Aktuelles

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Bild: Filmemacher Hans Puttnies und Moderatorin Barbara Köster

„Die Kultur im Wandel ist sehr gut dargestellt“, so fasste ein Besucher das Filmgespräch am 25. Juli 2017 im Naxos-Kino zusammen. Regisseur Hans Puttnies, der innerhalb von eineinhalb Jahren seinen Dokumentationsfilm „Palmyra“ gedreht, geschnitten und zusammengestellt hatte, nahm das Kompliment gern an: „Das ist ein gutes Schlusswort“.

Puttnies hat 2008 als einziger die Tempel, Türme und Skulpturen der 2015 vom IS zerstörten Ruinenlandschaft gefilmt. Damit ziele er auf die Unmittelbarkeit des Erlebens ab. So zeige der Film immer nur Gegenwart – 2008 wie auch heute. Was er beklagte, waren fehlende syrische Originaldokumente. Zwar existierten solche, trügen aber vorzugsweise zur Legendenbildung bei. Insofern sei die Überlieferung legendär, da die gefundenen Dokumente hauptsächlich römisch waren: „Mir sind keine originalen Schriften bekannt“. Ein anwesender Besucher aus Syrien protestierte, es gebe tatsächlich originale Schriften, etwa Gedichte aus der Zeit, die allerdings zerstört seien. Hier von einem Verschweigen von Quellen zu sprechen, grenze an „Kulturmord und Propaganda“. Naxos-Moderatorin Barbara Köster rief an dieser Stelle zum „Einhalten der Spielregeln“ auf. Jeder könne hier seine Meinung vertreten, sollte aber ein Gespräch nicht dominieren. Vor allem bei wieder einmal vollem Haus.

Neben viel Historischem zeigte der Film auch die Menschen, die vor dem Krieg von der Ruinenlandschaft Palmyra lebten, in erster Linie von den Touristen. Wo diese früher für drei Tage kamen, legt deren Bus heute nur noch einen dreistündigen Zwischenstopp ein. Entsprechend sind heute nur noch wenige Händler vor Ort und haben ausschließlich billige Massenproduktionen von Postkaten und Ketten im Angebot. Auf den Straßen der benachbarten Stadt waren nur Männer zusehen. Frauen wurden dem Regisseur erst vorgestellt, nachdem er nach den Gründen für ihre Abwesenheit auf den Straßen gefragt hatte: Frauen hielten sich eben in der Küche auf, so die Antworten.

Die Authentizität des Films resultiere vor allem aus dem Drehen mit einer semiprofessionellen Kamera, so Puttnies. Auch seien die Bilder und der Text nirgendwo anders abrufbar. Anfangs habe er einen Stummfilm geplant, habe sich dann aber für eine selbstgesprochene Textunterlegung entschieden. Sein 40 Jahre jüngerer Partner Daniel habe dann die Bilder und Kommentare mit Sound-Effects unterlegt und für jedes einzelne Kapitel der Films eigene Musiksequenzen komponiert, die die jeweilige Stimmung widerspiegelten.

Palmyra könnte heute eins zu eins wieder aufgebaut werden, meinte Puttnies, weil alles vermessen, fotografiert und gefilmt sei. Man wisse also ziemlich genau, wie alles einmal ausgesehen habe. Deshalb müsse ein „neuzeitiges Bildungsbürgertum trotz der Zerstörung keinen allzu großen Bildungsverlust erleiden“. Aus Puttnies´ Worten schwang dennoch Bedauern.

 

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2017
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Bild: Produzent Emmanuel Gétaz (l.)  mit Moderator Gerd Becker vom Naxos-Kino beim Filmgespräch am 11. Juli 2017.

Emmanuel Gétaz (53) ist Mitverfasser und Produzent von Jean Ziegler, der Optimismus des Willens, die der dokumentarische Mehrfachpreisträger Nicolas Wadimoff über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren gedreht hat. Gétaz erzählte am 11. Juli 2017 im Anschluss an den Film von der Realisierung dieser Dokumentation.

Er hatte zunächst das Cully Jazz Festival in der Schweiz mitorganisiert, wurde dann von 1990-98 Produktions- und Finanzdirektor beim Montreux Jazz Festival: „Mit einem Musikfilm habe ich dann auch gelernt, Filme zu produzieren“. Durch sein Studium der Politikwissenschaft kam er mit Jean Ziegler in Kontakt – einem der bedeutendsten Schweizer politologischen Intellektuellen. „Ich fragte ihn, was er von einem filmischen Portrait hielt“, so der Produzent. Nachdem er Zieglers Vertrauen gewonnen hatte, einigten sich beide übereinstimmend auf Nicolas Wadimoff als Regisseur.

Um eine gewisse Distanz zur Hauptperson zu schaffen, habe man gemeinsam ein Szenario entwickelt und an rund 40 Drehtagen zwischen 2014 und 2015 gedreht. Der Regisseur wollte eine Dokumentation mit nur einer Kamera und ein kleines Team, das während des Filmens auch immer Fragen aus dem Off stellen konnte.

Der heute 83-jährige Schweizer Soziologe, Politiker sowie Sachbuch- und Romanautor gilt als einer der bekanntesten Globalisierungskritiker. Er war von 1967 bis 1983 sowie von 1987 bis 1999 Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 bis 2012 gehörte Ziegler dem Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UN an. Im September 2013 wurde er erneut in dieses Gremium gewählt. Er Darüber hinaus ist er im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control.

Der weltbekannte Menschenrechtler habe seine politische Strategie in den frühen 1960er Jahren von Che Guevara übernommen. Seitdem wolle er die Welt verändern, erläutert Gétaz. Für Ziegler seien alle Menschen gleich. Das wurde auch im Film deutlich, wo er als ganz „normaler“ Mensch durch die Kubanische Hauptstadt Havana geht und sich bei dem Menschen nach deren Zufriedenheit mit der Situation erkundigt. Ebenso spricht er mit den Bauern einer landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft. So habe er zu allen unterschiedlichen Menschen einen ganz natürlichen Kontakt und setze sich für gleiche Chancen für alle ein, insbesondere für Kinder. „Hört man seine Reden, so ist stets eine Grundordnung zu erkennen“, warf Moderator Gerd Becker ein, was Gétaz bestätigte: „Wir haben seine Grundordnung immer wieder gehört. Dazu reichten ihm vier Karten mit den vier Hauptargumenten. Aber das ist der beste Weg, um Millionen von Menschen zu erreichen“.

Neben Ziegler zeigte ihn der Film wiederholt mit seiner Frau Erika. Sie sei eine starke Frau, so Gétaz, je mehr sie im Bild war, desto klarer wurde, dass sie intellektuell eher geerdet ist, während Ziegler selbst eher zum Überfliegen neige. Nachdem der Regisseur und der Produzent den beiden den Film zeigten, meinte sie: „Ich bin eine Kartoffel“. Er sagte nur „Wunderbar!“

Bei aller Intellektualität sei er, Gétaz, immer wieder überrascht von Zieglers „religiöser Schlagseite“ gewesen: „Er glaubt an einen Gott, zu dem er einen direkten Link hat“. Dennoch müsse die Richtung Revolution eingehalten werden, solange der Kampf nicht gewonnen sei. Hier zeige sich Ziegler als Hardliner: Die Revolution müsse gewinnen, auch wolle er keine Kritik an ihr hören. Insgesamt solle das Portrait den Menschen Jean Ziegler verständlich darstellen, solle zeigen, wie er denkt und wie er ist. In diesem Fall portraitiert die Dokumentation einen Mann, der kämpft.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2017
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Bild: Gerd Becker vom Naxos-Kino (r.) moderiert das Filmgespräch mit den Regisseuren Malte Rauch (2.v.r.) und Eva Voosen (l.) sowie Cornelia Rühlig von der Margit-Horváth-Stiftung (2.v.l.).

Frankfurt am Main, 5. Juli 2017 – Die Reihe „Frankfurt im Film“ zieht immer zahlreiche Besucher in das Naxos-Kino. So auch am 4. Juli. Es lief der Langzeit-Dokumentarfilm „Die Rollbahn“ von Malte Rauch und Eva Voosen aus dem Jahr 2003. Gemeinsam mit Cornelia Rühlig von der Margit-Horváth-Stiftung diskutierten sie unter Moderation von Gerd Becker mit den Besuchern über Entstehung und Entwicklung des Projekts zu einem Film.

Darin geht es um 1700 ungarische Jüdinnen, die 1944 aus dem KZ Auschwitz nach Walldorf bei Frankfurt gebracht werden, um am Flughafen eine neue Rollbahn zu bauen, Vorläufer der späteren Startbahn West. Drei junge Bürger Walldorfs beginnen in den 1970ern, die bis dahin verdrängte Geschichte mit Hilfe einer Historikerin aufzuarbeiten. Sie finden Überlebende. Schließlich folgen 18 Frauen aus sechs Ländern im Jahr 2000 einer Einladung nach Walldorf.

„Wir hatten gehört, dass während des Kriegs im Frankfurter Stadtwald Frauen zur Arbeit verpflichtet, später erschossen wurden“, sagte Rauch. Etwa zehn Jahre später erfuhr er in einem Artikel der Frankfurter Rundschau, dass einige der überlebenden Frauen nach Frankfurt kommen würden: „Das war unsere erste Spur“. Parallel dazu hatten bereits drei junge Männer, damals Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei, wichtige Recherchen vor Ort angestellt und damit erfolgreiche Voraussetzungen für das weitere Vorgehen geschaffen: Obwohl Zeitzeugen im Winter 1944 die jungen Mädchen nur in leichten Sommerkleidchen mit Papier alter Zementsäcke darunter bekleidet und mit Strohwickeln an den Füßen gesehen hatten, herrschte noch 30 Jahre später eisiges Schweigen darüber. Dort habe es nie ein Lager gegeben, man habe nichts gewusst. Schließlich wurde das Lager abgerissen und der Boden aufgeforstet.

Später fragte eine Ausschreibung in Walldorf, wer sich an jene Zeit erinnern könne. „So sind wir an die Margit-Horváth-Stiftung gelangt, die sich für die Würdigung der Opfer engagiert, und Schüler der 13. Klasse eines Walldorfer Gymnasiums dabei unterstützt, die Geschichte am Leben zu erhalten“, sagte Eva Voosen. „Um das Filmprojekt realisieren zu können, musste Malte frühere Filme von sich einreichen, um zu belegen, dass er vertrauenswürdig und nicht reißerisch arbeitet“, ergänzte Cornelia Rühlig.

70 Jahre nach Kriegsende wird der Film auch in Ungarn gezeigt. Das Publikum sei tief bewegt gewesen, so Rauch, da es zum ersten Mal von jenem Arbeitslager und damit der Aufbereitung jener Zeit erfuhr. Bewegt zeigten sich auch die Besucher im Naxos-Kino. Einer war „heftig angefasst“, ein anderer beklagte die „Vernichtung durch Arbeit und Vergasung“. Weitere Besucher kritisierten den Baukonzern Züblin als ein „trauriges Beispiel für die Vernichtung menschlichen Lebens“, denn aus dem Film ging die Rolle des Baukonzerns als Auftragnehmer für das Lager und die Rollbahn hervor. So meinte der im Film auftretende Vertreter des Unternehmens lapidar, er könne nur zuhören, welches Leid den Opfern angetan wurde.

Rühlig wies darauf hin, dass die Menschen in dem Unternehmen immer wieder daran erinnert werden müssten, in welcher Form das Unternehmen dazu beigetragen habe, Leben zu vernichten und Schicksale zu bestimmen. Rauch zufolge habe sich Züblin bisher nicht dazu geäußert, außer, dass das Unternehmen vier Millionen Euro für den Bau einer Synagoge in Ungarn gespendet habe.

Heute gibt es  in Walldorf eine Gedenkstätte, die über den ausgegrabenen Fundamenten der ehemaligen Kantine des Arbeitslagers errichtet wurde. Dazu hat die Stadt Walldorf 50.000 Euro gestiftet und engagiert sich für den Erhalt des Geschichtsbewusstseins zu dieser „braunen“ Zeit bei den Menschen.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017
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v.l.n.r. Co-Moderatorin Barbara Köster vom naxos.Kino, Regisseurin Cornelia Schendel, naxos-Moderatorin Antje Lang und Thomas Zosel, Spezialist für Jugendkriminalität im Frankfurter Polizeipräsidium.

 

Filmgespräch am 7. Juni 2017 zum Film "Tokat - das Leben schlägt zurück"

In den 90ern, als sie noch Mitglieder von Frankfurter Jugendbanden waren, haben sie Drogen vertickt, Jacken abgezogen und Prügel ausgeteilt. Sie wurden dafür gefürchtet. Was heute aus ihnen geworden ist, zeigte gestern der Dokumentarfilm „Tokat - das Leben schlägt zurück“ im restlos ausverkauften naxos.Kino.

Corne­lia Schen­del, eine der beiden Regisseurinnen, sagte im anschließenden Gespräch, sie wollten mit dem Film keine falschen Erwar­tun­gen an reiße­ri­sche Gangs­ter­strei­fen voller Ghetto-Kitsch und mit fliegenden Fäuste wecken. Vielmehr sollte ein Portrait entstehen über Hakan, Kerem und Dönmez, damals und heute.

Thomas Zosel, Spezialist für Jugendkriminalität im Polizeipräsidium Frankfurt, wies auf die damalige AG Griesheim der Frankfurter Polizei hin, die die allergrößten Probleme mit Jugendbanden zu bewältigen hatte. „Damals waren Banden auf sich selbst gestellt, es waren eher lockere Zusammenschlüsse, bei denen Drogen im Vordergrund standen. Heute gibt es keine Banden dieser Art mehr, da sie streng nach wirtschaftlichen Kriterien organisiert sind.“ Aber auch die Polizei habe sich weiterentwickelt: Jugendhäuser, Jugendgerichtshilfe sowie Integration und Prävention spielten eine deutlich größere Rolle.

Barbara Köster und Antje Lang, Moderatorinnen vom naxos.Kino, erinnerten an die ersten Szenen des Films, die die Besucher kurz auf eine falsche Fährte führten: schnell wechselnde Doku-Ausschnitte, in denen türki­sche Jugend­li­che mit Spring­mes­sern fuch­teln und Poli­zis­ten mit erns­ter Miene beschlag­nahmte Waffen­ar­se­nale präsen­tie­ren. „Man hatte ein konkretes Männlichkeitsbild – und das sollte anderen Angst machen, sagte Köster“. Auf der anderen Seite habe die Uniform der Polizei als Reizfigur gegolten, entgegnete Zosel. Deshalb sei man in Zivil aufgetreten, was wiederum Barrieren abgebaut, Kontakte geschaffen und einen besseren Zugang zu den Gangs ermöglicht habe. „Wir haben uns aber auch geprügelt“, räumte er ein, „denn wir hatten die Aufgabe, ein öffentliches Sicherheitsgefühl herzustellen“. Heute komme jedoch Erziehung vor Strafe, damit sich schon früh in den Köpfen der Jugendlichen etwas ändere. Dazu gehörten Prävention durch Aufklärung sowie Integration mit Verschmelzung unterschiedlicher Ethnien, was nicht immer einfach sei.

Zurück zum Filminhalt: Die drei Freunde Kerem, Dönmez und Hakan waren Mitglied in berüch­tig­ten Frank­fur­ter Jugend­ban­den. Ihre Fami­lien stam­men ursprüng­lich aus Bayat, einem 400-Seelen-Dorf in Ostana­to­lien. Sie alle seien damals überfordert gewesen, versuchte Polizei-Profi Zosel zu erklären: kaum Bildung, keine Sprachkenntnisse, Hilfsarbeiten und Peer-Group-Bildung durch Abschottung nach außen. Die Jugendgangs mit einer Stärke von bis zu 30 Mann hätten wiederum ihrerseits einen Gruppenzwang ausgelöst. Das alles sei jedoch kein realistisches Abbild einer allgemeinen türkischen Kultur gewesen.

„Wir waren fixiert auf Schlä­ge­reien, wir woll­ten cool sein und es jedem bewei­sen“, sagt Kerem in einer Szene, während die Kamera den heute Anfang 40jäh­ri­gen zu Gele­gen­heits­jobs, zu Arzt­ter­mi­nen und auf eine Reise nach Bayat beglei­tet. Er spricht beiläu­fig über seine krimi­nelle Vergan­gen­heit mit insgesamt zwölf Jahren Gefängnis wegen Totschlags. Ohne falschen Stolz. Aber auch ohne sich mit zur Schau gestell­ter Reue medi­en­wirk­sam zu insze­nie­ren. Dönmez wurde wegen einer Reihe von Straf­ta­ten inzwischen in die Türkei abge­scho­ben. Das begrüßte er anfangs als Chance, um von den Drogen loszu­kom­men und einen Neuan­fang zu wagen. Auch Hakan lebt inzwi­schen wieder in Bayat. Er ist davon über­zeugt, dass er erst eine Frau findet, wenn er ein Haus gebaut hat. Aber wovon? Während er das sagt, steht er „als Heimatloser ohne Pass“ alleine zwischen seinen kärg­li­chen Grund­mau­ern.

„Tokat“ ist nicht zuletzt ein Film über drei Männer in der Midlife-Crisis, die auf jenen Teil ihres Lebens zurück­bli­cken, der sie beson­ders geprägt hat. „Wir wollten niemanden bloßstellen. Uns war wich­tig zu zeigen, dass die Prot­ago­nis­ten bei allem, was sie getan haben, auch liebens­werte Seiten haben“, so die Regisseurin. Nachdem sie ihnen den Film gezeigte hatte, waren sie einerseits stolz, andererseits stark betroffen, denn sie hätten eingesehen, dass sie für ihr heutiges Leben selbst verantwortlich sind.

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2017
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V.l.n.r.: Willi Preßmar von der Heinrich-Böll-Stiftung, Regisseur Thomas Giefer, Rupert von Plottnitz und Moderator Wolf Lindner.

Filmbesprechung  im Naxoskino

Frankfurt am Main, 2. Juni 2017 – Vor 50 Jahren wird der Student Benno Ohnesorg (26) am Rande einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz tödlich in den Hinterkopf getroffen. Vor diesem Hintergrund zeigte das naxos.Kino gestern Abend die Filme „Der Polizeistaatsbesuch“ und „Der 2. Juni 1967“. Dieser Abend fand in Kooperation mit der Heinrich- Böll-Stiftung Hessen statt. Zum anschließenden Filmgespräch waren Regisseur Thomas Giefer, der ehemalige Hessische Justizminister Rupert von Plottnitz sowie Willi Preßmar von der Heinrich-Böll-Stiftung gekommen.

Nach Worten von Giefer, der den Film „Der 2. Juni 1967“ mit einer Handkamera aufgenommen hatte, hat dieses Datum ein politisches Bewusstsein ausgelöst: „Eine unglaubliche Bewegung hat sich entwickelt. Wir hatten das Gefühl, die Welt hat sich verändert“. Hier eine außerparlamentarische Opposition (APO), die die geplanten Notstandsgesetzte verhindern will, dort eine nach den USA am höchsten ausgerüstete Polizei-Organisation. Im naiven Glauben an den passiven Widerstand werden die Protestierenden von der Polizei und Mitgliedern des persischen Geheimdienstes Savak brutal niedergeknüppelt. Die Demonstrationsfreiheit wird mal eben ausgesetzt. Derweil sitzt der autokratische Monarch in der Deutschen Oper in Berlin. „Am 3. Juni waren wir in einer Schockstarre“, ergänzt Willi Preßmar. Die Übergriffe bezeichnet er als „Exzesse“. Damals sei ein Flächenbrand in Deutschland losgegangen, die Demonstranten seien die Vorreiter gewesen.

Deutliche Worte auch von Rupert von Plottnitz, für den die damals noch junge Demokratie der BRD „ein Hirngespinst“ war: „Manche meinen, die BRD sei zu der Zeit eine demokratische Drapierung des 3. Reiches“. Trotz der damaligen Sonderrechte Westberlins sei eine Knüppelpolitik nicht erlaubt gewesen. Dennoch hätten die Demonstranten eine Entwicklung für die Demokratie in Deutschland in Gang gesetzt.

Dokumentationen spiegelten immer den jeweiligen Zeitgeist wider, hieß es seitens der Besucher mit der anschließenden Frage, was sich denn bis heute verändert habe. Die aktuelle politische Lage zeige zwar ein Ende der Knüppelpolitik, meinte Preßmar, aber Geheimdienstbehörden vertuschten heute Übergriffe weitaus häufiger als früher. Wie damals die Springer-Presse das öffentliche Klima gegen die APO geschürt habe, machten es heute eben AFD und Pegida, sagte von Plottnitz. Zwar packe ihn nach wie vor die Wut, wenn Bürgerrechte mit Füßen getreten würden, aber das Verhältnis von Bürgern und Polizei habe sich heute grundlegend geändert. Der Film habe seine Biographie geprägt, bekannte Regisseur Giefer. Er habe später auch die iranische Revolution und andere gezeigt. Aber Wut spüre er beim Betrachten des Films heute nicht mehr.

Den Studenten damals habe dieser Tag einen Schub gegeben, auf den sie noch nicht vorbereitet waren. Ihre Bewegung habe dennoch für eine neue Haltung gesorgt, so das Fazit von Moderator Wolf Lindner vom naxos.Kino.

 

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2017
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Von l. nach r.: Hilde Richter (naxos.Kino), Felix Anderl (EXC), Ascan Breuer (Regisseur und Produzent)

 

Im Mittelpunkt der „Trilogi Java“ steht der preisgekrönte Kinodokumentarfilm Jakarta Disorder, der am 16.5.2017 im Rahmen des Kooperationsprojektes "Dissidents on Stage" mit der Goethe Universität Frankfurt, Excellenzcluster Normative Orders im naxos.Kino gezeigt wurde.

Der Film beobachtet über viele Jahre eine soziale Bewegung in den Slums der Megacity Jakarta. Die politische Dynamik der Bewegung gipfelte in der Wahl Joko Widodos zum neuen Präsidenten Indonesiens.

Im Fokus stehen zwei Frauen um die 60, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kommen: Wardah Hafidz ist eine Intellektuelle, der Kopf der Bewegung, und Nenek (Oma) Dela, wie sie sich selbst nennt, die in Slum lebt. Wardah kämpft seit 20 Jahren für die Rechte der Armen in Jakarta und ist Gründerin des „Urban Poor Consortiums“. Sie versucht den Armen ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln, den Status Quo und die Ausbeutung durch die superreichen Eliten einfach hinzunehmen. Das ist ein ambitioniertes Unterfangen, weil ja die vom Westen installierte antikommunistische Militärdiktatur über Jahrzehnte etwas anderes gelehrt hatte.

Der Regisseur Ascan Breuer im Interview: „Es geht weniger um Jakarta und Indonesien an sich, als vielmehr um Prozesse, die für viele Menschen, auch für uns in Europa, eine Rolle spielen: Um die Frage, ob die bloße Institutionalisierung eines demokratischen Systems reicht, oder ob Demokratie nur dann sinnvoll ist, wenn sie auch mit Leben gefüllt wird und von den Menschen getragen wird. Auch der Prozess der so genannten Gentrifizierung in den Städten und die damit verbundene Vertreibung ganzer Bevölkerungsteile ist für viele Menschen Realität, ob in Jakarta, Istanbul oder Sao Paulo“.

Im Anschluss an den Film berichteten der Regisseur Ascan Breuer "(Dokumentarisches Labor)" und Felix Anderl (EXC) über die Folgen und die weitere Entwicklung der Widerstandsbewegung in Jakarta und diskutierten die Frage nach der Möglichkeit der Selbstermächtigung und Partizipation von entmachteten und unterprivilegierten Bevölkerungsteilen. Moderiert wurde das Gespräch von Hilde Richter (naxos.Kino)

Videos:

Jakarta Disorders, Diskussion 16.5.2017 im naxos.Kino

Info zum Film und Trailer Jakarta Disorders

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2017
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Frankfurt am Main, 23. Mai 2017 – Beim Nippon Connection Filmfestival verwandelt sich Frankfurt am Main jedes Jahr in die heimliche Hauptstadt Japans. Mehr als 100 neue japanische Lang- und Kurzfilme laufen in diesem Jahr vom 23. bis 28. Mai 2017 im Kino der Naxoshalle, im Mousonturm und im Deutschen Filmmuseum.

Am 23. Mai 2017 wurde es auf dem Gelände der Naxoshalle japanisch: zahlreiche Gäste erwarteten den Eröffnungsfilm „La Terre Abandonnée“. Der Film schildert die Kleinstadt Tomioka in der Sperrzone um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, die 2011 evakuiert wird. Nur Naoto Matsumura weigert sich, fortzuziehen. Mittlerweile kommen auch frühere Bewohner trotz hoher Strahlenwerte regelmäßig nach Tomioka, um in ihren Häusern und Gärten nach dem Rechten zu sehen. Ihre Hoffnung, sich bald wieder in der Heimat niederlassen zu können, erscheint angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse über radioaktive Strahlenbelastungen und Halbwertszeiten irrational. Der Dokumentarfilm konzentriert sich jedoch vor allem auf den unerschütterlichen Überlebenswillen, der sich in der Haltung dieser Menschen spiegelt.

Das Nippon Connection Festival ist das weltweit größte Festival für japanische Filme in Frankfurt. Die Veranstalter erwarten in diesen Tagen mehr als 18.000 Besucher aus aller Welt. Neben den Filmen erleben die Besucher ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Workshops, Vorträgen, Performances, Konzerten und Ausstellungen.

Platz für den Nachwuchs bietet die Reihe „Nippon Visions“. Darin präsentieren Filmemacher ihre Sichtweise auf die japanische Gesellschaft, die vor zahlreichen Herausforderungen steht. Darüber hinaus präsentiert das Festival sogenannte „Roman Porno“-Erotikfilme, die von der Kritik für ihren visuellen Einfallsreichtum und ihre narrative Komplexität gefeiert werden. Aktuell präsentiert das Festival davon neun Filme der Regisseure Tatsumi Kumashiro und Noboru Tanaka.

Auch für das leibliche Wohl der Gäste ist gesorgt: Neben Mehlteig-Bällchen mit Oktupus, Sushi, Reiskuchen, Ramen-Nudeln und Weizen-Nudelsuppe stehen unter anderem auch Kirin-Bier und Gude-Pils auf der Speisekarte.

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2017
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Frankfurt am Main, 10. Mai 2017 - Oberndorf ist eine 14.000-Einwohner-Stadt am Ostrand des Schwarzwaldes. Verfallende Häuser und geschlossene Geschäfte kennzeichnen das derzeitige Stadtbild. Seit den 80er Jahren sind zwei Drittel der Arbeitsplätze in den beiden Rüstungsbetrieben Mauser und Heckler & Koch verloren gegangen. Bereits vor 30 Jahren hatte Filmemacher Wolfgang Landgraeber auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung dort den Dokumentarfilm „Fern vom Krieg" gedreht. Am 9. Mai 2017 lief im naxos.Kino eine Bestandsaufnahme nach 30 Jahren: „Vom Töten leben“.

Die Diskussion mit den Betroffenen sei nach dem zweiten Film weitaus sachlicher gewesen als vor 30 Jahren, sagte Landgraeber, dennoch hätten sie sich strikt gegen den Filmtitel ausgesprochen. „Aber Oberndorf produziert seit 200 Jahren Waffen. Millionen Menschen haben mit diesen Produkten Millionen Menschen massakriert. Deshalb habe ich auf dem Titel bestanden“, so der Regisseur. So werde alle Viertelstunde auf der Welt ein Mensch durch Waffen von Heckler & Koch erschossen. Auch hätten etwa G3-Präzisions-Gewehre eine jahrzehntelange Lebensdauer. Deutsche Wertarbeit werde somit zu „deutscher Tötungswertarbeit, die immer noch weltweit gehandelt wird“. Entstanden früher Kriege zum Großteil durch soziale Ungleichheit, so resultierten sie heute verstärkt durch pseudo-religiöse Motive.

Das bestätigte der 80jährige Ulrich Pfaff. Der ehemalige Diakon und Religionslehrer aus Altoberndorf erinnerte sich an die Friedenszeit in den 50er Jahren, die „für die Existenz unserer Stadt fast wie eine Bedrohung war“. Er hat den Übergang von militärischer zu ziviler Produktion miterlebt: „Wir haben unter anderem Näh- und Rechenmaschinen entwickelt. Auch haben wir über die Entwicklung von Dialysegeräten für den privaten Gebrauch nachgedacht. Konversion gab es demnach schon“, sagte der ehemalige Referent für Friedensdienste und Entwicklungspolitik beim gesamtkirchlichen Amt für Mission und Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. (Konversion = Umstellung eines Rüstungskonzerns auf die Produktion ziviler Produkte, Anm. der Redaktion). Doch dann wurde die militärische Produktion wieder freigegeben.

Langraeber verwies in diesem Zusammenhang auf den letzten Besuch von Kanzlerin Merkel in Saudi-Arabien, bei dem die Saudis erklärten, keine Waffen mehr aus Deutschland kaufen zu wollen. Kein Wunder, meinte er, denn Heckler & Koch habe den Saudis eine Fabrik zur Eigenproduktion gebaut. Auch in den USA errichte das Unternehmen eine größere Unit für die Produktion von Pistolen und Sportgewehren, da dort kein Kriegswaffen-Kontrollgesetz bestehe.

Ob die aktuelle Verödung von Oberndorf die späte Strafe für die Waffenproduktion sei, wollte abschließend Wolf Lindner wissen. Dazu Friedensaktivist Paff: „Die Industrie hat sich rationalisiert. Die Arbeitsplätze sind von ehemals 20.000 auf nunmehr 800 abgebaut worden. Mit weniger Mitarbeitern kann H&K heute mehr als je zuvor produzieren und liefern und die Gewinne sind anscheinend gestiegen“.

Bildunterschrift:

v.l.n.r.: Regisseur Wolfgang Landgraeber sowie Ulrich Pfaff mit Ehefrau Renate aus Oberndorf, engagierte Kriegsgegner, die auch im Film vorkommen, sowie Moderator Wolf Lindner vom naxos.Kino.

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2017
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von links: Barbara Köster, Boubacar Sangaré, Dr. Antonia Witt (Foto: Jannis Gebken)

Im Anschluss an den Film, der am 2. Mai im Rahmen des Kooperationsprojektes "Dissidents on Stage" mit der Goethe Universität Frankfurt, Excellenzcluster Normative Ordersim naxos.Kino gezeigt wurde, diskutierten der Regisseur Boubacar Sangaré, Barbara Köster (naxos.Kino) und Dr. Antonia Witt (EXC) über die Folgen des Aufstands für Burkina Faso und die Möglichkeiten von Künstlerinnen und Künstlern, politische Protestbewegungen zu unterstützen.

Burkina Faso ist nur eines von vielen afrikanischen Ländern, in denen amtierende Regierungen versuchen, sich über die Manipulation von Verfassungen an der Macht zu halten. Und nicht überall ist Protest dagegen so erfolgreich wie in Burkina Faso. Boubacar Sangaré betonte, dass transnationale zivilgesellschaftliche Netzwerke dafür eine wichtige Rolle spielen können. Aus diesem Grund wurde der Film Une révolution africaine etwa mit Filmemachern aus verschiedenen westafrikanischen Ländern diskutiert und hat die Arbeit vieler Filmemacher aus der Region beeinflusst. Das Internet spielt dabei eine besondere Rolle. So wurde etwa der Großteil des Fimmaterials bereits während des Aufstands auf einer Online-Platform des Filmkollektivs Ciné.Droit.Libre veröffentlicht.

Ob die Revolution nun tatsächlich zu einem Wandel geführt hat, ist noch zu beurteilen. Sie hat aber in jedem Fall gezeigt, dass das Volk von Burkina Faso sich wehrt, wenn Machthaber glauben, es ignorieren zu können.

Das Filmgespräch wurde aufgezeichnet und kann unter dem unten stehendem Link aufgerufen werden.

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2017

Im Jahr 2003 zeigten wir den Film Fritz Bauer - Tod auf Raten in einer überfüllten Naxoshalle. Erstmals in unserer Kinogeschichte haben wir im Abstand von wenigen Tagen eine zweite Vorführung angesetzt und hatten 120 Reservierungen. Am Tag der Vorstellung hat uns völlig unerwartet die Regisseurin das Zeigen des Films verboten. Weil aber weit über hundert Besucher da waren, hatten wir ohne Filmvorführung ein 2 ½ stündiges „Film“gespräch.

Die Regisseurin Ilona Ziok hat in den vergangenen Jahren weiter am Gedenken an Fritz Bauer gearbeitet.

Hier die neuesten Informationen: Dem Fritz Bauer-Freundeskreis aus Braunschweig sowie unserer Filmproduktion ist es mit großartiger Unterstützung des Generalstaatsanwalts des Landes Brandenburg Prof. Dr. Rautenberg gelungen, eine Fritz-Bauer-Briefmarke in Auftrag zu geben. Der Entwurf stammt von dem Heidelberger Künstler und pensionierten Präsident der AdK Berlin Klaus Staeck.

Hier die Seite von Prof. Rautenberg, wo Sie lesen können, wie diese Briefmarke zu bekommen ist: http://www.erardo-rautenberg.de/briefmarke-fritz-bauer-motiv/.

Es wäre schön, wenn auch Sie diese Briefmarke nutzen würden, denn sie erinnert nicht nur an den Wegbereiter deutscher Demokratie Fritz Bauer, sondern sie ist mit dem Artwork von Klaus Staeck auch künstlerisch wertvoll

Wolf Lindner, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2017