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Vielseitiger ägyptischer Abend zum Saisonabschluss im naxos.Kino

 Großer Besucherandrang herrscht am Abend des 14. Novembers 2017, der unter dem Motto Kochen, Essen, Film und Gespräch steht. Bereits seit 17 Uhr haben Mitglieder des Vereins „Über den Tellerrand“ und Aktivist*Innen des naxos.Kinos Tische, Kocher, Töpfe und Lebensmittel aufgebaut. Als der Großteil der Gäste gegen 19 Uhr eintrifft, sind daher schon Nudeln, Linsen und Kichererbsen am Kochen.

 Antje Lang vom naxos.Kino und Marieke Schöning vom Verein „Über den Tellerrand Frankfurt e.V.“ ( siehe:www.ueberdentellerrand.org/frankfurt begrüßen die Gäste und stellen den Ablauf des Programms vor.

 Das für diesen Abend geplante ägyptische Nationalgericht Koshari besteht aus vielen Zutaten, so dass einige der Gäste beim Zubereiten der Saucen und anderer Bestandteile behilflich sein können. Inzwischen wird es in der Halle mit gut 100 Besucher*Innen voll und lebhaft. Bemerkenswert, dass auch Konsul Mahmoud Ezzat vom ägyptischen Generalkonsulat Frankfurt mit seiner Frau und dem Vice- Konsul Mohamed Ibrahim der Einladung folgen und als Gäste am Essen teilnehmen.

 Die ägyptischen Frauen erhalten viel Applaus und Lob, nachdem alle das schmackhafte Koshari-Gericht probiert haben.

 Auf dieser angenehmen Grundlage nehmen die Besucher*Innen dann im Kino Platz und genießen „On the Road to Downtown“ (Ägypten, 2012) des Kairoer Dokumentarfilmers Sherif El Bendary. Gezeigt wird das lebhafte Treiben in der Straße und der umliegenden Gegend im ursprünglichen Kairo. Menschen aller Schichten sind zu sehen und (in Arabisch mit  engl. UT) zu hören.

 Der lebhafte Eindruck des Films wirkt nach. Denn beim folgendem Filmgespräch zeigt sich, dass der Film viele der anwesenden Ägypterinnen, die jetzt in Frankfurt leben, berührt und an ihre Jahre in der ägyptischen Heimat erinnert. Andere Besucher sind beeindruckt von der Lebhaftigkeit und Impulsivität des Lebens in den Straßen der ägyptischen Metropole. Bevor das Filmgespräch beginnt, servieren die Veranstalter den Gästen noch Tee und arabische Süßigkeiten, die einige der ägyptischen Frauen schon am Nachmittag zuhause gebacken und vorbereitet haben.

 Antje Lang, Mitglied der naxos.Kino-Gruppe, moderiert das Filmgespräch gemeinsam mit den Kairoer Szene-Kennern Inas Saleh, die lange in ihrer „geliebten Stadt Kairo“ gelebt hat, und Dr. Mohammed Rashed, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam. Beide führen aus, wie sich das arabische Leben in der Millionenstand von dem doch eher gemäßigten sozialen Miteinander in europäischen Ländern unterscheidet. Auch einige der ägyptischen Frauen veranschaulichen, wie sich der oft erlebte Wunsch von Deutschen nach Verlässlichkeit, Korrektheit und Pünktlichkeit von gelebter orientalischer Wirklichkeit unterscheidet. Sie weisen aber darauf hin, dass beispielsweise die zeitliche Verbindlichkeit von Absprachen und Terminen oft gar nicht umgesetzt werden kann, weil Verkehrsmittel nicht so exakt getaktet sind, wie wir es vor allem in Deutschland gewohnt sind.

 Die Gäste mit ägyptischem Hintergrund berichten Unterschiedliches, wie sie Akzeptanz, Unterstützung aber auch Diskriminierung und Rassismus in Deutschland erlebt haben. Die meisten sind dagegen, von einem allgemeinen Rassismus ihnen gegenüber zu sprechen. Es seien oft Einzelfälle und man müsse die jeweilige Lebenssituation derjenigen sehen, die sich unkorrekt verhalten.

 Der Film von Sherif El Bendary wird allgemein gelobt, auch wenn die ägyptische Revolution, die im Entstehungsjahr 2012 noch aktuell war, nur eine Nebenrolle spielt.

 Auf Nachfrage einer Besucherin wird Unterschiedliches von den ExpertInnen des Filmgespräches zur Bedeutung der Alt- Ägyptischen pharaonischen Geschichte für die heutigen Ägypter berichtet. Während Dr. Mohammed Rashed vertritt die Auffassung, die tausendjährige Alt- Ägyptische Geschichte und Kultur spiele für die heutigen Menschen dort kaum eine Rolle, u.a. weil dies in der Schule so gut wie nicht vorkomme und auch von der islamischen Religion diese Seiten der Vergangenheit verdrängt und unerwähnt blieben. Inas Saleh meint dagegen, dass sich dies geändert habe. Heute sei die tausendjährige Kultur durchaus Bestandteil in den Lehrplänen und mehr im Bewusstsein. Überdies gäbe es in der Geschichte des heutigen Ägyptens nicht nur alt- pharaonische Einflüsse, sondern Prägungen durch römische, griechische und andere Kulturen.

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 Die aufgeschlossene und tolerante Diskussion über deutsches und arabisches Leben, über Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten wird von fast allen BesucherInnen bis nach 23 Uhr geführt und aufmerksam verfolgt. Der ereignisreiche und bewegende Abend geht mit einem nochmaligem Lob und Dank an die ägyptischen Frauen, Gäste und die ReferentInnen zu Ende.

 Gerd Becker

 naxos.Kino

 

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2017
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naxos-Moderatorin Ivona Vidovic (l.) hatte in Linda Kagerbauer (Mitte) und Professor Lotte Rose (r.) zwei Gesprächspartnerinnen, die das Thema mit Herz und Verstand kommentierten. Dass Ivona zum ersten Mal ein naxos-Filmgespräch moderierte, hat man ihr nicht angemerkt. Kompliment: äußerst professionell!

 

Liebe Deinen Körper wie er ist

Warum hassen eigentlich so viele Frauen ihren Körper, fragt Keike-Melba Fendel am 10. Mai 2017 auf „Zeit-Online“. Die australische Filmemacherin Taryn Brumfitt reiste 2016 mit dieser Frage im Gepäck um die Welt. Das naxos-Kino stellte am 8. November 2017 das Ergebnis ihrer Untersuchungen vor.

91 Prozent der deutschen Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper. 45 Prozent der Frauen mit als gesund eingeordnetem Gewicht denken, sie sind übergewichtig. „Embrace" ist ein Plädoyer, seinen Körper zu lieben - egal, wie er aussieht. Ein Plädoyer gegen Schlankheitswahn und Schönheitsideale.

Die „nette, leicht pummelige Australierin versteht sich als Body Image Activist“, so Fendel. Brumfitt empfinde es als normal, dicker zu werden. Vor allem, wenn es sich im Kontext einer mehrfachen Mutterschaft vollzogen hat. An sich keine strittige Position, die sich jedoch in ein, zwei Sätzen gut zusammenfassen ließe. Aber aus diesen Sätzen gleich einen „Dokumentarfilm" zu machen? Im Grunde habe sie diesen Film aus einem Posting zweier Fotos entwickelt: Das eine zeigt sie im goldenen Bikini als Teilnehmerin eines Bodybuilding-Wettbewerbs, das zweite als mürbe wie selbstbewusste Mama, die nach dem dritten Kind schlicht keinen Bock mehr hatte, sich dem Primat der Knackigkeit zu beugen.

Als solche bereist sie mit Kamerapersonal die Welt auf der Suche nach Gleichgesinnten. Zwischen Adelaide, London und Beverly Hills findet sie – Überraschung! – ausschließlich Frauen, die den ganzen Körperkult genauso entwürdigend finden wie sie. Ein ähnliches Bild beim anschließenden Filmgespräch: Abgesehen von einigen anwesenden männlichen Mitgliedern der naxos-Kinogruppe, fanden sich nur zwei Männer unter den ansonsten weiblichen Besuchern ein.

Professor Lotte Rose, Geschäftsführerin des Gender- und Frauenforschungszentrums der Hessischen Hochschulen (gFFZ), war vom Film „stark berührt. Ich bin weggeschmolzen“. Auch Linda Kaperbauer, Referentin für Mädchenpolitik im Frauenreferat der Stadt Frankfurt, war „voller Emotionen“, gerade auch weil sei eine Gruppe „Fetter Widerstand“ betreue.

naxos-Moderatorin Ivona Vidovic fragte nach den Gründen dieses „bodyshaming“ und vor allem, wie frau sich daraus befreien könne. Auch für Männer sei der Druck gewachsen, den eigenen Körper als Kapital zu platzieren, insbesondere bei Bewerbungen, meinte Rose. Kagerbauer sah hinter alldem eine Profitindustrie, die nicht davor zurückschrecke, Körperbilder zu manipulieren und somit Körper zur Ware zu machen. Deshalb müsse man „über strukturelle Zusammenhänge sprechen: Dick ist gleich faul, also unbrauchbar; schlank ist gleich aktiv, also verwertbar“. Für diese Diskrepanz zwischen Sein und Schein trügen die Medien eine erhebliche Verantwortung. Dazu gehöre laut Rose auch die Funktionalisierung von Essen zu bestimmten Zwecken – etwa ein von Eltern gegenüber ihren Kindern aufgezwungener Verzicht auf „alles Schädliche“.

Negative Aspekte der Körperlichkeit positiv zu belegen, sei eine Chance zur Veränderung, meinte Vidovic. Rose und Kagerbauer stimmten dem zu. „Frauen sollten sich verstärkt mit etwas Drittem außerhalb von mir befassen“, meinte die Genderforscherin, denn draußen passiere immer etwas viel Wichtigeres. Laut der Referentin für Mädchenpolitik käme es auf die Frage an: „Was kannst Du, anstatt wie siehst Du aus?“ Rose sprach sich für eine „soziale Sicherung der persönlichen Ressource“ aus. Kagerbauer forderte, Räume zu schaffen für soziale Zugehörigkeit.

Zahlreiche Besucherinnen monierten, dass sexualisierte Kinderbilder, insbesondere aus den USA, eine gewaltige Macht auf das Denken und Handeln junger Mädchen hätten. Die Unzufriedenheit mit dem Körper sei eines vieler Anzeichen des Kapitalismus: Unzufriedenheit, weil kein Geld, weil kein Haus, weil kein guter Job. Einigkeit bestand in dem Punkt, dass der Schönheitsbegriff auf Dauer nicht zu negieren sei, wohl aber zu modifizieren.

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2017
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Bild: V.l.n.r.: Der Theologe und theologische Berater Joachim Schmidt mit Filmemacher André Bockelmann und naxos-Moderatorin Hilde Richter.

 

„Skandalisierung hat heute einen höheren Stellenwert als die christliche Botschaft“ - 500 Jahre Reformation.
Martin Luther hieß einst Martinus Luder, Worte wie „Schandfleck“, „Lückenbüßer“ oder „Langmut“ werden über ihn in den Wortschatz aufgenommen. Dazu sein Verhältnis zu Frauen, Kirche, Staat und zum Leben schlechthin ….

Überraschendes, Amüsantes und sehr viel Informatives berichten Filmemacher und naxos-Mitglied André Bockelmann und der Theologe Joachim Schmidt während des Filmgesprächs am Reformationstag 2017 im naxos-Kino. Gut recherchiert und kurzweilig vermittelt, zudem mit kleinen Aktionen gespickt, hätte der Abend viel länger andauern können.
Bockelmann und Schmidt gehen Fragen nach, wie Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ sich in der pluralistischen Gesellschaft mit verantwortlichem Handeln verbinden kann und welche Bedeutung sein Glauben in der säkularisierten Welt hat. Sie versuchen zu analysieren, wie Kirche und Gemeinde (also Staat) bei Luther zu verstehen und heute zu gestalten sind.

Bockelmann hatte 1983 zum 500. Luther-Geburtstag zwei Filme über den Reformator gedreht, die er nun – tagesaktuell – zu einer neuen Dokumentation anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation zusammengeschnitten hat. 1983 seien die Dreharbeiten in der damaligen DDR höchst kompliziert gewesen. Zudem wusste er kaum etwas über Luther, sodass er zwei theologische Berater, einer von ihnen Joachim Schmidt, zu Rate ziehen musste.

Schmidt, damals TV-Berater der evangelischen Kirche Hessen-Nassau, berichtet, dass die DDR-Offiziellen bereits seit 1978 versucht hätten, Luther für sich einzunehmen – vor allem gegenüber West-Jounalisten. So musste das Drehteam sie damals in Stasi-Begleitung an die Originalschauplätze in der DDR reisen. Obwohl am Abend des 31. Oktobers 2017 in den deutschen TV-Programmen Luther rauf und runter lief, meinte Schmidt, dass eine solche Produktion heute nicht mehr in das Programm-Profil des Hessischen Rundfunks passen würde: „Dort herrschen Filmchen über Essen, Trinken, Schlager und das Land Hessen vor“. Auch öffentlich-rechtliches TV wolle inzwischen verdienen, habe aber bereits seit geraumer Zeit seinen Auftrag über Information, Bildung und Unterhaltung gegenüber den privaten Kanälen verloren.

Dabei sei es immer wieder spannend festzustellen, dass Luther nicht der Heros sei, der auf den zahlreichen Standbildern verewigt ist. Seine eigentliche Frage sei die, wie er zu einem „gnädigen Gott“ gelange. Und diese Frage sei im Lutherjahr viel zu kurz gekommen. So zweifele Luther zwar die kirchliche Autorität an, bestätige aber immer wieder die weltliche, unter deren Schutz er sich immer wieder stelle. Zwar hätten für ihn fraglos Fürsten und Kirche die damalige politische Macht innegehabt, dennoch hätte er die kirchliche Gewalt niemals herausgefordert ohne den Schutz seines Fürsten. Dabei spreche er stets von der Freiheit des Gewissens – und genau dieses Thema habe es bis in das heutige Grundgesetz geschafft.

Was denn Luther in der heutigen Welt bedeute, fragt Moderatorin Hilde Richter. Schmidt zufolge sei das die „intensive Beschäftigung mit der Bibel in der evangelischen Kirche, dass man nämlich „die Gnade eines gnädigen Gottes nicht verdient“ habe. Warum denn die Kirche heutzutage keine Antworten auf soziale „Un-Gerechtigkeit“ habe. Die habe sie laut Joachim Schmidt schon. Nur: Kirche werde“ seit den 1968ern verschwiegen“, Kirchen würden seitdem „ausgeblendet“. Die Botschaft der Bibel werde nur noch von einem immer stärker schrumpfenden Christenteil wahrgenommen: „Skandalisierung hat heute einen höheren Stellenwert als die christliche Botschaft“.

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2017
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Bild: Moderator Gerd Becker im Gespräch mit Vanessa Thompson. Im Vordergrund die aktuelle Auszeichnung „Hessischer Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos“. 

Das unvollendete Manuskript „Remember This House“ des US-amerikanischen Autors James Baldwin (1924–1987), eindrucksvoll gesprochen vom Schauspieler Samuel L. Jackson, bildet die Grundlage für die filmische Collage von Regisseur Raoul Peck. Mit Ausschnitten der Medienberichterstattung vor allem der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spürt er dem Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft nach.

Zu Beginn des Filmgesprächs am 17. Oktober 2017 im naxos-Kino fragt Moderator Gerd Becker, was es denn – wie im Film gesagt – bedeute, wenn „Angst die Wurzel des Hasses der Weißen“ sei. Die Antwort liefert ihm eine äußerst kompetente Vanessa E. Thompson, Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Goethe-Uni und ehemalige Stipendiatin am Department of Black Studies der University of California Santa Barbara.

Baldwin stelle die Frage nach der Psychologie des Rassismus in den USA, über dessen Ausbeutungsmechanismen hinaus: „Die rassistische US-Demokratie ist eine Verwehrung von Rechten, dient der massiven Ausbeutung, aber bedient auch eine kulturelle Imagination. Baldwin deckt auf, dass Rassismus in zwei Richtungen entmenschlicht – so werden nach Baldwin Weiße dabei zu moralischen Monstern, Schwarze zu Opfern des rassistischen Terrors“. Dabei sei der gesellschaftliche Wohlstand und der amerikanische Traum auch auf dieser Entmenschlichung aufgebaut. 

„I am Not Your Negro“ sei einerseits eine eindrucksvolle Baldwin-Biografie. Sie blende jedoch auch einige Aspekte aus: Baldwins sexuelle Orientierung und seine Kritik an Homophobie und verschränkten Formen der Unterdrückung, seine „Selbstexilierung” und transnationale Erfahrung in Bezug auf seine Zeit in Frankreich und in anderen Teilen Europas. Sie sei zugleich die Lebensgeschichte von dreien seiner Freunde aus der Bürgerrechtsbewegung: des 1963 ermordeten Menschenrechtsanwalts Medgar Evers, des 1965 ermordeten Black Muslim Malcolm X und des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Dr. Martin Luther King Jr.

Rassismus sei weltweit verbreitet und sei nicht nur weiß gegen schwarz, sondern betreffe auch andere gesellschaftliche Gruppen, hieß es seitens der Besucher. Thompson bestätigte dies zwar und verwies auf die Wichtigkeit der transnationalen Dimension sowie auf unterschiedliche Formen des Rassismus, der sich gegen unterschiedliche rassifizierte Gruppen richte. Rassismus sei schließlich ein gesamtgesellschaftliches, globales und institutionalisiertes System, hinter dem Machtverhältnisse stünden. Sie betonte jedoch, dass diese Machtverhältnisse durch die Artikulationen weißer Vorherrschaft (white supremacy) strukturiert sind.

Das Bestechende an Baldwin sei, so Thompson, dass seine Analyse einer Versklavungsgesellschaft noch heute aktuell ist: Systematische Unterdrückung, Masseninhaftierung und Kriminalisierung von den vielseitigen Kämpfen gegen Rassismus. Dennoch habe sich innerhalb der letzten 70 Jahre trotz Brutalisierung und Masseninhaftierungen einiges zum Positiven verändert: Die Kämpfe schwarzer Gruppen haben Rechte hervorgebracht, wie das Wahlrecht und Antidiskriminierungspolitiken. Doch gerade diese Errungenschaften sind derzeit sehr prekär, vor allem würden die Mehrheit der schwarzen Menschen in den USA immer noch, gerade auch unter der aktuellen Trump-Administration, als „institutionell unbrauchbar“ markiert und schwarze Aktivisten als „schwarze Extremisten” zur Staatsgefahr erklärt.

Als ähnliche Terrorerscheinung bezeichnete Thompson den wiederaufkommenden Rechtspopulismus und die Salonfähigkeit des Rassismus in Deutschland. Auch Deutschland habe seine „Negroes“, hieß es aus dem Auditorium. Dazu kam die Frage nach der Legitimierung von Gewalt gegen Rassismus. Dabei sei die Frage ja auch, so Thompson, welche Formen der Gewalt überhaupt gesellschaftlich sichtbar seien.

Thompson gilt als Expertin für die Wirkweisen von Rassismus in den Pariser Vorstädten und hat eine ausgezeichnete Arbeit vorgelegt, in der sie mit Hilfe von Feldforschung die sozialen und politischen Formationen von schwarzen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den deprivilegierten Vorstädten analysiert. Sie sagt: „Die Menschen aus den sogenannten Banlieues werden oft nur im Rahmen von gewaltvollen Protesten sichtbar, die Frage nach der strukturellen Gewalt, die sie erleben, wird dabei aber nur selten gestellt."

Der an den Kassen erfolgreiche Film „I Am Not Your Negro“ hatte seine Premiere 2016 während der Internationalen Filmfestspiele Toronto und erhielt eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“. Der Kinostart in den USA war am 3. Februar 2017. In Deutschland wurde er bei arte am 25. April 2017 im Hauptprogramm gezeigt.

Unser Tipp und die Reaktion unserer Besucher: den Film unbedingt (noch einmal) ansehen!

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017
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Nahmen für das naxos.Kino den Hessischen den Hessischen Filmpreis 2017 entgegen: v.l.n.r. naxos-Gründer und Geschäftsführer Wolf Lindner und die drei Vorstände Hilde Richter, Renate Krömer sowie Gerd Becker.

 

Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch“ in der Frankfurter Naxoshalle gewinnt zum fünften Mal die Auszeichnung für nicht gewerbliche Kinos  

Frankfurt, 14. Oktober 2017 – Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch e.V.“  in der Frankfurter Naxoshalle hat zum fünften Mal den Hessischen Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos gewonnen. Der Preis für das Jahr 2017 wurde am gestrigen Freitagabend in der Alten Oper Frankfurt an den Vorstand Gerd Becker übergeben. Das naxos.Kino hat diese Auszeichnung bereits in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2013 erhalten.

Die Hessische Filmförderung würdigt mit dem Preis erneut das Engagement des ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern betriebenen kleinen Kinos, das regelmäßig am Dienstagabend mit wenigen Ausnahmen Dokumentarfilme zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themenbereichen zeigt. Dazu gehören unter anderem die Filmreihen „Geschichtsstunde“, „Winners & Losers“, „ÜberLeben“, „Große Theaterfilme“, „Musik im Dokumentarfilm“ und nicht zuletzt „Frankfurt im Film“, wo lokale Themen und vor allem Frankfurter Filmemacher eine Plattform finden.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen nicht gewerblichen Einrichtungen ist das Filmgespräch im Anschluss an die jeweilige Filmvorführung. „Dazu laden wir Regisseure, Protagonisten, Zeitzeugen oder Fachleute und binden selbstverständlich auch die Zuschauer ein“, sagte Wolf Lindner, Geschäftsführer und Gründer des naxos.Kinos. Das Interesse an diesen anschließenden Diskussionen wertet naxos-Vorstand Gerd Becker als „sehr groß, weil es eher selten die Gelegenheit gibt, dass Filmschaffende und Zuschauer ihre Ansichten austauschen und Fragen stellen können“.

Lindner betrachtet die Auszeichnung auch als nachträgliches „Geburtstagsgeschenk“, denn alles begann am 11. Oktober 2005, als er und einige engagierte Mitstreiter das naxos.Kino gründeten, das sich inzwischen zu einer festen Größe im Kulturbetrieb der Frankfurter Naxoshalle im Ostend entwickelt hat.Für seine Schauspielkunst wurde beim Film- und Kinopreis der 60-jährige Ulrich Tukur mit dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten Volker Bouffier ausgezeichnet. Tukur ist ein Allrounder, dreht Kinofilme, macht Theater und Musik und schreibt Bücher. Er sei „stets sicher im Takt und nichts bringt ihn aus dem Rhythmus“, so Bouffier.

Ulrich Tukur ließ sich nicht lange bitten und posierte gern mit den naxos-Gewinnern und den Pokalen. Von Starallüren war bei ihm nichts zu spüren. Er ist, wie auch die naxos-Vertreter, eher geerdet als abgehoben.

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2017
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Bild: Filmemacherin Asli Özarslan (2.v.l.), Anita Starosta, Medico International (l.) und Bernd Mesovic, Pro Asyl (r.), mit Moderatorin Hilde Richter vom naxos.Kino.

 

Am 10. Oktober 2017 ist die junge Filmemacherin Asli Özarslan als Gast zum Filmgespräch aus Berlin ins naxos.Kino angereist. Sie ist stolz darauf, dass das exklusive Frankfurter Doku-Kino ihren Film „Dil Leyla“ zeigt und bedankt sich bei den vielen Besuchern für deren Interesse.

Der Film beginnt mit Videoaufnahmen aus einer früheren Periode der Repression Anfang der neunziger Jahre. Polizei mit Panzerwagen jagt Menschen, die gerade noch mit patriotischen Gesängen und Fahnenschwenken das kurdische Neujahr begrüßen: Szenen der Gewalt prägen die Kindheitserinnerungen von Leyla Imret. Das kleine Mädchen wird zu seiner Sicherheit zu Verwandten ins ferne Deutschland gegeben, nachdem ihr Vater 1991 bei einem Gefecht erschossen wird.

Sie ist Friseurin in Bremen, als Özarslan sie kennenlernt. „Sie war in meinem Alter, zeigte großes Interesse an humanitären Fragen und wollte dazu beitragen, den Menschen in ihrem Heimatort ein normales Leben zu ermöglichen“, sagt die Filmemacherin. Deshalb habe sie sich entschlossen, in die Türkei zurückzukehren.

Der Anfang Leyla Imrets Regentschaft als Bürgermeisterin von Cizre 2014 fällt in den kurzen hoffnungsvollen Frühling der Erdoganschen Kurdenpolitik. Sie wolle „etwas Schönes machen für diese Menschen“, sagt sie etwas vage über ihr Programm. Viel konkreter wird das auch im Film nicht. So bleiben Leyla Imrets politische Absichten bis zum Ende ebenso unklar wie die Machtverhältnisse der regionalen Politikzirkel, in denen sie agiert. Leyla Imret ist die erste Bürgermeisterin in der Türkei und wird dennoch immer wieder als „Herr Bürgermeister“ angesprochen.

Als die mehrheitlich kurdische Bevölkerung Cizres den Erfolg bei den Wahlen im Juni 2015 feiert und mit der HDP eine neue pro-kurdische Partei erstmals ins Parlament einzieht, sitzt Leyla Imret bereits wegen einer Ausgangssperre zu Hause fest statt mit politischen Freunden zu feiern. Im Herbst wird sie dann ihres Amtes als jüngste Bürgermeisterin der Türkei enthoben.

„Wir hatten ihre erste Rede als Bürgermeisterin gedreht, aber nicht mit den Anschlägen gerechnet“, so Özarslan weiter. So muss das Filmteam mehrfach ausreisen. Dann bricht der Kontakt nach Cizre ab, selbst Leylas engagierte Bremer Verwandtschaft kann die junge Frau in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt über Monate nicht erreichen. Als sie sich endlich wieder melden kann, berichtet sie Erschütterndes von Massakern, Zerstörung und Verfolgung.

Anita Starosta, Mitarbeiterin in der Spendenkommunikation bei Medico International, hielt sich damals zum Wiederaufbau der zertrümmerten Häuser für 7000 Familien in Cizre auf. „Die Alteinwohner erhielten keine Entschädigung und wurden zum Teil vertrieben. Auch die Verbrechen wurden nicht aufbereitet“, berichtet sie. Ebenso sei ein Kontakt zu Leyla nicht möglich gewesen, weil alles überwacht und zensiert wurde.

Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik und verantwortlich für die Pressearbeit von Pro Asyl, sieht darin einen Schlag gegen die gesamte Entwicklung innerhalb der Türkei: „Journalisten, NGOs und humanitäre Organisationen werden verfolgt. Der Bedarf an Schutz ist in der Türkei sehr hoch“. Er bedauert, keinen Einfluss auf die Vergabe von Asylrechten zu haben und mache sich insbesondere Sorgen um die Gruppe der Kurden.

Viele Film-Besucher reagierten „fassungslos“ auf die gefilmte zerstörte Stadt und meinten, der Film zeige einen Wunsch nach Frieden. Auch trage er durch Versachlichung zur Aufklärung bei, indem er eine in der Türkei existierende Kriminalisierung der Kurden belege. Andere Besucher wünschten sich mehr Hintergrund-Infos über die politische Lage 2015/ 16 in der Ost-Türkei. Auf jeden Fall müsse den Menschen hier gezeigt werden, welcher Terror in der Türkei herrsche.

Asli Özarslan zufolge lebt Leyla heute wieder in Deutschland und muss bei null anfangen: „Sie hofft, dass sie irgendwann wieder nach Cizre zurückkehren kann“.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017

„Seit der Machtergreifung durch den feinen Herrn Erdogan fahre ich nicht mehr in die Türkei in den Urlaub. Und schon gar nicht dienstlich“, sagt Wolf Lindner. Im Januar 1991 war der Gründer des naxos.Kinos mit einem ARD-Reportagewagen in Dyarbakir zu Dreharbeiten unterwegs.

Er und sein Team waren gut „bewaffnet“ mit Presseausweisen und Passierschienen – denn es war Golfkrieg, und die Bundeswehr hatte ihren ersten „Ernstfall-Einsatz“ in der Türkei. „Gegen Ende unserer Dreharbeiten, in der NATO-Zentrale, traten mehrere unauffällige Herren an unseren Tisch. Wir sollten ihnen das gedrehte Filmmaterial übergeben. Ich protestierte heftig, suchte vergeblich nach einem deutschen Offizier und erklärte dann dem Anführer der Zivilisten, dass wir unser Filmmaterial unter gar keinen Umständen aus der Hand gäben“, so Lindner weiter. „Daraufhin wurden wir verhaftet und im Polizeigriff abgeführt.“

Nach einer Zickzack-Fahrt quer durch die ganze Stadt hielt man vor einem Hochhaus. Die türkischen Geheimpolizisten brachten das Team in eines der oberen Stockwerke und schleppten auch die gesamte Ausrüstung dorthin. Dann nahm sich einer der Zivilisten die Kamera, sichtete das gesamte Material und löschte alles, was irgendetwas mit Kurden zu tun hatte. Und das mitten in einer NATO-Befehlszentrale. 

„Verstehen Sie jetzt, warum ich nicht mehr in die Türkei fahre?“, so Lindners rhetorische Frage. Er halte es übrigens auch für richtig, wenn deutsche Touristen nicht mehr in der Türkei Urlaub machten, um „auf den Despoten Erdogan Druck auszuüben“. Er wisse ja, das treibe Hoteliers & Co. in den Ruin. „Aber – und das ist nicht zynisch gemeint – jedes Volk ist für die Regierung verantwortlich, die es wählt.“ 

So erzählt der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ der 1986 in Berlin geborenen Regisseurin Asli Özarslan die Geschichte von Leyla Imret, einer in Deutschland lebenden Kurdin, die mit sieben Jahren nach Deutschland kommt und mit 26 Jahren 2013 in das Land zurückkehrt, in dem sie geboren wurde. Dort nimmt sie 2014 an den türkischen Kommunalwahlen teil, wobei sie als Kandidatin der Barış ve Demokrasi Partisi mit 83 % der Stimmen als jüngste Inhaberin eines solchen Amtes in der Türkei zur Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Cizre gewählt wird. Sie tritt ihr Amt mit dem Wunsch an, die vom Bürgerkrieg zerstörte Krisenregion und Kurdenhochburg wieder zu einem lebenswerten Ort zu machen. Doch als dann die Parlamentswahlen in der Türkei anstehen, kommt alles anders und Leyla wird an ihre Kindheit erinnert, unter anderem daran, wie ihr Vater als PKK-Kämpfer bei einem Gefecht mit dem türkischen Militär ums Leben kam. Im September 2015 wird gegen Leyla Imret ein Verfahren wegen der Aufwiegelung des Volkes zum bewaffneten Aufstand gegen den Staat und Propaganda für eine Terrororganisation eröffnet. Kurze Zeit später wird sie durch das Innenministerium ihres Amtes enthoben – lange vor dem Putsch. Filmreihe:

ÜberLeben – DIL LEYLA

Von Asli Özarslan,

D/ TUR, 2016, 71 Min.

Di 10.10.2017, 19.30 naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2017

Gemeint sind die vielfachen Verbrechen der Deutschen in der Nazizeit, hier die Massaker an der Bevölkerung in vielen Ländern, vor allem in Italien, Frankreich, Polen und in der Sowjetunion. Überall in Europa ragen sie düster in den Himmel, die Mahnmale für beispiellose Verbrechen unserer Vorfahren an fremden Völkern, insbesondere am jüdischen Volk. ahrzehnte lang wurde der Opfer gedacht. Und gemahnt: „nie wieder … denn der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“! Das unheimliche Erstarken der AfD in diesen Wochen bestätigt  - makaber aktuell - die Warnung vor Wiederholungen. So äußert sich Wolf Lindner, Gründer des naxos.Kinos in seinem aktuellen „Stand.Punkt“. Aber schon die dritte Generation nach 1933 wolle nicht mehr mitmachen beim Büßen und unterliege einem fatalen Irrtum. Nein, die heute 65jährigen und Jüngeren hätten in der Tat keine direkte Schuld auf sich geladen. Sie brauchten nicht zu büßen. Aber sie hätten eine unauslöschliche Verpflichtung, alles Zumutbare zu tun, damit sich Vergleichbares nie wiederholt.  Dazu Lindner weiter: „Vor diesem Hintergrund zeigen wir im naxos.Kino immer wieder Filme, die die Verbrechen beschreiben und die Kraft geben zum Erinnern und Mahnen. Und was können Sie persönlich dazu tun? Na, zum Beispiel Ihre Kinder und  Enkel, aber auch Nachbarn und Kollegen aufmerksam machen auf die Filme im naxos.Kino, die sich mit der unheilvollen Vergangenheit beschäftigen“. „Das zweite Trauma – Das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“

  1. Oktober 2017, 19.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017
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Bild: Naxos-Moderator Wolf Lindner (l.) mit den Gesprächsgästen Daniel Röder (Pulse of Europe, 3.v.l.,), Opel-Mitarbeiter Paul Fröhlich (4.v.l.), Alexis Passadakis (Attac, 2.v.r.) und Filmregisseur Martin Keßler (r.).

Deutschlandpremiere: Rund 250 Besucher wollen am 19. September 2017 im naxos.Kino an der 140-minütigen „Reise in den Herbst“ des Frankfurter Filmemachers Martin Keßler teilnehmen. 150 von ihnen kann das Kino fassen. Für die restlichen 100 wird spontan ein Monitor im Bistro installiert, sodass alle an der geplanten Reise teilnehmen können. Nach 140 Minuten füllt Applaus die Räume.

Es brodelt überall.
In seiner Dokumentation setzt sich Keßler mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Menschen in diesem Land auseinander. Er startet im Januar von Frankfurt aus nach Koblenz: Treffen der führenden europäischen Rechtspopulisten. In Würzburg begleitet er die Kanzlerin zum Diözesenempfang. Auf dem Berliner Breitscheidplatz brennen noch die Kerzen für die Opfer des Terroranschlags auf dem Weihnachtsmarkt. Er interviewt einen AfD-Funktionär und befragt einen Historiker. In Sachsen-Anhalt trifft er den Initiator der Montagsdemos gegen Hartz IV, in Bochum und Rüsselsheim spricht er mit enttäuschten Opel-Mitarbeitern, in Frankfurt mit Menschen, die gegen die Mietpreisexplosion auf die Straße gehen. Er begleitet eine „Pulse-of Europe“-Demo, dreht auf dem SPD-Parteitag die 100 %-Wahl von Martin Schulz, erlebt in Nürnberg eine Demo gegen eine geplante Abschiebung eines Berufsschülers nach Afghanistan und reist zur Beerdigung von Helmut Kohl. Vorläufiges Ziel und Gipfel ist das G20-Treffen im Juli in Hamburg.

Wir brauchen Mut

PublikumModerator Wolf Lindner geht zu Beginn des Filmgespräch ins immer noch zahlreiche Publikum und fängt spontane Stimmen zum Film auf: große Bereitschaft, sich an gesellschaftlichen Veränderungen zu beteiligen, inspirierend und gleichzeitig schockierend – wir müssen die Ungleichheit verändern, die AfD verhindern, um die Demokratie nicht zu verlieren, man kriegt Angst, dass die Demokratie – auch in Europa – eingeschläfert wird, wir brauchen Mut, um den Sozialabbau zu verhindern.

 

Gefährliche Wirklichkeit hinter beschaulichem Bild
Keßler zufolge werde so getan, als ginge es allen gut. Doch hinter dem beschaulichen Bild macht er eine gefährliche Wirklichkeit aus: Renationalisierung und fortschreitende Polarisierung zwischen Arm und Reich aufgrund einer etablierten Wirtschaftsordnung, Rechtspopulismus, Klimakatastrophe, Flüchtlingspolitik und Wut aufs Establishment. „Hinzu kommt, dass wir in einer von den Mainstreammedien gehypten Landschaft leben. Wenn wir nichts ändern, werden wir bürgerliche Freiheiten aufgeben müssen.“

Rechtsanwalt Daniel Röder von Pulse of Europe sieht darüber hinaus die Gefahr, dass Europa an nationalen Egos zerbricht. Seine Organisation organisiere Demos, um die Menschen zur Wahl demokratischer Parteien zu motivieren: „Wir sind parteiübergreifend“.

Paul Fröhlich, Opelianer aus Rüsselsheim, sieht den Kapitalismus eindeutig nach rechts wandern, wohin ihm die Politik schnurstracks folge. Er ist jedoch zuversichtlich, dass sich die Menschen dagegen wehren: „Wir engagieren uns aktiv gegen den Rechtsruck und Anti-Kommunismus. Wir setzen auf Bildung, Ausbildung und Integration“.

Laut Alexis Passadakis von Attac solle „eine Gewinner-Verlierer-Gesellschaft als etwas Normales dargestellt werden, dagegen schreiten wir ein“. Seine Organisation rufe zwar zu Demos auf, aber Sachgewalt ja, Personengewalt nein. Röder erwidert, Gewaltdemos seien kein Kennzeichen für eine bessere Welt.

Gegen die Einseifung durch die Medien
Gewaltlose Massendemonstrationen könnten etwas bewirken gegen die Einseifung durch die Medien, meint Keßler. Schließlich habe die Öffentlichkeit die Aufgabe der Kontrolle. Denn die Öffentlichkeit sei der Raum, der entscheiden müsse, was machbar ist und was gemacht werden muss. „Protest ist keine Gewalt, kein kriminelles Delikt. Unser Rechtsstaat darf nie durch Polizeirecht ersetzt werden.“

Passadakis sieht in dem Film auch „ein Requiem für die etablierten Parteien“, die national wie international abbröckelten und keine Funktionen mehr hätten.

Fazit: Die zahlreich vorhandenen solidarischen Strömungen gegen eine Inszenierung von Wirtschaft und Politik haben leider immer noch nicht zueinander gefunden.

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2017

Am 19. September 2017 läuft im naxos.Kino wieder mal eine Premiere: Filmemacher Martin Keßler stellt um 19.30 Uhr seine neue Dokumentation „Reise in den Herbst“ vor. Der Film sei mal wieder mit der heißen Nadel genäht, sagte Keßler, erst kurz vor diesem Abend sei er fertig geworden, naja, fertig sei halt Ansichtssache. Der Film ist mit Ziel auf die Bundestagswahl realisiert worden. So haben die Veranstalter für den Abend ausnahmsweise fünf Gesprächsgäste (statt ansonsten zwei) eingeladen. „Gehen Sie also nach dem Film nicht gleich nach Hause, denn die Diskussion wird bunt und vielfältig“, sagt Wolf Lindner vom naxos.Kino. 

„Wenn wir DIE nicht hätten…!“, hörte Lindner , während der früheren Premiere eines Keßler-Films einen Besucher vor sich hin reden. Dem konnte er nur zustimmen. Denn die Rede war von einem zunehmenden Skandal, was die „Entlohnung“ der Dokumentarfilmer betrifft. „Seit Jahrzehnten schmücken sich die Fernsehanstalten mit den wenigen klassischen Dokumentarfilmen, die sie senden – ihrer zwölf im ganzen Jahr“, klagt Lindner. Aus dem Fernsehprogramm verschwänden sie mehr und mehr oder sie rutschten mit ihrer Sendezeit immer weiter in die Nacht hinein. „Die kleineren Dokumentarfilmer und Rucksackproduzenten leben von der Selbstausbeutung oder vom (Ehe-)Partner, nicht wenige müssen zum Sozialamt“, so Lindner weiter. Unter diesen Umständen sei es fast schon ein Wunder, dass so viele gute bis hochklassige Dokumentarfilme in Deutschland entstehen. Dennoch freut sich der Gründer vom naxos.Kino über den eingeschlagenen Weg: „Wir haben für unsere rund 48 Kinoabende im Jahr sozusagen die freie Auswahl an Filmen, mit denen wir versuchen, unser Publikum über verschiedene aktuelle Themen umfassend zu informieren“.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017