|
Kein anderes Lied wurde so oft gespielt, arrangiert, gedruckt. Der deutsche Avantgardemusiker Kalle Laar allein kennt 2000 verschiedene Plattenversionen. Die Dunkelziffer, schätzt er, ist zweimal so hoch. Laar veröffentlichte vier CDs, nur mit “La Paloma”-Versionen. Stets ist es das Lied der Sehnsucht. Sehnsucht nach einem Ort oder einer geliebten Person. Im Banat tröstet es bei Beerdigungen die Hinterbliebenen, in Sansibar ist es das Abschiedslied bei Hochzeiten. In Mexiko rührte es einst den unglücklichen Kaiser Maximilian zu Tränen, während die Republikaner sich in einer Spottversion über das Kaiserpaar lustig machten. Zu seinen Klängen marschierten die Kinder in Auschwitz ins Gas. Hans Albers‘ alkoholgetränkte Version wurde von Goebbels verboten. 1961 brachten Elvis Presley und Freddy Quinn das Lied in die Hitparaden. Heute wirkt die kleine Habanera eher müde und abgetakelt. Aber das Lied ist ein Überlebenskünstler. Als kraftvoller Protest gegen die Präsidentschaftswahlen in Mexiko und gegen den übermächtigen Nachbarn USA feiert LA PALOMA in Mexiko ein glanzvolles Comeback. Im Anschluss Filmgespräch mit
Es moderiert Uwe Schmidt, naxos.KINO IM THEATER |
Archiv für Juni, 2009
|
Im Anschluss Filmgespräch mit
Es moderiert Oliver Kirst, naxos.KINO IM THEATER |
|
1980 kehren Flora und Frieda, inzwischen weit über 70, zum ersten Mal nach Frankfurt zurück - auf Einladung des Magistrats der Stadt. Trevor Peters begleitet sie mit einfühlsamer Kamera auf ihrem Flug nach Frankfurt und bei ihrem zweiwöchigen Aufenthalt in ihrer Geburtsstadt. Der Gang zum Friedhof. Straßen, Plätze. Wieder daheim? Willy sagt: „Wir hätten hier in Frieden leben können, mit meiner Pension. Und die Tochter hätte einen deutschen Beamten geheiratet”. Walter Speyer, ebenfalls deutschstämmiger Jude und Teilnehmer der Reise sagt anschließend in einem Interview mit der New York Times: „Es war eine Mutprobe. Ich wollte mich selbst prüfen. Ich bin zu exakt derselben Stelle gegangen, wo die Gestapo mich gefasst hat. Ich habe nichts gefühlt.”
Es moderiert Dr. Viktoria Pollmann, Historikerin. |
|
Er sei nur verstockt, sagt sein Vater, er ruhe sich darauf aus, auf der „schlimmen Sache” und früher hätte man sich mehr um die Kinder gekümmert. Die Eltern sind schuld sagt der Bürgermeister, und die Medien wollen nur schnelle Antworten, dabei sei doch die Tat nicht geplant gewesen, die wollten nur mal die Sau rauslassen. Man hat darüber geredet, aber „ irgendwann muss das mal wieder aufhören”. Potzlow ist zur Tagesordnung zurückgekehrt: man trinkt, kifft und trinkt. Ergötzt sich an scheinbar harmlosen Spielen. Spielchen, bei denen einer immer der Unterlegene ist. „Is doch ganz normal”, sagen die Opfer hinterher, „is jeder mal dran, man soll nicht soviel grübeln”. Wer grübelt, der ist schwach, einer wie Marinus, einer wie Matthias. Tamara Milosevic über ihren Film: Es ist entsetzlich festzustellen, dass die Täter aus Langweile, Perspektivlosigkeit, geistiger Leere, verkrüppelter Phantasie, ohne einen vorher gefassten Plan zu der Tat fähig waren. Im Film geht es nicht um Erklärungsversuche …Vielmehr hat mich der Alltag und das soziale Miteinander dieser Menschen in diesem Dorf interessiert, wie es Hunderte von Dörfern in Deutschland gibt. Im Anschluss Filmgespräch mit
Es moderiert Wolfgang Voss, naxos.KINO IM THEATER |
|
New York, Dezember 1998: Boris stammt aus einer ungarischen Musikerfamilie; er steht kurz vor einem wichtigen Vertragsabschluß. Katarina, Filmemacherin und Künstlerin, arbeitet an einem Dokumentarfilm über den amerikanischen Kunstmarkt. Nach einem fröhlichen Abend mit Freunden bricht Boris zusammen. Die Diagnose lautet: Stammhirninfarkt Boris ist „locked-in”. Reglos liegt er da, bei vollem Bewusstsein in seinem Großhirn eingeschlossen. Die Prognosen der Ärzte sind niederschmetternd Katarina aber ringt nach Auswegen, dem Prinzip Hoffnung folgend… Einen Monat später werden Boris und Katarina nach Hause geflogen, eine Schuldenlast von 350.000 $ im Gepäck. Zurück in Berlin, beginnt für Boris ein langer, mühsam qualvoller Weg der Heilung und Auseinandersetzung. Ist anfangs der Tod körperlich spürbar, wächst in den folgenden Jahren die psychische Belastung in der Partnerschaft. Ein neuer Alltag mit der Behinderung bringt tägliche Erschütterungen für beide: Existenzängste, Außenseitertum und Beziehungsstress. Der Film stellt die großen Fragen des Lebens- Liebe und Hass, Leben und Tod, Verantwortung und Schuld. Dokumentarisches DV-Material wird verwoben mit inszenierten 35mm-Bildern und Traumvisionen. In der dokumentarischen Auseinander-setzung begleitet die DV-Kamera Boris aus minimaler Distanz. Katarinas innere Wirklichkeit, inspiriert von ihren Träumen, findet einen Ausdruck in opulenten Kinobildern.
Es moderiert Karin Rogalski, naxos.KINO IM THEATER |
Vor 150 Jahren kam LA PALOMA als kubanische Habanera auf die Welt, komponiert von dem Basken Sebastián Iradier. Der starb schon bald vergessen in der Heimat, während sein Lied bis heute Menschen in aller Welt berührt.
Der Film beginnt mit einer langen Kamerafahrt durch das herbstliche Hamburg: Vom Hafen über schicke Villen in die Randbezirke, dorthin, wo die kleinen Reihenhäuser mit Garten aufhören, und die Hochhäuser von Osdorf anfangen. Osdorf, das ist eine Plattenbausiedlung aus den 60er Jahren. Damals ein Projekt der Stadtplanung am grünen Rand von Hamburg, heute das, was man einen sozialen Brennpunkt nennt. Hier leben der 17-jährige Sihar und der 17-jährige Alican. Drogen, Gewaltvideos, und Migrationshintergrund - sie verkörpern auf den ersten Blick alles, was seit den Ereignissen an der Rütli-Schule in Berlin durch die deutsche Integrationsdebatte spukt. Doch anders als reißerische Reportagen zeigt Maja Classen auch den Moment nach der Pose vor der Kamera und kommt so erstaunlich nah an die Jungs heran.
Die jüdischen Schwestern Flora und Frieda Frank lebten im Baumweg in Frankfurt / Bornheim. Die Flucht vor den Nationalsozialisten verschlug sie nach New York. Eltern und Geschwister wurden in Theresienstadt ermordet. Seit Jahrzehnten sind die Schwestern nun US-Bürgerinnen, doch in ihrem Denken und Fühlen sind sie Deutsche geblieben: in ihrer Sprache, in ihren Alltagsgewohnheiten, in ihren Heimatgefühlen. Regisseur Trevor Peters besucht die beiden und ihre Ehemänner - Morris den Schuster und Willy den Religionslehrer - in New York, wo sie nie richtig heimisch geworden sind. Warum sind sie nicht zurückgekommen? Was heißt es, mehr als 40 Jahre im Exil zu leben, wenn doch die Grenzen offen stehen?
Potzlow, Brandenburg, 450 Einwohner. Im Juli 2002 wurde hier der 17-jährige Marinus von drei Jugendlichen brutal gefoltert, zu Tode misshandelt und in eine Jauchegrube verscharrt. Matthias war Marinus Freund und hat seine Leiche ausgegraben. Seitdem ist er traumatisiert und leidet unter schweren Depressionen. Die Schule hat er - der ‚Verräter‘ - abgebrochen und die nächsten Monate vor dem Fernseher auf seinem Zimmer verbracht. Nun sucht er einen Neuanfang.
Ein Schlaganfall kommt unerwartet. Er vernichtet alle Zukunftspläne. Gerade als junger Mensch ist man nicht darauf vorbereitet, so abrupt aus dem Leben gerissen zu werden. Als der 33-jährige Musiker Boris Baberkoff in New York einen schweren Schlaganfall erleidet, entwickelt seine Frau, die Regisseurin Katarina Peters, eine eigensinnige Überlebensstrategie. Sie hält sich an ihrer DV-Kamera fest. Fast zufällig wächst über die Jahre ein hautnahes Bildarchiv heran. So entsteht AM SEIDENEN FADEN, ein autobiografisches Dokument über die Krankheit Schlaganfall und über die Kraft der Liebe und der Musik.