDP eine neue pro-kurdische Partei erstmals ins Parlament einzieht, sitzt Leyla Imret bereits wegen einer Ausgangssperre zu Hause fest statt mit politischen Freunden zu feiern. Im Herbst wird sie dann ihres Amtes als jüngste Bürgermeisterin der Türkei enthoben.

„Wir hatten ihre erste Rede als Bürgermeisterin gedreht, aber nicht mit den Anschlägen gerechnet“, so Özarslan weiter. So muss das Filmteam mehrfach ausreisen. Dann bricht der Kontakt nach Cizre ab, selbst Leylas engagierte Bremer Verwandtschaft kann die junge Frau in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt über Monate nicht erreichen. Als sie sich endlich wieder melden kann, berichtet sie Erschütterndes von Massakern, Zerstörung und Verfolgung.

Anita Starosta, Mitarbeiterin in der Spendenkommunikation bei Medico International, hielt sich damals zum Wiederaufbau der zertrümmerten Häuser für 7000 Familien in Cizre auf. „Die Alteinwohner erhielten keine Entschädigung und wurden zum Teil vertrieben. Auch die Verbrechen wurden nicht aufbereitet“, berichtet sie. Ebenso sei ein Kontakt zu Leyla nicht möglich gewesen, weil alles überwacht und zensiert wurde.

Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik und verantwortlich für die Pressearbeit von Pro Asyl, sieht darin einen Schlag gegen die gesamte Entwicklung innerhalb der Türkei: „Journalisten, NGOs und humanitäre Organisationen werden verfolgt. Der Bedarf an Schutz ist in der Türkei sehr hoch“. Er bedauert, keinen Einfluss auf die Vergabe von Asylrechten zu haben und mache sich insbesondere Sorgen um die Gruppe der Kurden.

Viele Film-Besucher reagierten „fassungslos“ auf die gefilmte zerstörte Stadt und meinten, der Film zeige einen Wunsch nach Frieden. Auch trage er durch Versachlichung zur Aufklärung bei, indem er eine in der Türkei existierende Kriminalisierung der Kurden belege. Andere Besucher wünschten sich mehr Hintergrund-Infos über die politische Lage 2015/ 16 in der Ost-Türkei. Auf jeden Fall müsse den Menschen hier gezeigt werden, welcher Terror in der Türkei herrsche.

Asli Özarslan zufolge lebt Leyla heute wieder in Deutschland und muss bei null anfangen: „Sie hofft, dass sie irgendwann wieder nach Cizre zurückkehren kann“.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017

„Seit der Machtergreifung durch den feinen Herrn Erdogan fahre ich nicht mehr in die Türkei in den Urlaub. Und schon gar nicht dienstlich“, sagt Wolf Lindner. Im Januar 1991 war der Gründer des naxos.Kinos mit einem ARD-Reportagewagen in Dyarbakir zu Dreharbeiten unterwegs.

Er und sein Team waren gut „bewaffnet“ mit Presseausweisen und Passierschienen – denn es war Golfkrieg, und die Bundeswehr hatte ihren ersten „Ernstfall-Einsatz“ in der Türkei. „Gegen Ende unserer Dreharbeiten, in der NATO-Zentrale, traten mehrere unauffällige Herren an unseren Tisch. Wir sollten ihnen das gedrehte Filmmaterial übergeben. Ich protestierte heftig, suchte vergeblich nach einem deutschen Offizier und erklärte dann dem Anführer der Zivilisten, dass wir unser Filmmaterial unter gar keinen Umständen aus der Hand gäben“, so Lindner weiter. „Daraufhin wurden wir verhaftet und im Polizeigriff abgeführt.“

Nach einer Zickzack-Fahrt quer durch die ganze Stadt hielt man vor einem Hochhaus. Die türkischen Geheimpolizisten brachten das Team in eines der oberen Stockwerke und schleppten auch die gesamte Ausrüstung dorthin. Dann nahm sich einer der Zivilisten die Kamera, sichtete das gesamte Material und löschte alles, was irgendetwas mit Kurden zu tun hatte. Und das mitten in einer NATO-Befehlszentrale. 

„Verstehen Sie jetzt, warum ich nicht mehr in die Türkei fahre?“, so Lindners rhetorische Frage. Er halte es übrigens auch für richtig, wenn deutsche Touristen nicht mehr in der Türkei Urlaub machten, um „auf den Despoten Erdogan Druck auszuüben“. Er wisse ja, das treibe Hoteliers & Co. in den Ruin. „Aber – und das ist nicht zynisch gemeint – jedes Volk ist für die Regierung verantwortlich, die es wählt.“ 

So erzählt der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ der 1986 in Berlin geborenen Regisseurin Asli Özarslan die Geschichte von Leyla Imret, einer in Deutschland lebenden Kurdin, die mit sieben Jahren nach Deutschland kommt und mit 26 Jahren 2013 in das Land zurückkehrt, in dem sie geboren wurde. Dort nimmt sie 2014 an den türkischen Kommunalwahlen teil, wobei sie als Kandidatin der Barış ve Demokrasi Partisi mit 83 % der Stimmen als jüngste Inhaberin eines solchen Amtes in der Türkei zur Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Cizre gewählt wird. Sie tritt ihr Amt mit dem Wunsch an, die vom Bürgerkrieg zerstörte Krisenregion und Kurdenhochburg wieder zu einem lebenswerten Ort zu machen. Doch als dann die Parlamentswahlen in der Türkei anstehen, kommt alles anders und Leyla wird an ihre Kindheit erinnert, unter anderem daran, wie ihr Vater als PKK-Kämpfer bei einem Gefecht mit dem türkischen Militär ums Leben kam. Im September 2015 wird gegen Leyla Imret ein Verfahren wegen der Aufwiegelung des Volkes zum bewaffneten Aufstand gegen den Staat und Propaganda für eine Terrororganisation eröffnet. Kurze Zeit später wird sie durch das Innenministerium ihres Amtes enthoben – lange vor dem Putsch. Filmreihe:

ÜberLeben – DIL LEYLA

Von Asli Özarslan,

D/ TUR, 2016, 71 Min.

Di 10.10.2017, 19.30 naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2017