Aktuelles

Mehr als einmal hat die Zeitgeschichte das Naxos.Kino eingeholt: Ein altes Thema wird plötzlich wieder brandaktuell. „Vor zehn Monaten war Nordkorea ein alter Hut, derzeit wird es wieder mal spannend, weil der amerikanische Präsident und sein nordkoreanischer Kollege einen Dritten Weltkrieg ein ganzes Stück näher gerückt haben“, so Wolf Lindner, Gründer der Naxos-Kinogruppe. Der Film „Im Strahl der Sonne“ (12.09.2017, 19.30 Uhr) zeigt viel Interessantes aus dem „Eingemachten“ Nordkoreas: Der ukrainisch-russische Filmemacher Vitali Mansky hat unter erheblichem Aufwand eine Drehgenehmigung in Nordkorea erhalten. „Dort wurde er rund um die Uhr vom Sicherheitsdienst beschattet. Dennoch sind ihm zahlreiche heimliche Aufnahmen gelungen, mit denen er die totale Inszenierung einer heilen Welt entlarven konnte“, sagt Gerd Becker, Vorstandsmitglied der Naxos-Kinogruppe, zum politischen Hintergrund. Damit habe er persönlich eine Inhaftierung und Schlimmeres in Nordkorea riskiert. „Gerne hätten wir ihn beim Filmabend dabei gehabt“, so Becker weiter, „aber leider ist er zu der Zeit bei einem Filmfestival in Lettland“.

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017
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Bild: Wolfgang Voss (2.v.r.) ist ein erfahrener Naxos-Moderator. Zu dem anspruchsvollen Filmgespräch hatte er die Schauspieler des WuWei-Theaters, Andreas Wellano (l.) und Angelika Sieburg (2.v.l.) sowie Nikolaus Müller-Schöll von der Goethe-Uni (r.) eingeladen.


Bei aller Hochachtung vor den Ambitionen des 2015 verstorbenen Filmemachers Peter Voigt und des Verleihs: „Bertolt Brecht – Bild und Modell“ ist ein Film, der eigentlich ausschließlich auf absolute Brecht-Fans zugeschnitten ist. Umso erstaunlicher, dass das naxos-Kino am 5. September 2017 zu dreiviertel gefüllt ist.

 

Vorbemerkung: Voigt war von April 1954 bis 1958 als Regie- und Dramaturgie-Assistent am Berliner Ensemble engagiert. Gleich zu Beginn war er von Brecht beauftragt worden, das zu dessen privater Bibliothek gehörige Manuskript-Archiv sowie seine Sammlung grafischer Arbeiten zu sichten und zu ordnen. Darüber hinaus erlebte der spätere Regisseur zu Brechts Lebzeiten unter anderem die Probenarbeiten an den Inszenierungen von „Der kaukasische Kreidekreis“ und „Leben des Galilei“, in denen er bisweilen auch kleinere Darsteller-Aufgaben zu übernehmen hatte.

Brecht selbst war der vermutlich einflussreichster deutsche Dramatiker und Lyriker des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Seine verborgene Leidenschaft galt jedoch dem Film und der Fotografie. Und diese Leidenschaft hatte Einfluss auf sein dramatisches Werk, denn Brecht ließ es sich nicht nehmen, Szene für Szene seiner Inszenierungen abzufotografieren und so eine Art Drehbuch der jeweiligen Aufführung zu fixieren. Bereits 1931 ließ er Filmaufnahmen von zentralen Momenten seines Stückes „Mann ist Mann“ anfertigen. Immer wieder entstanden Zeitrafferfilme von Theaterproduktionen und aufwändig gestaltete, szenische Collage-Hefte, die die Grundlage des Films darstellen.

Zurück zum Filmabend: Etwa 15 Minuten vor Filmende verlassen in kurzen Abständen etwa 15 bis 20 Besucher das Kino. Ich folge ihnen, treffe sie vor dem Kino bei einem Drink wieder und frage, warum sie gegangen sind. „Ratlos“, „überfordert“, „zu intellektuell“, „da komme ich nicht mehr mit“, „langweilig“, „so gut kenn ich Brecht nun auch wieder nicht“, lauten einige der Antworten. Um die leichte Befremdung etwas abzubauen, improvisiere ich ein kleines „Brecht-Quizz“ und verteile Punkte auf richtige Antworten. Das und die Drinks heben die Stimmung wieder. Dann kommen die Besucher, die bis zum Schluss durchgehalten haben und alles versammelt sich zum Filmgespräch.

Naxos-Moderator Wolfgang Voss, der an diesem Abend sein 40. Filmgespräch! (Glückwunsch!) leitet, fragt in die Runde, wie der Film gefallen habe: Schweigen. Angelika Sieburg vom WuWei-Theater, die seit 50 Jahren Theater macht, ist schockiert, dass Brechts Arbeitsbuch jede Szene genauestens festlegt. Sie sagt: „Ein starker Akteur spielt eine Brecht-Rolle individuell“. Ihr Kollege Andreas Wellano sagt, er habe immer Fotos herangezogen, um einer Rolle zu begegnen. Ihr WuWei-Theater repräsentiere die Kunst des Weglassens: „Durch Nichtstun etwas tun“.

„Brecht zu entdecken, ist eine Detektivarbeit“, meldet sich Nikolaus Müller-Schöll von der Goethe-Uni zu Wort. Brechts Wahrnehmung orientiere sich im Grunde an Goethe. So habe die Kultur von Weimar die klassische Produktion der Illusion vorgeliefert. Doch mit Brechts Modellbüchern solle dieser Entwicklung entgegengewirkt werden – nach dem Motto „Mich interessieren Eure Gesten, nicht Eure Psyche“.

Voss fragt beide Schauspieler, wie sie zu Brecht stehen. Angelika Sieburg: „Wir hatten das Glück, Brecht zu begegnen, haben uns aber von ihm wegentwickelt. Viele seiner Stücke haben wir in den USA und China mit nur zwei Personen gespielt“. Andreas Wellano: „Ein Theaterstück gehört allen. Bevor wir ein Stück spielen, improvisieren wir drei Monate. Irgendwann findet dann jeder seine Rolle. Das Arbeiten im Kollektiv war anfangs eine völlig neue Erfahrung“.

Was denn Theater heute ist, will Moderator Voss wissen. Darauf Sieburg: „Das Epische Theater lief bis Ende der 90-er Jahre, es folgte ein post-dramatischesTheater. Heute liegt der Fokus auf dem partizipativem Theater, Leute einbeziehen. Aber nach wie vor existiert das komödiantische Theater – man muss ja auch von was leben“.

Müller-Schöll charakterisiert den Film als „Hinterlassenschaft von Brecht und Voigt“. Letzterer konnte darin als absoluter Brechtkenner brillieren. Das Epische Theater eines Bertolt Brechts sieht der Vertreter der Goethe-Uni als ein „Theater der Unterbrechung, Dialektik im Stillstand“. Theater müsse heute die Möglichkeit des Aufarbeitens in jeder Gesellschaft beinhalten. „Aufgrund dieser Erfahrungen kommen wir heute immer noch auf Brecht zurück.“

 

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017

In der Dokumentation „Bertolt Brecht – Bild und Modell“ von Peter Voigt (verstorben 12.
März 2015) treffen persönliche Erinnerung, Werkkenntnis, Forschungsinteresse und
Anekdoten zum lebendigen Andenken an den wichtigsten deutschen Dramatiker des 20.
Jahrhunderts zusammen.
Als der Regisseur Peter Voigt, ehemaliger Regieassistent Brechts am Berliner Ensemble, 2004 eine Mappe mit Bildern und Bildtexten aus dem amerikanischen Exil findet, verfolgt er diese Spur und entdeckt, dass Brecht immer schon mit Fotografie und Film gearbeitet hat. Voigt stellt für diesen Film seltenes und nie gezeigtes Film- und Fotomaterial zu einer spannenden Collage zusammen. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla, dem Leiter des 1956 von Helene Weigel gegründeten Bertolt-Brecht-Archivs (Akademie der Künste, Berlin) bildet die dramaturgische Klammer des Films.

Dazu Wolf Lindner vom Naxos.Kino: „Wenn Bertolt Brecht heute leben würde, wäre er bestimmt Mitglied bei uns im Naxos.Kino. Die Vielfalt der Filme und der Arbeiten, die es zu bewältigen gilt, hätte ihm besonders gut gefallen. Er – Brecht – war ein Wanderer zwischen den Grenzen, die zu überschreiten er über die Maßen liebte“.

Bertolt Brecht – Bild und Modell
von Peter Voigt und Sebastian Eschenbach

Dienstag, 5. September 2017 um 19:30 Uhr in der Naxoshalle, D 2006, 80 Min.

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2017
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Vier volle Filmstunden im naxos.Kino am 29. August 2017 – da bleibt keine Zeit mehr für das traditionell anknüpfende Filmgespräch. In rauschenden Bildern einer Zeit voller Widersprüche, geprägt von bitterer Armut und dekadentem Luxus, Scheinheiligkeit und Freidenkertum, grausamer Repression und ausschweifender Volksfeste erzählt der Film in der naxos-Reihe „Große Theaterfilme“ die ergreifende Geschichte eines Mannes, der bis zur Erschöpfung unermüdlich für seine Kunst kämpft. „Molière“ ist eines der Meisterwerke der international gefeierten, heute 78-jährigen Theatermacherin Ariane Mnouchkine.

Sein bürgerlicher Name ist Jean-Baptiste Poquelin. Berühmt wurde der französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker jedoch unter dem Namen „Molière“ (1622 – 1673). Er ist einer der großen Klassiker und machte die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung. Vor allem erhob er das Theater seiner Zeit zum Diskussionsforum über allgemeine menschliche Verhaltensweisen in der Gesellschaft.

„Molière ist neben Shakespeare der größte Theaterautor, zumindest der westlichen Welt“, sagte Willy Praml, Leiter des gleichnamigen freien Theaters in der Naxos-Halle, während seiner Einführung. Er betonte auch seine enge Verbundenheit zu Mnouchkine. Beide hatten sich als Theaterschüler kennengelernt. Parallelitäten bestünden auch zwischen dem „Theater Willy Praml“ und der „Cartoucherie“, einer alten Munitionsfabrik in der Nähe von Vincennes. Dort leitet sie seit 1970 das weltberühmt gewordene „Thèatre du Soleil“. So seien die Theater beider auch immer politisch, aber nie doktrinär, ergänzte Praml.

Das „Théatre du Soleil fasse jedoch 800 Besucher und sei jeden Abend ausverkauft. „Als Theatermann muss man einfach eine Theaterwalfahrt dorthin unternommen haben, ich kann nur jedem empfehlen, einmal dorthin zu gehen“, sagte Praml. Die Aufführungen dauerten bis zu acht Stunden, verbunden mit dreigängigen Menüs und gutem Wein – und Mnouchkine selbst reiße die Eintrittskarten ab.

Eigentlich sollte die Theatermacherin an diesem Abend im naxos.Kino anwesend sein. Doch eine bereits vor längerer Zeit geplante Japanreise zum dortigen No-Theater hatte das verhindert. Ihr Besuch wäre dann verbunden gewesen mit der Entgegennahme des Goethepreises. Diese mit 50.000 Euro dotierte höchste Frankfurter Auszeichnung war ihr tags zuvor – auch in Abwesenheit – verliehen worden. An die rund 200 Gäste im Kaisersaal des Römers wandte sie sich jedoch per Videobotschaft und dankte ihnen und der Jury auch im Namen ihrer gesamten Gruppe vom Schauspieler bis zum Gebäudetechniker für die Auszeichnung. Sie bat aber auch um Verständnis, dass sie nach 50 Jahren noch einmal dorthin zurückgekehrt sei, wo die spirituellen Wurzeln ihrer Arbeit lagen. Denn sie wolle in Japan ergründen, ob sie noch Kraft genug habe, ein neues Großprojekt aufzulegen oder sich zurückziehen und ihr Theater in andere Hände übergeben solle.

Bild:

Theaterleiter Willy Praml führte die Besucher in den Film, in das „Théatre du Soleil“ und in die Person Ariane Mnouchkine ein.

 

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2017
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Mit inzwischen 96 Jahren lebt der Titelheld noch immer den Jazz-Blues. Das naxos.Kino zeigte am 22. August 2017 eine Dokumentation über den weltweit gefeierten Musiker, der als 22-jähriger farbiger Soldat Ende des Zweiten Weltkriegs wegen Rassendiskriminierung aus der US-Armee desertierte. Zum anschließenden Filmgespräch kam Regisseur Malte Rauch.

Der afroamerikanische Jazzmusiker Jon Hendricks hat im Zweiten Weltkrieg, wie unzählige andere schwarze GIs, gegen Hitlerdeutschland und gleichzeitig gegen die Rassendiskriminierung in den eigenen Truppen gekämpft. Und dies an zwei Fronten: einerseits gegen die Nazis, andererseits als schwarzer GI der US Army gegen Rassismus in den eigenen Reihen. Ein Krieg, der mit einem doppelten Sieg endete, obwohl Hendricks nicht einen einzigen Schuss abfeuerte. Diese dramatische „Double Victory"-Geschichte erzählte er Malte Rauch, der ihn an einige Orte seiner vergangenen Abenteuer in der Normandie, Frankreich, und nach New York City begleitet hat. Es ist auch eine Geschichte des Jazz: von der damals verbotenen und verachteten „Negermusik" zum heute strahlenden und anerkannten Teil der Musikkultur.

Die Besucher machten dem Regisseur „ein großes Kompliment“, insbesondere auch für die Übersetzung mit leichtem US-Slang. „In den USA lief der Film leider nur in schwarzen Kinos in Harlem und Brooklyn“, bedauerte Rauch, die Premiere sei aber immerhin in der Kirche gelaufen, in der Martin Luther King seine letzte Rede gehalten hatte. Die Hälfte des Filmmaterials stamme kostenlos aus dem staatlichen US-Archiv. Um an die Aufnahmen farbiger Soldaten zu gelangen, musste sich Rauch an eine „schwarze Universität“ wenden. Auch habe das Rundum-Kino in der Normandie viele kostenlose Aufnahmen von Kriegsgräbern, Toten und kämpfenden Soldaten geliefert.

Zeitungsberichte über Hendricks hatten sein Interesse am Thema geweckt: „Ich dachte, eine schöne Geschichte. Aber der Weg bis zur Verfilmung dauerte mehrere Jahre“. Aber dann habe Hendricks ihm die Arbeit leicht gemacht durch seine lockere Art. Schwieriger war es, den Musiker einerseits, den Soldaten andererseits zu einem Bild zusammenzufügen. „Insofern könnte der Film etwas verharmlosend wirken“, sagte Rauch. Der Film mache auf jeden Fall Mut, war von den Besuchern zu hören. Einer wollte eine CD kaufen, um den Film ehemaligen gemeinsamen Schulkameraden in privater Runde zu zeigen. „Gern“, erwiderte Rauch, „dann sehen sie, dass auch aus mir etwas geworden ist, obwohl ich zwei Mal sitzen geblieben bin“.

1944/ 45 nannten sich die diskriminierten farbigen Soldaten in der US-Army „Black Panthers“. Das sei womöglich die Quelle für die Black Panther-Bewegung von 1968 gewesen. Konkrete Belege lägen jedoch nicht vor. Zuvor im Korea- und parallel im Vietnamkrieg seien farbige Soldaten zwar voll in die Armee integriert gewesen, aber „immer noch bevorzugt als Kanonenfutter“ eingesetzt, so Rauch. Heutzutage engagiere vor allem die Firma „Black Water“ „schwarze Soldaten“ für internationale Einsätze.

Insgesamt müsse man bei Jon Hendricks immer etwas zwischen Dichtung und Wahrheit differenzieren, meinte Rauch schmunzelnd. So berichte Hendricks Tochter, der Musiker erzähle zwar immer dieselbe Geschichte, diese aber immer etwas anders. „Aber er ist ein guter Erzähler, der fasziniert.“

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Regisseur Malte Rauch (l.) mit naxos-Moderator Wolf Lindner.

 

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2017
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"No one is born hating another person because of the color of his skin or his background or his religion...",

"Niemand hasst von Geburt an jemanden aufgrund dessen Hautfarbe, dessen Herkunft oder dessen Religion."

Barack Obama nach dem Mord und den gewalttätigen Übergriffen von Recthtsextremisten am 12.09.17 in Charlottesville.

 

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2017
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Bild: Naxos-Moderator Wilfried Volkmann (r.) mit Gesprächspartner  und Goisern-Kenner Joachim Diesner.

Marcus H. Rosenmüller, Kultregisseur des modernen bayerischen Heimatfilms, setzt 2015 dem aus dem Salzkammergut stammenden Alpinrocker Hubert von Goisern ein filmisches Denkmal. Nicht umsonst trägt seine mitreißende Hommage den Titel „Brenna tuat´s schon lang“, denn in Zeiten von Gier und Egoismus besticht die Dokumentation über den Alpenrock mit Poesie und Provokation. Hubert von Goisern beweist darin, dass der wahre Sound des Alpenraums fernab von Musikantenstadl und Volkstümelei liegt.

Darüber konnten sich die zahlreich erschienenen Besucher am 8. August 2017 im naxo.Kino ihr eigenes Urteil bilden. „Ein sehr facettenreicher Film“, „Eigentlich wollte ich gar nicht kommen, gut, dass ich es mir anders überlegt habe“, „Ich werde in eins seiner Konzerte gehen“, waren nur einige Spontanreaktionen. Auch Naxos-Moderator Wilfried Volkmann wollte den Film „nicht großartig zerreden“, hatte aber mit Musikliebhaber und Goisern-Kenner Joachim Diesner einen kompetenten Gesprächspartner eingeladen. Goisern lege momentan eine Pause ein, aber er komme wieder auf die Bühnen, meinte Diesner. Wie im Leben, so ziehe es ihn auch dort nicht besonders in den Vordergrund, was vor allem bei gemeinsamen Auftritten mit anderen Musikkulturen ersichtlich sei, etwa mit Musikern aus Westafrika, Bulgarien, Ägypten oder der Cajun-Musik des weißen US-Südens. „Hubert tut immer was, auch wenn er nichts tut“, ergänzte Volkmann in Anspielung an das Goisern-Zitat: „Nichts tun kann ich erst, wenn ich tot bin“.

Musikalisch wird der heute 65-jährige Goisern der Neuen Volksmusik zugerechnet. Geläufiger ist der Begriff Alpenrock. In vielen Kreisen gilt er als Erfinder dieses Genres. Seine Musik ist eine Mischung aus moderner Rock- und Alpiner Volksmusik. Signifikant dafür ist das in seinen Liedern klangliche Erscheinen der Ziehharmonika, was durch das Spielen der E-Gitarre ausgeglichen wird. Basierend darauf verbindet er seinen Stil auch mit Musikarten wie Reggae, Soul, Jazz und Punkrock. „Goisern schreibt auch seine Texte selbst. Sie haben Tiefgang. Aber er schreibt im Dialekt, so dass man sie übersetzen muss“, sagte Diesner.

Als Zehnjähriger lernte Goisern Trompete, dann Gitarre und Klarinette. Die Harmonika, die ihm sein Großvater schenkte, erlernte er im Selbststudium erst Mitte seiner dreißiger Jahre. Mit 27 entschied er sich, fortan als Musiker zu arbeiten. In Toronto studierte er zwei Jahre lang Gitarre und lernte Flamenco zu spielen. Nach der Trennung von seiner Frau ging er erneut auf Reisen und blieb längere Zeit auf den Philippinen, wo er das Spielen der Nasenflöte erlernte und durch den Austausch der jeweiligen Volksmusiken langsam einen Zugang zu seinem eigenen musikalischen Stil fand.

1986 gründete er die „Original Alpinkatzen“. Dazu gehörte auch Sabine Kapfinger (Alpine Sabine, später Zabine) als Sängerin, von der er das Jodeln lernte. Der Durchbruch gelang 1992. Die Band tourte durch den gesamten deutschsprachigen Raum und wurde zu einer der erfolgreichsten Formationen des Alpenrocks. Eine Blitztour führte sie 1994 nach Paris, San Antonio und Austin (Texas) sowie nach New York. Anschließend wirkte Goisern als Schauspieler und Komponist von Filmmusiken. Ab 1999 arbeitete er wieder als Musiker mit eigenen Kompositionen. Konzerte führten die neue Gruppe unter anderem nach Sarajevo und Kap Verde. Im Januar 2005 trat die Band beim „Festival au Desert“ in Mali auf.

Bis 2009 bereiste er mit einem kleinen Schiffsverband, ein zur Bühne umgebautes Frachtschiff von 77 m × 12 m und ein Wohnschiff, beginnend mit der Donau, mehrere Flüsse des Kontinents. Dabei gab es in zahlreichen Städten gemeinsame Konzerte mit Musikern aus den jeweiligen Ländern. Die Reise führte donauabwärts bis zum Donaudelta am Schwarzen Meer. 2008 ging es stromaufwärts über Passau und Regensburg, dann über den Main-Donau-Kanal zum Rhein und bis Rotterdam. Dazu Joachim Diesner: „Mit der Bootsfahrt Ost und der Bootsfahrt West unternahm Hubert von Goisern den Versuch, eine europäische Verbundenheit im Sinne der EU herzustellen“.

Von Ende 2010 bis Frühjahr 2011 war er aber dann zur Abwechslung mal wieder auf Wirtshaustournee in Österreich und Deutschland. Insgesamt beleuchte der Film die innere wie auch die äußere Reise, die Goisern in seiner langen Karriere zurückgelegt und auf der er schließlich seinen eigenen Stil aus Heimat und Fremde gefunden habe, so das Fazit von Wilfried Volkmann. Noch einmal zitierte er abschließend den Musiker: „Es kommt immer darauf an, das man was macht. Und ich mache was“.

 

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2017
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Bild: Filmemacher Hans Puttnies und Moderatorin Barbara Köster

„Die Kultur im Wandel ist sehr gut dargestellt“, so fasste ein Besucher das Filmgespräch am 25. Juli 2017 im Naxos-Kino zusammen. Regisseur Hans Puttnies, der innerhalb von eineinhalb Jahren seinen Dokumentationsfilm „Palmyra“ gedreht, geschnitten und zusammengestellt hatte, nahm das Kompliment gern an: „Das ist ein gutes Schlusswort“.

Puttnies hat 2008 als einziger die Tempel, Türme und Skulpturen der 2015 vom IS zerstörten Ruinenlandschaft gefilmt. Damit ziele er auf die Unmittelbarkeit des Erlebens ab. So zeige der Film immer nur Gegenwart – 2008 wie auch heute. Was er beklagte, waren fehlende syrische Originaldokumente. Zwar existierten solche, trügen aber vorzugsweise zur Legendenbildung bei. Insofern sei die Überlieferung legendär, da die gefundenen Dokumente hauptsächlich römisch waren: „Mir sind keine originalen Schriften bekannt“. Ein anwesender Besucher aus Syrien protestierte, es gebe tatsächlich originale Schriften, etwa Gedichte aus der Zeit, die allerdings zerstört seien. Hier von einem Verschweigen von Quellen zu sprechen, grenze an „Kulturmord und Propaganda“. Naxos-Moderatorin Barbara Köster rief an dieser Stelle zum „Einhalten der Spielregeln“ auf. Jeder könne hier seine Meinung vertreten, sollte aber ein Gespräch nicht dominieren. Vor allem bei wieder einmal vollem Haus.

Neben viel Historischem zeigte der Film auch die Menschen, die vor dem Krieg von der Ruinenlandschaft Palmyra lebten, in erster Linie von den Touristen. Wo diese früher für drei Tage kamen, legt deren Bus heute nur noch einen dreistündigen Zwischenstopp ein. Entsprechend sind heute nur noch wenige Händler vor Ort und haben ausschließlich billige Massenproduktionen von Postkaten und Ketten im Angebot. Auf den Straßen der benachbarten Stadt waren nur Männer zusehen. Frauen wurden dem Regisseur erst vorgestellt, nachdem er nach den Gründen für ihre Abwesenheit auf den Straßen gefragt hatte: Frauen hielten sich eben in der Küche auf, so die Antworten.

Die Authentizität des Films resultiere vor allem aus dem Drehen mit einer semiprofessionellen Kamera, so Puttnies. Auch seien die Bilder und der Text nirgendwo anders abrufbar. Anfangs habe er einen Stummfilm geplant, habe sich dann aber für eine selbstgesprochene Textunterlegung entschieden. Sein 40 Jahre jüngerer Partner Daniel habe dann die Bilder und Kommentare mit Sound-Effects unterlegt und für jedes einzelne Kapitel der Films eigene Musiksequenzen komponiert, die die jeweilige Stimmung widerspiegelten.

Palmyra könnte heute eins zu eins wieder aufgebaut werden, meinte Puttnies, weil alles vermessen, fotografiert und gefilmt sei. Man wisse also ziemlich genau, wie alles einmal ausgesehen habe. Deshalb müsse ein „neuzeitiges Bildungsbürgertum trotz der Zerstörung keinen allzu großen Bildungsverlust erleiden“. Aus Puttnies´ Worten schwang dennoch Bedauern.

 

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2017
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Bild: Produzent Emmanuel Gétaz (l.)  mit Moderator Gerd Becker vom Naxos-Kino beim Filmgespräch am 11. Juli 2017.

Emmanuel Gétaz (53) ist Mitverfasser und Produzent von Jean Ziegler, der Optimismus des Willens, die der dokumentarische Mehrfachpreisträger Nicolas Wadimoff über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren gedreht hat. Gétaz erzählte am 11. Juli 2017 im Anschluss an den Film von der Realisierung dieser Dokumentation.

Er hatte zunächst das Cully Jazz Festival in der Schweiz mitorganisiert, wurde dann von 1990-98 Produktions- und Finanzdirektor beim Montreux Jazz Festival: „Mit einem Musikfilm habe ich dann auch gelernt, Filme zu produzieren“. Durch sein Studium der Politikwissenschaft kam er mit Jean Ziegler in Kontakt – einem der bedeutendsten Schweizer politologischen Intellektuellen. „Ich fragte ihn, was er von einem filmischen Portrait hielt“, so der Produzent. Nachdem er Zieglers Vertrauen gewonnen hatte, einigten sich beide übereinstimmend auf Nicolas Wadimoff als Regisseur.

Um eine gewisse Distanz zur Hauptperson zu schaffen, habe man gemeinsam ein Szenario entwickelt und an rund 40 Drehtagen zwischen 2014 und 2015 gedreht. Der Regisseur wollte eine Dokumentation mit nur einer Kamera und ein kleines Team, das während des Filmens auch immer Fragen aus dem Off stellen konnte.

Der heute 83-jährige Schweizer Soziologe, Politiker sowie Sachbuch- und Romanautor gilt als einer der bekanntesten Globalisierungskritiker. Er war von 1967 bis 1983 sowie von 1987 bis 1999 Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 bis 2012 gehörte Ziegler dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UN an. Im September 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Er Darüber hinaus ist er im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control.

Der weltbekannte Menschenrechtler habe seine politische Strategie in den frühen 1960er Jahren von Che Guevara übernommen. Seitdem wolle er die Welt verändern, erläutert Gétaz. Für Ziegler seien alle Menschen gleich. Das wurde auch im Film deutlich, wo er als ganz „normaler“ Mensch durch die Kubanische Hauptstadt Havana geht und sich bei dem Menschen nach deren Zufriedenheit mit der Situation erkundigt. Ebenso spricht er mit den Bauern einer landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft. So habe er zu allen unterschiedlichen Menschen einen ganz natürlichen Kontakt und setze sich für gleiche Chancen für alle ein, insbesondere für Kinder. „Hört man seine Reden, so ist stets eine Grundordnung zu erkennen“, warf Moderator Gerd Becker ein, was Gétaz bestätigte: „Wir haben seine Grundordnung immer wieder gehört. Dazu reichten ihm vier Karten mit den vier Hauptargumenten. Aber das ist der beste Weg, um Millionen von Menschen zu erreichen“.

Neben Ziegler zeigte ihn der Film wiederholt mit seiner Frau Erika. Sie sei eine starke Frau, so Gétaz, je mehr sie im Bild war, desto klarer wurde, dass sie intellektuell eher geerdet ist, während Ziegler selbst eher zum Überfliegen neige. Nachdem der Regisseur und der Produzent den beiden den Film zeigten, meinte sie: „Ich bin eine Kartoffel“. Er sagte nur „Wunderbar!“

Bei aller Intellektualität sei er, Gétaz, immer wieder überrascht von Zieglers „religiöser Schlagseite“ gewesen: „Er glaubt an einen Gott, zu dem er einen direkten Link hat“. Dennoch müsse die Richtung Revolution eingehalten werden, solange der Kampf nicht gewonnen sei. Hier zeige sich Ziegler als Hardliner: Die Revolution müsse gewinnen, auch wolle er keine Kritik an ihr hören. Insgesamt solle das Portrait den Menschen Jean Ziegler verständlich darstellen, solle zeigen, wie er denkt und wie er ist. In diesem Fall portraitiert die Dokumentation einen Mann, der kämpft.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2017
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Bild: Gerd Becker vom Naxos-Kino (r.) moderiert das Filmgespräch mit den Regisseuren Malte Rauch (2.v.r.) und Eva Voosen (l.) sowie Cornelia Rühlig von der Margit-Horváth-Stiftung (2.v.l.).

Frankfurt am Main, 5. Juli 2017 – Die Reihe „Frankfurt im Film“ zieht immer zahlreiche Besucher in das Naxos-Kino. So auch am 4. Juli. Es lief der Langzeit-Dokumentarfilm „Die Rollbahn“ von Malte Rauch und Eva Voosen aus dem Jahr 2003. Gemeinsam mit Cornelia Rühlig von der Margit-Horváth-Stiftung diskutierten sie unter Moderation von Gerd Becker mit den Besuchern über Entstehung und Entwicklung des Projekts zu einem Film.

Darin geht es um 1700 ungarische Jüdinnen, die 1944 aus dem KZ Auschwitz nach Walldorf bei Frankfurt gebracht werden, um am Flughafen eine neue Rollbahn zu bauen, Vorläufer der späteren Startbahn West. Drei junge Bürger Walldorfs beginnen in den 1970ern, die bis dahin verdrängte Geschichte mit Hilfe einer Historikerin aufzuarbeiten. Sie finden Überlebende. Schließlich folgen 18 Frauen aus sechs Ländern im Jahr 2000 einer Einladung nach Walldorf.

„Wir hatten gehört, dass während des Kriegs im Frankfurter Stadtwald Frauen zur Arbeit verpflichtet, später erschossen wurden“, sagte Rauch. Etwa zehn Jahre später erfuhr er in einem Artikel der Frankfurter Rundschau, dass einige der überlebenden Frauen nach Frankfurt kommen würden: „Das war unsere erste Spur“. Parallel dazu hatten bereits drei junge Männer, damals Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei, wichtige Recherchen vor Ort angestellt und damit erfolgreiche Voraussetzungen für das weitere Vorgehen geschaffen: Obwohl Zeitzeugen im Winter 1944 die jungen Mädchen nur in leichten Sommerkleidchen mit Papier alter Zementsäcke darunter bekleidet und mit Strohwickeln an den Füßen gesehen hatten, herrschte noch 30 Jahre später eisiges Schweigen darüber. Dort habe es nie ein Lager gegeben, man habe nichts gewusst. Schließlich wurde das Lager abgerissen und der Boden aufgeforstet.

Später fragte eine Ausschreibung in Walldorf, wer sich an jene Zeit erinnern könne. „So sind wir an die Margit-Horváth-Stiftung gelangt, die sich für die Würdigung der Opfer engagiert, und Schüler der 13. Klasse eines Walldorfer Gymnasiums dabei unterstützt, die Geschichte am Leben zu erhalten“, sagte Eva Voosen. „Um das Filmprojekt realisieren zu können, musste Malte frühere Filme von sich einreichen, um zu belegen, dass er vertrauenswürdig und nicht reißerisch arbeitet“, ergänzte Cornelia Rühlig.

70 Jahre nach Kriegsende wird der Film auch in Ungarn gezeigt. Das Publikum sei tief bewegt gewesen, so Rauch, da es zum ersten Mal von jenem Arbeitslager und damit der Aufbereitung jener Zeit erfuhr. Bewegt zeigten sich auch die Besucher im Naxos-Kino. Einer war „heftig angefasst“, ein anderer beklagte die „Vernichtung durch Arbeit und Vergasung“. Weitere Besucher kritisierten den Baukonzern Züblin als ein „trauriges Beispiel für die Vernichtung menschlichen Lebens“, denn aus dem Film ging die Rolle des Baukonzerns als Auftragnehmer für das Lager und die Rollbahn hervor. So meinte der im Film auftretende Vertreter des Unternehmens lapidar, er könne nur zuhören, welches Leid den Opfern angetan wurde.

Rühlig wies darauf hin, dass die Menschen in dem Unternehmen immer wieder daran erinnert werden müssten, in welcher Form das Unternehmen dazu beigetragen habe, Leben zu vernichten und Schicksale zu bestimmen. Rauch zufolge habe sich Züblin bisher nicht dazu geäußert, außer, dass das Unternehmen vier Millionen Euro für den Bau einer Synagoge in Ungarn gespendet habe.

Heute gibt es  in Walldorf eine Gedenkstätte, die über den ausgegrabenen Fundamenten der ehemaligen Kantine des Arbeitslagers errichtet wurde. Dazu hat die Stadt Walldorf 50.000 Euro gestiftet und engagiert sich für den Erhalt des Geschichtsbewusstseins zu dieser „braunen“ Zeit bei den Menschen.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017