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Nahmen für das naxos.Kino den Hessischen den Hessischen Filmpreis 2017 entgegen: v.l.n.r. naxos-Gründer und Geschäftsführer Wolf Lindner und die drei Vorstände Hilde Richter, Renate Krömer sowie Gerd Becker.

 

Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch“ in der Frankfurter Naxoshalle gewinnt zum fünften Mal die Auszeichnung für nicht gewerbliche Kinos  

Frankfurt, 14. Oktober 2017 – Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch e.V.“  in der Frankfurter Naxoshalle hat zum fünften Mal den Hessischen Kinokulturpreis für nicht gewerbliche Kinos gewonnen. Der Preis für das Jahr 2017 wurde am gestrigen Freitagabend in der Alten Oper Frankfurt an den Vorstand Gerd Becker übergeben. Das naxos.Kino hat diese Auszeichnung bereits in den Jahren 2009, 2010, 2011 und 2013 erhalten.

Die Hessische Filmförderung würdigt mit dem Preis erneut das Engagement des ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern betriebenen kleinen Kinos, das regelmäßig am Dienstagabend mit wenigen Ausnahmen Dokumentarfilme zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themenbereichen zeigt. Dazu gehören unter anderem die Filmreihen „Geschichtsstunde“, „Winners & Losers“, „ÜberLeben“, „Große Theaterfilme“, „Musik im Dokumentarfilm“ und nicht zuletzt „Frankfurt im Film“, wo lokale Themen und vor allem Frankfurter Filmemacher eine Plattform finden.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen nicht gewerblichen Einrichtungen ist das Filmgespräch im Anschluss an die jeweilige Filmvorführung. „Dazu laden wir Regisseure, Protagonisten, Zeitzeugen oder Fachleute und binden selbstverständlich auch die Zuschauer ein“, sagte Wolf Lindner, Geschäftsführer und Gründer des naxos.Kinos. Das Interesse an diesen anschließenden Diskussionen wertet naxos-Vorstand Gerd Becker als „sehr groß, weil es eher selten die Gelegenheit gibt, dass Filmschaffende und Zuschauer ihre Ansichten austauschen und Fragen stellen können“.

Lindner betrachtet die Auszeichnung auch als nachträgliches „Geburtstagsgeschenk“, denn alles begann am 11. Oktober 2005, als er und einige engagierte Mitstreiter das naxos.Kino gründeten, das sich inzwischen zu einer festen Größe im Kulturbetrieb der Frankfurter Naxoshalle im Ostend entwickelt hat.Für seine Schauspielkunst wurde beim Film- und Kinopreis der 60-jährige Ulrich Tukur mit dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten Volker Bouffier ausgezeichnet. Tukur ist ein Allrounder, dreht Kinofilme, macht Theater und Musik und schreibt Bücher. Er sei „stets sicher im Takt und nichts bringt ihn aus dem Rhythmus“, so Bouffier.

Ulrich Tukur ließ sich nicht lange bitten und posierte gern mit den naxos-Gewinnern und den Pokalen. Von Starallüren war bei ihm nichts zu spüren. Er ist, wie auch die naxos-Vertreter, eher geerdet als abgehoben.

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2017
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Bild: Filmemacherin Asli Özarslan (2.v.l.), Anita Starosta, Medico International (l.) und Bernd Mesovic, Pro Asyl (r.), mit Moderatorin Hilde Richter vom naxos.Kino.

 

Am 10. Oktober 2017 ist die junge Filmemacherin Asli Özarslan als Gast zum Filmgespräch aus Berlin ins naxos.Kino angereist. Sie ist stolz darauf, dass das exklusive Frankfurter Doku-Kino ihren Film „Dil Leyla“ zeigt und bedankt sich bei den vielen Besuchern für deren Interesse.

Der Film beginnt mit Videoaufnahmen aus einer früheren Periode der Repression Anfang der neunziger Jahre. Polizei mit Panzerwagen jagt Menschen, die gerade noch mit patriotischen Gesängen und Fahnenschwenken das kurdische Neujahr begrüßen: Szenen der Gewalt prägen die Kindheitserinnerungen von Leyla Imret. Das kleine Mädchen wird zu seiner Sicherheit zu Verwandten ins ferne Deutschland gegeben, nachdem ihr Vater 1991 bei einem Gefecht erschossen wird.

Sie ist Friseurin in Bremen, als Özarslan sie kennenlernt. „Sie war in meinem Alter, zeigte großes Interesse an humanitären Fragen und wollte dazu beitragen, den Menschen in ihrem Heimatort ein normales Leben zu ermöglichen“, sagt die Filmemacherin. Deshalb habe sie sich entschlossen, in die Türkei zurückzukehren.

Der Anfang Leyla Imrets Regentschaft als Bürgermeisterin von Cizre 2014 fällt in den kurzen hoffnungsvollen Frühling der Erdoganschen Kurdenpolitik. Sie wolle „etwas Schönes machen für diese Menschen“, sagt sie etwas vage über ihr Programm. Viel konkreter wird das auch im Film nicht. So bleiben Leyla Imrets politische Absichten bis zum Ende ebenso unklar wie die Machtverhältnisse der regionalen Politikzirkel, in denen sie agiert. Leyla Imret ist die erste Bürgermeisterin in der Türkei und wird dennoch immer wieder als „Herr Bürgermeister“ angesprochen.

Als die mehrheitlich kurdische Bevölkerung Cizres den Erfolg bei den Wahlen im Juni 2015 feiert und mit der HDP eine neue pro-kurdische Partei erstmals ins Parlament einzieht, sitzt Leyla Imret bereits wegen einer Ausgangssperre zu Hause fest statt mit politischen Freunden zu feiern. Im Herbst wird sie dann ihres Amtes als jüngste Bürgermeisterin der Türkei enthoben.

„Wir hatten ihre erste Rede als Bürgermeisterin gedreht, aber nicht mit den Anschlägen gerechnet“, so Özarslan weiter. So muss das Filmteam mehrfach ausreisen. Dann bricht der Kontakt nach Cizre ab, selbst Leylas engagierte Bremer Verwandtschaft kann die junge Frau in der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt über Monate nicht erreichen. Als sie sich endlich wieder melden kann, berichtet sie Erschütterndes von Massakern, Zerstörung und Verfolgung.

Anita Starosta, Mitarbeiterin in der Spendenkommunikation bei Medico International, hielt sich damals zum Wiederaufbau der zertrümmerten Häuser für 7000 Familien in Cizre auf. „Die Alteinwohner erhielten keine Entschädigung und wurden zum Teil vertrieben. Auch die Verbrechen wurden nicht aufbereitet“, berichtet sie. Ebenso sei ein Kontakt zu Leyla nicht möglich gewesen, weil alles überwacht und zensiert wurde.

Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik und verantwortlich für die Pressearbeit von Pro Asyl, sieht darin einen Schlag gegen die gesamte Entwicklung innerhalb der Türkei: „Journalisten, NGOs und humanitäre Organisationen werden verfolgt. Der Bedarf an Schutz ist in der Türkei sehr hoch“. Er bedauert, keinen Einfluss auf die Vergabe von Asylrechten zu haben und mache sich insbesondere Sorgen um die Gruppe der Kurden.

Viele Film-Besucher reagierten „fassungslos“ auf die gefilmte zerstörte Stadt und meinten, der Film zeige einen Wunsch nach Frieden. Auch trage er durch Versachlichung zur Aufklärung bei, indem er eine in der Türkei existierende Kriminalisierung der Kurden belege. Andere Besucher wünschten sich mehr Hintergrund-Infos über die politische Lage 2015/ 16 in der Ost-Türkei. Auf jeden Fall müsse den Menschen hier gezeigt werden, welcher Terror in der Türkei herrsche.

Asli Özarslan zufolge lebt Leyla heute wieder in Deutschland und muss bei null anfangen: „Sie hofft, dass sie irgendwann wieder nach Cizre zurückkehren kann“.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017

„Seit der Machtergreifung durch den feinen Herrn Erdogan fahre ich nicht mehr in die Türkei in den Urlaub. Und schon gar nicht dienstlich“, sagt Wolf Lindner. Im Januar 1991 war der Gründer des naxos.Kinos mit einem ARD-Reportagewagen in Dyarbakir zu Dreharbeiten unterwegs.

Er und sein Team waren gut „bewaffnet“ mit Presseausweisen und Passierschienen – denn es war Golfkrieg, und die Bundeswehr hatte ihren ersten „Ernstfall-Einsatz“ in der Türkei. „Gegen Ende unserer Dreharbeiten, in der NATO-Zentrale, traten mehrere unauffällige Herren an unseren Tisch. Wir sollten ihnen das gedrehte Filmmaterial übergeben. Ich protestierte heftig, suchte vergeblich nach einem deutschen Offizier und erklärte dann dem Anführer der Zivilisten, dass wir unser Filmmaterial unter gar keinen Umständen aus der Hand gäben“, so Lindner weiter. „Daraufhin wurden wir verhaftet und im Polizeigriff abgeführt.“

Nach einer Zickzack-Fahrt quer durch die ganze Stadt hielt man vor einem Hochhaus. Die türkischen Geheimpolizisten brachten das Team in eines der oberen Stockwerke und schleppten auch die gesamte Ausrüstung dorthin. Dann nahm sich einer der Zivilisten die Kamera, sichtete das gesamte Material und löschte alles, was irgendetwas mit Kurden zu tun hatte. Und das mitten in einer NATO-Befehlszentrale. 

„Verstehen Sie jetzt, warum ich nicht mehr in die Türkei fahre?“, so Lindners rhetorische Frage. Er halte es übrigens auch für richtig, wenn deutsche Touristen nicht mehr in der Türkei Urlaub machten, um „auf den Despoten Erdogan Druck auszuüben“. Er wisse ja, das treibe Hoteliers & Co. in den Ruin. „Aber – und das ist nicht zynisch gemeint – jedes Volk ist für die Regierung verantwortlich, die es wählt.“ 

So erzählt der Dokumentarfilm „Dil Leyla“ der 1986 in Berlin geborenen Regisseurin Asli Özarslan die Geschichte von Leyla Imret, einer in Deutschland lebenden Kurdin, die mit sieben Jahren nach Deutschland kommt und mit 26 Jahren 2013 in das Land zurückkehrt, in dem sie geboren wurde. Dort nimmt sie 2014 an den türkischen Kommunalwahlen teil, wobei sie als Kandidatin der Barış ve Demokrasi Partisi mit 83 % der Stimmen als jüngste Inhaberin eines solchen Amtes in der Türkei zur Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt Cizre gewählt wird. Sie tritt ihr Amt mit dem Wunsch an, die vom Bürgerkrieg zerstörte Krisenregion und Kurdenhochburg wieder zu einem lebenswerten Ort zu machen. Doch als dann die Parlamentswahlen in der Türkei anstehen, kommt alles anders und Leyla wird an ihre Kindheit erinnert, unter anderem daran, wie ihr Vater als PKK-Kämpfer bei einem Gefecht mit dem türkischen Militär ums Leben kam. Im September 2015 wird gegen Leyla Imret ein Verfahren wegen der Aufwiegelung des Volkes zum bewaffneten Aufstand gegen den Staat und Propaganda für eine Terrororganisation eröffnet. Kurze Zeit später wird sie durch das Innenministerium ihres Amtes enthoben – lange vor dem Putsch. Filmreihe:

ÜberLeben – DIL LEYLA

Von Asli Özarslan,

D/ TUR, 2016, 71 Min.

Di 10.10.2017, 19.30 naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2017

Gemeint sind die vielfachen Verbrechen der Deutschen in der Nazizeit, hier die Massaker an der Bevölkerung in vielen Ländern, vor allem in Italien, Frankreich, Polen und in der Sowjetunion. Überall in Europa ragen sie düster in den Himmel, die Mahnmale für beispiellose Verbrechen unserer Vorfahren an fremden Völkern, insbesondere am jüdischen Volk. ahrzehnte lang wurde der Opfer gedacht. Und gemahnt: „nie wieder … denn der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch“! Das unheimliche Erstarken der AfD in diesen Wochen bestätigt  - makaber aktuell - die Warnung vor Wiederholungen. So äußert sich Wolf Lindner, Gründer des naxos.Kinos in seinem aktuellen „Stand.Punkt“. Aber schon die dritte Generation nach 1933 wolle nicht mehr mitmachen beim Büßen und unterliege einem fatalen Irrtum. Nein, die heute 65jährigen und Jüngeren hätten in der Tat keine direkte Schuld auf sich geladen. Sie brauchten nicht zu büßen. Aber sie hätten eine unauslöschliche Verpflichtung, alles Zumutbare zu tun, damit sich Vergleichbares nie wiederholt.  Dazu Lindner weiter: „Vor diesem Hintergrund zeigen wir im naxos.Kino immer wieder Filme, die die Verbrechen beschreiben und die Kraft geben zum Erinnern und Mahnen. Und was können Sie persönlich dazu tun? Na, zum Beispiel Ihre Kinder und  Enkel, aber auch Nachbarn und Kollegen aufmerksam machen auf die Filme im naxos.Kino, die sich mit der unheilvollen Vergangenheit beschäftigen“. „Das zweite Trauma – Das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“

  1. Oktober 2017, 19.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017
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Bild: Naxos-Moderator Wolf Lindner (l.) mit den Gesprächsgästen Daniel Röder (Pulse of Europe, 3.v.l.,), Opel-Mitarbeiter Paul Fröhlich (4.v.l.), Alexis Passadakis (Attac, 2.v.r.) und Filmregisseur Martin Keßler (r.).

Deutschlandpremiere: Rund 250 Besucher wollen am 19. September 2017 im naxos.Kino an der 140-minütigen „Reise in den Herbst“ des Frankfurter Filmemachers Martin Keßler teilnehmen. 150 von ihnen kann das Kino fassen. Für die restlichen 100 wird spontan ein Monitor im Bistro installiert, sodass alle an der geplanten Reise teilnehmen können. Nach 140 Minuten füllt Applaus die Räume.

Es brodelt überall.
In seiner Dokumentation setzt sich Keßler mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Menschen in diesem Land auseinander. Er startet im Januar von Frankfurt aus nach Koblenz: Treffen der führenden europäischen Rechtspopulisten. In Würzburg begleitet er die Kanzlerin zum Diözesenempfang. Auf dem Berliner Breitscheidplatz brennen noch die Kerzen für die Opfer des Terroranschlags auf dem Weihnachtsmarkt. Er interviewt einen AfD-Funktionär und befragt einen Historiker. In Sachsen-Anhalt trifft er den Initiator der Montagsdemos gegen Hartz IV, in Bochum und Rüsselsheim spricht er mit enttäuschten Opel-Mitarbeitern, in Frankfurt mit Menschen, die gegen die Mietpreisexplosion auf die Straße gehen. Er begleitet eine „Pulse-of Europe“-Demo, dreht auf dem SPD-Parteitag die 100 %-Wahl von Martin Schulz, erlebt in Nürnberg eine Demo gegen eine geplante Abschiebung eines Berufsschülers nach Afghanistan und reist zur Beerdigung von Helmut Kohl. Vorläufiges Ziel und Gipfel ist das G20-Treffen im Juli in Hamburg.

Wir brauchen Mut

PublikumModerator Wolf Lindner geht zu Beginn des Filmgespräch ins immer noch zahlreiche Publikum und fängt spontane Stimmen zum Film auf: große Bereitschaft, sich an gesellschaftlichen Veränderungen zu beteiligen, inspirierend und gleichzeitig schockierend – wir müssen die Ungleichheit verändern, die AfD verhindern, um die Demokratie nicht zu verlieren, man kriegt Angst, dass die Demokratie – auch in Europa – eingeschläfert wird, wir brauchen Mut, um den Sozialabbau zu verhindern.

 

Gefährliche Wirklichkeit hinter beschaulichem Bild
Keßler zufolge werde so getan, als ginge es allen gut. Doch hinter dem beschaulichen Bild macht er eine gefährliche Wirklichkeit aus: Renationalisierung und fortschreitende Polarisierung zwischen Arm und Reich aufgrund einer etablierten Wirtschaftsordnung, Rechtspopulismus, Klimakatastrophe, Flüchtlingspolitik und Wut aufs Establishment. „Hinzu kommt, dass wir in einer von den Mainstreammedien gehypten Landschaft leben. Wenn wir nichts ändern, werden wir bürgerliche Freiheiten aufgeben müssen.“

Rechtsanwalt Daniel Röder von Pulse of Europe sieht darüber hinaus die Gefahr, dass Europa an nationalen Egos zerbricht. Seine Organisation organisiere Demos, um die Menschen zur Wahl demokratischer Parteien zu motivieren: „Wir sind parteiübergreifend“.

Paul Fröhlich, Opelianer aus Rüsselsheim, sieht den Kapitalismus eindeutig nach rechts wandern, wohin ihm die Politik schnurstracks folge. Er ist jedoch zuversichtlich, dass sich die Menschen dagegen wehren: „Wir engagieren uns aktiv gegen den Rechtsruck und Anti-Kommunismus. Wir setzen auf Bildung, Ausbildung und Integration“.

Laut Alexis Passadakis von Attac solle „eine Gewinner-Verlierer-Gesellschaft als etwas Normales dargestellt werden, dagegen schreiten wir ein“. Seine Organisation rufe zwar zu Demos auf, aber Sachgewalt ja, Personengewalt nein. Röder erwidert, Gewaltdemos seien kein Kennzeichen für eine bessere Welt.

Gegen die Einseifung durch die Medien
Gewaltlose Massendemonstrationen könnten etwas bewirken gegen die Einseifung durch die Medien, meint Keßler. Schließlich habe die Öffentlichkeit die Aufgabe der Kontrolle. Denn die Öffentlichkeit sei der Raum, der entscheiden müsse, was machbar ist und was gemacht werden muss. „Protest ist keine Gewalt, kein kriminelles Delikt. Unser Rechtsstaat darf nie durch Polizeirecht ersetzt werden.“

Passadakis sieht in dem Film auch „ein Requiem für die etablierten Parteien“, die national wie international abbröckelten und keine Funktionen mehr hätten.

Fazit: Die zahlreich vorhandenen solidarischen Strömungen gegen eine Inszenierung von Wirtschaft und Politik haben leider immer noch nicht zueinander gefunden.

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2017

Am 19. September 2017 läuft im naxos.Kino wieder mal eine Premiere: Filmemacher Martin Keßler stellt um 19.30 Uhr seine neue Dokumentation „Reise in den Herbst“ vor. Der Film sei mal wieder mit der heißen Nadel genäht, sagte Keßler, erst kurz vor diesem Abend sei er fertig geworden, naja, fertig sei halt Ansichtssache. Der Film ist mit Ziel auf die Bundestagswahl realisiert worden. So haben die Veranstalter für den Abend ausnahmsweise fünf Gesprächsgäste (statt ansonsten zwei) eingeladen. „Gehen Sie also nach dem Film nicht gleich nach Hause, denn die Diskussion wird bunt und vielfältig“, sagt Wolf Lindner vom naxos.Kino. 

„Wenn wir DIE nicht hätten…!“, hörte Lindner , während der früheren Premiere eines Keßler-Films einen Besucher vor sich hin reden. Dem konnte er nur zustimmen. Denn die Rede war von einem zunehmenden Skandal, was die „Entlohnung“ der Dokumentarfilmer betrifft. „Seit Jahrzehnten schmücken sich die Fernsehanstalten mit den wenigen klassischen Dokumentarfilmen, die sie senden – ihrer zwölf im ganzen Jahr“, klagt Lindner. Aus dem Fernsehprogramm verschwänden sie mehr und mehr oder sie rutschten mit ihrer Sendezeit immer weiter in die Nacht hinein. „Die kleineren Dokumentarfilmer und Rucksackproduzenten leben von der Selbstausbeutung oder vom (Ehe-)Partner, nicht wenige müssen zum Sozialamt“, so Lindner weiter. Unter diesen Umständen sei es fast schon ein Wunder, dass so viele gute bis hochklassige Dokumentarfilme in Deutschland entstehen. Dennoch freut sich der Gründer vom naxos.Kino über den eingeschlagenen Weg: „Wir haben für unsere rund 48 Kinoabende im Jahr sozusagen die freie Auswahl an Filmen, mit denen wir versuchen, unser Publikum über verschiedene aktuelle Themen umfassend zu informieren“.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017

Mehr als einmal hat die Zeitgeschichte das Naxos.Kino eingeholt: Ein altes Thema wird plötzlich wieder brandaktuell. „Vor zehn Monaten war Nordkorea ein alter Hut, derzeit wird es wieder mal spannend, weil der amerikanische Präsident und sein nordkoreanischer Kollege einen Dritten Weltkrieg ein ganzes Stück näher gerückt haben“, so Wolf Lindner, Gründer der Naxos-Kinogruppe. Der Film „Im Strahl der Sonne“ (12.09.2017, 19.30 Uhr) zeigt viel Interessantes aus dem „Eingemachten“ Nordkoreas: Der ukrainisch-russische Filmemacher Vitali Mansky hat unter erheblichem Aufwand eine Drehgenehmigung in Nordkorea erhalten. „Dort wurde er rund um die Uhr vom Sicherheitsdienst beschattet. Dennoch sind ihm zahlreiche heimliche Aufnahmen gelungen, mit denen er die totale Inszenierung einer heilen Welt entlarven konnte“, sagt Gerd Becker, Vorstandsmitglied der Naxos-Kinogruppe, zum politischen Hintergrund. Damit habe er persönlich eine Inhaftierung und Schlimmeres in Nordkorea riskiert. „Gerne hätten wir ihn beim Filmabend dabei gehabt“, so Becker weiter, „aber leider ist er zu der Zeit bei einem Filmfestival in Lettland“.

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017
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Bild: Wolfgang Voss (2.v.r.) ist ein erfahrener Naxos-Moderator. Zu dem anspruchsvollen Filmgespräch hatte er die Schauspieler des WuWei-Theaters, Andreas Wellano (l.) und Angelika Sieburg (2.v.l.) sowie Nikolaus Müller-Schöll von der Goethe-Uni (r.) eingeladen.


Bei aller Hochachtung vor den Ambitionen des 2015 verstorbenen Filmemachers Peter Voigt und des Verleihs: „Bertolt Brecht – Bild und Modell“ ist ein Film, der eigentlich ausschließlich auf absolute Brecht-Fans zugeschnitten ist. Umso erstaunlicher, dass das naxos-Kino am 5. September 2017 zu dreiviertel gefüllt ist.

 

Vorbemerkung: Voigt war von April 1954 bis 1958 als Regie- und Dramaturgie-Assistent am Berliner Ensemble engagiert. Gleich zu Beginn war er von Brecht beauftragt worden, das zu dessen privater Bibliothek gehörige Manuskript-Archiv sowie seine Sammlung grafischer Arbeiten zu sichten und zu ordnen. Darüber hinaus erlebte der spätere Regisseur zu Brechts Lebzeiten unter anderem die Probenarbeiten an den Inszenierungen von „Der kaukasische Kreidekreis“ und „Leben des Galilei“, in denen er bisweilen auch kleinere Darsteller-Aufgaben zu übernehmen hatte.

Brecht selbst war der vermutlich einflussreichster deutsche Dramatiker und Lyriker des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Seine verborgene Leidenschaft galt jedoch dem Film und der Fotografie. Und diese Leidenschaft hatte Einfluss auf sein dramatisches Werk, denn Brecht ließ es sich nicht nehmen, Szene für Szene seiner Inszenierungen abzufotografieren und so eine Art Drehbuch der jeweiligen Aufführung zu fixieren. Bereits 1931 ließ er Filmaufnahmen von zentralen Momenten seines Stückes „Mann ist Mann“ anfertigen. Immer wieder entstanden Zeitrafferfilme von Theaterproduktionen und aufwändig gestaltete, szenische Collage-Hefte, die die Grundlage des Films darstellen.

Zurück zum Filmabend: Etwa 15 Minuten vor Filmende verlassen in kurzen Abständen etwa 15 bis 20 Besucher das Kino. Ich folge ihnen, treffe sie vor dem Kino bei einem Drink wieder und frage, warum sie gegangen sind. „Ratlos“, „überfordert“, „zu intellektuell“, „da komme ich nicht mehr mit“, „langweilig“, „so gut kenn ich Brecht nun auch wieder nicht“, lauten einige der Antworten. Um die leichte Befremdung etwas abzubauen, improvisiere ich ein kleines „Brecht-Quizz“ und verteile Punkte auf richtige Antworten. Das und die Drinks heben die Stimmung wieder. Dann kommen die Besucher, die bis zum Schluss durchgehalten haben und alles versammelt sich zum Filmgespräch.

Naxos-Moderator Wolfgang Voss, der an diesem Abend sein 40. Filmgespräch! (Glückwunsch!) leitet, fragt in die Runde, wie der Film gefallen habe: Schweigen. Angelika Sieburg vom WuWei-Theater, die seit 50 Jahren Theater macht, ist schockiert, dass Brechts Arbeitsbuch jede Szene genauestens festlegt. Sie sagt: „Ein starker Akteur spielt eine Brecht-Rolle individuell“. Ihr Kollege Andreas Wellano sagt, er habe immer Fotos herangezogen, um einer Rolle zu begegnen. Ihr WuWei-Theater repräsentiere die Kunst des Weglassens: „Durch Nichtstun etwas tun“.

„Brecht zu entdecken, ist eine Detektivarbeit“, meldet sich Nikolaus Müller-Schöll von der Goethe-Uni zu Wort. Brechts Wahrnehmung orientiere sich im Grunde an Goethe. So habe die Kultur von Weimar die klassische Produktion der Illusion vorgeliefert. Doch mit Brechts Modellbüchern solle dieser Entwicklung entgegengewirkt werden – nach dem Motto „Mich interessieren Eure Gesten, nicht Eure Psyche“.

Voss fragt beide Schauspieler, wie sie zu Brecht stehen. Angelika Sieburg: „Wir hatten das Glück, Brecht zu begegnen, haben uns aber von ihm wegentwickelt. Viele seiner Stücke haben wir in den USA und China mit nur zwei Personen gespielt“. Andreas Wellano: „Ein Theaterstück gehört allen. Bevor wir ein Stück spielen, improvisieren wir drei Monate. Irgendwann findet dann jeder seine Rolle. Das Arbeiten im Kollektiv war anfangs eine völlig neue Erfahrung“.

Was denn Theater heute ist, will Moderator Voss wissen. Darauf Sieburg: „Das Epische Theater lief bis Ende der 90-er Jahre, es folgte ein post-dramatischesTheater. Heute liegt der Fokus auf dem partizipativem Theater, Leute einbeziehen. Aber nach wie vor existiert das komödiantische Theater – man muss ja auch von was leben“.

Müller-Schöll charakterisiert den Film als „Hinterlassenschaft von Brecht und Voigt“. Letzterer konnte darin als absoluter Brechtkenner brillieren. Das Epische Theater eines Bertolt Brechts sieht der Vertreter der Goethe-Uni als ein „Theater der Unterbrechung, Dialektik im Stillstand“. Theater müsse heute die Möglichkeit des Aufarbeitens in jeder Gesellschaft beinhalten. „Aufgrund dieser Erfahrungen kommen wir heute immer noch auf Brecht zurück.“

 

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017

In der Dokumentation „Bertolt Brecht – Bild und Modell“ von Peter Voigt (verstorben 12.
März 2015) treffen persönliche Erinnerung, Werkkenntnis, Forschungsinteresse und
Anekdoten zum lebendigen Andenken an den wichtigsten deutschen Dramatiker des 20.
Jahrhunderts zusammen.
Als der Regisseur Peter Voigt, ehemaliger Regieassistent Brechts am Berliner Ensemble, 2004 eine Mappe mit Bildern und Bildtexten aus dem amerikanischen Exil findet, verfolgt er diese Spur und entdeckt, dass Brecht immer schon mit Fotografie und Film gearbeitet hat. Voigt stellt für diesen Film seltenes und nie gezeigtes Film- und Fotomaterial zu einer spannenden Collage zusammen. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Erdmut Wizisla, dem Leiter des 1956 von Helene Weigel gegründeten Bertolt-Brecht-Archivs (Akademie der Künste, Berlin) bildet die dramaturgische Klammer des Films.

Dazu Wolf Lindner vom Naxos.Kino: „Wenn Bertolt Brecht heute leben würde, wäre er bestimmt Mitglied bei uns im Naxos.Kino. Die Vielfalt der Filme und der Arbeiten, die es zu bewältigen gilt, hätte ihm besonders gut gefallen. Er – Brecht – war ein Wanderer zwischen den Grenzen, die zu überschreiten er über die Maßen liebte“.

Bertolt Brecht – Bild und Modell
von Peter Voigt und Sebastian Eschenbach

Dienstag, 5. September 2017 um 19:30 Uhr in der Naxoshalle, D 2006, 80 Min.

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2017
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Vier volle Filmstunden im naxos.Kino am 29. August 2017 – da bleibt keine Zeit mehr für das traditionell anknüpfende Filmgespräch. In rauschenden Bildern einer Zeit voller Widersprüche, geprägt von bitterer Armut und dekadentem Luxus, Scheinheiligkeit und Freidenkertum, grausamer Repression und ausschweifender Volksfeste erzählt der Film in der naxos-Reihe „Große Theaterfilme“ die ergreifende Geschichte eines Mannes, der bis zur Erschöpfung unermüdlich für seine Kunst kämpft. „Molière“ ist eines der Meisterwerke der international gefeierten, heute 78-jährigen Theatermacherin Ariane Mnouchkine.

Sein bürgerlicher Name ist Jean-Baptiste Poquelin. Berühmt wurde der französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker jedoch unter dem Namen „Molière“ (1622 – 1673). Er ist einer der großen Klassiker und machte die Komödie zu einer der Tragödie potenziell gleichwertigen Gattung. Vor allem erhob er das Theater seiner Zeit zum Diskussionsforum über allgemeine menschliche Verhaltensweisen in der Gesellschaft.

„Molière ist neben Shakespeare der größte Theaterautor, zumindest der westlichen Welt“, sagte Willy Praml, Leiter des gleichnamigen freien Theaters in der Naxos-Halle, während seiner Einführung. Er betonte auch seine enge Verbundenheit zu Mnouchkine. Beide hatten sich als Theaterschüler kennengelernt. Parallelitäten bestünden auch zwischen dem „Theater Willy Praml“ und der „Cartoucherie“, einer alten Munitionsfabrik in der Nähe von Vincennes. Dort leitet sie seit 1970 das weltberühmt gewordene „Thèatre du Soleil“. So seien die Theater beider auch immer politisch, aber nie doktrinär, ergänzte Praml.

Das „Théatre du Soleil fasse jedoch 800 Besucher und sei jeden Abend ausverkauft. „Als Theatermann muss man einfach eine Theaterwalfahrt dorthin unternommen haben, ich kann nur jedem empfehlen, einmal dorthin zu gehen“, sagte Praml. Die Aufführungen dauerten bis zu acht Stunden, verbunden mit dreigängigen Menüs und gutem Wein – und Mnouchkine selbst reiße die Eintrittskarten ab.

Eigentlich sollte die Theatermacherin an diesem Abend im naxos.Kino anwesend sein. Doch eine bereits vor längerer Zeit geplante Japanreise zum dortigen No-Theater hatte das verhindert. Ihr Besuch wäre dann verbunden gewesen mit der Entgegennahme des Goethepreises. Diese mit 50.000 Euro dotierte höchste Frankfurter Auszeichnung war ihr tags zuvor – auch in Abwesenheit – verliehen worden. An die rund 200 Gäste im Kaisersaal des Römers wandte sie sich jedoch per Videobotschaft und dankte ihnen und der Jury auch im Namen ihrer gesamten Gruppe vom Schauspieler bis zum Gebäudetechniker für die Auszeichnung. Sie bat aber auch um Verständnis, dass sie nach 50 Jahren noch einmal dorthin zurückgekehrt sei, wo die spirituellen Wurzeln ihrer Arbeit lagen. Denn sie wolle in Japan ergründen, ob sie noch Kraft genug habe, ein neues Großprojekt aufzulegen oder sich zurückziehen und ihr Theater in andere Hände übergeben solle.

Bild:

Theaterleiter Willy Praml führte die Besucher in den Film, in das „Théatre du Soleil“ und in die Person Ariane Mnouchkine ein.

 

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2017