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Auf dem Foto:

naxos.Kino Moderator Wolf Lindner und Doktorandin Annelies Augustyns. Sie promoviert an der Universität Antwerpen mit dem Forschungsprojekt Städtische Erfahrung im "Dritten Reich": eine topopoetische Analyse deutsch-jüdischer autobiographischer Literatur aus Breslau. Sie untersucht dabei, wie die Stadt literarisch dargestellt wird, welche Orte wichtig werden und welche Strategien die jüdischen Opfer benutzen. Die wichtigste Quelle ihres Korpus sind die Tagebücher von Willy Cohn, die auch im Film Ein Jude, der Deutschland liebte (2008), zentral stehen.

Der eindrucksvolle Film der Filmemacherin Petra Lidschreiber wurde beim Filmgespräch im naxos.Kino von BesucherInnen sehr gelobt. Er gibt einen unmittelbaren Eindruck der Persönlichkeit von Willy Cohn und zeigt wie ihn seine Kinder und Enkel beim Besuch seiner Heimatstadt Breslau sehen und würdigen. Breslau, heute das polnische Wrocław, hatte in den 1930er Jahren die 3. größte jüdische Gemeinde nach Berlin und Frankfurt.Die als Gast beim Filmgespräch teilnehmende Literaturwissenschaftlerin Annelies Augustyns kennzeichnet ihn vor allem mit seiner Identität als Deutscher und Jude. Seine Verbundenheit mit Deutschland und deutscher Literatur und Kultur erschwerte seine Auswanderung: „Kann man mich noch verpflanzen außer nach Erez Israel?“ (3. Dezember 1938, S. 560). Auch von einem 4-wöchigen Besuch 1937 in Palästina bei seinen bereits dorthin emigrierten Kindern kommt er zurück nach Breslau. Allerdings war es ihm auch nicht gelungen, dort eine Arbeit zu finden oder eine Aufnahme in einen Kibbuz zu bekommen. Seine Ehefrau wollte auch nicht in Palästina bleiben, weil sie sich nicht glücklich fühlte und das Klima nicht ertragen konnte. Obwohl er sich am Ende unter der immer bedrohlicheren Lage um seine Alijah bemüht, gelingt es ihm nicht.So geschah es, dass die Familie – Willy Cohn, Ehefrau Gertrud und die Töchter Susanne und Tamara - am 21. November 1941 festgenommen, nach Kaunas in das besetzte Litauen deportiert und am 29. November zusammen mit 2000 Juden aus Breslau und Wien erschossen wurden.Einigen Besuchern lief es schwer, Cohns Äußerungen, wie sie im Film wiedergegeben werden nachzuvollziehen. „Daß das deutsche Volk Lebensraum braucht, kann man verstehen, und wenn man ihm diesen Lebensraum gewährt hätte, so wäre es niemals zu dieser Judengegnerschaft in Deutschland gekommen.“ (31. Januar 1939, S. 597) Ein möglicher Erklärungsversuch für diese Auffassung sieht Frau Augustyns darin, dass für ihn als bekennender Zionist die Schaffung eines eigenen Staates Israel für alle Juden im Mittelpunkt steht und er Parallelen zum Nationalismus des Deutschen Reiches sieht.Seine ganze Aufmerksamkeit galt in den letzten Jahren in Breslau seinen Tagebüchern und seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Fast täglich ging er in die Katholische Diözesanbibliothek (die universitären und öffentlichen Bibliotheken durfte er nicht mehr betreten), um dort sein geistiges Werk fortzusetzen.Frau Augustyns berichtet, dass seine Tagebücher, die er auch als sein geistiges Kind bezeichnete, über Else und Paul Zeitz, Verwandte von seiner ersten Ehefrau, nach London verbracht werden konnten und von dort an seinen Söhnen nach Israel kamen.Cohns Tagebücher sind heute in den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem archiviert und wurden als Zeitzeugnis jüdischer Geschichte im Dezember 2006 erstmals veröffentlicht. Cohn gilt neben Victor Klemperer als einer der wichtigsten Chronisten der Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung vor allem aber auch des jüdischen Alltags in Deutschland nach 1933 unter den Bedingungen schrittweise zunehmender wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Unterdrückung.Die im Film gezeigten Ansichten der Breslauer Altstadt erinnern einige Besucher an die Frankfurter Altstadt. Frau Augustyns weist darauf hin, dass diese Häuser in Breslau nahezu alle nach dem Krieg wiederaufgebaut wurden, da die Altstadt zu ca. 70% zerstört worden war.Wenn am Ende des Filmes ein Gruppenbild der vier-Generationen-Familie gezeigt wird, sind die Zuschauer gerührt:  wenn Cohn in seinen Tagebüchern schreibt, dass es sein Wunsch war, dass seine Kinder seinen Namen fortsetzen, so haben sie diesen wahrgemacht.

Bericht/ Foto: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2018
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Bild: Naxos-Moderator Wolf Lindner (l.) mit seinen Gesprächspartnern Jane Kranz, seit kurzem Leiterin der IBMS-Privatschule Frankfurt, und Rudi Pfeifer, Geschäftsführer BanaFair e.V., Gelnhausen.

Verbraucher können bei Biobananen davon ausgehen, dass die Früchte nicht mit Pestiziden behandelt sind. Denn in der der Nahrungsmittelproduktion gibt es keinen Bereich, der besser und strenger kontrolliert wird als der Bio-Sektor. Erschwerend wirkt sich jedoch ein enormer Wasser- und Plastikverbrauch in der Produktionskette aus. Und obendrein macht eine EU-Norm keine Unterschiede zwischen Bio- und konventionellen Bananen. Um vor allem in Europa und den USA makellose Bananen dennoch zu Spottpreisen kaufen zu können, zahlen die Menschen in den Anbauländern einen hohen Preis auf Kosten ihrer Gesundheit. Das belegten am 3. Juli 2018 im naxos.Kino die beiden Dokumentationen „Der Preis der Bananen“ und „Über Bananen und Republiken“. Im anschließenden Filmgespräch diskutierte naxos-Moderator Wolf Lindner mit Jane Kranz, Fachfrau für Wirtschaft in der Dritten Welt, BanaFair-Geschäftsführer Rudi Pfeifer und den Besuchern über die Auswirkungen des konventionellen Bananenanbaus für Mensch und Natur.  

„Es dauert etwa fünf Jahre, bis die gesamten Schadstoffe aus dem Boden abgebaut sind, um ein Produkt `Bio` zu nennen. Kleinere Bauern können sich das nicht leisten“, kritisierte Kranz. Auch beklagte sie den hohen Wasserverbrauch, also den Missstand, dass etwa in Kenia ganze Bereiche gesperrt werden, um zum Beispiel Rosen oder Kaffee zu spülen. „Nicht einmal die Bewohner dürfen dort ihre Tiere tränken.“ Bananenplantagen lägen immer in Meeres- oder Flussnähe, ergänzte Pfeifer. „Das abfließende Wasser trägt die Pestizide fort und verfärbt sich: Tote Fische treiben auf dem Rücken“. Er betonte, dass im Bio-Anbau keine Agrargifte eingesetzt würden, räumte aber den Einsatz größerer Mengen in der konventionellen Nahrungsmittelproduktion ein: „Das ist doch im Grunde das Fatale an der Geschichte, dass auch die sauberste Bio-Produktion durch benachbarte konventionelle Produktion in Mitleidenschaft gezogen werden kann, etwa durch Abdrift vom Nachbarbauern oder Kontaktkontamination“. 

Anhand einer teuren Stichprobe mit Messergebnissen nahe der Pestizid-Grenzwerte für Biobananen hatte BanaFair vor sechs Jahren erfahren, was Einkaufsmacht ausmacht. Bei der Recherche hatte sich herausgestellt, dass der Lieferant das Verpackungsmaterial wahllos neben pestizidbehandelten Säcken gelagert hatte. Zuvor hatte der eingetragene Verein für eine kurze Zeitspanne einen Vertrag über die Lieferung von Biobananen für eine große Lebensmittelkette abgeschlossen. „Obwohl wir belegen konnten, dass unser Unterlieferant dafür verantwortlich war, sind wir sofort aus dem Vertrag herausgeflogen“, sagte Pfeifer. 

Laut EU-Norm ist eine Banane mit „einer Länge von mindestens 14 Zentimeter und einer Dicke von mindestens 27 Millimeter“ definiert. D I E Banane schlechthin gebe es nicht, meinten viele Besucher. Es gebe viele Bananen unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichem Geschmack. „Bananen schmecken immer“, meinte Kranz, „egal ob schwarz oder braun, wir haben sie immer selbst verarbeitet“. Für die „Sklavenarbeit“ auf den Plantagen machte sie die lokale Politik und die Politik bei den Konsumenten verantwortlich. Nicht nur in Mittelamerika, Hauptanbaugebiet für Bananen, auch in Afrika existiere Sklavenarbeit. Große Konzerne könnten dort nach Gusto schalten und walten: „Das ist modern slavery“. „Für zehn bis zwölf Stunden Schufterei erhalten die Menschen ein Minimum an Lohn“, stimmte Pfeifer zu. Arbeiter in den Plantagen bekämen rund 50 Dollar die Woche, bräuchten jedoch 400, um leben zu können und die Schule für die Kinder zu bezahlen: „Das ist Ausbeutung“. Biobananen zu fairen Preisen zu verkaufen, ist Pfeifer zufolge die Aufgabe von BanaFair. „Eine Kiste Bananen für sechs Dollar und dann bei uns ein Kilo Bananen für 99 Cent – das ist nicht möglich“. Daraufhin fragte Kranz: „Warum geht es uns hier so gut?“ und lieferte selbst die Antwort: „Weil es den Bauern dort schlecht geht“.

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2018
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 Bild: Regisseurin Barbara Trottnow im Gespräch mit naxos-Moderator Wilfried Volkmann. 

 

Eduard Zuckmayer (1890 – 1972) emigriert 1936 in die Türkei, weil die Nazis ihm Berufsverbot erteilen. Auf Wunsch von Atatürk baut er an der Gazi Universität in Ankara die Musikausbildung auf. Er bleibt bis zu seinem Tod und ist noch heute in der Türkei ein geschätzter Mann. Im Exil verlagert er seine Karriere als Pianist auf die Musikpädagogik. Damit weckt er in der Türkei das Interesse an klassischer westlicher Musik, legt aber auch Wert darauf, Musik allen Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen. So übersetzt er deutsche Volkslieder ins Türkische und arrangiert türkische Stücke mehrstimmig. Noch heute leben in Ankara ehemalige Studenten von ihm, die erzählen, wie er sie gefördert hat. Seine Tochter Michele berichtet von ihrer Kindheit in Ankara und Edzard Reuter, ehemaliger Mercedes-Chef, der mit seiner Familie bis 1946 in Ankara im Exil lebt, schildert seine Erinnerungen an Zuckmayer. Fühlt sich „Zuck“, so sein Spitzname, nach seiner Emigration in die Türkei als Türke? Der Film sucht nach Spuren, die er dort hinterlassen hat. Am 26.6.2018 stellte die Dokumentation „Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der Türkei“ die Frage, wie gut der deutsche Musiker in der Türkei integriert war. Zum Filmgespräch begrüßte naxos-Moderator Wilfried Volkmann die Filmemacherin und Regisseurin Barbara Trottnow. 

„Migration und die Türkei bilden mein Hauptthema“, sagte Trottnow. Die Produktion über Zuckmayer sei von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und der Filmförderung Baden-Württemberg gefördert worden. Der Dokumentarfilm sei eine Bereicherung in doppelter Hinsicht. Er bringe das Lebenswerk des bei uns im Vergleich zu seinem Bruder Carl eher wenig beachteten Eduard Zuckmayers näher und beleuchte gleichzeitig ein Thema, das aktueller kaum sein könne: Emigration und Integration.  

„Ich wollte kein klassisches Portrait machen, sondern nachschauen, ob Eduard Zuckmayer in der Türkei Spuren hinterlassen hat und fragen, ob er sich dort integrieren konnte“, so die studierte Diplom-Sozialwirtin. Obwohl das meiste archivierte Material über „Zuck“ in Deutschland lagere, sei sein Arbeitszimmer mit Bundesverdienstkreuz, Büchern und Fotos in Ankara erhalten geblieben. „Seine  persönlichen Papiere sind jedoch größtenteils verloren.“ Ob denn die westliche Klassik durch Zuckmayer die türkische Musik dominiert habe, fragte Volkmann nach. Trottnow zufolge habe er für eine Öffnung gesorgt und sei eine Bereicherung für die türkische Musik gewesen: „Er hat den Horizont der Musik in der Türkei erweitert“. 

Während ihrer Recherche habe Trottnow auch nach dem Grab Zuckmayers gefragt. Dabei habe sie erfahren, dass der Grabstein Ende der 70er Jahre von Nationalisten zerstört wurde. Nach Drehende hätten aber ehemalige Studenten einen neuen Grabstein aufgestellt. „Darin drückt sich die nach wie vor große Hochachtung vor Zuckmayer in der Türkei aus." Vor allem in der „modernen“ Türkei sei er weiterhin hoch geschätzt. Die aktuelle politische Situation habe jedoch dazu geführt, dass zahlreiche türkische Intellektuelle und Künstler zunehmend ihr Land verlassen, weil sie keine Gelegenheit sähen, in der Türkei zu arbeiten. „Ich fürchte, viele weitere werden die Flucht antreten“, sagte Trottnow. Vor allem diese Menschen bräuchten unsere Unterstützung durch Arbeitsmöglichkeiten, Visa und Stipendien. „Wir müssen die nach Westen orientierten Menschen in der Türkei unterstützen und die, die nach Deutschland kommen, müssen das Gefühl bekommen, hier unterstützt zu werden.“    

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2018
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Bild: V.l.n.r.: naxos-Moderator Wolf Lindner, Nassir Formuli, einer der Schauspieler im Dokumentarfilm, Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel, Leena Alam, eine der populärsten Theater- und Filmschauspielerin Afghanistans, die ebenfalls in der Dokumentation eine entscheidende Rolle spielt, Niklas Schenk, beruflicher und privater Partner der Regisseurin, und Bernd Mesovic, Pressesprecher und Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, Frankfurt. 

 

Während der Premiere eines Theaterstücks über Selbstmordanschläge in Kabul sprengt sich dort ein 17-jähriger Junge, der im Publikum sitzt, in die Luft. Die Zuschauer klatschen und jubeln, weil sie die Explosion für eine besonders realistische Showeinlage halten. Erst als sie die Verwundeten sehen, verstehen sie, was passiert ist. Das naxos-Kino zeigte am 19. Juni 2018 den Dokumentarfilm „True Warriors“. Es ist die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der Bühne standen. Sie wollten mit ihrem Stück über Selbstmordanschläge ein Zeichen setzen gegen den Terror, der die Gesellschaft zerfrisst. 

Die beiden Schauspieler Leena Alam und Nassir Formuli haben an diesem Abend nur begrenzt Zeit. Deshalb stehen sie zunächst im Mittelpunkt des Filmgesprächs. Die Arbeit am Film habe sie von dem Schock des Attentats-Abends befreit, so Leena Alam. Eine therapeutische Betreuung habe sie nicht gehabt. „True Warriors“ zeigt u.a. das Nachspielen der Verbrennung einer jungen Frau auf offener Straße, die fälschlicherweise angeklagt war, den Koran verbrannt zu haben. Es sei schwierig gewesen, dazu Schauspieler zu finden, die bereit waren, bei der „Verbrennung“ mitzuspielen. Auch habe die Polizei anfangs das Spiel verboten. Das geschah dann in Eigeninitiative mit Erlaubnis des Grundstücksbesitzers. Daraufhin habe sie hunderte Hass-Nachrichten erhalten. Diese Vergangenheit versuche sie seit einiger Zeit, an deutschen Theatern zu verarbeiten. Sie spielt demnächst in Bad Hersfeld gemeinsam mit ihrem Kollegen Nassir Formuli im Stück „Peer Gynt“. Formuli hat inzwischen nach zwei Jahren sein Diplom an der Ernst Busch-Akademie in Berlin absolviert und tritt an der Puppenspieler-Schule und am Theater auf. „Wir wollen den Radikalen unser Land nicht überlassen“, sagte Alam, denn jede Woche komme es zu neuen Attentaten. „Ich gehe zuhause nicht mehr allein aus dem Haus, und wenn doch, dann nur in Burka, um nicht erkannt zu werden,“ sagte die Schauspielerin. Nassir Formuli hingegen glaubt nicht, wieder nach Kabul zurückzukehren: „Ich habe null Hoffnung auf Frieden“. 

Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel ist über einen Bundeswehr-Report nach Afghanistan gekommen und gemeinsam mit ihrem Partner Nikals Schenk nach Kabul gezogen. Die dortige Alltagsbrutalität habe den Ausschlag für den Film gegeben. „Wir wollten über Bilder rüberkommen, die wie eine persönliche Begegnung erzählen“, sagte Schenk. Der Film zeige ausschließlich „echte Bilder, vom öffentlichen Theaterstück, vom Attentat, von iphone-Filmen der Besucher, die sich bei den Zuschauern im Kopf festsetzen sollten“, bestätigt die Regisseurin. Dennoch gebe es immer noch eine Kulturszene in Kabul, hob Bernd Mesovic von Pro Asyl, Frankfurt, hervor. Die lebe jedoch stets „mit einem Bein in Gefahr“. Der Theatergruppe bleibe in Kabul immer mehr das Publikum weg, bestätigte Niklas Schenk, denn 95 Prozent der Afghanen hätten bereits einen Anschlag miterlebt. Die verbliebenen circa 1000 Schauspieler und Künstler dort genießen keinen guten Ruf, was von den Taliban geschürt werde. So „wurde die im Film gezeigte Farkhunda wegen einer angeblichen Koranverbrennung auf offener Straße gelyncht – und zwar nicht von den Taliban, sondern von ganz normalen Passanten. Wer also immer nur das Muster im Auge hat, der vergisst, dass es auf Seiten der Regierung wie sonst im Lande gewalttätige Akteure aller Art gibt: Warlords und ihre Milizen, Lokalpolizei ohne klare Loyalitäten, Räuber im Gewande der Religion. Und die `Normalen`, die die Gewalt nach Jahrzehnten als Handlungsform verinnerlicht haben“, sagte Bernd Mesovic. 

„Afghanistan ist nach deutschem Recht kein `Sicherer Herkunftsstaat`“, betonte der Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl. Das seien nur die Staaten, die in einer Liste zu § 29a Asylgesetz enthalten sind. Beachten müsse der Gesetzgeber im Rahmen einer Vorab-Prüfung im Gesetzgebungsverfahren, wie es in dem jeweiligen Staat steht um die Realität der Menschenrechte, die Diskriminierung und Verfolgung von Personengruppen und Minderheiten, die Effizienz des Justizsystems usw. Da Afghanistan kein Sicherer Herkunftsstaat im Sinne des Asylgesetzes sei, werden Anträge afghanischer Antragsteller in der Regel auch nicht als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Davon zu unterscheiden sei die im Asylverfahren in Bezug auf den Einzelfall zu klärende Frage, ob für den jeweiligen Asylsuchenden dort eine Gefährdung, Verfolgung usw. bestanden habe, die zu berücksichtigen sei. Die Behauptungen der Politik, Afghanistan sei zumindest in weiten Teilen und für bestimmte Personengruppen sicher, zielten auf die Durchsetzung der Rückkehr oder Abschiebung derer, bei denen eine Schutzbedürftigkeit nicht festgestellt worden ist. „Wer in Nordafghanistan nicht leben kann, der möge  doch eben anderswohin gehen. Absurd vor dem Hintergrund des herrschenden Chaos und der großen Zahl der unversorgten, im Lande selbst eine Zuflucht suchenden Binnenflüchtlinge“, so Mesovic. 

Und dann gebe es die Argumentation der „zu geringen Gefahrendichte“. Dazu Mesovic: „Das geht so: Wie viele Anschläge mit Toten und Verletzten gab es im Zeitraum X in der Provinz Y? Wie viele Menschen leben dort? Daraus wird die arithmetische Wahrscheinlichkeit errechnet, dass man im Falle einer Rückkehr/ Abschiebung einen ernsthaften Schaden an Leib und Leben erleidet. Die überwiegende Wahrscheinlichkeit, die zu berücksichtigen wäre, müsste bei mehr als 50 Prozent liegen“. Dennoch seien seiner Ansicht nach Asylanträge afghanischer Asylsuchender keineswegs chancenlos. Allein die Zahl der bestandskräftigen Entscheidungen zugunsten von Flüchtlingen zeige, dass  von Sicherheit in Afghanistan nicht  die Rede sein kann.  Auf die Liste Sicherer Herkunftsstaaten werde das Land deshalb auf lange Zeit hinaus nicht gelangen, so sehr die Bundesregierung sich bemüht, die Fakten zu verbiegen. „True Warriors“ habe gezeigt, „wie sehr selbst die Menschen in Kabul von der Frage des Flüchtens oder Standhaltens betroffen sind. Eineinhalb Jahre nach Abschluss des Films sind inzwischen noch mehr Menschen auf der Flucht – aus allen Schichten.“  

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018
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Bild: Der Frankfurter Musiker Matthias Baumgardt (r.) demonstrierte den Besuchern eindrucksvoll, dass und wie er sein Instrument beherrscht. Daneben naxos-Moderator und Filmpate Winfried Volkmann. 

 

„Warum soll ich mir teure E-Gitarren kaufen, wenn ich den angestrebten Sound auf einer selbstgebauten oder gar Kaufhausgitarre hinkriege?“ Mit dieser Frage leitete Matthias Baumgardt (55), Profi-Musiker und von 1979 bis 1984 Mitglied der Frankfurter Band „Straßenjungs“, das Filmgespräch am 12. Juni 2018 im naxos.Kino ein. Zuvor war die Davis Guggenheim-Doku „It might get loud“ gelaufen. Darin hatte der Regisseur drei Rockgitarristen der Musikgeschichte eingeladen, um ihre Findungswege zur Gitarre aufzuzeichnen: Jimmy Page (Ex-Led Zeppelin), The Edge (U2) und Jack White (Ex-Raconteurs und -White Stripes). Und es wurde tatsächlich laut, sowohl im Film als auch während des anschließenden Filmgesprächs. Denn Baumgardt hatte neben seiner Gitarre einen kleinen Vox-Verstärker inklusive Wah-Wah-Pedal und Echo im Gepäck. Damit sorgte er für einen Sound, der den Besuchern eine Gänsehaut über den Körper spannte. 

„Der Film spricht mir aus der Seele“, bekennt Baumgardt. So sei Jimmy Page in allen Fragen der Performance absolut geübt, beherrsche The Edge die Echos wie kaum ein anderer und hole Jack White aus einer selbstgebauten Gitarre das heraus, worauf es in der Rockmusik ankomme. Dann gibt er selbst eine Kostprobe zum Besten. Mit „Hilfsmitteln“ wie Wah-Wah-Pedal und Echo-King halt ein Rhythmus durch die Naxos-Halle nach, auf den er ein eindrucksvolles Solo legt: „Kein Teufelswerk, sondern schlichtes Handwerk“, merkt er an. 

Naxos-Moderator Wilfried Volkmann zitiert Jack White aus dem Film, wonach „jeder Gitarre spielen kann“, wie das Beispiel eines Zehnjährigen im Zusammenspiel mit White im Film belege. Baumgardt stimmt zu, seine Mutter habe ihn  inspiriert, indem bei Familientreffen immer Musik gemacht wurde. Ein sog. Riff – die kurze Abfolge einer sich immer wiederholenden Melodie – sei die Grundvoraussetzung für einen guten Song. Einen solchen könne man aber nicht erzwingen, sondern erst über Arbeit kreieren. „Irgendwann springt dann der Funke über und auf dieser Basis entsteht etwas“. Aber wenn dann im Studio das rote Licht leuchte, so der Gitarrist, sei es mit der Improvisation vorbei: „Dann wird Perfektion angestrebt“. 

Baumgardt besitzt nach eigenen Angaben „ein paar enachtziger Gitarren“. Da er feststelle, immer mehr zu seinen selbstgebauten zu tendieren, müsse er jetzt reduzieren, obwohl verschiedenartige Gitarren  auch stets für verschiedene Musikstile erforderlich seien. Und zum Schluss wird es nochmal laut. Der Musiker haut das Riff von „Whole lotta love“ raus. Der Sound füllt die Naxoshalle. Die Besucher grooven mit. Der anschließende Applaus ist genauso laut. „Sagenhaft“, so ein Besucher an der Theke.

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018
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Foto: naxos.Kino Moderatorin Barbara Köster (l.), Jochem Hendricks (r)

Die Diskussion nach dem Film Leaning into the Wind drehte sich schnell sowohl zwischen dem Gesprächsgast Jochem Hendricks (Künstler und Kritiker aus Frankfurt) und der Moderatorin Barbara Köster als auch mit den BesucherInnen um den Kunstbegriff im Werk des Landart Künstlers Andy Goldsworthy. Für Hendrix ist der heute gezeigte Film selbst Teil der medialen Inszenierung des Künstlers und er sieht die Leistung und den Anspruch von Goldworth vor allem darin, Erfindungen und Formen der Kunst in die Natur zurück zu führen. Er macht die großen Leistungen der Landart gewissermaßen gartentauglich.

Goldsworthy könne vom Anspruch als Schamane gesehen werden, der unbestimmte Rituale im Kontakt mit der Natur inszeniert. Dahinter steht dann auch die Ablehnung des klassischen Kunstkontextes, wie die Präsentation von Objekten in Ausstellungen und Museen, wo sich seine Ergebnisse auflösen würden. Gleichwohl verstehe es Goldsworthy ganz gut, seine Kunstform zu vermarkten, wie etwa durch die zahlreichen Bildbände und eben auch den Film.

Barbara Köster hat sich beim Betrachten der zahlreichen Kunstaktionen im Film gefragt, ob sie jeweils einen Sinn dahinter entdecken kann. Für einen Besucher ist es eher ein Perspektivenwechsel, den Goldsworthy unternimmt, den „von der Hecke aus“, während eine andere Besucherin mitteilt, dass sie unabhängig von diesen Überlegungen den Film „einfach nur genossen“ hat.Kontrovers wird unter den BesucherInnen und im Podium auch diskutiert, ob und welchen Respekt oder Tabus Goldsworthy im Hinblick auf seine Eingriffe in die Natur hat.

Schließlich dreht sich die Diskussion auch um die Kommerzialisierung der Kunstaktionen. Dies ist einmal für viele Künstler eine Notwendigkeit zur Existenzsicherung und kann bei großen Erfolgen und Einnahmen auch dazu genutzt werden, die Kunst weiter zu entwickeln.

Hendricks sieht, dass Goldsworthy in seiner Entwicklung entsprechend auch immer größere, umfangreichere Projekt gemacht, jedoch sich qualitativ nicht weiterentwickelt hat.

Eine weitere kritische Anmerkung geht dahin, dass er sich teilweise in spirituelle, religiöse Szenarien begibt, aber nicht erkennbar ist, dass damit eine Sinngebung einher geht.

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018
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Bild: „Der Dokumentationsfilm „Der Fahrradkrieg – Kampf um die Straßen“ sorgt am 22. Mai für ein volles Haus im naxos-Kino. Die Diskussion zwischen den Filmgästen und den Besuchern veranschaulicht Gesprächsbedarf zum Thema: Mehr als eineinhalb Stunden dauert die Diskussion über die Bedürfnisse von Fußgängern, Fahrrad- und Autofahrern im städtischen Verkehr mit v.l.n.r.: Verkehrsdezernent des Frankfurter Magistrats Klaus Oesterling (SPD), Wolfgang Siefert (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Stadt Frankfurt, naxos-Moderator Wolf Lindner, Bertram Giebeler, Verkehrspolitischer Sprecher Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Frankfurt am Main e.V. (adfc), Heiko Nickel, Verkehrspolitischer Sprecher Verkehrsclub Deutschland (VCD Hessen e.V.), und Sylke Petry, Fuss e.V., Hessen.. 

 

Die Zahl der Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern in Frankfurt nimmt im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2016 zwar ab, doch die Zahl der Schwerverletzten nimmt zu. Fußgänger laufen, Radfahrer fahren bei Rot über die Straße, Autofahrer sind zu schnell unterwegs. Autos belasten darüber hinaus mit ihren Abgasen nicht nur die Luft, sie benötigen auch sehr viel Platz. Zudem können sie Menschen verletzen oder gar töten. Es wird deutlich, wie sich vor allem in Städten die Mobilität ändern muss, wenn sich etwas verändern soll. Zu dieser Problematik sitzt am 22. Mai 2018 eine illustre Diskussionsrunde auf dem Podium im naxos-Kino. Laut Sylke Petry vom bundesweit aktiven Fachverband Fußverkehr, kurz: Fuss e.V., Darmstadt, soll jeder in der Stadt Spaß haben am zu Fuß gehen. Heiko Nickels Verkehrsclub Deutschland engagiert sich für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) mit Interessenausgleich von U- und S-Bahnen, Bussen, PKW, Fahrrädern, Fußgängern und der umweltbewussten Nutzung des Autos. Bertram Giebeler versteht seinen Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (adfc) als Interessenvertretung der Radfahrer. Für Wolfgang Siefert, Verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Römer, kommt es auf ein gleichberechtigtes Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und öffentlichem Nahverkehr an. Klaus Oesterling, Frankfurter Stadtrat und Verkehrsdezernent, besitzt nach eigenen Angaben weder Auto noch Führerschein („habe ich nie gemacht“) noch Dienstwagen, weiß aber, „wie man sich durch die Stadt bewegt“. 

Studien bzw. Erhebungen über die Mobilität sämtlicher Verkehrsteilnehmer verschwinden laut Oesterling in den meisten Fällen nach zwei Jahren in der Schublade. Politische Entscheidungen mit Zustimmung aller drei Frankfurter Regierungs-Parteien (wie z.B. über die Sanierung der Textorstraße in Sachsenhausen) gingen in der Regel zu Lasten entweder der Anlieger, Rad- oder Autofahrer. Das Problem dabei sei der vorhandene öffentliche Raum, der von einer politischen Mehrheit geplant werden müsse, meinte Bertram Giebeler. Sanierung sei dabei immer eine Chance, denn Geld sei ausreichend vorhanden. Aber: „Wir kommen nur weiter, wenn wir dem Autoverkehr Fläche nehmen“. Heiko Nickel zufolge wird die Mobilität auf den Straßen immer wichtiger. Deshalb müsse der öffentliche Raum vernünftig aufgeteilt werden. Städtische Autos stünden oft wochenlang an der gleichen Stelle, weshalb „parkende Autos in den Städten nichts zu suchen haben, außer für Handwerker und Lieferverkehr“. Giebeler pflichtet dem bei, indem er dafür plädiert, dass „Verkehrsmittel mit dem geringsten Platzanspruch bevorzugt werden müssen“. Sylke Petry verweist darauf, dass die Verkehrssicherheit auch vom Parken im öffentlichen Raum abhänge: „Auch Senioren und Kinder müssen in den Städten bequem zu Fuß gehen können, dies wird oft durch illegal auf dem Gehweg geparkte Autos verhindert“. 

Zugeparkte Radwege seien die Regel und bildeten Gefahrenquellen. Viele Menschen wüssten zwar, dass Radfahren gesünder und vernünftiger sei, trauten sich aber wegen der großen Gefahren nicht mit dem Rad in den Verkehr, heißt es seitens der Besucher. Siefert fordert dazu auf, Unterschriften für den Radentscheid zu sammeln. Oesterling kritisiert hingegen zunehmend wild abgestellte Leihräder, die gleichermaßen ein öffentliches Ärgernis bildeten. Nickel kritisiert, man könne in Frankfurt nicht annehmbar Rad fahren, woraufhin er vernünftige Lösungen für Radler fordert. Deshalb müsse seiner Meinung nach ein Mobilitätskonzept helfen, Platz zu sparen. „Das muss in einer laufenden Legislaturperiode der Dreierkoalition zu bearbeiten sein“. 

Wird der zunehmende Radfahrerfluss – wie etwa in Kopenhagen – auf Flächen des Fußverkehrs gelenkt, so empfindet ihn Petry auch als Bedrohung für Fußgänger: „Auf Gehwegen ist entspanntes Bewegen angesagt, hier muss Fortbewegung in Schrittgeschwindigkeit ohne permanente Aufmerksamkeit möglich sein. Das muss bei Planungen berücksichtigt werden“. Jedoch sind vorhandene Straßen im Allgemeinen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt. Sie nähmen laut Nickel etwa 90 Prozent des öffentlichen Raums ein, „deshalb brauchen wir endlich neue Konzepte“. Einfach nur Schilder mit der Aufschrift „Fahrradstraße“ aufzustellen, funktioniere nicht, so Siefert. Deshalb fordert Giebeler innerstädtisch ein Konzept „Fahrradstraße reloaded“. Oesterling nennt die zahlreichen Öffnungen gegen den Verkehr in Einbahnstraßen als Beispiel, um den Radfahrern entgegen zu kommen, was aber auf Dauer keine befriedigende Lösung sei. 

Was künftig realisierbar sei, fragte Moderator Wolf Lindner nach. Dazu die Besucher: Ampelschaltungen müssten pro Radfahrer eingestellt werden, das Beispiel Dänemark zeige seit langem ein weitaus positiveres Verhältnis zwischen Fußgängern, Rad- und Autofahrern, Autofahren müsse in der Innenstadt langsamer werden, sämtliche Verkehrsteilnehmer sollten mehr Rücksicht aufeinander nehmen, um mögliche Aggressionen von vornherein zu entspannen, denn „Grün heißt nicht sicher, deshalb nehmen die Konflikte zu“. 

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2018
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Am Nachmittag des Samstag, 9. Juni werden ab 14 Uhr im Kino in der Naxoshalle 5 Kurzfilme von jungen Frankfurter Filmemachern gezeigt. Ein Gespräch mit den Filmemachern ist danach vorgesehen.

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2018
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Bild:  Eine engagierte und kontroverse Diskussion zwischen den Gesprächsgästen Stefan Jäger (l.), Abteilungsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Frankfurt, der Frankfurter Autorin und Regisseurin Ina Knobloch sowie den Besuchern moderierte Gerd Becker (r.) im Anschluss an den Film „Free Speech“. 

Die Frage, wie Rede- und Meinungsfreiheit in einer Demokratie aussehen sollte, können auch die Protagonisten des gezeigten Films nicht endgültig beantworten. Engagiert und teilweise kontrovers verlief dann auch die Diskussion zwischen den Besuchern und den beiden Gesprächspartnern im Anschluss an den Dokumentarfilm „Free Speech“ am 15. Mai 2018 im naxos-Kino. Problematisch an der Meinungsfreiheit sei die Sprache bei der Informationsübertragung, betonte naxos-Moderator Gerd Becker, indem er auf das aktuell kritisch diskutierte „Sozial-Kreditsystem“ Chinas verwies, das jedem der rund 1,2 Milliarden Menschen durch Überwachung ein Punktekonto nach sozialer, wirtschaftlicher und politischer Tauglichkeit erstellt. Er bezeichnete es als „orwell´sche Krisenprävention“. 

Die Frankfurter Autorin und Regisseurin Dr. Ina Knobloch hatte einen „beobachtenden Film mit gut ausgewählten Interview-Partnern“ gesehen, mit dem Ziel, „die Demokratie nicht zu gefährden“. Stefan Jäger, Abteilungsleiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Frankfurt, sah dagegen einen „problematischen Film“, dessen zielführende Absicht er nicht erkennen konnte: „Meine Erwartung hat er nicht erfüllt“. Becker hob hervor, dass der Film zwei Aspekte behandele: 1. Redefreiheit als Kern von Demokratie, 2. die Auswirkungen neuer Medien auf die Demokratie. 

Knobloch zufolge seien Gesetze zur Einschränkung der Redefreiheit richtig, um mögliche Informationsmanipulationen zu verhindern. Den idealen Weg dorthin habe der Film jedoch auch nicht aufzeigen können. Redefreiheit sei einzuschränken, wenn zum Beispiel der Holocaust verleugnet würde, schloss sich Jäger an. Mitbedenken müsse man jedoch, dass es stets um einen „ungehinderten Zugang zu Informationsquellen“ gehe, ergänzte Becker. 

Dass Einschränkung der persönlichen Meinungsäußerung immer wieder vorkämen, sagte ein Betroffener aus dem Publikum, was die Gesprächsrunde bestätigte. Wichtig vor diesem Hintergrund sei eine Erziehung in puncto digitalisierter Wissensverbreitung, so ein Besucher. Über eine Einschränkung der persönlichen Meinungsäußerung beklagte sich der Besucher Abraham Melzer. Ihm wurden nach eigenen Angaben mehrmals Räume durch die stadtnahe Saalbau verweigert, als er dort im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse 2017 eine Lesung aus seinem aktuellen Buch durchführen wollte. Obwohl diese Verbote zweimal einer gerichtlichen Überprüfung nicht standgehalten hatten, verweigerte man dem Autor des Buches die Möglichkeit, seine Meinung in Räumen der Saalbau zu äußern. Begründung: die darin enthaltenen Kritik an der Politik des Staates Israel. 

Der Film sei zwar „rührend“, aber wirkliche Probleme der Rede- und Informationsfreiheit würden nicht thematisiert, hieß es an anderer Stelle. Jäger forderte deshalb, den „seriösen“ Journalismus zu unterstützen und zu fördern: „Kompetenter Journalismus braucht nicht nur Zeit für Recherche und Geld, sondern auch die Möglichkeit, die Ergebnisse zu veröffentlichen“. Knobloch stimmte dem grundsätzlich zu, nannte jedoch ein Bespiel für Zensur innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender. Danach wurde der Film „Ausgewählt und ausgegrenzt" trotz intensiver Recherche und hoher Kosten wegen Israel-Freundlichkeit nicht gesendet. Sie bezeichnete das Beispiel jedoch als nachvollziehbar: „Niemand in Deutschland bemüht sich besser, ausgewogen zu berichten als der ÖR-Rundfunk“. 

Thema des gezeigten Films sei die Bedeutung von Meinungsfreiheit, bestätigte Becker, nicht aber die Freiheit der Medien. „Wir haben die sozialen Medien noch gar nicht unter Kontrolle“, stimmte Knobloch zu. So genannte „Geldgeber“ könnten eine Meinung viral verbreiten lassen, für oder gegen eine Person, eine Ideologie, gar gegen einen Staat: „Da brauchen wir Gesetze, die derartiges verhindern“. Die Besucher waren sich einig, dass nur glaubwürdige Informationen zur Meinungsbildung führten. Verschwörungstheorien müssten aufgedeckt werden. Zu diesem Zweck sei es erforderlich, persönliche Daten aus sozialen Netzen anzufordern, um deren schutzlose Verwendung zu verhindern. Meinungsfreiheit könne auch in demokratischen Staaten, Organisationen und Institutionen noch nicht immer und überall gelebt werden.

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2018
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Bild: naxos.Kino Moderator Gerd Becker (r.) diskutierte mit Prof. Thomas Elsaesser (M) und Dr. Konrad Elsaesser (l.) sowie den Besuchern über den Film „Die Sonneninsel“.

In den 1920er Jahren steht Liesel Elsaesser zwischen zwei Männern: Sie ist mit dem Architekten Martin Elsaesser verheiratet, liebt aber gleichzeitig den Architekten Leberecht Migge. In seinem Essayfilm „Die Sonneninsel“ schildert Thomas Elsaesser, Enkel von Martin, die Liebes- und Familiengeschichte unter Verwendung privater Filmaufnahmen und Dokumente aus dem Familienarchiv. Das naxos-Kino zeigte den Film am 8. Mai 2018. Martin Elsaesser (1884-1957) prägte als Stadtbaudirektor (1925 bis 1935) von Frankfurt die Architektur der Stadt (insbesondere die Großmarkthalle) entscheidend. Leberecht Migges' Interesse hingegen galt hauptsächlich der Garten- und Landschaftsarchitektur. Auf der „Sonneninsel" in der Nähe von Berlin versuchte er mit Liesels Unterstützung, seine Idee von sozialem Ausstieg und Selbstversorgung umzusetzen. Dort begegneten sich auch die beiden Männer. Zum Filmgespräch kamen zwei Gäste aus der Familie. Thomas Elsaesser (75) ist Professor für Film- und Fernsehwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Als Enkel des Architekten Martin Elsaesser ist er ein Vertreter der internationalen Filmwissenschaft, dessen Bücher und Essays in mehr als 20 Sprachen erschienen sind. Neben ihm saß Konrad Elsässer (70), Großneffe von Martin Elsaesser. Er ist Geschäftsführer der Martin-Elsaesser-Stiftung, einer 2009 in Frankfurt gegründeten, gemeinnützigen Einrichtung, die dem ideellen und baulichen Erbe Martin Elsaessers verpflichtet ist.  Themenmittelpunkt ist die Reflexion der konträren architektonischen Konzepte Elsaessers und Migges: hier das Bauen im Geiste des kapitalistischen Wachstumsdenkens, dort eine Stadtplanung, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und auf Ideen zurückgeht, die bis heute in der grünen Bewegung fortleben. „Ausgangspunkt für den Film war die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), das von ihr erworbene Gebäude der Frankfurter Großmarkthalle, das unter Denkmalsschutz steht, so stark baulich zu verändern, dass dessen architektonische Integrität gefährdet war“, sagte Thomas Elsaesser. Eine von Frankfurter Architekten eingeleitete Aktion „Rettung der Großmarkthalle“ wandte sich an die Nachfahren des Architekten Martin. In einer außergerichtlichen Einigung zwischen EZB, Stadt Frankfurt und den Elsaesser-Nachfahren verpflichteten sich die drei Parteien, das künstlerische Erbe dieses wichtigen Architekten des „Neuen Frankfurt" zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde die Martin-Elsaesser-Stiftung ins Leben gerufen, die mit Ausstellungen und Publikationen an die Öffentlichkeit tritt. So entstand auch die Idee des Dokumentarfilms, der das Schaffen Martin Elsaessers wieder ins Gedächtnis rufen soll. „Als Medienhistoriker habe ich einen professionellen Produzenten beauftragt, den Film zu machen“, so Thomas Elsaesser. Die Recherche habe acht Jahre, die anschließende Produktion weitere zwei Jahre in Anspruch genommen. Früher hätten die Schmalfilme ausschließlich Familienbezug gehabt, erst später habe er die Dokumentation des Migge’schen Nachhaltigkeitsprojekts wie auch des Werbens um die zukünftige Ehefrau in den Filmen seines Vaters entdeckt. „Es handelt sich um eine Kombination aus Briefen, Gedichten und gesprochenen Worten“, ergänzte Konrad Elsaesser. „Man kann es aber auch als tragische Fabel erzählen: ein Mann stiehlt einem anderen die Frau, entführt sie auf eine Insel, stirbt aber bald, sodass der Andere zwar wieder mit seiner Frau lebt, aber im Schatten seines toten Rivalen“, so Thomas Elsaesser. Auf die Frage von naxos-Moderator Gerd Becker , wie denn die anderen Familienmitglieder aus dem Film auf die sehr privaten Bildern reagiert hätten, meinte der Regisseur, sie hätten die damaligen Verhältnisse „jeder innerhalb seines eigenen Familienverbands mitbekommen, und da divergierten die Erinnerungen der Nachfahren der Töchter von denen der Söhne“. Die Reaktionen von Filmbesuchern Osteuropas, vor allem aus ehemalig von Nazis besetzten Ländern, sei hingegen „geprägt von der Neugier, wie die Deutschen selbst den Krieg erlebten, und wie die Arbeit auf eigenem Boden mit Selbstversorger-Ideologie durchaus als Widerstand gegen Diktatur und Kollektivismus verstanden werden kann“. In den USA habe sich das Interesse auf die „Komplexität der Familiengeschichte“ konzentriert. In London etwa sei er mit der Aussage konfrontiert worden, „Ihr seid doch alle Nazis gewesen, oder?“, wo hingegen in Los Angeles Reaktionen zu hören waren, wie „der Regisseur setzt hier seinen Vater als Regisseur ein“. Technisch sei der Film über „die Wunder des Digitalen“ möglich gewesen: „Bilder nicht größer als ein Fingernagel werden auf der großen Leinwand wieder lebendig.“ Die Lebensgeschichten der circa zwölf Personen, die damals auf der „Insel“ lebten oder sie besuchten, seien hochinteressant, aber hätten den thematischen Rahmen des Films gesprengt, räumte der Regisseur ein. Das wolle er künftig vielleicht noch einmal „intensiv aufarbeiten“. Seitens der Besucher hieß es, einen solchen „dichten Film mit so viel Material geschaffen“ zu haben, sei schon „grandios“.  ]Die Frage kam von einem Zuschauer

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2018