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Foto (von links):  Maik Filitz, Jannis Karis, Moderator Gerd Becker.

Der Filmabend beginnt schon um 19 Uhr mit Live Musik der griechischen Gruppe POSECHOS. Die Musiker Jannis Karis und Achanasios Arlianos ziehen die volle Aufmerksamkeit der BesucherInnen mit den von ihnen wiedergegebenen Songs von Mikis Theodorakis auf sich. Zu Beginn des Filmgespräches wird Jannis Karis von Moderator Gerd Becker gefragt, wie er zu Mikis Theodorakis steht.

Jannis erinnert sich, dass er als junger Musiker während der Militärdiktatur 1973 vor Konzerten die vorgesehenen Stücke einreichen musste, und damals durften keine Lieder von Theodorakis dabei sein. Theodorakis, so berichtet Jannis Karis, kam musikalisch aus der Klassik. Sein Anliegen war es immer, diese und andere Musikformen allen Menschen zugänglich zu machen. Den volkstümlichen und damals oft gering geschätzten Rembetika Musikstil machte er ebenso wieder bekannt, wie das darin benutzte Instrument Bouzouki.

Maik Fielitz, der andere Gesprächsgast, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Er hat in Athen gelebt und studiert und sich als Politologe und Soziologe mit der neueren Entwicklung des griechischen Staates und der Gesellschaft beschäftigt.

Beide Gesprächsgäste sehen die enge nicht trennbare Verbindung von Theodorakis als Musiker mit einem sehr breiten Spektrum - wie im heutigen Film sehr deutlich gezeigt - mit dem politisch und gesellschaftlich aktiven Menschen. Für sein politisches Engagement wurde Theodorakis schon im Griechischem Bürgerkrieg 1946 bis 1949 festgenommen, auf eine Insel verbannt und schwer gefoltert. Seitdem hat er sich immer wieder gegen staatlich Willkür und Diktatur aufgelehnt und wurde dafür häufig inhaftiert und mit dem Tode bedroht.

PROSECHOS spielt Songs von Mikes Theodorakis im naxos.Kino

 

Maik Fielitz sieht, dass Theodorakis, der sich schon früh der Kommunistischen Partei anschloss, später einige politische Wendungen vollzogen hat. So unterstützte er 1974 das Zustandekommen einer rechten Regierung unter Konstantinos Karamanlis und wurde 1990 mit Unterstützung der Konservativen Minister ohne Geschäftsbereich beim Premierminister Konstantinos Mitsotakis. Schließlich hat er 2018 auf einer nationalistischen Kundgebung gesprochen und grenzte sich wenig von rechten Strömungen ab.

Sein Anliegen war das Vermitteln zwischen verschiedenen politischen Lagern, um erneuten diktatorischen Entwicklungen etwas entgegen zu setzen und das Beste für sein Land und Volk zu erreichen.

Für Janis Karis war und ist Theodorakis Humanist und Pazifist, der die verbindende Rolle der Musik immer wieder genutzt hat. Maik Fielitz weist darauf hin, dass das Werk und Wirken von Theodorakis auch auf dem Hintergrund seiner familiären Herkunft zu sehen ist. Sein Vater stammt aus Kreta und die Mutter wurde aus Kleinasien vertrieben. Er ist einer der „wichtigen Männer“, die die griechische Gesellschaft geprägt haben – aber gleichzeitig auch von ihr geprägt wurde.

Der Film wird von den Zuschauern sehr unterschiedlich beurteilt. Während er für einige eine zu große unkommentierte, oft zusammenhangslose Aneinanderreihung von Bruchstücken seines musikalischen Werkes ist, macht das den Film für andere gerade interessant. Den Zusammenhängen und dem jeweiligen gesellschaftlich-politischen Kontext müsse man hinterher selbst nachgehen. Zum Ende des Filmgespräches gibt Moderator Gerd Becker wider, wie sich Mikis Theodorakis selbst nach der Fertigstellung des Filmes geäußert hat:

„Ich erkenne einen Teil von mir wieder, vor allem den musikalischen. Reich an Handlung ist der Film insgesamt eine große Arbeit. Ich fand viel über meine Beziehungen zu anderen Menschen, zu den Kollegen und Freunden. Diese Beziehungen erscheinen in einem milden, freundschaftlichen und einfachen Licht. –
Es taucht in dem Film aber auch der andere Mikis auf – jener Patriot und Kämpfer in einer Gesellschaft, in der oft Fanatismus, Hass, Zorn, Enttäuschung und große Wut meinen eigentlichen Charakter und mein natürliches Verhalten verfälschten. In solchen Phasen konnte ich wild werden und sicher auch ungerecht – weil der Fanatismus einen zu Taten hinreißt, die die Grenzen deines Ich, dein Selbst überschreiten. Man wird sicher ein anderer…“
(zitiert nach: Mikis Theodorakis von Wassilis Aswestopoulos, Frankfurt 2018, Seite 19 f).

 

Bericht: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2018
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Bild: Eric Otieno (l.), Doktorand an der Uni Kassel und Herausgeber von Griot Mag, und Stefan Ouma, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Frankfurter Goethe-Uni (r.), erläuterten unter Moderation von Wilfried Volkmann die Beweggründe für den Film und dessen Botschaften.  

Musik als Waffe? Gegen wen oder für was? Fragen dieser Art prägen das Filmgespräch am 11. September 2018 auf naxos: Es lief „Music is our weapon“. Der Film portraitiert eine spannende Band aus Kenia. Im Kampf für Gerechtigkeit versteht es die Band Sarabi, zu inspirieren und mit ihrer Musik Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen sozialen Klassen. Es ist eine metaphorische Reise einer jungen vibrierenden Band, die davon überzeugt ist, dass Musik eine Waffe der Veränderung sein kann. Und zwar für Menschenrechte und gegen soziale Ungleichheit und Korruption. 

Das ostafrikanische Kenia wird 1963 unabhängig von Großbritannien. Es grenzt im Nordwesten an den Südsudan, im Norden an Äthiopien, im Nordosten an Somalia, im Süden an Tansania, im Westen an Uganda und im Südosten an den Indischen Ozean. Kenias Wirtschaft ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, die größte in Südost- und Zentralafrika. Nach der Verabschiedung einer neuen Verfassung im August 2010 ist Kenia in 47 halbautonome „Counties“ unterteilt, in denen jeweils ein gewählter Gouverneur regiert. Das Land wird oft als wirtschaftliche Erfolgsstory präsentiert, weist aber auch sehr hohe soziale Ungleichheiten auf. 

Was soll der Film aussagen, fragt naxos-Moderator Wilfried Volkmann zu Beginn des Filmgesprächs. Er sende „diverse Botschaften“ aus, antwortet Stefan Ouma von der Frankfurter Goethe-Uni: „1. Empowerment, d.h. mit den eigenen Ressourcen aus schwierigen Umständen heraus sich selbst zu ermächtigen, 2. Die Verbindung von politischem Aktivismus und Musik in einer sehr ungleichen Gesellschaft, 3. Musik mit einem politischen Bewusstsein, in einer Zeit, in der Musiker in Kenia, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt immer weniger ´Kante zeigen`“, 4. Die  manchmal schwierige Balance aus talk and walk, also das, was man singt, auch in politische Aktionen zu übersetzen. Die im Film vorgestellte Band erhebe ihre Stimmen auf diversen internationalen Festivals. „Das ist das Besondere“, ergänzt Eric Otieno, Doktorand an der Uni Kassel und Herausgeber von Griot Mag, einem Online-Blog zur kulturellen und kreativen Vielfalt afrikanischer Musik, Kunst und Mode. 

Im Anschluss entbrannte eine Diskussion, warum der Film, obwohl von einem nigerianischen Regisseur gedreht, der sich zudem selbst als Panafrikanist versteht, sich hauptsächlich auf Festivalauftritte in Europa konzentriere und wenig lokale Akteure zu Wort kommen lasse. Otieno erwiderte darauf, dass einen solchen Film zu machen, auch hierzulande „mühselig und teuer“ sei und „das Finanzieren und Genehmigen eines unabhängigen Films in Kenia ist unter Umständen eine sehr große Herausforderung“. Insofern sei es zwar technisch bedauerlich, aber nachvollziehbar, warum der Film zu wenige narrative Sequenzen vor Ort enthalte.  

Jetzt schalten sich die Besucher ein: Filme dieser Art würden oft mit westlicher Arroganz betrachtet, der Film spiegele doch die Realität des Empowerments wider, in den Interviews kämen keine Klagen vor, sondern ein proaktiver Umgang mit den Ungerechtigkeiten der eigenen Umwelt. Die Diskussion wurde zunehmend kontrovers: Wie bekannt ist die Band in Kenia? Welchen politischen Einfluss hat sie? Hat Musik in Kenia eine größere politische Relevanz? Droht der Band vielleicht eine Ausbeutung durch die kommerzielle Musikindustrie und ihre nördlichen Manager? Wovon handeln die Songs, die durchweg auf der Landessprache Kiswahili und für das hiesige Publikum nur eingeschränkt verständlich sind? Otieno meint hierzu: „A) Gleichbehandlung vor dem Gesetz b) von korrupten Politikern, die kaum nachvollziehbar ins Amt gelangt sind, und c) vom Protest und Widerstand gegen soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit“. Dennoch könne es sich die Regierung leisten, den musikalischen Protest zu ignorieren. 

Musik also als Waffe gegen was? Ouma sieht hier mehrere Deutungsmöglichkeiten: Zum einen gegen politische Ungerechtigkeit, zum anderen aber auch als Waffe zur Selbstermächtigung und als Waffe, um Verbindungen in einer Welt herzustellen, die vor allem im Nord-Süd-Kontext von tiefen Gräben und im Zeitalter der neuen Rechten auch von wiederkehrenden Rassismen gekennzeichnet ist. Man müsse weiterdenken, bestätigt Otieno: Trotz Unterdrückung müsse versucht werden, eine andere Zukunft zu gestalten, neue Verbindungen über die Musik zu schaffen. Den meisten Besuchern hat´s gefallen. Und darauf kommt es an.

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018
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Bild: Mussten in der Diskussion unterscheiden zwischen dem Top-Künstler der 1980er Jahre und dem Versuch einer selbstinszenierten Fama des Malers Julian Schnabel: naxos-Moderatorin Barbara Köster und Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Frankfurt.  

 

Julian Schnabel, 1951 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und in Texas aufgewachsen, ist ein amerikanischer Maler und Filmregisseur. Er gilt als Mitbegründerdes Neoexpressionismus und als einer der berühmtesten Vertreter dieser Bewegung der 1980er Jahre. Charakteristisch für seine Bilder ist das Auftragen von Farbe auf große Leinwände, der Gebrauch unkonventioneller Materialien und sein sowohl abstrakter als auch figurativer Stil. Er malt auf gebrochenem Glas und Porzellan, auf Samt, gebrauchtem Segeltuch, Zeltplanen oder auf Flauschteppichen. In den 1990er Jahren widmete sich Schnabel dem Genre Spielfilm. Am 4. September 2018 zeigte das naxos-Kino den Film „Julian Schnabel – A private portrait“. 

naxos-Moderatorin Barbara Köster meinte zu Beginn des anschließenden Filmgesprächs, der Film habe auf sie „lebendig und mitreißend“ gewirkt, sodass sie gern dabei gewesen wäre. Sie fragte aber gleichzeitig, was denn das Besondere an Schnabels Bildern der 1980er Jahre sei. Mit Dr. Martin Engler, Sammlungsleiter Gegenwartskunst am Städel Museum, Frankfurt, hatte sie einen Experten eingeladen, da auch das Städel drei Schnabel-Werke erworben hat. Engler ging zunächst auf den Film ein, den er als „Gala für Kunstpublikum“ bezeichnete. Der Film „klinge“ wie ein Hollywood-Produkt: „Tolle Frauen, viele Kinder, prominente Zechkumpane“, sangen ihre Loblieder auf Schabel. Dabei sei die eigentliche Frage, wer Schnabel wirklich ist, nicht angesprochen worden. Auf den Künstler bezogen, räumte er ein, Schnabel habe „eine ganz neue Kunst erfunden, mit bemalten Planen, Tellern, Scherben. Dies allerdings vor bereits 40 Jahren“. 

Kunstkritiker seien erleichtert, dass der Maler heute eher als Filmemacher arbeitet, meinte Köster und fragte, ob Schnabel ein „guter Regisseur“ sei. Als Regisseur habe er einige sehr gute Filme gemacht, erwiderte Engler, „aber seine Malerei hat er kaum weiterentwickelt:“. Auf den gezeigten Film bezogen, bemängelte Engler, die Produktion sei für einen Dokumentarfilm ziemlich „unsauber“. So käme kein einziger Kunstkritiker zu Wort. Dagegen zeige der Film Schnabel als verlässlichen Freund und liebenden Familienvater. Neben Schnabel selbst kommen berühmte Freunde, Weggefährten und sog. Groupies zu Wort: Die Schauspieler Al Pacino und Willem Dafoe, der überall vorsprechende Bono, Frontmann der Rock-Band U2, und die französische Schauspielerin und Sängerin Emmanuelle Seigner bliesen allesamt irgendetwas Nettes über ihn ins Mikrofon. „Was fehlt, ist der Absturz in den 90er Jahren“, kritisierte Engler. Auch was Schnabel heute macht, fehle vollständig. Möglicherweise habe Schnabel die Produktion im Wesentlichen selbst finanziert: „Selbstinszeniertes Kintopp nach Schnabels Entwurf“. Insgesamt erscheint der Film wie „der Versuch, eine eigene Fama zu schaffen“. 

Er inszeniere sich aber gut als Persönlichkeit, hakte Köster nach. Zu viele Banalitäten machten den Film aus, entgegnete Engler. Das Scheitern, das immer auch Teil der künstlerischen Produktion ist, käme nie vor: „Er hat immer nur joy“. Was ihn dennoch bewegt habe, die Schnabel-Werke ins Städel zu holen, fragte Köster. „Weil er ein wichtiger Künstler ist, der in den 80ern in Köln gearbeitet hat,. Er ist eine faszinierende Persönlichkeit, aber vielleicht nicht der Allergrößte, wie im Film suggeriert“, sagte Engler. 

Filmgast und Gastgeberin waren sich einig, dass Schnabels Werke Substanz haben, im Gegensatz zum gezeigten Film, betonte Engler. Die Kritik darauf sei generell negativ ausfallen. Auch sei der genannte Regisseur völlig unbekannt. Zurück zu seinen Bildern: Engler bekannte, in den frühen 80ern Schnabel-Fan gewesen zu sein, nachdem er zum ersten Mal ein Schnabel-Bild im Berner Kunstmuseum gesehen habe. Hingegen produziere Schnabel heute „Scherbenbilder“ auf Bestellung.  

Einerseits der geniale Shooting-Star der 1980er Kunstszene, der heute – nach weniger erfolgreichen Jahren - als Maler wieder sehr gefragt ist, andererseits eine weichgespülte Selbstinszenierung als Film. So gespalten, wie die Person Julian Schnabel, so gespalten auch die Reaktion der Besucher: Viele fanden den Film gut, „weil er unterhaltsam war“. Andere hielten ihn für „einen gestylten PR-Beitrag“.

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2018
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Bild: Über die Schattenseite der Textilindustrie mit ihrer Massenproduktion zu Billigstpreisen diskutierte naxos-Moderatorin Antje Lang (Mitte) mit Julia Schäfer, Greenpeace Frankfurt (l.) und Kristin Heckmann, hessnatur, Butzbach.  

 

Woher kommt die Mode, die es in wenigen Wochen vom Laufsteg in den Laden schafft, vom Prototypen zum Massenartikel? Wo wird sie produziert, unter welchen Bedingungen, von wem? Eine Jeans für zehn, ein Hemd für fünf Euro – Wie kann Kleidung so preiswert sein? Diese Fragen diskutierten am 28. August 2018 Julia Schäfer, zuständig für die Bereiche Landwirtschaft, Lebensmittel, Chemie bei Greenpeace, Frankfurt, und Kristin Heckmann, Leiterin Corporate Responsibility bei hessnatur, Butzbach, mit naxos-Moderatorin Antje Lang und den Besuchern. Zuvor lief der Dokumentationsfilm „Der Preis der Mode – The True Cost“. 

Fast Fashion meint einerseits das schnelle Kopieren von Laufstegmodellen und Modetrends, andererseits die höhere Zahl von Kollektionen und Auslieferungsterminen. In der Fachsprache beschreibt der Begriff das Verhalten von Unternehmen wie z.B. Zara oder Forever21, die innerhalb weniger Wochen die neusten Modelle bekannter Designer und Stars zu deutlich günstigeren Preisen anbieten. Laut Greenpeace-Studie `Giftige Garne. Der große Textilien-Test von Greenpeace` ist Zara die führende Fast Fashion-Marke. Sie kann innerhalb von sieben bis 30 Tagen eine Bekleidungslinie zusammenstellen und Bestseller innerhalb von nur fünf Tagen an Filialen nachliefern. Dies habe zur Folge, dass durch den Produktionsdruck Lieferanten zur Einhaltung immer knapperer Liefertermine gedrängt werden und somit Lohnkürzungen und unverantwortliche Praktiken gefördert werden. Sowohl die Hersteller und Konsumenten als auch die Politik seien für diese Misere verantwortlich, meinte Schäfer. Änderungen dieser Misere seien nur durch weniger Konsum oder Konsumumstellung, Kleidungstausch und Reparatur möglich, weil dann die Industrie darauf reagieren müsste, hieß es seitens der Besucher. 

Demgegenüber produziere hessnatur nachhaltig und fair mit Naturtextilien. „Bei der Produktion unserer Mode berücksichtigen wir die Verbindung von Ökologie, Ökonomie und Sozialem auf Basis zweier Managementsysteme, und das funktioniert“, betonte Heckmann. Als größte Produktionsländer des Unternehmens nannte sie neben Deutschland Litauen und die Türkei. 

Wie denn eine Textilproduktion auf Biobaumwolle möglich sei, fragte Lang nach. „Bio-Baumwolle habe vier Jahre Vorlaufzeit, bis sie so bezeichnet werden darf“, sagte Heckmann. Bio-Anbau sei dabei der erste Schritt. Das sei aber auch eine Frage des verfügbaren Saatguts. Fraglich sei auch, ob in den weiteren Schritten Färberei und Behandlung der Begriff Bio noch gegeben sei. Denn der Massenkonsum schädige Umwelt und Mensch nachhaltig: Von Pestizid belasteter Baumwolle über den Verbrauch von Wasser und den Einsatz schädlicher Chemikalien bei der Produktion bis hin zur toxischen Veredelung von Kleidung. Ein „normales“ T-Shirt müsse deshalb zwischen 20 und 30 Euro kosten: „Unter menschen- und umweltfreundlichen Produktionsbedingungen ist ein Niedrigpreis von fünf Euro nicht möglich“, so Heckmann. 

Auch Schäfer bestätigte die Nachteile von Fast Fashion: So ist dem Textilratgeber, ein Info-Ratgeber für Verbraucher, zu entnehmen, dass heute jeder Einzelne im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke besitzt. Schlechte Qualität und niedrige Preise führten zu kürzerer Nutzungsdauer und erhöhter Wegwerfmentalität. Darüber hinaus erfordere die Massenproduktion einen hohen Chemikalieneinsatz in den meist asiatischen Herstellungsländern mit großflächiger Verbreitung schädlicher Substanzen auf der ganzen Welt. 

Die großen Bekleidungsketten könnten jedoch mitwirken, indem sie sich dazu verpflichteten, bis 2020 sämtliche Chemikalien aus der Textilindustrie herauszunehmen. So hätten sich auf Druck von Greenpeace mittlerweile Ketten wie H&M oder C&A und weitere 80 Marken dazu verpflichtet, spätestens ab 2020 giftfrei zu produzieren. 

In diesem Zusammenhang wies Heckmann auf die Problematik der Mindestlöhne hin. Diese stagnierten seit Jahren bei monatlich 55 Euro netto in Bangladesh: „Ein Existenz sichernder Lohn von ca. 300 Euro netto ist derzeit dort utopisch“. Da sonst die „Textilkarawane“ wieder in günstigere Gebiete ziehe. Aus dem Publikum kam die Forderung die Politik müsse Verhalten rigoros per Gesetz vorschreiben, handele jedoch nicht, weil sie die Dimensionen nicht erfasse. Das Interesse der Politik beschränke sich auf Wachstum durch Konsum. Das aber bestätige nur die schlimmen Zustände in den Produktionsländern.

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2018
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Bild: Mit Dr. Michael Wilk (l.), Yousif Toma (2.v.r.) und Till Küster (r.) hatte naxos-Moderator Wilfried Volkmann (2.v.l.) erfahrene Kenner der „Aleppo-Problematik“ zum Filmgespräch eingeladen. 

 

„Der Film hat mich stark mitgenommen. Denn ich war rund 20 Mal in Aleppo und habe dort viele positive Erfahrungen gesammelt. Aber der Film nimmt nur einen Aspekt unter die Lupe: Nicht nur Bomben töten, sondern auch mangelnde medizinische Versorgung – und ich habe die Frauen vermisst“. Das war die mit stockender Stimme vorgebrachte spontane Reaktion von Yousif Toma, irakischer Kurde mit Syrienerfahrung als Berater und Projektleiter in 70 Ländern, auf den Film „Die letzten Männer von Aleppo“, den das naxos.Kino am 21. August 2018 zeigte. Unter dem in der Mehrzahl anwesenden jungen Publikum hatte auch eine Lehrerin ihre 13. Klasse der Ernst-Reuter-Schule 1 zum Besuch motiviert. 

„Ich empfinde den Film als authentisch, denn ich habe dort gelebt und habe Bomben, Tote und Verletzte erlebt“, so ein Besucher. Dr. Michael Wilk, seit 2014 immer wieder in Syrien als Notfallmediziner und Psychotherapeut aus Wiesbaden im Einsatz, äußerte sich kritisch gegenüber der Dokumentation. „Gezeigt wird nur ein kleiner Teil des syrischen Krieges, ein Teil Aleppos.“ Er habe im Norden, im vornehmlich von kurdischen Menschen bewohnten Gebiet anderes erlebt. Auch hier gäbe es Menschen, z.B. den kurdischen roten Halbmond, die andere retten und bergen, aber hier arbeiteten Männer und Frauen gemeinsam und gleichberechtigt auf Augenhöhe. Das sei ein emanzipativer Ansatz den er bei den Weißhelmen vermisse. Die Weißhelme, wenn auch medial hochgelobt, stünden unter dem Verdacht, eine gewisse Nähe zu islamistischen Kämpfern zu haben. So sei es kein Zufall, dass im gesamten Film keine einzige Frau zu Wort käme. „Der Film vermittelt nur männliches Macho-Heldentum“, sagte Wilk. Insofern dürfe er nicht unkommentiert bleiben, weil er propagandistisch aufgesetzt sei. 

Es gibt sicherlich Gründe, den Film auch kritisch zu betrachten, meinte Till Küster, Projektleiter bei medico international, Frankfurt. Das Geschehen in Syrien sei sehr komplex und geprägt von unterschiedlichen Dynamiken und Prozessen. So sei Aleppo ein anderer Kontext als beispielsweise der kurdische Norden des Landes. Aber: „Gezielte Bombardements sind real von der russischen Luftwaffe ausgeführt, Assads Ziel ist die Vernichtung der kritischen zivilen Bevölkerung“. Daraufhin meinte Toma, dem Film fehle eine Ursachenanalyse des Syrien-Konflikts. Das sei vielleicht nicht möglich, weil Assads Waffensystem alles überlagere. 

Die Männer von Aleppo, seien zwar vordringlich Kriegsteilnehmer – so wird die Hauptperson Achmed als patriachalischer Mann dargestellt – jedoch hätten die Frauen immer versucht, eine emanzipatorische Alternative aufzubauen, meinte ein Besucher. „Menschen helfen hier Menschen ohne Eigennutz“, zeigte Toma eine neue Sichtweise auf. Zwar seien dort etwa 3000 Weißhelme gegen Bezahlung aktiv, man könne sie aber nicht pauschal als Djihadisten bezeichnen, obwohl einzelne Mitarbeiter solchen Gruppen nahe stünden, ergänzte Küster. Auch sei es zu einfach zu sagen, sie hätten keinerlei Moral und kämpften nur gegen Bezahlung. 

Naxos-Moderator Wilfried Volkmann bekannte abschließend, „ein wenig zu blauäugig“ an diesen Film herangegangen zu sein, da er die diversen Dimensionen vorab nicht erkannt habe. Er gelobte bei künftigen "Patenschaften" Besserung. Wilk zufolge konzentriere sich der Film nicht auf Gesamt-Aleppo, sondern ausschließlich auf den bombardierten Teil der Stadt. So fragte Till abschließend, wie es sein könne, dass seit sieben Jahren in Syrien ganze Städte ohne Konsequenzen der restlichen Welt in Schutt und Asche gebombt werden könnten. Es herrsche immer noch eine gewisse Ratlosigkeit vor, obwohl die Verbrechen des Regimes klar seien.

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2018
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Foto (von r. nach. li.): Lucien Coy, Barbara Köster, Marc Pierschel, Martin von Mackensen

Zum Beginn des Filmgespräches, zu dem viele der BesucherInnen des Filmes THE END OF MEAT im Foyer der Naxoshalle geblieben sind, fragt Moderatorin Barbara Köster die Filmgäste, welches für diese besonders wichtige Eindrücke aus dem Film sind.

Für Martin von Mackensen vom Dottenfelderhof sind dies die gezeigten Lebenshöfe, auf denen Tiere, die vor der Schlachtung gerettet wurden, einfach Tier sein können („sie machen was sie wollen“). Die Tiere sind - im Gegensatz zu den Menschen - immer ganz in der Gegenwart.

Für den Filmemacher Marc Pierschel - er hatte sich zunächst einige Zeit vegetarisch ernährt und ist danach schon seit 18 Jahre praktizierender Veganer - sind die im Film gezeigten Aktivistinnen beeindruckend, die vor Schlachthöfen, den in den Viehtransportern eintreffenden Tieren noch - soweit das geht - etwas zu trinken und Zuwendung geben. Solche Initiativen gibt es immer mehr, auch in Deutschland.

Für Lucien Coy, Mit-Gründer von Veggie Kids e.V. und Leiter der gerade eröffneten ersten veganen Kindertagesstätte, ist Veganismus eine besonders niedrigschwellige Lebensauffassung, die individuell von jeder/ jedem gelebt werden kann. Diese Bewegung hat sich, so Marc Pierschel besonders über das Internet und die sozialen Netzwerde verbreitet. Ein wichtiges, aber oft übergangenes Merkmal in den Diskusssionen um fleischliche/ vegane Ernährung ist für Martin von Mackensen das Mensch - Tier Verhältnis. Ihm - auch als Leiter der Landbauschule im Dottenfelderhof - ist aufgefallen, dass das Mensch-Tier-Verhältnis insgesamt sowohl in den konkreten Bereichen der Landwirtschaft als auch in der Ausbildung und in der Wissenschaft völlig vernachlässigt wird.

Naxos Moderatorinnen Barbara Köster und Elisabeth Heiner im Gespräch mit Filmemacher Marc Pierschel.

In der folgenden Diskussion kam zur Sprache, dass im Übrigen das Verhältnis Mensch – (Nutz-) Tier durch eine eigenartige Dichotomie gekennzeichnet ist: Die „schlimmen Seiten“ in der Aufzucht und Tötung von Tieren in der Massentierhaltung, von denen (fast) jeder etwas weiß oder ahnt, werden möglichst im öffentlichen Diskurs ausgeblendet oder von der Massentierindustrie versucht zu vernebeln („Gut Brandenburg, Güldenhof..). Andererseits gibt es einen massenhaften Kult (und Geschäft) um die Haustiere.

Woher kommen die verbreitet anzutreffenden massiven Aversionen gegen Veganer und vegane Auffassungen? Für Lucien Coy werden dabei tiefsitzende Konventionen angesprochen und infrage gestellt. Fleischesser (die um die negativen Seiten der Tierhaltung wissen, dieses aber möglichst verdrängen) fühlen sich angegriffen und regieren oft emotional. Auch die Religionen haben mit einigen Ritualen (Opfertiere) und Geschichten das Mensch-Tier-Verhältnis geprägt. Barbara Köster weist darauf hin, dass andererseits in Frankreich Metzger durchaus auch bedroht werden und sich gegen „militante“ Veganer schützen.

Von den Besuchern kommt die Frage, ob bei einer überwiegend veganen Lebensweise nicht diejenigen Kleinbauern zum Opfer würden, die noch respektvoll mit der Natur und ihren Tieren umgehen und auch Träger einer wichtigen traditionellen Kultur sind. Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen bei den heutigen Experten zum Filmgespräch. So ist Martin von Mackensen der Auffassung, dass Kühe durchaus mit ihrer Milch ihre Kälber umfänglich ernähren können und zusätzlich (in kleineren Menge) Milchgeber für Käse sein können. Käse ist dann kein Massen-, sondern ein Luxusprodukt.

Schließlich geht es um den Stellenwert, den künstlich erzeugtes „Fleisch“ haben könnte. Wäre dies nicht damit verbunden, dass die jetzt international agierenden Food Konzerne wieder dabei das Sagen hätten? Für Lucien Coy ist künstliches Fleisch für Veganer keine Alternative, allerdings könne es gravierend zur Reduktion der jetzigen Massentierhaltung führen mit all ihren negativen Folgen für „Nutz"-Tiere; die Gesundheit der Menschen und die Belastung der Umwelt. Ziel könnte die Wandlung vom Nutztier zum Brudertier sein, das die Reichhaltigkeit von Mensch- Tier und Natur fördert.Gegen Ende der spannenden Diskussionen unter den BesucherInnen und mit den 3 Filmgesprächsgästen bleibt die Frage offen: Kann eine dominante vegane Lebensweise im Kapitalismus überhaupt verwirklicht werden.

Für Martin von Mackensen ist wie auch immer der erste Schritt, die eigene Lebensweise zu überdenken und ggf. zu ändern; die kann dann auch ein Schritt zur gesellschaftlichen Veränderung insgesamt sein. Vor und nach dem gut 90minütigen Filmgespräch konnten die TeilnehmerInnen vegane Snacks genießen, die von David von der Rohkosteria (Sandweg, Frankfurt) angeboten wurden.

(Bericht + Fotos: Gerd Becker, naxos.Kino)

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2018
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Bild: Als Kenner des Themas leitete naxos-Moderator Wolfgang Voss professionell die Diskussion mit Claudia von Alemann (l.) und Carola Benninghoven sowie den Besuchern.  

„Die Fotografien von Abisag Tüllmann (1935 – 1996) haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt“, schreibt die nach ihr benannte Stiftung auf ihrer Homepage. Ein lang erwarteter Dokumentarfilm über Leben und Werk der Fotografin von ihrer langjährigen Freundin Claudia von Alemann erinnerte am 7. August 2018 im naxos.Kino an sie: „Die Frau mit der Kamera – Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann“. 

Eine Ausstellung Tüllmann ´scher Fotos im Historischen Museum Frankfurt habe zu der Entscheidung geführt, den Film zu drehen, so von Alemann. Die bpk-Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz habe ihr alle Fotorechte für den Film freigegeben, um das Werk der Fotografin zu ehren, betonte die Filmemacherin. Sämtliche Versuche, die Öffentlich-Rechtlichen Medien als Sponsor zu gewinnen, seien hingegen gescheitert, da die Fotografin dort nicht bekannt war. „Dabei war Abisag nicht nur eine der wichtigsten Portraitistinnen bundesdeutscher Wirklichkeit, sondern  begleitete als Bildjournalistin und Theaterfotografin auch eine politische und kulturelle Ära“, sagte von Alemann, die 30 Jahre lang mit der Fotografin befreundet war. 

Carola Benninghoven, ehemalige Filmemacherin, Journalistin und Mitbegründerin des naxos.Kinos, hat 1995/96 für die Reihe 'Nachtlichter' kurze Portraits wichtiger Frankfurter Fotografinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Fotografie gedreht;  dazu gehörte selbstverständlich auch Abisag Tüllmann, die sie bis dahin allerdings persönlich nicht kannte. Die Annäherung an Tüllmann während der Recherchen beschreibt sie als eher schwierig. So habe Tüllmann auf sie  "den Eindruck einer eher sperrigen Person gemacht, ablehnend und skeptisch". In den Interviews denke Tüllmann lange nach, spreche langsam und wäge die Worte sehr genau ab. Das sei mit vielen Pausen verbunden und auch im Original so gefilmt. „Erst nach Abisag Tüllmanns Tod wurde mir bewusst, dass ich die Einzige war, die einen Film über sie gedreht hatte", sagte Benninghoven. 

„Fotografieren heißt teilnehmen“, war einer der Leitsätze von Abisag Tüllmann. Ihr ruhiger Blick auf alltägliche Situationen mit Menschen im realen Leben oder auf der Bühne des Theaters ermöglichte ihr Fotos, die die Essenz eines Augenblicks aufscheinen lassen. Ihre bildjournalistischen Arbeiten beschrieb sie selbst als Sozialreportagen. Das damalige Aufkommen von Farbfilmen stellte jedoch ihre s-w-Projekte sehr in Frage: Tüllmann hatte den Eindruck, dass Fotografien inzwischen doch sehr geglättet, zu sehr auf Mainstream getrimmt seien. "Das war ein deutlicher Bruch mit der alten schwarz-weiß Ästhetik und Abisag fürchtete, dass sie mit ihrer Arbeitsweise und ihrem Blick keine mediale Zukunft haben würde", betonte Benninghoven. Darüber, dass sie durchaus viele, nämlich mehr als 30 Tausend Farbfotos in ihrem Archiv hatte, sprach sie selten. Sie waren ihr nicht wichtig. 

Von Alemann und Benninghoven gingen dann noch auf eine Sequenz im Film ein. Sie zeigt Abisag Tüllmann mit einer Kamera am Steuer ihres Pkw. Während der Fahrt fotografiert sie gegen ihren Rück- und Seitenspiegel. Benninghoven filmte dabei vom Rücksitz aus. „Die dabei entstandenen Fotos sind sehr gelungen, sie waren für ihr Projekt 'Spiegelungen' gedacht." 

 Abisag Tüllmanns fotografisches Archiv befindet sich seit ihrem Tod 1996 im Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin (bpk) und im Deutschen Theatermuseum in München. Ihr Werk in Erinnerung zu erhalten ist erklärtes Ziel der 2008 von Freunden der Fotografin in Frankfurt am Main gegründeten Abisag Tüllmann Stiftung.

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2018
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Bild: Regisseur Hans Block (r.) und Axel Stolzenwald vom Chaos Computer Club, Frankfurt (l.) vermittelten den Gästen gemeinsam mit naxos-Moderator Gerd Becker (Mitte)  tiefere Einblicke in die Schattenseiten der unbegrenzten Möglichkeiten des Internets. 

 

In Manila, einer der sog. Cleaners-Zentralen, müssen Menschen Bilder und Videos sehen, die die User im Netz nicht sehen sollten: Pornografie, Vergewaltigungen, Terrorakte und dergleichen mehr – Inhalte, die die Richtlinien des Netzes verletzen. Sie müssen kurzfristig entscheiden: löschen oder freigeben. In vielen Fällen sind diese Arbeiter überfordert und danach für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Das naxos.Kino zeigte am 31. Juli 2018 den Dokumentarfilm „The Cleaners“ von Hans Block und Moritz Riesewieck. Regisseur Block, der zum Filmgespräch von Berlin nach Frankfurt/ Main angereist war, wurde 2013 auf einen gefilmten Kindesmissbrauch aufmerksam gemacht. Daraus entstand die Idee zum Film. Zunächst hatte sein Team versucht, diejenigen Firmen zu recherchieren, die diese Bilder einstellen. Seine Anfragen blieben jedoch ohne Reaktion. 

In Manila hatte das Drehteam schließlich eine Büroetage gefunden, die gerade umgebaut wurde. „Dort konnten wir nur des nachts mit den Protagonisten geschützt filmen, ein großes Glück“, sagte Block. Bei den Cleaners handele es sich ausschließlich um junge Menschen zwischen 18 und 20 Jahren, die nach der Schule ihren ersten Job angenommen hatten, mit der Begründung: „Ein Job im Büro ist ein sauberer Job. Das ist besser als sich als Müllsammler durchzuschlagen“. Erst über einen länger währenden Vertrauensaufbau sei das Drehteam den dortigen Cleaners nähergekommen. „Sie waren zum Teil stolz auf ihre Arbeit, denn mit ihrer Entscheidung, ein Bild zu löschen, hatten sie das Gefühl, das Netz frei von Brutalitäten zu halten“, berichtete Block. Noch vor Job-Beginn müssten sie Verschwiegenheitsverträge unterschreiben. Dann würden sie nur kurz „gecheckt“, erhielten ein paar Stichworte und Anweisungen und kämen dann aus dem Job nicht mehr heraus, weil sie mit dem Geld ihre Familien unterstützten.  

Bei strittigen Themen sei die „clickrate“ entscheidend, sagte Axel Stolzenwald  vom Chaos Computer Club, Frankfurt. Deshalb seien „anstößige Sachen“ mit hohen clickrates immer interessant für z.B. Goggle und Facebook. „Die argumentieren dann, sie seien keine Richter über verbreitete Infos, verschweigen aber, dass die clicks ihnen immer großen traffic bescheren“, so Stolzenwald weiter. Von den in Deutschland arbeitenden rund 1800 Cleaners bildeten Flüchtlinge den Großteil. „Qualifizierte Arbeitnehmer gibt es in diesem Bereich nicht“, betonte er. Hier erkennten Algorithmen störende Bilder, die sie nach Manila sendeten. Facebook etwa wolle nach eigenen Angaben keinen politischen Einfluss über Bilder im Netz nehmen, erstrebe aber andererseits Profit durch Content. So könnten z.B. Bilder über ein autokrates Türkei-System die Türkei dazu veranlassen, ihr Netz abzuschalten und damit Markt und Kapital zu sperren. Dies sei insofern schwierig, als ein Cleaner pro Tag eine vorgegebene Anzahl an Bildern löschen müsse, ohne den jeweiligen Kommentar dazu zu hören.  

„Die im Film gezeigten Cleaners arbeiten dort heute nicht mehr“, erklärte Block, „dem enormen Druck waren sie auf Dauer nicht gewachsen und arbeiten heute häufig in Call Centern“. Der Druck komme u.a. dadurch zustande, dass Google und Facebook nur „saubere Bilder“ lieferten, die jedoch der Realität nicht entsprächen. So würden von 100 Babybildern 90 mit weißen Babies veröffentlicht. Auch sei die Verständlichkeit von Texten aufgrund der problematischen Google-Übersetzungsmaschine wenig gesichert. Dazu Block: „Wir haben wegen dieser Schwierigkeiten auch mit Psychologen gesprochen. Sie bedauerten, dass sie keinerlei Einfluss auf die Cleaners nehmen konnten“. 

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018
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Foto: Die Gruppe Re- Encuentro spielt lateinamerikanische Lieder vor dem Filmbeginn

Beim Filmgespräch, das aufgrund der sommerlichen Temperaturen vor der Naxoshalle stattfindet, sind die Mitglieder der Muikgruppe Re- Encuentro mit dabei, die vor dem Film einige lateinamerikanische Lieder gespielt hatten. Außerdem ist Glenda Rojas Muehler zu Gast, die seit vielen Jahren in Frankfurt lebt und sich öffentlichkeitswirksam für die Einhaltung der Menschenrechte in Chile und weltweit engagiert.Sie alle haben den Militärputsch am 11. September 1973 in Chile erlebt und sind später nach Deutschland emigriert, weil die Lebensbedingungen und Verfolgungen unter dem Pinochet Regime unerträglich waren.

Moncho - damals 24 Jahre - war am Tag des Putsches in der Nähe des Präsidentenpalastes La Moneda in Santiago de Chile. Er wollte mit Freunden zum Palast, um Allende zu unterstützen, aber auf den Straßen davor stießen sie schon auf durch die Putschisten erschossene Menschen. Glenda Rojas Muehler wurde als aktive Gewerkschaftlerin nach dem Putsch in das Stadion Estadio Nacional verschleppt, das wie ein KZ eingerichtet wurde und in dem bis zu 40.000 Gefangene waren.

Moncho berichtete, dass mit der demokratischen Wahl in Chile, bei der mit Allende erstmals ein sozialistischer Präsident gewählt wurde, große Hoffnungen verbunden waren. Für ihn war am wichtigsten, dass alle Menschen, arm oder nicht, gleichbehandelt werden sollten und dass Bildung und Gesundheitsversorgung für alle ermöglicht wird. Die (Kupfer-) Industrie sollte verstaatlicht werden und Allende hatte auch konkrete Maßnahmen vorgesehen, wie z.B. kostenlose Milch für alle Kinder. Dies alles wurde mit dem Putsch zu Nichte gemacht, stattdessen ein Klima von Angst und Verfolgung für alle, die die Putschisten nicht bejubelten. Pavin Eichin, der gerade an seiner Promotion an der Goethe Universität arbeitet, berichtet, dass es keine genauen Zahlen gibt, aber dass viele Chilenen nach dem Putsch das Land verlassen haben oder verlassen mussten. Es gibt Schätzungen, dass es 10% der Bevölkerung gewesen sein könnten. Es gab eine Vielzahl von Aufnahmeländern in Südamerika, aber auch die USA und viele Länder in Europa, wobei besonders viele Chilenen von Schweden aufgenommen wurden.

 

Diskussion Allende
Die Gesprächs- Runde vor der Naxoshalle; unsere 4 chilenischen Gäste sitzen zwischen den Fenstern, links davon naxos.Kino Moderatorin Hilde Richter.

 

Allendes Vision und sein politisches Programm galt Chile und er war -anders als andere Linke - gegen eine Volksbewaffnung, weil er keinesfalls einen Bürgerkrieg begünstigen wollte. Dies alles sind Hintergründe, die im Film Mein Großvater Allende selbst nur im indirekt vorkommen, aber wichtig zum Verständnis sind. Im Mittelpunkt steht der Poliiker Allende in seinem familiären Umfeld und der Versuch seiner Enkelin, den Menschen Allende durch Gespräche mit Familienangehörigen kennen zu lernen. Dabei wird deutlich, dass sich die Familie schwertut, ihr dazu Auskunft zu geben.

Die Frage aus dem Publikum an die chilenischen Gesprächsgäste lautet, ob sie diese Vermeidung von Gesprächen über die familiäre Vergangenheit auch erlebt haben. Dies wird durchweg bejaht und berichtet, dass einiges aus der Vergangenheit als Tabu behandelt wird. Pavin Eichin antwortet zur Frage, wie Allende heute in Chile beurteilt wird, dass auch heute noch von nationalistischen Kräften versucht wird, die damaligen Ereignisse im Nachhinein umzudeuten. So werden Allende und Anhänger als Terroristen bezeichnet. Die vielen Opfer des Putsches haben keine oder nur eine geringe Entschädigung erhalten und viele der Täter, die grausame Taten begangen haben, wurden nicht bestraft. Die fehlende Aufarbeitung und die heute noch in weiten Teilen vorhandene politische Unfreiheit, verbunden mit den traumatischen Erinnerungen an den Putsch führen bei vielen emigrierten Chilenen dazu, dass sie nicht mehr nach Chile zurück wollen.

Wir - die Aktivisten des naxos.Kino - bedanken uns bei den Mitgliedern von Re-Encuentro für die musikalischen Beiträge vor dem Film und bei allen chilenischen Gästen für die eindrucksvolle und offene Diskussion zum Abschluss an diesem schönem Sommerabend.

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2018
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Foto: Wolf Lindner und Beate Niemann im Gespräch.

Der gute Vater – eine Tochter klagt an (D 2003) begleitet Beate Niemann über den Verlauf eines Jahres bei der Recherche zu ihrem Vater und ehemaligen Gestapochef Bruno Sattler. Sattler saß nach Ende des 2. Weltkrieges bis zu seinem Tod 1972 in der DDR in Haft und galt in der BRD jahrelang als Opfer eines Unrechtsurteils. Als Beate Niemann nach dem Mauerfall versucht, ihren Vater zu rehabilitieren, erfährt sie erstmals von den Verbrechen, für die ihr Vater verantwortlich war. Als Chef der Gestapo in Belgrad (1942–1944) organisierte der ehemalige Berliner Kriminalkommissar die Verschleppung von Zivilisten zur Zwangsarbeit sowie die Ermordung tausender Juden. In Berlin hielten Niemanns Mutter und seine ehemaligen Kollegen hingegen die Erinnerung an Sattler in Ehren.

Im Gespräch berichtet Beate Niemann von einer verschwörerischen Verbundenheit des väterlichen Umfelds nach dem Kriegsende, in dem sich alle gegenseitig gedeckt hätten. So ließ die Mutter ihre Töchter bei Besuchen in der Haftanstalt handgeschriebene Seiten mit Grüßen von Bekannten verlesen, deren Namen sich später als Decknamen herausstellten. Von der jüdischen Vorbesitzerin ihres Hauses erzählte die Mutter ihren Töchtern, sie habe sie sicher ins Schweizer Exil begleitet; eine Notiz an den Vater zeugt hingegen von ihrer Deportation von Berlin-Grunewald nach Auschwitz.Die Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Yoash Tatari, so Niemann, entstand nach dem Erscheinen eines kontroversen Artikels, der im Dezember 2000 im Tagesspiegel über ihre Familiengeschichte erschienen war. Angebote von Dokumentarfilmern folgten, unter denen sich auch eine Nachricht von Tatari befand, der eine Liste mit Filmen beigelegt hatte, die er in den vorangegangenen Jahren für den WDR produziert hatte (u. a. Glückselig in New York, 1996 und Ende eines amerikanischen Traums: Attentat auf Robert F. Kennedy, 2000). Sie sei fasziniert gewesen, dass solche Filme in Deutschland gemacht würden und gestattete Tatari, nach weiteren zwei Monaten, sie über die Dauer von einem Jahr zu begleiten. Besonders diskutiert – auch am Abend in der Naxos-Halle – ist Niemanns Satz, mit dem der Film endet: „Ich will diese Verbrechereltern nicht haben.“ Wenngleich sie nichts an ihrer Abstammung ändern könne, so wolle sie zumindest wissen, was ihre Eltern zu verantworten hätten. Es ist diese Forderung nach Aufklärung und Geschichtsbewusstsein, die hinter den historischen Verbrechen reale Täter sichtbar macht und an die Leben und die Geschichten derer erinnert, die diesem Unrecht zum Opfer gefallen sind.Tataris Film wurde 2004 mit der Goldmedaille für den besten Dokumentarfilm und mit dem Grand Award des New York Film Festivals ausgezeichnet. Beate Niemann hat die Biographie ihres Vaters zudem als Buch veröffentlicht (Mein guter Vater: Leben mit seiner Vergangenheit, 3. überarbeitete Auflage 2008) und besucht seit 2001 regelmäßig Schulklassen. Für August dieses Jahres plant sie eine Reise nach Albanien, um die letzte offene Station im Leben ihres Vaters zu rekonstruieren

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2018